Ravensburg: „Brot & Wein geh(en)t rein – und die soziale Wirklichkeit bleibt draußen“
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
(unter Bezug auf die offiziellen Mitteilungen der Stadt Ravensburg und die Berichterstattung der Schwäbischen Zeitung )
Es gibt Momente, in denen ein Stadtmarketing-Slogan unbeabsichtigt mehr über eine Gesellschaft verrät als jede politische Analyse. „Brot & Wein geht rein“ – so lautet das frisch verkündete Ersatzmotto für das wetterbedingt verlegte Ravensburger Weinfest. Ein Satz, der erfinderisch gelungen wie eine Erlösung vor schlechtem Wetter klingen soll, aber letztlich eine Headline ist, die eine Stadt, die sich längst an eine Wohlfühlkulisse gewöhnt hat, in der die soziale Realität nur stört, entlarvt.
Denn wer in Ravensburg, Oberschwaben und in der Republik „Brot & Wein“ hört, denkt nicht nur an „edle Tropfen“ und Häppchen. Der Begriff ist theologisch aufgeladen, tief verankert in der christlichen Symbolsprache. Brot und Wein – das ist das Abendmahl. Das ist Kanaan. Das ist Fronleichnam. Und ausgerechnet im Jahr 2026, in dem das Fest zwischen dem 3. und 6. Juni liegt, wird dieser sakrale Begriff für ein säkulares, hochpreisiges Genuss-Event ausgeschlachtet.
- Lesen Sie bitte dazu auch hier:
- (2) "Weltweite Wasserknappheit"!! - Ohne Wasser kein Brot/Reis, ohne Wasser keinen Wein/Prosecco ...
3. Jun. 2026
Dass die Kirchen dazu schweigen, ist bemerkenswert. Dass sie es kommentarlos hinnehmen, ist bezeichnend.
Ein Fest für die DreiviertelgesellschaftDie offizielle Darstellung klingt harmlos: „genussvolle Stunden“, „stimmungsvolles Ambiente“, „ausgewählte Weine“. Doch die Realität ist eine andere. Dieses Event richtet sich an jene, die sich leisten können, was in Ravensburg längst Normalität geworden ist: Preise, die für viele Menschen jenseits des Machbaren liegen.
Während die Stadtverwaltung und das Wifo in ihren Mitteilungen betonen, man wolle trotz Regen „einen genussvollen Tag“ ermöglichen, stehen andere Menschen in derselben Stadt an der "Tafel" an. Oder sie holen Brot aus Containern. Oder sie verzichten ganz.
Die soziale Schieflage ist real – aber sie kommt in keiner Pressemitteilung vor.
Krisensitzung wegen Regen – aber keine wegen ArmutDie Schwäbische Zeitung berichtet von „Krisensitzungen“ wegen der Wetterprognosen. Regen. 15 Grad. Glühwein-Wetter.
Dafür also Krisensitzungen. Für die soziale Lage in Ravensburg? Für die Menschen, die sich weder Wein noch Snacks leisten können? Für die, die psychisch oder finanziell am Limit sind? Für die Wohnungslosen?
Keine Krisensitzung. Kein Statement. Kein Interesse.
Die Verlegung in Kneipen – und die Frage nach der HaltungDass das Event nun in drei Lokale verlegt wird – Bärengarten, Charlie’s, Räuberhöhle – ist organisatorisch nachvollziehbar. Politisch und gesellschaftlich ist es ein Signal:
Die Stadt zieht sich in Räume zurück, die ohnehin nur ein bestimmtes Publikum anziehen.
Besonders für mich irritierend ist die Beteiligung der „Räuberhöhle“ – einer Kultkneipe, die traditionell ein Ort für jene ist, die sich im Ravensburger Mainstream nicht wiederfinden: Alternativ, prekär, künstlerisch, politisch links, verletzlich.
Dass gerade dieser Ort nun Teil eines Events wird, das soziale Exklusivität reproduziert, ist ein Bruch. Ein schmerzhafter.
Die große Leerstelle: die Ravensburger PolitikWährend die Stadtverwaltung und das Wifo ihre PR-Maschine laufen lassen, herrscht im Gemeinderat Schweigen. CDU, SPD, Grüne, FDP, Freie Wähler – niemand äußert sich zur Symbolik dieses Festes. Niemand fragt, ob der Name angemessen ist. Niemand fragt, ob ein Event mitten in einer sozialen Krise wirklich „Brot & Wein“ heißen muss.
Man/frau wartet ab, wie die Stimmung ist. Man schaut, wohin die Fahne weht. Das ist keine politische Haltung. Das ist Windfahnenpolitik.
Die Kirchen – ein Schweigen, das schmerztWenn ein säkulares Event einen der zentralsten Begriffe des Christentums instrumentalisiert, wäre ein Wort der Kirchen angebracht. Nicht empört, nicht moralinsauer – aber klar. Stattdessen: Schweigen. Ein Schweigen, das wirkt wie Zustimmung. Ein Schweigen, das zeigt, wie weit man sich von der eigenen Symbolsprache entfernt hat.
Ein Fazit, das weh tut„Brot & Wein geht rein“ – dieser Satz ist unfreiwillig ehrlich (er ist aber grammatisch falsch). Er beschreibt eine Stadt, die sich nach innen zurückzieht. Eine Stadt, die sich selbst feiert, während andere draußen bleiben. Eine Stadt, die soziale Realität ausblendet, weil sie nicht ins Bild passt.
Wer nicht dabei ist, darf froh sein. Wer nicht mitspielt, darf stolz sein. Und wer sich weigert, diesen Niedergang als „genussvolle Stunden“ zu verkaufen, handelt im Sinne einer Stadt, die mehr sein könnte als ein Wohlfühl-Event für die Dreiviertelgesellschaft.
Ravensburg kann besser sein. Aber dafür müsste es erst einmal aufwachen.