TEIL 1 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS - Ein Roman
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS
Ein Roman von Stefan H. Weinert (c)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 1Der Morgen über dem "Schussental" war von jener Klarheit, die nur den ersten Stunden eines Sommertages vorbehalten sind, wenn die Welt noch unberührt scheint und die Natur frei ein- und ausatmen kann. Ein feiner Nebel lag wie ein Schleier über den Wiesen zwischen Durlesbach und Mochenwangen, Ravensburg und Meckenbeuren - und die Schussen glitt lautlos durch das Tal, als wolle sie die Menschen nicht wecken, die in den umliegenden Städten, Dörfern und Weilern noch schliefen.
Doch einer war bereits unterwegs.
Johann Keller, Sohn eines Zimmermanns aus Durlesbach, schritt mit kräftigen, gleichmäßigen Schritten über den schmalen Feldweg, der sich durch die Wiesen zog. Er war ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit breiten Schultern, dunklem Haar und einem Blick, der zugleich wachsam und neugierig war. Sein ledernes Werkzeugbündel hing über seiner Schulter, und an seinem Gürtel trug er ein kleines, aber scharfes Messer, wie es Zimmerleute jener Zeit stets bei sich führten.
Johann war auf dem Weg nach Ravensburg. Die freie Handelsstadt, stolz und reich an Geschichte, war ein Magnet für Handwerker, Händler und Abenteurer. Und Johann, der mehr suchte als nur Arbeit, fühlte, dass sein Weg ihn dorthin führen musste.
Der Duft frisch gemähten Grases lag in der Luft, und aus den Erlen am Flussufer erklang das Singen der Vögel. Ein leichter Wind strich über die Felder und brachte die Halme zum Tanzen. Johann blieb stehen, atmete tief ein und schloss für einen Moment die Augen.
„Ein guter Tag“, murmelte er. „Ein Tag, an dem etwas beginnt.“
Er wusste nicht, wie recht er damit hatte.
Denn während er weiterging, bewegten sich im Süden, jenseits des Bodensees, die ersten Regimenter Napoleons. Man hatte sie in Lindau gesehen, marschbereit, entschlossen, nach Ravensburg auch Biberach und Ulm einzunehmen. Die Menschen im Schussental spürten die Unruhe, auch wenn sie sie nicht aussprachen. Die Zeit war in Bewegung geraten, und niemand wusste, wohin sie führen würde.
Als Johann die Brücke über die Schussen erreichte, bemerkte er eine Gestalt am Ufer. Eine junge Frau kniete dort und schöpfte Wasser in einen Holzeimer. Ihr blondes Haar war zu einem festen Knoten gebunden, doch einige Strähnen hatten sich gelöst und glänzten im Morgenlicht. Ihr Kleid war schlicht, aber sauber, und ihre Bewegungen verrieten eine Mischung aus Anmut und Entschlossenheit.
Johann wollte weitergehen, doch etwas hielt ihn zurück. Vielleicht war es die Art, wie sie sich umsah — schnell, nervös, als erwarte sie etwas. Oder jemanden.
Da hörte er es: das Knacken von Ästen, das Rascheln von Schritten.
Drei Männer traten aus dem Gebüsch. Grob gekleidet, mit Messern an den Gürteln. Marodierende Landsknechte, wie man sie in diesen Zeiten immer häufiger sah. Männer ohne Herr, ohne Sold, ohne Moral.
„Guten Morgen, schöne Maid“, sagte der vorderste mit einem schiefen Grinsen. „Ein wenig Gesellschaft gefällig?“
Die Frau wich zurück, der Eimer fiel ins Gras.
Johann handelte, bevor er dachte. Er trat vor, stellte sich zwischen die Frau und die Männer.
„Lasst sie in Ruhe“, sagte er ruhig.
Der Größte der drei lachte. „Und wer bist du? Ein wandernder Zimmermann?“
„Einer, der euch rät, weiterzugehen.“
„Oder was? Willst du uns mit deinem Hobel erschlagen?“
Johann ließ das Bündel fallen. Seine Hände waren frei.
„Wenn es sein muss.“
Die Männer zögerten. Etwas an ihm — vielleicht die Ruhe, vielleicht die Entschlossenheit — ließ sie unsicher werden. Doch der Größte schnaubte verächtlich.
„Komm, Bursche. Zeig, was du kannst.“
Er stürmte vor. Johann wich aus, packte den Arm des Angreifers und riss ihn herum. Der Mann stolperte, fiel ins Gras. Die beiden anderen zogen ihre Messer.
„Das reicht“, sagte Johann. „Geht.“
Die Männer sahen einander an. Dann zogen sie sich knurrend zurück, verschwanden wieder im Unterholz.
Johann atmete aus. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hände zitterten.
Die junge Frau trat vor. „Ihr habt mir das Leben gerettet“, sagte sie leise. „Ich heiße Anna Riedmiller.“
„Johann Keller.“
Sie lächelte. „Ich kenne euren Namen. Eure Familie ist in Durlesbach bekannt. Mein Vater handelt mit Holz. Vielleicht habt ihr ihn schon getroffen.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte Johann. „Geht es euch gut?“
„Ja. Dank euch.“
Sie sah ihn an, und in diesem Blick lag etwas, das Johann nicht einordnen konnte. Dankbarkeit, gewiss. Aber auch etwas anderes — etwas, das ihn verunsicherte und zugleich anzog.
„Wohin seid ihr unterwegs?“, fragte sie.
„Nach Ravensburg.“
„Dann lasst mich bitte euch ein Stück begleiten. Ich muss nach Weingarten.“
Johann nickte. Und so gingen sie gemeinsam weiter, während die Sonne über dem Tal aufstieg.
Als sie Weingarten erreichten, lag die Basilika wie ein steinerner Riese über der Stadt. Die Glocken läuteten, und einige wenige Pilger liefen durch die Straßen. Johann und Anna gingen weiter, vorbei an den Werkstätten der Schmiede, den Ständen der Müller, den Häusern der alten Familien — Bachmann, Fensterle, Geiselhart, Sigg, Volz.
„Ihr kennt viele Menschen hier“, sagte Johann.
„Ich bin hier aufgewachsen“, antwortete Anna. „Und ihr?“
„Ich kenne nur die Wälder und die Wege.“
„Dann wird es Zeit, dass ihr die Stadt kennenlernt.“
Sie lächelte — und Johann spürte, wie etwas in ihm weich wurde.
Nachdem sie die Stadt durchwandert hatten, entschied sich Anna, den Johann doch weiter in die nächste angrenzende Stadt, eben nach Ravensburg, zu begleiten. Sie murmelte etwas von "Verwandte besuchen" und Johann nahm es mit einem stillen Lächeln und pochenden Herzen zur Kenntnis.
Doch als sie Ravensburg erreichten, wich die Wärme aus seinem Innern.
Denn am Tor standen Soldaten.
Nicht Soldaten der Region.
Sondern fremde.
Ihre Uniformen trugen die Farben Frankreichs.
Die Soldaten standen reglos wie Statuen an jenem "Frauentor", benannt nach der Kirche gleich nebenan. Ihre Uniformen waren sauber, ihre Stiefel glänzten, und ihre Gesichter verrieten jene Mischung aus Müdigkeit und Härte, die nur Männer tragen, die zu lange marschiert sind und zu viel gesehen haben. Die Sonne spiegelte sich auf ihren Bajonetten, und die Luft schien für einen Moment still zu stehen.
Johann spürte, wie Anna neben ihm unwillkürlich langsamer wurde.
„Sie sind schon so weit im Land“, flüsterte sie.
„Sie marschieren schnell“, antwortete Johann. „Zu schnell.“
Ein Offizier trat vor. Er war jung, vielleicht kaum älter als Johann, doch sein Blick war scharf und wachsam. Er musterte die beiden, als wolle er ihre Gedanken lesen.
„Zweck eures Besuchs?“, fragte er in holprigem Dialekt.
„Ich suche Arbeit“, sagte Johann ruhig. „Ich bin Zimmermann.“
Der Offizier nickte knapp. „Die Stadt ist offen. Aber seid vorsichtig. Es gibt Unruhe.“
„Wegen euch?“, fragte Johann, ohne es provozierend zu meinen.
Der Offizier lächelte dünn. „Wegen des Krieges. Und der Menschen, die ihn fürchten.“
Er winkte sie durch.
Johann und Anna betraten die Stadt.
Ravensburg war sonst eine Stadt voller Leben, Handel und Stimmengewirr. Doch an diesem Tag lag eine seltsame Spannung über den Gassen. Händler packten ihre Waren schneller ein als sonst, Mütter zogen ihre Kinder von den Straßen, und die Bürger sprachen leiser, als fürchteten sie, jemand könnte zuhören.
Doch gleichzeitig war es auch die so genannte Rutenfestzeit — und das Fest ließ sich nicht so leicht verdrängen.
Trommler marschierten durch die Straßen, Kinder liefen mit bunt geschmückten Weidenruten umher, und aus den Tavernen klangen Lachen und Musik. Es war, als kämpften zwei Welten miteinander: die des Krieges und die des Lebens.
„Es ist seltsam“, sagte Anna. „Alles wirkt wie immer — und doch ist alles anders.“
„So ist es oft, bevor etwas geschieht“, antwortete Johann.
Sie gingen weiter durch die Stadt, vorbei an den Werkstätten der Schneider, den Ständen der Müller und Bäcker, den Häusern der alten Familien mit Namensschildern. Bachmann, Fensterle, Geiselhart, Spohn, Gmeinder und Ziesel. Familien, die seit Generationen im Schussental verwurzelt waren.
Doch dann sah er ein Gesicht, das ihm weniger willkommen war.
Matthias Hönle!
Der Fuhrknecht stand an einer Ecke, sprach mit einem französischen Soldaten und gestikulierte heftig. Als er Johann bemerkte, erstarrte er — und wich einen Schritt zurück.
„Ihr kennt ihn?“, fragte Anna.
„Leider“, sagte Johann. „Und wenn er mit Soldaten spricht, bedeutet das selten etwas Gutes.“
Hönle wandte sich ab und verschwand in einer Seitengasse.
Johann folgte ihm.
Die Gasse war eng, feucht und dunkel. Der Lärm des Marktes verstummte hinter ihnen, und nur das Tropfen von Wasser aus einer undichten Wasserleitung war zu hören. Johann blieb stehen, lauschte.
Schritte. Ein Flüstern. Ein metallisches Klicken.
„Hönle!“, rief Johann.
Keine Antwort.
Doch dann trat jemand aus dem Schatten — nicht Hönle, sondern ein französischer Soldat, die Pistole erhoben.
„Ihr hättet nicht kommen sollen“, sagte eine Stimme hinter Johann.
Johann drehte sich langsam um. Hönle grinste, doch sein Blick war nervös.
„Du störst meine Geschäfte, Keller.“
„Welche Geschäfte? Verrat? Schmuggel?“
„Nenn es, wie du willst.“
Der Soldat spannte den Hahn.
Doch bevor er schießen konnte, ertönte eine Stimme vom Ende der Gasse.
„Arrêtez!“
Ein Offizier trat hervor — elegant, selbstbewusst, mit einem Gesicht, das eher an einen Pariser Salon als an ein Schlachtfeld erinnerte. Seine Uniform war makellos, sein Blick scharf.
Es war Capitaine Armand Delacroix.
Er musterte die Szene, dann Hönle, dann Johann.
„Was geht hier vor?“, fragte er ruhig.
Der Soldat salutierte. „Der Mann spioniert, mon capitaine.“
„Unsinn“, sagte Johann. „Ich folge nur einem Dieb.“
Delacroix trat näher, seine Augen funkelten.
„Ein Zimmermann, wie ich sehe. Und kein Feind.“
Er wandte sich an den Soldaten. „Senkt die Waffe.“
Der Soldat gehorchte.
Hönle jedoch wich zurück. „Capitaine, er—“
„Schweig“, sagte Delacroix. „Ich kenne euresgleichen. Ihr würdet eure eigene Mutter verkaufen, wenn der Preis stimmt.“
Hönle verstummte.
Delacroix wandte sich wieder Johann zu. „Monsieur. Ich rate, euch aus Dingen herauszuhalten, die euch nichts angehen. In diesen Zeiten ist Vorsicht mehr wert als Mut.“
Er verließ die Gasse — und nahm den Soldaten mit.
Hönle blieb zurück, bleich, zitternd — und rannte davon.
Johann atmete tief durch.
„Johann!“
Anna stand am Eingang der Gasse, außer Atem.
„Ich habe euch überall gesucht! Was ist geschehen?“
„Nichts, was euch beunruhigen muss“, sagte Johann.
Doch Anna sah ihm an, dass es nicht stimmte.
Sie stiegen den steilen Weg zur Veitsburg hinauf. Der Wind wurde stärker, trug den Duft von Harz und feuchtem Laub mit sich. Unter ihnen lag Ravensburg wie ein lebendiges Gemälde: die Türme, die Gassen, der Mehlsack, der in der Sonne glänzte.
„Ich komme manchmal hierher“, sagte Anna. „Wenn ich nachdenken muss. Der Weg ohne Fuhrwerk ist lang.“
„Und worüber denkt ihr nach?“
„Über vieles. Über meinen Vater. Über die Zukunft. Über den Krieg.“
„Der Krieg wird vorübergehen.“
„Aber was bleibt dann?“
Johann wusste keine Antwort.
Sie erreichten die Veitsburg. Von hier aus sah man fast das ganze Schussental und das Flüsschen. Die Schussen schlängelte sich wie ein silbernes Band durch die Wiesen. Rauch stieg aus den Schornsteinen der Dörfer. Und am Horizont, fern und doch bedrohlich, sah man Staubwolken.
„Napoleons Truppen“, sagte Anna leise.
„Sie kommen schneller, als man denkt.“
„Und was wird dann aus uns?“
Johann sah sie an. „Wir werden tun, was wir immer tun. Arbeiten. Leben. Kämpfen, wenn es sein muss.“
Sie blickte ihn lange an. „Ihr seid mutig, Johann Keller.“
„Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Nein“, sagte sie. „Ihr seid mehr.“
Als sie in die Stadt zurückkehrten, war das Rutenfest in vollem Gange. Trommler marschierten durch die Straßen, Kinder lachten, Händler priesen ihre Waren an. Der Duft von gebrannten Mandeln und frisch gebackenem Brot lag in der Luft.
Johann und Anna mischten sich unter die Menge.
„Kommt“, sagte Anna. „Ich zeige euch etwas.“
Sie führte ihn zu einem kleinen Stand, an dem ein alter Mann Weidenruten verkaufte. Jede war kunstvoll mit bunten Bändern und Federn geschmückt.
„Eine Rute für den jungen Herrn?“, fragte der Alte.
„Ja, für ihn“, sagte Anna.
Der Alte reichte Johann eine Rute mit einem geschnitzten Adler am oberen Ende.
„Ein Zeichen der Stärke“, sagte er.
Johann wollte fragen, was er meinte — doch in diesem Moment ertönte ein Schrei.
„Feuer!“
Die Menge drehte sich um. Rauch stieg aus einem Haus am Rand des Marktes.
„Das ist das Haus der Familie Fensterle!“, rief jemand.
„Die Kinder sind noch drin!“
Johann zögerte keine Sekunde.
„Bleibt hier“, sagte er zu Anna.
Dann rannte er los.
Das Feuer fraß sich mit gierigen Zungen durch das Holzgebälk des alten Hauses. Funken stoben in die Luft, Rauch quoll aus den Fenstern, und die Hitze war so stark, dass die Menschen auf dem Marktplatz instinktiv zurückwichen. Doch Johann rannte weiter, ohne zu zögern, ohne zu überlegen.
Er stieß die Tür auf. Ein Schwall heißer Luft schlug ihm entgegen, als wolle das Feuer ihn hinausdrängen. Doch Johann drückte sich hinein, den Arm vor das Gesicht gehalten, die Augen zusammengekniffen.
„Hallo? Ist jemand hier?“, rief er.
Ein Wimmern antwortete.
Er folgte dem Geräusch, tastete sich durch den dichten Rauch, der seine Lungen brennen ließ. Die Hitze war unerträglich, doch er kämpfte sich vorwärts, Schritt für Schritt, bis er zwei kleine Gestalten erkannte, die sich unter einem Tisch zusammengeduckt hatten.
„Kommt! Schnell!“, rief er.
Das ältere der beiden Kinder, ein Junge von vielleicht acht Jahren, zog das kleinere Mädchen an sich. Johann hob das Mädchen auf den Arm und nahm den Jungen an die Hand.
Ein Balken krachte herab, Funken sprühten. Johann duckte sich, spürte die Glut an seinem Rücken. Der Weg zurück war bereits halb versperrt.
„Haltet durch!“, keuchte er.
Er rannte, stolperte, drängte sich durch die Flammen, die nach ihm griffen wie lebendige Wesen. Seine Augen tränten, seine Haut brannte, doch er erreichte die Tür — und stürzte ins Freie.
Die Menge brach in Jubel aus. Die Mutter der Kinder fiel weinend vor ihm auf die Knie.
„Ihr habt sie gerettet!“, schluchzte sie.
Johann wollte etwas sagen, doch seine Knie gaben nach. Anna war sofort bei ihm, stützte ihn, half ihm auf.
„Johann!“, rief sie. „Ihr seid verletzt!“
„Mir geht es gut“, keuchte er.
Doch er wusste, dass dies nicht stimmte. Sein Rücken schmerzte, seine Hände waren verbrannt, und sein Atem ging schwer. Doch schlimmer als die körperlichen Schmerzen war das Gefühl, dass dieses Feuer kein Zufall gewesen war.
Und er sollte recht behalten.
Noch während die Löscharbeiten liefen, drängte sich ein Mann durch die Menge. Er war klein, hager, mit einem Gesicht, das an einen hungrigen Fuchs erinnerte. Sein Name war Jakob Ziesel, ein Schreiberling, der für seine Neugier und seine scharfe Zunge bekannt war.
„Johann Keller!“, rief er. „Ich habe gesehen, wie ihr hineingerannt seid. Ein Held, sagt man!“
„Ich bin kein Held“, sagte Johann müde.
„Vielleicht nicht“, sagte Ziesel. „Aber ihr habt etwas gesehen, nicht wahr?“
Johann sah ihn an. „Was meint ihr?“
Ziesel beugte sich vor. „Das Feuer. Es hat zu schnell gebrannt. Zu heiß. Zu gezielt.“
Johann schwieg.
„Ich habe jemanden gesehen“, flüsterte Ziesel. „Jemanden, der kurz vor dem Brand das Haus verließ.“
„Wen?“
Ziesel sah sich um, als fürchte er, belauscht zu werden.
„Matthias Hönle.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.
„Seid ihr sicher?“
„So sicher, wie ein Mann sein kann, der sein Leben liebt“, sagte Ziesel. „Und ich rate euch: Passt auf euch auf. Hönle ist nicht allein.“
Er verschwand in der Menge.
Johann sah ihm nach. Sein Herz schlug schneller. Hönle hatte also nicht nur mit den Franzosen zu tun — er war auch bereit, seine eigenen Leute zu verraten.
Doch warum?
Als die Sonne unterging, lag eine seltsame Ruhe über Ravensburg. Das Feuer war gelöscht, die Kinder in Sicherheit, doch die Stadt war unruhig. Das Rutenfest war aus Anstand vor dem Feuer zu einer Pause des Mitleidens geworden. Die französischen Soldaten patrouillierten, die Händler packten ihre Waren zusammen, und über allem lag eine Spannung, die man fast greifen konnte.
Johann und Anna saßen am Rand des Marktplatzes, etwas abseits vom Trubel. Anna hatte ihm kaltes Wasser gebracht und seine verbrannten Hände mit einem Tuch umwickelt.
„Ihr habt heute Leben gerettet“, sagte sie leise.
„A wah! Jeder hätte es getan.“
„Nein“, sagte sie. „Nicht jeder.“
Johann sah in die Ferne, dorthin, wo die Staubwolken der französischen Armee standen.
„Ich weiß nicht, was kommt“, sagte er. „Aber ich weiß, dass ich nicht tatenlos zusehen werde.“
Anna legte ihre Hand auf seine.
„Dann werde ich an eurer Seite stehen.“
Johann sah sie an — und in diesem Moment wusste er, dass sein Weg durch das Schussental nicht nur von Krieg und Abenteuer geprägt sein würde, sondern auch von etwas anderem. Etwas, das stärker war als Angst.
Etwas, das ihn tragen würde.
Doch die Nacht brachte keine Ruhe.
Es war spät, als Johann sich auf den Weg zu seiner Unterkunft machte — einer kleinen Kammer über der Werkstatt eines befreundeten Zimmermanns. Die Straßen waren dunkel, nur wenige Laternen brannten. Der Wind trug den Geruch von Rauch und feuchtem Stein mit sich.
Johann ging durch eine enge Gasse, als er Schritte hinter sich hörte.
Er blieb stehen.
„Wer da?“
Keine Antwort.
Dann bewegte sich etwas im Schatten.
Johann drehte sich — doch zu spät.
Ein Schlag traf ihn am Hinterkopf. Er stürzte zu Boden. Zwei Gestalten sprangen auf ihn, hielten ihn fest.
„Du hättest dich nicht einmischen sollen, Keller“, zischte eine Stimme.
Es war Hönle.
Johann versuchte sich zu wehren, doch seine Kräfte reichten nicht. Ein Messer blitzte im Dunkeln.
„Es ist nichts Persönliches“, sagte Hönle. „Nur Geschäfte.“
„Geschäfte mit wem?“, keuchte Johann.
„Mit denen, die zahlen.“
Das Messer senkte sich.
Doch bevor es Johann traf, ertönte ein Schrei.
„Haltet ein!“
Eine dritte Gestalt stürzte heran — und riss Hönle zur Seite.
Johann erkannte die Stimme.
Capitaine Delacroix.
Delacroix’ Stimme durchschnitt die Dunkelheit wie ein Peitschenhieb. Hönle fuhr herum, das Messer noch in der Hand, die Augen weit vor Schreck. Der französische Offizier stand am Eingang der Gasse, die Silhouette scharf gegen das fahle Licht einer Laterne.
„Lass die Waffe fallen“, sagte Delacroix ruhig.
Hönle zögerte. Ein Moment, kaum länger als ein Atemzug, doch lang genug, um zu zeigen, dass er überlegte, ob er fliehen oder kämpfen sollte. Dann ließ er das Messer klirrend auf das Pflaster fallen und hob die Hände.
„Capitaine… ich… ich wollte nur—“
„Schweigt“, sagte Delacroix. „Ich habe genug von euren Ausreden.“
Er trat näher, packte Hönle am Kragen und stieß ihn gegen die Wand. „Ihr habt versucht, einen Mann zu töten, der euch nichts getan hat. Und das in meiner Stadt.“
„Eurer Stadt?“, keuchte Hönle.
Delacroix’ Augen verengten sich. „Solange meine Männer hier stehen, ist sie auch meine.“
Er ließ Hönle los. „Verschwindet. Und wenn ich euch noch einmal in einer dunklen Gasse sehe, werde ich nicht so gnädig sein.“
Hönle rannte davon, so schnell ihn seine Beine trugen.
Delacroix wandte sich Johann zu, der sich mühsam aufrichtete.
„Ihr habt ein Talent dafür, Ärger anzuziehen, Monsieur.“
„Ich suche ihn nicht“, sagte Johann. „Er findet mich.“
Delacroix lächelte dünn. „Das tun manche Männer. Die Welt scheint sie zu prüfen.“
Er reichte Johann die Hand und half ihm auf.
„Ihr solltet vorsichtiger sein“, sagte der Offizier. „Es gibt Menschen, die euch fürchten. Und Menschen, die euch benutzen wollen.“
„Und zu welcher Sorte gehört ihr?“, fragte Johann.
Delacroix’ Blick wurde für einen Moment undurchdringlich.
„Zu der Sorte, die weiß, dass dieser Krieg mehr ist als ein Kampf um Land. Und dass Männer wie ihr eine Rolle darin spielen werden — ob sie wollen oder nicht.“
Er wandte sich ab. „Kommt morgen zur Veitsburg. Ich möchte euch etwas zeigen.“
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Johann blieb zurück, verwirrt, erschöpft — und mit dem Gefühl, dass sich ein Netz um ihn spannte, dessen Fäden er noch nicht kannte.
Als Johann endlich seine Unterkunft erreichte, wartete jemand auf ihn.
Anna.
Sie stand im Schatten des Türbogens, die Hände vor sich verschränkt, das Gesicht angespannt.
„Johann!“, rief sie, als sie ihn sah. „Ich habe gehört, was geschehen ist. Seid ihr verletzt?“
„Nur ein paar Schrammen.“
Sie trat näher, berührte vorsichtig seinen Arm. „Ihr müsst vorsichtiger sein. Hönle ist gefährlich.“
„Ich weiß.“
„Und er ist nicht allein.“
Johann sah sie an. „Was wisst ihr?“
Anna zögerte. Ihr Blick glitt zur Seite, als kämpfe sie mit sich selbst.
„Mein Vater…“, begann sie. „Er handelt nicht nur mit Holz. Er hat Verbindungen. Zu Leuten, die Dinge wissen, die sie nicht wissen sollten.“
„Welche Dinge?“
„Über die Franzosen. Über ihre Pläne. Über Männer wie Hönle.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. „Warum sagt ihr mir das erst jetzt?“
„Weil ich euch nicht hineinziehen wollte“, sagte Anna leise. „Aber es ist zu spät. Ihr seid schon mittendrin.“
Sie sah ihn an, und in ihren Augen lag Angst — nicht um sich selbst, sondern um ihn.
„Delacroix ist nicht, was er scheint,“ flüsterte sie.
„Und was scheint er zu sein?“
„Ein Mann mit zwei Gesichtern.“
Johann wollte mehr wissen, doch Anna legte ihm die Hand auf den Mund.
„Nicht hier. Nicht jetzt. Die Wände haben Ohren.“
Sie wandte sich ab und verschwand in der Dunkelheit.
Johann blieb zurück — mit mehr Fragen als Antworten.
Der EinmarschAm nächsten Morgen wurde Ravensburg vom Klang von Trommeln geweckt. Es waren aber keine Landsknechte oder andere Rutentrommler.
Das kleine zog von der Evangelischen Kirche auf den Marienplatz. Infanterie, Kavallerie, Artillerie. Die Pferde schnaubten, die Kanonen rollten, die Soldaten sangen. Die Bürger standen an den Straßen, manche neugierig, manche verängstigt, manche wütend.
Johann stand beim Blaserturm und beobachtete den Zug. Delacroix ritt an der Spitze, stolz, aufrecht, mit einem Blick, der alles sah und nichts verriet.
Als er an Johann vorbeikam, nickte er ihm kaum merklich zu.
Johann erwiderte den Gruß nicht.
Er dachte an Annas Worte.
Ein Mann mit zwei Gesichtern.
Doch welches war das wahre?
Trotz Annas Warnung ging Johann am Nachmittag zur Veitsburg. Er musste wissen, was Delacroix wollte. Er musste verstehen, warum ein französischer Offizier sich für einen einfachen Zimmermann interessierte.
Delacroix wartete bereits. Er stand an der Mauer, den Blick über das Tal gerichtet.
„Ihr seid gekommen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Ich will Antworten.“
„Und ich will euch welche geben.“
Er deutete auf das Tal in Richtung Norden. „Seht ihr die Staubwolken dort hinten?“
Johann nickte.
„Das ist nicht meine Armee“, sagte Delacroix. „Das sind Plünderer. Deserteure. Männer ohne Herr. Sie ziehen durch das Land, brennen, rauben, töten.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Delacroix wandte sich ihm zu. „Ihr habt Mut. Und ihr habt Einfluss. Die Menschen im Schussental hören auf euch — mehr, als ihr glaubt.“
„Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Nein“, sagte Delacroix. „Ihr seid ein Mann, der handelt, wenn andere zögern. Ein Mann, der Kinder aus einem brennenden Haus trägt. Ein Mann, der sich drei Bewaffneten entgegenstellt.“
Er trat näher. „Ich brauche Männer wie euch.“
„Wofür?“
„Um das Tal zu schützen.“
Johann lachte bitter. „Ihr? Ein französischer Offizier? Ihr wollt das Schussental schützen?“
Delacroix’ Blick wurde hart. „Ich will verhindern, dass es zerstört wird. Von meinen Feinden — und von euren.“
Johann wollte antworten — doch in diesem Moment ertönte ein Schrei.
Ein Bote rannte den Weg zur Veitsburg hinauf, außer Atem, blutverschmiert.
„Überfall!“, rief er. „Bei Mochenwangen! Sie kommen!“
Delacroix’ Gesicht veränderte sich.
„Es beginnt“, sagte er.
Johann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Wer kommt?“, fragte er.
Der Bote keuchte: „Die Plünderer. Und… und Hönle ist bei ihnen.“
Johann erstarrte.
Delacroix legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ihr wolltet Antworten, Monsieur. Jetzt bekommt ihr sie.“
Er sah ins Tal.
„Und ihr müsst euch entscheiden.“