Kapitel 6 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (6)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Das Kapitel 1 finden Sie hier ◀
Das Kapitel 2 finden Sie hier ◀
Das Kapitel 3 finden Sie hier ◀
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Kapitel 6
Der Morgen graute über dem Tal. Johann stand am Ufer, die Hände auf die Knie gestützt, und starrte in das Wasser, das ungerührt weiterströmte, als hätte es nicht vor wenigen Stunden einen Mann verschlungen. Anna trat neben ihn, die Arme um sich geschlungen, und folgte seinem Blick. „Er ist fort“, sagte sie leise.
Johann antwortete nicht. Er wusste, dass Schneider nicht einfach fort war. Nicht für ihn. Nicht für das Tal. Und schon gar nicht für das, was in der Liste stand.
Delacroix kam hinzu, die Stiefel vom Schlamm dunkel gefärbt. „Ich habe die Böschung abgesucht“, sagte er. „Keine Spur. Keine Fetzen, keine Fußabdrücke. Nichts.“
Johann richtete sich auf. „Dann hat er es geschafft.“ Delacroix schnaubte. „Oder der Fluss hat ihn geholt.“
Johann schüttelte den Kopf. „Schneider ist kein Mann, der sich vom Wasser holen lässt.“
Anna sah zwischen beiden hin und her. „Was tun wir jetzt?“
Johann sah nach Süden, wo der Fluss sich in einer Kurve verlor. „Wir gehen dorthin, wo Schneider hingehen würde. Dorthin, wo er Verbündete hat.“
Delacroix hob eine Augenbraue. „Ihr meint Weingarten?“ Johann nickte. „Und darüber hinaus.“
Der Weg zurück Richtung der Stadt mit der Basilika führte sie durch ein Tal, das im frühen Licht beinahe unwirklich wirkte. Nebel hing zwischen den Bäumen, und die Äste zeichneten sich wie Finger gegen den Himmel ab. Anna spürte die Müdigkeit in ihren Gliedern, doch sie sagte nichts. Die Ereignisse der Nacht hatten sie erschöpft, aber zugleich wachsam gemacht. Jeder Laut ließ sie zusammenzucken, jedes Rascheln im Unterholz schien ein Vorzeichen zu sein.
Delacroix ging ein Stück voraus, den Säbel locker in der Hand, doch seine Augen waren scharf. „Wenn Schneider lebt“, sagte er, ohne sich umzudrehen, „dann wird er versuchen, die Liste zu verkaufen.“
Johann nickte. „Oder zu benutzen.“
Anna runzelte die Stirn. „Wofür?“
Johann blieb stehen, sah sie an uns meinte. „Um Druck auszuüben. Um sich zu schützen. Um Macht zu gewinnen. Um seinen Schultes ins Amt zu hieven.“
Delacroix lachte trocken. „Schneider? Macht?“
Johann schüttelte den Kopf. „Ihr unterschätzt ihn. Er ist kein gewöhnlicher Gauner. Er weiß Dinge. Und er weiß, wie man sie einsetzt.“
Anna spürte ein Frösteln. „Dann müssen wir schneller sein.“
Johann legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das werden wir.“
Als sie zunächst Weingarten erreichten, lag der Ort still da, als hielte er den Atem an. Die Häuser standen dicht beieinander, die Dächer glänzten vom Tau, und aus einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch. Doch etwas war anders. Die Straßen waren leerer als sonst, die Fensterläden geschlossen, und selbst die Hunde schienen zu schweigen.
Delacroix blieb stehen. „Das gefällt mir nicht.“ Johann nickte. „Mir auch nicht.“
Anna sah sich um. „Vielleicht schlafen die Leute noch?“
Delacroix schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist etwas anderes.“
Je näher sie dem Kloster kamen, desto deutlicher wurde die Spannung in der Luft. Zwei Männer standen am Rand des Platzes, sprachen leise miteinander und verstummten, als sie die drei sahen. Johann hob die Hand zum Gruß, doch die Männer erwiderten ihn nicht. Stattdessen musterten sie Delacroix’ Uniform mit misstrauischen Blicken.
„Die Stimmung ist gekippt“, murmelte Johann. „Seit wann?“, fragte Anna.
„Seit die Franzosen ihre Präsenz verstärkt haben“, antwortete Delacroix. „Und seit Gerüchte die Runde machen.“
Johann sah ihn an. „Welche Gerüchte?“
Delacroix zögerte. „Dass ein französischer Offizier mit Rebellen paktiert.“
Anna riss die Augen auf. „Ihr?“
Delacroix verzog das Gesicht. „Unsinn. Aber Gerüchte brauchen keine Wahrheit.“
Johann nickte. „Nur einen Funken.“ Und dieser Funken, dachte er, könnte Schneider gewesen sein.
Sie erreichten das Kloster, dessen Mauern im Morgenlicht wie aus hellem Stein gemeißelt wirkten. Der große Platz davor war leer, nur ein paar Krähen saßen auf dem Brunnenrand und krächzten. Johann klopfte an das schwere Tor, und nach einer Weile öffnete ein junger Mönch, der sie mit großen Augen ansah.
„Wir müssen mit Bruder Konrad sprechen“, sagte Johann.
Der Mönch nickte nervös. „Er erwartet euch nicht.“
„Er wird uns trotzdem sehen wollen“, meinte Delacroix leicht gereizt.
Das Innere des Klosters war kühl und still, und ihre Schritte hallten durch die Gänge. Bruder Konrad war in der Bibliothek, ein Raum voller alter Bücher und staubiger Regale. Er sah älter aus als beim letzten Mal, als Johann ihn besucht hatte. Die Falten waren tiefer, die Augen müder.
„Johann“, sagte er. „Anna. Und…“ Er musterte Delacroix. „Der Offizier.“
Delacroix verneigte sich leicht. „Bruder Konrad.“
Der Mönch faltete die Hände. „Ihr kommt wegen Schneider.“
Johann nickte. „Er hat die Liste.“
Konrad schloss die Augen. „Dann ist das Schicksal des Tals besiegelt.“
Anna trat vor. „Nicht, wenn wir ihn finden.“
Konrad öffnete die Augen, sah sie lange an. „Ihr versteht nicht, was diese Liste bedeutet.“
Johann trat näher. „Dann erklärt es uns.“
Konrad seufzte. „Es sind nicht nur Namen. Es sind Verbindungen. Netzwerke. Menschen, die im Schatten arbeiten — für und gegen die Franzosen und gegen die Bürger im Schussental. Wenn Schneider sie hat, kann er viele von ihnen erpressen. Oder verraten.“
Delacroix ballte die Fäuste. „Dann müssen wir ihn aufhalten.“
Konrad nickte langsam. „Es gibt jemanden, der euch helfen kann.“
Johann hob eine Augenbraue. „Wen?“
Konrad sah zum Fenster, als lausche er auf etwas. „Die Bruderschaft vom Weißen Stein.“
Anna erstarrte. „Die gibt es wirklich?“
Konrad lächelte traurig. „Mehr, als euch lieb sein wird.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. „Und wo finden wir sie?“
Konrad sah ihn an, und in seinem Blick lag etwas, das Johann nicht deuten konnte — Sorge, vielleicht sogar Furcht.
„In den Schluchten“, sagte er. „Dort, wo das Tal am tiefsten ist.“
Delacroix schnaubte. „Sie meinen damit keinen bestimmten Ort, sondern ein Geflecht von Intrigen, oder?"
Konrad nickte. „Und ein Geflecht aus Loyalitäten, Schulden und Schweigen. Und genau dort werdet ihr Antworten finden.“
Johann sah Anna an, dann Delacroix. „Dann gehen wir.“
Konrad hob eine Hand. „Seid vorsichtig. Die Bruderschaft prüft jeden, der zu ihnen kommt.“
Johann nickte. „Sollen sie.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Konrad hielt ihn zurück. „Johann…“
Johann blieb stehen. „Ja?“
Konrad senkte den Blick. „Schneider ist nicht euer größter Feind.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. „Wer dann?“
Konrad antwortete nicht. „Geht. Die Zeit läuft.“
Und so verließen sie das Kloster, traten hinaus in das kalte Licht des Morgens und sahen in Richtung Ravensburg, wo die wahren Schluchten des Schussentals lagen — nicht aus Fels, sondern aus Intrigen, Machtspielen und alten Bündnissen. Morgen geht dort das Rutenfest zu Ende - und danach soll der Rat einen neuen Schultes für die Stadt der sieben Türme erwählen.
Johann spürte, wie sich etwas in ihm regte. Kein Zweifel. Kein Zögern. Sondern der Beginn einer Jagd, die größer war als Schneider. Größer als die Liste. Größer als alles, was er bisher gekannt hatte.
Und er wusste: Der Weg zurück war längst versperrt.
Kapitel 5 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (5)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 5
Der Rauch der brennenden Mühle hing ihnen noch in den Kleidern, als sie den Hang hinabstiegen. Hinter ihnen knackten Balken, stürzten ein, Funken stoben in den Nebel, und das Fauchen der Flammen mischte sich mit dem Rauschen des Flappach.
Anna hielt sich an Johann fest, ihre Knie zitterten, doch in ihren Augen glomm ein Funken, der nicht mehr nur Angst war. Delacroix ging ein paar Schritte voraus, den Säbel noch immer gezogen, als rechne er jeden Moment mit einem erneuten Angriff. Der Franzose wirkte angespannt, aber nicht panisch — eher wie ein Mann, der weiß, dass die "Nacht" noch lange nicht vorbei ist. „Schneider kennt das Tal“, sagte er ohne sich umzudrehen. „Er wird nicht blind fliehen.“ Johann nickte. „Er wird versuchen, uns zu überlisten.“
Anna hob den Kopf. „Oder er hat längst einen Plan.“ Der Gedanke ließ sie frösteln. Schneider war kein gewöhnlicher Mensch. Er war ein Mann, der sich in den Schatten bewegte wie andere auf offenen Wegen. Und er hatte mehr in der Mühle gewollt, als nur über den Mehlpreis zu verhandeln und es anschließend günstig zu kaufen. Er muss etwas gewusst haben, das ihn in die Mühle geführt hatte. Etwas, das nun in den Flammen lag — oder in seinem Kopf.
Johann blieb stehen, sah zurück auf das brennende Gebäude. „Er hat uns nicht zufällig in die Mühle gelockt.“ Delacroix drehte sich um, die Augen schmal. „Ihr meint, es war ein perfider Plan?“ Johann antwortete nicht sofort. Der Wind trug Funken über den Fluss, und für einen Moment schien es, als würde die Mühle selbst aufstöhnen, bevor sie endgültig in sich zusammenfiel. „Ich meine“, sagte Johann schließlich, „dass Schneider nie allein handelt.“
Sie waren an der Schussen angekommen und folgten einem Pfad entlang des Flusses, der sich wie eine dunkle Ader durch das Tal zog. Der Nebel wurde dichter, kroch ihnen in die Kleidung, machte die Welt kleiner, enger. Und das an einem Sommertag.
"Das Wetter war auch nicht mehr das, was es einmal war," raunte Johann vor sich her.
Anna hörte ihr eigenes Atmen, hörte das Schlagen ihres Herzens, das sich mit dem Rauschen des Wassers mischte.
„Wohin gehen wir?“, fragte sie schließlich.
Johann zeigte nach Norden in Richtung Durlesbach, dorthin, wo die Schussen tiefer in die Schluchten schneidet.
„Zum alten Wehr bei den Felsen. Wenn Schneider flieht, muss er dort vorbei.“
Delacroix verzog das Gesicht.
„Das Wehr ist gefährlich. Der Weg ist schmal, der Boden rutschig. Und wenn er uns dort erwartet…“
„Dann erwartet er uns“, sagte Johann ruhig. „Aber wir kennen den Pfad besser als er.“
Anna sah ihn an.
„Und wenn er nicht dorthin geht?“
Johann blieb stehen, wandte sich ihr zu.
„Dann haben wir ihn überschätzt.“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Aber Schneider ist kein Narr. Er braucht Deckung, er braucht Wasser, er braucht einen Weg, der ihn schnell aus dem Tal bringt. Das Wehr ist seine einzige Chance.“
Delacroix nickte widerwillig.
„Dann sollten wir uns beeilen.“
Sie setzten ihren Weg fort, und je tiefer sie in die Schluchten kamen, desto wilder wurde die Landschaft. Die Felsen rückten näher zusammen, die Bäume standen schief, als hätten sie sich im Laufe der Jahre vom Wind wegducken müssen. Das Rauschen des Flusses wurde lauter, unruhiger. Anna spürte, wie sich die Spannung in ihr aufbaute. Jeder Schatten schien sich zu bewegen, jeder Ast zu knacken. Und immer wieder tauchte das Bild der brennenden Mühle vor ihrem inneren Auge auf — und Schneiders Silhouette, die im Rauch verschwand.
„Er hat uns beobachtet“, murmelte sie. „Schon bevor wir ihn gesehen haben.“
Johann nickte. „Er war vorbereitet.“
Delacroix sah sie über die Schulter an. „Dann sollten wir es jetzt auch sein.“
Als sie das Wehr erreichten, war der Nebel so dicht, dass sie kaum drei Schritte weit sehen konnten. Das Wasser stürzte über die Felsen, schäumte weiß, und der schmale Steg, der hinüberführte, war glitschig wie Eis. Johann hob die Hand.
„Langsam.“
Sie tasteten sich vorwärts, Schritt für Schritt. Anna spürte, wie das Holz unter ihren Füßen nachgab, wie der Nebel sich an ihre Haut klammerte. Delacroix ging voraus, den Säbel in der Hand, die Augen wachsam.
„Wenn er hier ist“, flüsterte er, „dann…“
Ein Geräusch ließ sie erstarren. Ein Knacken. Ein Rascheln. Dann Stille. Johann zog Anna hinter einen Felsen, Delacroix duckte sich. Der Nebel bewegte sich, als hätte er eine eigene Absicht. Und dann sahen sie ihn. Eine Gestalt am anderen Ende des Stegs. Dunkel, reglos, wie aus dem Fels gewachsen.
Schneider!
Er stand da, als hätte er auf sie gewartet.
„Ihr seid langsamer geworden“, rief er, seine Stimme hallte über das Wasser.
Delacroix spannte sich an.
„Schneider! Gebt auf!“
Schneider lachte.
„Aufgeben? Ich? Ihr kennt mich schlecht.“
Johann trat einen Schritt vor.
„Was wollt Ihr?“
Schneider hob ein Etwas in die Höhe — ein kleines, ledernes Etui. „Nur das, was mir zusteht.“
Anna erkannte es sofort. Das Etui, das Delacroix bei sich getragen hatte. Das Etui, das die Liste enthielt. Die Namen. Die Verbindungen. Die Wahrheit. „Wie…“, begann Delacroix, doch Schneider unterbrach ihn.
„Ihr habt mich unterschätzt. Und das war euer Fehler.“
Er trat einen Schritt zurück, näher an den Rand des Felsens.
„Ihr könnt mich jagen, so viel ihr wollt. Aber ihr werdet mich nicht fangen.“
Johann spannte sich an.
„Schneider! Wenn Ihr springt, seid Ihr tot!“
Schneider lächelte.
„Vielleicht.“ Er sah Anna an. „Oder vielleicht auch nicht.“
Und dann sprang er. Ein Schatten, der im Nebel verschwand. Ein Aufschrei, der vom Rauschen des Wassers verschluckt wurde. Anna rannte vor, doch Johann hielt sie zurück.
„Nein! Der Strom ist zu stark!“
Delacroix stand wie versteinert.
„Schneider hat die Liste…“
Johann sah in die tosenden Wasser.
„Dann müssen wir schneller sein als der Fluss.“
Sie folgten dem Lauf der Schussen im Laufschritt, so gut es der Pfad zuließ. Der Nebel lichtete sich langsam, und die Schluchten öffneten sich zu einem breiteren Tal. Der Fluss rauschte weiter, unbarmherzig, und immer wieder suchten ihre Blicke das Wasser ab — nach einem Körper, nach einem Zeichen, nach irgendetwas. Doch sie fanden nichts.
„Er kann nicht überlebt haben“, sagte Anna schließlich, ihre Stimme war brüchig.
Delacroix schüttelte den Kopf. „Schneider ist wie ein Biber. Er findet immer einen Weg.“
Johann blieb stehen, sah auf das Wasser.
„Wenn er lebt, wird er versuchen, das Tal zu verlassen. Und wenn er tot ist…“
Er brach ab. Anna sah ihn an.
„Dann hat jemand anderes die Liste.“
Delacroix fluchte leise.
„Wir müssen zurück nach Ravensburg. Dort gibt es Leute, die wissen, was Schneider wusste.“
Johann nickte.
„Und wir müssen herausfinden, wer ihn geschickt hat.“
Anna sah zurück in die Schluchten, die sich hinter ihnen schlossen wie ein dunkler Schlund.
„Und was, wenn wir nicht die Jäger sind?“
Johann legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Dann werden wir es eben werden.“
Sie wandten sich nach Süden, dorthin, wo das Tal breiter wurde und die Wege sich verzweigten.
Hinter ihnen rauschte der Fluss, als würde er Geheimnisse mit sich tragen, die niemand je wiederfinden sollte. Doch Johann wusste, dass nichts im Schussental für immer verloren blieb. Nicht die Wahrheit. Nicht die Schuld. Und schon gar nicht ein Mann wie Friedrich Schneider.
Kapitel 4 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (4)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 4
Der "Flappach" ist ein kleiner aber energischer Bach, der vom Weiher oberhalb des städtischen Geländes hinabrauscht, um das Räder der Messerschleiferei, des Sägewerks und der Mühle anzureiben. Johann trat in das Gebäude ein, die Hand am Griff seines Knüppels, Delacroix dicht hinter ihm, den Säbel erhoben. Die Laterne in der Mitte des Raumes warf ein schwaches, gelbliches Licht, das die Schatten an den Wänden zittern ließ.
Und aus einem dieser Schatten trat - Friedrich Schneider.
Er wirkte nicht wie ein Mann, der sich versteckte. Eher wie jemand, der sich bewusst in Szene setzte. Sein Mantel war sauber, sein Haar glatt zurückgestrichen, sein Blick ruhig — zu ruhig. Ein Mann, der wusste, dass er die Kontrolle hatte.
„Ich wusste, dass ihr kommen würdet, Keller“, sagte er. „Ihr seid berechenbar. Das ist eure größte Schwäche.“
Johann - es besser wissend - antwortete nicht. Sein Blick war auf Anna gerichtet, die hinter Schneider stand. Ihre Augen waren rot vom Weinen, ihre Hände zitterten. Sie sah aus wie jemand, die zwischen zwei Abgründen stand und nicht wusste, welcher tiefer war.
„Anna“, sagte Johann leise.
Sie schloss die Augen, als würde allein sein Name sie verletzen.
Schneider lächelte. „Ihr seht, Keller, meine Tochter ist… verwirrt. Ihr habt sie mit euren Träumen angesteckt. Mit euren Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit, Moral.“ Er schnaubte. „Schöne Worte. Aber Worte bauen keine Zukunft.“
Delacroix trat einen Schritt vor. „Ihr habt sie entführt.“
„Ich habe sie nach Hause geholt“, erwiderte Schneider. „Dorthin, wo sie hingehört.“
Johann spürte, wie Wut in ihm aufstieg. „Ihr benutzt sie.“
„Ich benutze jeden“, sagte Schneider ruhig. „Der Unterschied ist: Ich gebe ihnen etwas dafür. Sicherheit. Wohlstand. Macht - einen Teil der ewigen Blutwurscht.“
Er trat näher, die Laterne spiegelte sich in seinen Augen.
„Und euch, Keller, gebe ich eine letzte Chance.“
Johann hob das Kinn. „Ich brauche eure Chancen nicht.“
„Ihr braucht alles, was ich euch geben kann“, sagte Schneider. „Denn ohne mich seid ihr nichts. Ein Zimmermann. Ein Niemand. Ein Mann, der zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war.“
Er machte eine Pause.
„Aber mit mir… könntet ihr dieses Tal führen.“
Johann lachte bitter. „Ihr wollt keinen Partner. Ihr wollt einen Hund.“
Schneiders Blick wurde kalt. „Ich will einen Mann, der weiß, wann er knien muss.“
Delacroix hob den Säbel. „Er kniet vor niemandem.“
Schneider sah ihn an, als wäre er ein Insekt. „Ihr seid ein Fremder, Capitaine. Ein Mann ohne Heimat. Ohne Zukunft. Ihr seid ein Werkzeug, das ich entsorgen werde, sobald es stumpf wird.“
„Dann versucht es“, sagte Delacroix.
Schneider lächelte dünn. „Nicht heute. Heute habe ich etwas anderes vor.“
Er schnippte mit den Fingern.
Zwei Männer traten aus dem Schatten hinter Anna.
Bewaffnet.
Bereit.
Johann spannte sich an.
Die Falle war zugeschnappt.
Anna stand zwischen den Männern wie eine Gefangene, doch ihre Haltung verriet, dass sie innerlich kämpfte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, ihre Lippen bebten. Johann sah, wie sie versuchte, sich zu fassen, doch die Angst war stärker.
„Anna“, sagte er. „Ihr müsst mir sagen, ob ihr freiwillig hier seid.“
Sie sah ihn an, und in diesem Blick lag alles: Schmerz, Schuld, Liebe, Angst.
„Ich… ich weiß es nicht“, flüsterte sie.
Schneider legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Natürlich weißt du es. Du bist meine Tochter. Du gehörst zu mir.“
Anna zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.
„Ich gehöre niemandem“, sagte sie leise.
Schneider packte sie fester. „Du gehörst zu mir, weil ich dich großgezogen habe. Weil ich dich beschützt habe. Weil ich dir ein Leben gegeben habe, das du ohne mich nie gehabt hättest.“
„Ein Leben in Lügen“, sagte Anna.
Schneider erstarrte.
Johann spürte, wie sich etwas in der Luft veränderte. Ein Riss. Ein Moment, in dem alles kippen konnte.
„Ihr habt mich benutzt“, sagte Anna. „Ihr habt mich benutzt, um Keller zu beobachten. Um zu sehen, wie er denkt. Wie er fühlt. Ihr habt mich zu euren Augen und Ohren gemacht.“
„Ich habe dich zu etwas Wichtigem gemacht“, sagte Schneider.
„Ihr habt mich zu einer Waffe gemacht“, sagte Anna.
Schneider ließ ihre Schulter los. Sein Blick wurde hart wie Stein.
„Du bist meine Tochter“, sagte er. „Und du wirst tun, was ich sage.“
„Nein“, sagte Anna. „Nicht mehr.“
Die beiden Männer hinter ihr traten vor.
Johann spannte sich an.
Delacroix hob den Säbel.
Schneider hob die Hand.
„Fasst sie nicht an“, sagte er. „Noch nicht.“
Er sah Anna an, als würde er sie zum ersten Mal sehen.
„Du willst also gegen mich stehen? Gegen deinen eigenen Vater?“
Anna zitterte. „Ich will auf der Seite der Wahrheit stehen.“
Schneider lächelte kalt. „Dann wirst du sterben wie alle Träumer.“
Johann trat vor. „Wenn ihr sie anrührt, Schneider, dann -“
„Dann was?“, unterbrach Schneider. „Ihr seid ein Mann mit einem Knüppel. Ich bin ein Mann mit einer Armee.“
Er machte eine kleine, beiläufige Geste.
Die beiden Männer griffen an.
Der erste Angreifer stürmte auf Johann zu, das Messer in der Hand. Johann wich zur Seite aus, packte den Arm des Mannes und rammte ihm den Ellenbogen in die Rippen. Der Mann keuchte, doch bevor Johann nachsetzen konnte, kam der zweite Angreifer von hinten.
Delacroix war schneller. Trotz seiner verletzten Schulter parierte er den Schlag mit dem Säbel, drehte sich und stieß den Mann mit einem kräftigen Tritt zurück. Der Angreifer stolperte gegen einen Balken, die Laterne schwankte, warf wilde Schatten.
Schneider trat zurück, beobachtete alles mit kalter Präzision. Er war kein Mann, der selbst kämpfte. Er war ein Mann, der kämpfen ließ.
„Ihr seid zäh, Keller“, sagte er. „Aber zäh reicht nicht.“
Johann ignorierte ihn. Er konzentrierte sich auf den ersten Angreifer, der sich wieder aufrappelte. Der Mann war kräftig, schneller als Johann erwartet hatte. Er griff erneut an, diesmal tiefer, gezielter. Johann parierte, doch der Schlag streifte seinen Arm.
Delacroix kämpfte derweil mit dem zweiten Mann, der trotz des Rückschlags nicht aufgab. Der Franzose bewegte sich elegant, präzise, aber seine Verletzung verlangsamte ihn. Der Angreifer bemerkte es und setzte nach.
„Capitaine!“, rief Johann.
„Kümmert euch um euren eigenen Gegner!“, rief Delacroix zurück.
Anna stand wie erstarrt, die Hände vor den Mund geschlagen. Sie wollte helfen, doch sie wusste nicht wie. Schneider sah sie an, als wäre sie ein lästiges Detail.
„Siehst du, meine Tochter?“, sagte er. „Das ist die Welt, die Keller dir bietet. Chaos. Blut. Schmerz.“
„Nein“, sagte Anna. „Das ist die Welt, die ihr geschaffen habt.“
Der erste Angreifer griff erneut an. Johann wich aus, packte den Mann am Kragen und riss ihn zu Boden. Der Mann schlug hart auf, verlor das Messer. Johann trat es weg.
Der zweite Angreifer drängte Delacroix zurück, doch der Franzose setzte einen letzten, verzweifelten Schlag. Der Mann taumelte, stolperte — und fiel gegen die Laterne.
Sie kippte.
Sie fiel.
Sie zerbrach.
Und das Stroh am Boden fing Feuer.
Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Die alten Holzbalken der Mühle waren trocken, das Stroh am Boden ein idealer Zunder. Innerhalb von Sekunden füllte sich der Raum mit Rauch.
„Raus!“, rief Delacroix. „Sofort!“
Johann packte Anna am Arm. „Kommt!“
Doch Schneider blieb stehen. Er sah sich um, als würde er die Situation abwägen. Dann lächelte er.
„Ihr habt mir einen Gefallen getan, Keller“, sagte er. „Jetzt kann ich sagen, ihr hättet versucht, mich zu töten.“
Er drehte sich um und rannte zur Hintertür.
„Schneider!“, rief Johann.
Doch der Mann war bereits verschwunden.
Der erste Angreifer lag bewusstlos am Boden. Der zweite versuchte aufzustehen, doch Delacroix stieß ihn zurück.
„Lasst ihn!“, rief Johann. „Wir haben keine Zeit!“
Die Flammen leckten bereits an den Wänden. Der Rauch brannte in den Augen, machte das Atmen schwer. Anna hustete, klammerte sich an Johann.
„Ich… ich kann nicht…“, keuchte sie.
„Doch“, sagte Johann. „Ihr könnt.“
Er zog sie zur Tür. Delacroix folgte, die Hand vor dem Gesicht, um den Rauch abzuwehren.
Sie erreichten den Ausgang. Kalte Luft schlug ihnen entgegen. Der Fluss rauschte, der Nebel wirbelte im Licht der Flammen.
Hinter ihnen stand die Mühle in Brand.
Vor ihnen lag das Tal.
Und irgendwo dazwischen war Friedrich Schneider.
Anna sank auf die Knie. „Er wird nicht aufgeben“, flüsterte sie. „Er wird uns jagen.“
Johann kniete sich neben sie. „Dann laufen wir schneller.“
Delacroix trat neben sie, den Säbel noch immer in der Hand. „Was schlagt ihr vor?“
Johann sah in die Flammen.
„Wir jagen zurück.“
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Es folgt Kapitel 5 ...Kapitel 3 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS (3)
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
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Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Kapitel 3
Der Morgen über Ravensburg war ein fahles, erschöpftes Licht, das kaum die Kraft hatte, die Schatten der Nacht zu vertreiben. Johann und Delacroix stiegen den steilen Weg von der Veitsburg hinab, Schritt für Schritt, als trügen sie die Last der vergangenen Stunden auf ihren Schultern. Der Boden war feucht vom Tau, und der Wind, der vom Mehlsack herabwehte, roch nach Rauch, kaltem Stein und einer Stadt, die ahnte, dass etwas Unheilvolles begonnen hatte.
Johann spürte die Müdigkeit wie ein Gewicht in seinen Knochen. Seine Hände zitterten noch immer leicht, nicht nur vom Kampf, sondern von der Erkenntnis, die ihn wie ein Schlag getroffen hatte: Friedrich Schneider, der angesehene Händler, der Wohltäter, der Mann, den man in Ravensburg mit Respekt grüßte, war der Anführer der Angreifer gewesen. Der Mann, der Anna als Tochter beanspruchte. Der Mann, der ihn töten wollte.
Delacroix ging neben ihm, bleich, aber wachsam. Die Wunde an seiner Schulter war notdürftig verbunden, doch der Franzose hielt sich aufrecht wie ein Soldat, der gelernt hatte, Schmerz zu ignorieren.
„Ihr müsst verstehen“, sagte er leise, „Schneider ist nicht irgendein Gegner. Er ist ein Mann, der in vielen Kreisen Einfluss hat. In Ravensburg, im Rat, bei den Händlern, bei den Zünften. Er hat Geld, Macht, Beziehungen. Und er hat keine Skrupel.“
„Ich weiß“, sagte Johann. „Aber ich hätte nie gedacht, dass er so weit geht.“
„Männer wie er gehen immer so weit“, erwiderte Delacroix. „Sie glauben, dass die Welt ihnen gehört.“
Als sie den Marktplatz erreichten, sahen sie, wie sich die Stadt bereits veränderte. Händler standen in kleinen Gruppen zusammen und flüsterten. Frauen zogen ihre Kinder hastig zur Seite, als sie Johann sahen. Zwei Stadtwächter standen am Brunnen vor der "Ratstube" und sprachen mit einem Mann in dunklem Mantel. Der Mann zeigte auf die Veitsburg, dann auf Johann. Die Wächter nickten.
„Er setzt die Stadt gegen euch in Bewegung“, sagte Delacroix.
„Er setzt die Stadt gegen die Wahrheit in Bewegung“, sagte Johann.
Der Mehlsack ragte über ihnen auf, weiß und wachsam, doch heute wirkte er wie ein Turm, der nicht mehr die Stadt schützte, sondern sie beobachtete. Ein Auge, das Schneider gehörte.
„Wir müssen wissen, was er plant“, sagte Delacroix. „Und wir müssen es wissen, bevor er es umsetzt.“
Johann nickte. „Dann gehen wir dorthin, wo seine Nachrichten zuerst landen.“
Sie schlugen den Weg zur "Zehntscheuer" in der Judengasse ein, vorbei an Häusern, deren Fensterläden halb geschlossen waren, als wollten die Bewohner nicht sehen, was sich vor ihren Türen abspielte. Vorbei an der alten Synagoge.
Ein Hund bellte, irgendwo schlug eine Tür zu. Die Stadt war wach, aber sie war nicht bei sich. Sie war angespannt, lauernd, als wüsste sie, dass ein Sturm bevorstand.
Und Johann wusste: Der Sturm trug einen Namen.
Friedrich Schneider.
Der Steuereintreiber Meister Haug öffnete die schwere Holztür nur einen Spalt breit. Sein Gesicht war zerfurcht wie alter Stein, seine Augen misstrauisch wie die eines Mannes, der zu viel gesehen hatte. Doch als er Delacroix erkannte, öffnete er die Tür weiter.
„Ihr bringt Ärger“, knurrte er. „Ich rieche ihn, bevor ihr den Fuß über die Schwelle setzt.“
„Dann habt ihr eine gute Nase“, sagte Delacroix.
Haug führte sie die Stufen in den oberer Stock der "Zehntscheuer" hinauf. Dort war es stickig, die Luft roch nach Staub, altem Holz und dem Hauch von Geschichten, die sich über Jahrhunderte von Steuerabgaben - freiwilligen und erzwungenen - angesammelt hatten. In der Wachstube, lag ein versiegeltes Schreiben auf dem Tisch. Das Siegel war frisch, das Wachs noch nicht ganz hart.
„Schneider hat es heute früh abgeben lassen“, sagte Haug. „Für die Ratsversammlung.“
Johann öffnete es vorsichtig. Die Worte darin waren wie ein Dolchstoß.
„Johann Keller ist ein Verräter am Tal. Er arbeitet mit französischen Offizieren zusammen. Er ist verantwortlich für den Angriff auf die Veitsburg. Er ist zu verhaften und dem Rat zu übergeben.“
Johann spürte, wie ihm heiß und kalt zugleich wurde. „Er macht mich zum Schuldigen.“
„Er macht euch zum Werkzeug“, sagte Haug. „Und sich selbst zum Retter.“
Delacroix schnaubte. „Er will die Stadt hinter sich vereinen. Und er braucht einen Feind, der greifbar ist.“
„Und einen, der nicht reich ist“, sagte Haug trocken. „Einen, den man hängen kann, ohne dass jemand protestiert.“
Johann legte das Schreiben ab. „Ich muss Anna finden. Sie weiß, was wirklich geschehen ist.“
„Dann beeilt euch“, sagte Haug. „Denn Schneider wird sie nicht lange frei sprechen lassen.“
Er zögerte, dann fügte er hinzu:
„Und Keller… passt auf euch auf. Schneider ist nicht nur ein Mann. Er ist wie eine Spinne, die ihre Netze webt, wo sie es will.“
Johann nickte. „Dann werde ich lernen müssen, wie man ein Netz zerreißt.“
Die Straßen Ravensburgs füllten sich, doch die Menschen wirkten angespannt. Manche sahen Johann an, als hätten sie Gerüchte gehört. Andere sahen weg, als fürchteten sie, in etwas hineingezogen zu werden. Ein alter Mann murmelte etwas, als Johann vorbeiging. Eine Frau zog ihre Tochter hastig zur Seite. Ein Händler schloss seinen Stand, als Delacroix sich näherte.
„Er hat die Stadt schon halb in der Hand“, sagte Delacroix.
„Er hat sie seit Jahren in der Hand“, sagte Johann. „Nur hat niemand es bemerkt.“
Sie erreichten die Schmiede. Lorenz schlug auf das Eisen ein, als wolle er es bestrafen. Als er Johann sah, hielt er inne und warf das Eisen in den Wassertrog. Sein Gesicht war angespannt, seine Augen voller Sorge.
„Ihr dürft nicht hier sein“, sagte er. „Schneider hat nach euch suchen lassen. Überall.“
„Wo ist Anna?“, fragte Johann.
Lorenz wich zurück. „Ich… ich weiß es nicht.“
Johann trat näher. „Lorenz. Ihr seid ein ehrlicher Mann. Und ihr liebt eure Nichte.“
Lorenz schloss die Augen. „Sie war hier. Heute früh. Sie war verzweifelt. Sie sagte, sie müsse fort. Dass ihr Vater, als der Schneider, sie… einsperren wolle.“
„Wohin ist sie gegangen?“
Lorenz zögerte. Dann flüsterte er:
„Zur alten Mühle. Oben am Flappach. Schneider ist dort, um mit dem alten Schuler über die Preise fürs Mehl zu verhandeln.“
Delacroix nickte. „Dann gehen wir.“
Doch bevor sie die Schmiede verlassen konnten, ertönte draußen ein Ruf.
„Hier entlang! Ich habe Stimmen gehört!“
Es war ein Stadtwächter, der rief.
Lorenz packte Johann am Arm. „Hinterausgang. Jetzt.“
Sie stolperten die Treppe hinunter und flohen durch den Hof, über eine Mauer, durch die Parkallee. Hinter ihnen hörten sie Rufe, Schritte, das Klirren von Waffen. Ein Hund bellte, ein Huhn flatterte erschrocken auf.
„Er will euch lebend“, keuchte Delacroix. „Das macht es nicht leichter.“
„Es macht es schlimmer“, sagte Johann. „Denn lebend kann er mich benutzen.“
Auf der anderen Straßenseite erreichten sie eine schmale Gasse, die zur Kuppelnau führte. Am Eingang standen zwei Gendarmen; doch als Delacroix ihnen einen Blick zuwarf, sah der eine weg und der andere tat so, als müsse er seine Stiefel prüfen.
„Nicht alle gehören Schneider“, sagte Delacroix.
„Noch nicht“, sagte Johann.
Sie liefen weiter, nun in die östliche Richtung den Hang hinauf, von dem der Flappach hinunterfloss. Nebel stieg vom Wasser auf, und die alte Mühle zeichnete sich als dunkle Silhouette ab. Das Rad stand still, das Dach war halb eingestürzt, und die Fenster wirkten wie leere Augenhöhlen.
Johann blieb stehen.
Ein Pferd stand vor dem ramponierten Gebäude.
Ein schwarzes.
Mit dem Wappen der Familie Schneider am Zaumzeug.
Der Nebel am Fluss war dicht, fast milchig, und verschluckte jedes Geräusch. Das Wasser rauschte leise, als wüsste es, dass gleich etwas geschehen würde. Johann spürte, wie sein Herz schneller schlug. Delacroix zog den Säbel, obwohl seine Schulter schmerzte.
„Wir sind zu spät“, sagte der Franzose.
„Nein“, sagte Johann. „Wir sind genau rechtzeitig.“
Er trat aus dem Nebel, das Herz schwer, aber entschlossen. Die Tür der Mühle stand einen Spalt offen. Ein schwacher Lichtschein drang heraus.
„Wenn Schneider hier ist“, sagte Delacroix, „dann wird er nicht allein sein.“
„Ich weiß“, sagte Johann.
Er legte die Hand an den Türrahmen.
„Aber ich werde Anna nicht noch einmal verlieren.“
Er stieß die Tür auf.
Drinnen war es dunkel, nur eine einzelne Laterne brannte. Der Raum roch nach altem Mehl und etwas anderem — etwas Metallischem. Schritte hallten. Eine Stimme sprach.
Eine Stimme, die Johann sofort erkannte.
„Ich wusste, dass ihr kommen würdet, Keller.“
Friedrich Schneider trat aus dem Schatten.
Und Anna stand hinter ihm.
Mit Tränen in den Augen.
Und einem Ausdruck, der Johann das Herz zerriss.
"Wo ist der alte Schuler," fragte Johann besorgt.
"Der ist leider nicht da, wohl nach Aulendorf, um Getreide zu kaufen."
Kapitel 2 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Das Kapitel 1 finden Sie hier ◀
Der Bote stand keuchend vor Johann und Delacroix, die Hände auf die Knie gestützt, als müsse er sich an der Erde festhalten, um nicht umzufallen. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, seine Kleidung zerrissen, und an seinem Arm klebte Blut — nicht viel, aber genug, um zu zeigen, dass er dem Tod nur knapp entkommen war.
„Sie kommen…“, keuchte er. „Eine ganze Bande… bestimmt an die Hundertzwanzig Mann… vielleicht mehr.“
„Wo?“, fragte Delacroix scharf.
„Zwischen Mochenwangen und Berg. Sie haben die Straße blockiert. Sie plündern jeden Wagen, jedes Haus, das sie finden.“
Johann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Mochenwangen — das war kaum eine Stunde Fußmarsch entfernt. Dort lebten Menschen, die er kannte. Familien, die er seit seiner Kindheit gesehen hatte. Und Hönle war bei ihnen.
„Wie viele Bewaffnete habt ihr gesehen?“, fragte Delacroix.
„Dreißig, vielleicht vierzig. Der Rest…“ Der Bote schluckte. „Der Rest sind Kerle, die alles tun, was man ihnen sagt.“
Delacroix nickte langsam. „Deserteure. Banditen. Männer, die im Krieg ihre Seele verloren haben.“
Er wandte sich an Johann. „Ihr kennt das Gelände. Ihr kennt die Menschen. Ich brauche euch.“
Johann wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass er nur ein Zimmermann war, kein Soldat. Dass er keine Schlachten schlagen wollte. Doch er dachte an die Kinder im brennenden Haus. An Anna. An die Menschen in Mochenwangen.
„Was wollt ihr tun?“, fragte er.
Delacroix sah ins Tal. „Sie aufhalten. Oder zumindest verlangsamen. Bis Verstärkung kommt.“
„Und wenn keine kommt?“
Delacroix’ Blick wurde hart. „Dann kämpfen wir.“
Johann spürte, wie sich in ihm etwas regte — ein Gefühl, das er nicht kannte. Vielleicht war es Pflicht. Vielleicht Wut. Vielleicht etwas anderes, das er noch nicht benennen konnte.
„Ich gehe mit euch“, sagte er.
Delacroix nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Gut. Wir brechen sofort auf.“
Der Bote sah Johann dankbar an. „Ihr seid ein guter Mann, mein Herr.“
Johann schüttelte den Kopf. „Ich tue nur, was getan werden muss.“
Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Etwas zog ihn in diesen Kampf hinein — etwas, das größer war als er selbst.
Delacroix führte Johann durch die Stadt, die sich im Angesicht der Gefahr veränderte. Die französischen Soldaten, die am Morgen noch in geordneten Reihen einmarschiert waren, standen nun in kleinen Gruppen zusammen, überprüften ihre Waffen, sattelten ihre Pferde. Offiziere gaben Befehle, Boten rannten durch die Straßen.
Die Bürger beobachteten alles mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung. Manche sahen die Franzosen als Besatzer, andere als Schutz. Doch alle wussten: Wenn die Plünderer kamen, würde niemand verschont bleiben.
„Ihr habt Einfluss auf die Menschen hier“, sagte Delacroix, während sie durch die Gassen eilten. „Wenn ihr mit mir geht, werden andere folgen.“
„Ich bin kein Anführer“, sagte Johann.
„Das glaubt ihr“, antwortete Delacroix. „Aber die Menschen sehen euch anders.“
Johann dachte an das Feuer. An die Menge, die gejubelt hatte, als er die Kinder aus dem brennenden Haus getragen hatte. An die Blicke, die ihm gefolgt waren.
Vielleicht hatte Delacroix recht.
Sie erreichten den Marktplatz, als Anna aus der Menge trat. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen weit vor Sorge.
„Johann!“, rief sie. „Ich habe gehört, was geschehen ist. Ihr wollt doch nicht—“
„Ich muss“, sagte Johann.
„Nein“, sagte sie. „Ihr müsst gar nichts. Das ist nicht euer Kampf.“
„Doch“, sagte Johann. „Es ist mein Tal. Meine Leute.“
Anna packte seine Hand. „Ihr wisst nicht, was euch erwartet. Diese Männer… sie sind schlimmer als Soldaten. Sie haben nichts zu verlieren. Überlasse dies doch den Schultes.“
"Den Schultes?", fragte der verächtlich.
„Wir Bürger müssen ihnen etwas entgegensetzen.“
Anna sah Delacroix an, und in ihrem Blick lag Misstrauen. „Ihr benutzt ihn.“
„Ich brauche ihn“, sagte Delacroix ruhig. „So wie das Tal ihn braucht.“
„Und was bekommt er dafür?“, fragte Anna.
Delacroix antwortete nicht.
Johann legte seine Hand auf Annas Schulter. „Ich komme zurück.“
„Das habt ihr gestern auch gesagt“, flüsterte sie.
Er wollte etwas erwidern, doch Delacroix rief: „Wir müssen los!“
Johann wandte sich ab.
Anna sah ihm nach — und in ihren Augen lag ein Geheimnis, das sie noch nicht ausgesprochen hatte.
Delacroix hatte eine kleine Einheit zusammengestellt: sechsunddreißig französische Soldaten, gut bewaffnet, erfahren, entschlossen. Johann schloss sich ihnen an, obwohl er keine Uniform trug, keine Waffe außer seinem Messer, einem schweren Holzknüppel, den ihm ein Soldat gereicht hatte, und seine Werkzeugtasche.
„Besser als nichts“, hatte der Mann gesagt.
Sie verließen Ravensburg durch den Tunnel am Grünen Turm, dem Gefängnis der Stadt, ritten oder liefen den Weg hinunter nach Weingarten, dann weiter Richtung Berg. Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über die Felder. Der Wind trug den Geruch von Rauch mit sich — Rauch, der nicht aus Ravensburg stammte.
„Sie brennen etwas nieder“, sagte Delacroix.
Johann spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Wie weit noch?“, fragte ein Soldat.
„Eine halbe Stunde“, sagte Johann. „Vielleicht weniger.“
Sie beschleunigten das Tempo.
Als sie die ersten Häuser von Mochenwangen erreichten, wussten sie, dass sie zu spät waren.
Ein Wagen lag umgestürzt am Straßenrand, die Pferde verschwunden. Ein Haus stand offen, die Tür eingetreten. Ein Hühnerstall war geplündert, Federn lagen überall. Und aus der Ferne hörte man Schreie.
„Sie sind noch da“, sagte Delacroix.
Johann griff fester um den Knüppel.
„Wir teilen uns auf“, sagte Delacroix. „Sechs nach links, sechs nach rechts. Monsieur, ihr bleibt mit den anderen bei mir.“
Johann nickte.
Sie gingen weiter, vorsichtig, geduckt, bereit.
Dann sahen sie die Plünderer.
Es waren mehr als fünfzig Männer. Einige trugen Uniformreste, andere Bauernkleidung, wieder andere nur Lumpen. Doch alle hatten irgendwelche Waffen: Wenn es keine Musketen waren, dann Äxte, Heugabeln und grobe Knüppel. Sie lachten, schrien, tranken aus gestohlenen Krügen.
Und mitten unter ihnen stand Hönle.
Er hielt eine brennende Fackel in der Hand — und vor ihm kniete ein alter Mann, die Hände gefesselt.
Johann erkannte ihn.
Meister Engler, der Müller von Mochenwangen.
„Hört auf!“, rief Johann, bevor er nachdenken konnte.
Die Bande wandte sich ihm ungläubig zu.
Hönle grinste.
„Keller“, sagte er. „Ich habe fast schon auf dich gewartet.“
Hönle stand da wie ein Mann, der endlich gefunden hatte, wonach er gesucht hatte: Macht. Die Fackel in seiner Hand warf flackernde Schatten über sein Gesicht, ließ seine Augen wie die eines Raubtiers wirken. Hinter ihm grölten die Plünderer, berauscht von Gewalt und Wein.
„Keller!“, rief Hönle. „Der Held von Ravensburg! Der Retter der Kinder!“
Er lachte, ein hässliches, schneidendes Lachen.
„Willst du jetzt auch den alten Engler retten?“
Der Müller kniete vor ihm, die Hände gefesselt, das Gesicht und die grauen Haare blutverschmiert. Er sah Johann an — nicht mit Hoffnung, sondern mit der resignierten Erkenntnis eines Mannes, der weiß, dass sein Leben am seidenen Faden hängt.
Johann trat vor. „Lass ihn gehen, Hönle.“
„Oder was?“, fragte Hönle. „Willst du mich mit deinem Knüppel erschlagen?“
Johann hob den Knüppel. „Wenn es sein muss.“
Die Bande lachte. Doch Delacroix trat nun neben Johann, und sein Blick war so kalt, dass selbst die Betrunkenen verstummten.
„Ihr seid umzingelt“, sagte Delacroix ruhig. „Gebt auf.“
Ein Raunen ging durch die Gruppe der Gauner. Einige sahen sich um, als erwarteten sie tatsächlich Soldaten im Rücken. Doch Hönle durchschaute den Bluff.
„Er lügt!“, rief er. „Er hat nur zwei oder drei Dutzend Männer! Wir sind dreimal so viele!“
Delacroix lächelte. „Zahlen bedeuten wenig, wenn man nicht weiß, wie man kämpft.“
Hönle schnaubte. „Dann zeig uns, wie du kämpfst, Franzmann!“
Er warf die Fackel in ein nahes Strohlager.
Die Flammen schossen sofort hoch.
„Jetzt gehört Mochenwangen uns!“, brüllte Hönle.
Und der Kampf begann.
Die wilde Truppe stürmten vor, ein chaotischer, brüllender Mob. Johann spürte, wie sein Herz raste, doch seine Hände waren ruhig. Er hob den Knüppel — und der erste Angreifer rannte direkt hinein.
Der Schlag traf den Mann an der Schläfe. Er fiel wie ein Sack zu Boden.
Ein zweiter kam, mit einer rostigen Axt. Johann wich aus, spürte den Luftzug der Klinge, und schlug dem Mann mit voller Wucht gegen den Unterarm. Die Axt fiel. Ein weiterer Schlag — und der Mann lag am Boden.
Delacroix kämpfte wie jemand, der sein Leben lang nichts anderes getan hatte. Seine Bewegungen waren präzise, schnell, tödlich. Er parierte einen Hieb, stieß seinen Gegner mit dem Kolben der Pistole nieder, drehte sich und schlug einem anderen mit dem Säbel die Waffe aus der Hand.
Die französischen Soldaten bildeten eine Linie, schossen kontrolliert, luden nach, schossen erneut. Jeder Schuss traf. Jeder Schuss zählte.
Doch die Plünderer waren viele.
Zu viele. Es war, als rückten immer mehr aus der Dunkelheit nach.
Johann sah, wie zwei Plünderer versuchten, Meister Engler wegzuzerren. Er rannte zu ihnen, sprang über einen Gefallenen, schlug den ersten nieder, packte den zweiten am Kragen und riss ihn herum.
„Lass ihn!“
Der Mann zog ein Messer. Johann wich zurück, doch der Plünderer war schnell. Die Klinge schnitt Johann über den Arm. Blut tropfte auf den Boden.
Der Schmerz war scharf — aber er machte Johann nur wütender.
Er packte den Mann am Handgelenk, drehte es, bis das Messer fiel, und schlug ihm mit dem Knüppel gegen die Brust. Der Mann brach zusammen.
„Johann!“, rief Engler. „Hinter euch!“
Johann drehte sich — zu spät.
Ein Plünderer mit einer Keule holte aus.
Doch bevor der Schlag traf, krachte ein Schuss.
Der Mann fiel.
Delacroix stand hinter Johann, die Pistole noch erhoben.
„Ihr solltet besser aufpassen“, schrie er.
Johann nickte. „Merci.“
„Noch nicht“, sagte Delacroix. „Es ist noch nicht vorbei.“
Auch wenn die Plünderer in der Überzahl waren, so begannen sie doch zu wanken. Einige flohen bereits, andere kämpften weiter, doch ohne Überzeugung. Die französischen Soldaten drängten sie zurück, Schritt für Schritt.
Hönle sah, dass die Schlacht verloren war.
„Zurück!“, brüllte er. „Alle zurück!“
Er rannte zum Waldrand, sprang über einen Zaun und verschwand zwischen den Bäumen.
„Hönle!“, rief Johann.
Er wollte ihm folgen, doch Delacroix hielt ihn zurück.
„Lasst ihn. Er kennt das Gelände. Ihr würdet in eine Falle laufen.“
Johann ballte die Fäuste. „Er wird wiederkommen.“
„Ja“, sagte Delacroix. „Und darauf müssen wir vorbereitet sein.“
Als der letzte Plünderer floh, kehrte Stille über Mochenwangen ein. Meister Engler war gerettet. Eine schwere, bedrückende Stille, die nur von den knisternden Flammen und dem Stöhnen der Verwundeten durchbrochen wurde.
Johann kniete neben Meister Engler.
„Geht es euch gut?“
Der alte Mann nickte schwach. „Dank euch, Johann. Und dank… dem Franzosen.“
Delacroix verneigte sich leicht. „Es war notwendig.“
Engler sah ihn an. „Ihr seid nicht wie die anderen.“
Delacroix’ Gesicht blieb unbewegt. „Ich bin Soldat. Kein Welscher.“
Johann half Engler auf. „Wir bringen euch nach Ravensburg. Dort seid ihr sicher.“
„Niemand ist sicher“, sagte Engler leise. „Nicht mehr.“
Als sie dennoch zurück nach Ravensburg gingen, war die Sonne bereits vollends untergegangen. Der Himmel glühte rot, als hätte er das Feuer von Mochenwangen aufgenommen. Die Soldaten waren erschöpft, Johann blutete aus mehreren Wunden, und Delacroix wirkte ernster als zuvor.
„Ihr habt gut gekämpft“, sagte der Offizier.
„Ich bin kein Soldat.“
„Vielleicht nicht“, sagte Delacroix. „Aber ihr seid ein Mann, der tut, was getan werden muss. Das ist selten.“
Johann schwieg.
„Hönle wird nicht aufgeben“, sagte Delacroix. „Er hat Verbündete. Und er hat einen Auftrag.“
„Von wem?“
Delacroix sah ihn an. „Das ist die Frage.“
Als sie die Stadt erreichten, wartete jemand am Tor.
Anna.
Sie rannte auf Johann zu, sah die Wunden, das Blut, die Müdigkeit in seinem Gesicht — und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ihr seid verletzt!“
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte Johann.
„Ihr hättet sterben können!“
„Aber ich bin hier.“
Anna umarmte ihn — fest, verzweifelt, erleichtert.
Delacroix sah einen Moment zu, dann wandte er sich ab.
„Kommt morgen noch einmal zur Veitsburg“, sagte er. „Wir müssen reden.“
Johann nickte.
Die Nacht lag schwer über Ravensburg. Der Rauch des Kampfes hing noch in der Luft, und die Straßen waren ungewöhnlich still. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, die Fensterläden geschlossen, als wollten sie die Welt aussperren. Nur die französischen Patrouillen zogen durch die Gassen, ihre Schritte hallten wie Mahnungen in der Dunkelheit. Aus der Schenke in der Burgstrasse drang noch ein fahles Licht.
Johann stand am Fenster seiner kleinen Kammer und sah hinaus. Sein Arm schmerzte, seine Rippen pochten, und seine Gedanken waren ein Wirrwarr aus Bildern: Hönles grinsendes Gesicht, die brennenden Häuser von Mochenwangen, Annas Tränen, Delacroix’ Blick.
„Geht nicht“, hatte Anna wiederholt gesagt.
Doch Delacroix hatte ihn zur Veitsburg bestellt.
Und Johann wusste: Er musste gehen.
Nicht, weil Delacroix es wollte — sondern weil er Antworten brauchte.
Der Weg hinauf zur Veitsburg war dunkel, nur der Mond beleuchtete die alten Steinstufen. Johann ging langsam, vorsichtig, den Knüppel in der Hand. Die Stadt lag unter ihm wie ein schlafender Riese.
Als er die Burg erreichte, sah er eine einzelne Laterne brennen. Delacroix stand daneben, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick über das Tal gerichtet.
„Ihr seid gekommen“, sagte er bedeutungsvoll - auch diesmal.
„Ich brauche Antworten“, sagte Johann.
„Und ich brauche Männer, die denken können.“
Delacroix wandte sich ihm zu. Sein Gesicht war ernst, aber nicht feindselig.
„Setzt euch.“
Johann setzte sich auf die niedrige Mauer. Delacroix blieb stehen.
„Ihr habt heute gesehen, was im Tal geschieht“, begann der Offizier. „Und das war nur ein Vorgeschmack.“
„Hönle arbeitet nicht allein“, sagte Johann.
„Nein“, antwortete Delacroix. „Er ist nur ein Werkzeug.“
„Für wen?“
Delacroix schwieg einen Moment, als müsse er abwägen, wie viel er sagen durfte.
„Es gibt Kräfte in diesem Landstrich“, sagte er schließlich, „die den Krieg nutzen wollen. Nicht für Napoleon. Nicht für den König und die Grafen. Sondern für sich selbst.“
„Banditen?“
„Schlimmer“, sagte Delacroix. „Männer mit Geld. Männer mit Einfluss. Männer, die im Schatten bleiben.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Delacroix trat näher. „Ihr seid ihnen im Weg.“
Johann runzelte die Stirn. „Warum ich? Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Ihr seid ein Mann, der gesehen wird“, sagte Delacroix. „Ein Mann, der Menschen bewegt. Ein Mann, der nicht schweigt.“
„Ich habe nichts getan.“
„Ihr habt Hönle die Geschäfte verdorben“, sagte Delacroix. „Ihr habt Menschen gerettet, die sterben sollten. Ihr habt gezeigt, dass man sich wehren kann.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das ist Unsinn.“
„Nein“, sagte Delacroix. „Es ist gefährlich.“
Er sah Johann fest an.
„Habt ihr je von einem Mann namens Schneider gehört?“
Johann erstarrte. „Natürlich. Die Familie Schneider ist alt eingesessen. Reich. Einflussreich.“
„Und einer von ihnen“, sagte Delacroix, „zieht im Hintergrund die Fäden.“
Johann fühlte, wie ihm kalt wurde. „Welcher?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Delacroix. „Noch nicht. Aber Hönle arbeitet für ihn.“
Johann stand auf. „Dann müssen wir ihn finden.“
„Ja“, sagte Delacroix. „Aber nicht heute.“
Er sah in die Dunkelheit.
„Heute müsst ihr etwas anderes wissen.“
„Es geht um Anna“, sagte Delacroix.
Johanns Herz schlug schneller. „Was ist mit ihr?“
Delacroix sah ihn lange an, als wolle er prüfen, ob Johann bereit war.
„Ihr Vater“, sagte er schließlich, „ist nicht nur ein Holzhändler.“
„Das weiß ich“, sagte Johann. „Anna hat es mir gesagt.“
„Aber sie hat euch nicht alles gesagt.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. „Was meint ihr?“
„Ihr Vater“, sagte Delacroix, „arbeitet für beide Seiten.“
Johann blinzelte. „Für… beide?“
„Er liefert Informationen“, sagte Delacroix. „An die Franzosen. Und an die Männer im Schatten.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“
„Ihr müsst es nicht glauben“, sagte Delacroix. „Aber ihr müsst es wissen.“
Johann wollte widersprechen — doch in diesem Moment hörten sie Schritte.
Schnell. Hastig.
Anna trat aus der Dunkelheit.
Ihr Gesicht war bleich. Ihre Augen glänzten.
„Johann!“, rief sie. „Ihr dürft ihm nicht glauben!“
Delacroix seufzte. „Ich habe euch gesagt, die Wände haben Ohren.“
Anna stellte sich vor Johann. „Er lügt!“
„Ich lüge nicht“, sagte Delacroix ruhig. „Aber ich verstehe, warum ihr es nicht hören wollt.“
„Mein Vater ist kein Verräter!“, rief Anna.
„Vielleicht nicht“, sagte Delacroix. „Aber er ist ein Spieler. Und er spielt ein gefährliches Spiel.“
Anna schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Johann… bitte…“
Johann sah zwischen den beiden hin und her.
Delacroix. Anna. Zwei Menschen, denen er vertraute — und die sich widersprachen.
„Ich weiß nicht, wem ich glauben soll“, sagte Johann leise.
„Dann findet es heraus“, sagte Delacroix.
„Nein!“, rief Anna. „Kommt mit mir. Jetzt. Sofort.“
„Wohin?“, fragte Johann.
„Weg von hier“, sagte Anna. „Bevor es zu spät ist.“
„Zu spät wofür?“, fragte Delacroix.
Anna antwortete nicht.
Sie packte Johann am Arm.
„Bitte.“
Bevor Johann reagieren konnte, ertönte ein Geräusch, das die Nacht zerriss.
Ein Pfeil schlug gegen die Mauer neben Delacroix ein und zersplitterte.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter - beide, ohne zu treffen.
„Deckung!“, rief Delacroix.
Aus dem Wald unterhalb der Veitsburg stürmten Männer hervor — zehn, zwanzig, vielleicht mehr. Bewaffnet. Maskiert. Lautlos wie Schatten.
„Sie haben uns gefunden!“, rief Delacroix.
Anna schrie. Johann zog sie hinter die Mauer.
„Wer sind sie?“, rief Johann.
Delacroix zog seinen Säbel. „Die Männer im Schatten.“
„Wer führt sie?“
Delacroix’ Blick war hart.
„Der Mann, der Hönle geschickt hat.“
„Und wer ist das?“
Delacroix antwortete nicht.
Denn in diesem Moment trat jemand aus der Dunkelheit.
Eine Gestalt, groß, breit, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen.
Doch die Stimme war klar.
„Johann Keller“, sagte sie. „Endlich treffen wir uns.“
Johann erstarrte.
„Wer seid ihr?“
Die Gestalt lachte leise.
„Ein Mann, der viel in euch sieht.“
Er hob die Hand.
„Und der euch nicht gehen lassen wird.“
Der maskierte Anführer trat aus der Dunkelheit wie ein Schatten, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Die Fackeln der Angreifer warfen flackerndes Licht auf ihn, doch sein Gesicht blieb verborgen unter der tiefen Kapuze. Nur seine Stimme war klar — zu klar, zu ruhig für einen Mann, der mit bewaffneten Männern eine Burg stürmte.
„Johann Keller“, sagte er. „Ihr seid mutiger, als ich erwartet habe.“
Johann hob den Knüppel, obwohl seine Hände zitterten. „Wer seid ihr?“
Die Gestalt lachte leise. „Ein Mann, der viel in euch sieht. Ein Mann, der euch eine Zukunft bieten kann.“
Delacroix trat vor, den Säbel erhoben. „Ihr seid ein Feind Frankreichs. Und ein Feind dieses Tales.“
„Ich bin ein Feind der Schwachen“, sagte die Gestalt. „Und ein Freund derer, die bereit sind, zu handeln.“
Er hob die Hand.
„Tötet den Franzosen. Bringt mir den Zimmermann.“
Die Angreifer stürmten vor.
Delacroix reagierte schneller als jeder andere. Er stieß Johann zur Seite, zog seine Pistole und schoss den ersten Angreifer nieder. Dann zog er den Säbel und stellte sich zwischen Johann und die heranstürmenden Männer.
„Bleibt hinter mir!“, rief er.
Johann gehorchte — aber nur für einen Moment. Dann sprang ein Angreifer über die Mauer, direkt auf ihn zu. Johann hob den Knüppel, parierte den Schlag und rammte dem Mann den Ellbogen ins Gesicht. Der Angreifer fiel rückwärts über die Mauer und verschwand im Dunkel.
Anna schrie.
„Johann! Hinter euch!“
Ein zweiter Angreifer kam, schneller, entschlossener. Johann wich zurück, stolperte, fing sich wieder. Der Mann holte aus — doch Delacroix war da, parierte den Schlag und stieß den Angreifer mit einem gezielten Tritt zurück.
„Ihr seid kein Kämpfer“, rief Delacroix. „Also spielt nicht den Helden!“
„Ich tue, was ich muss!“, rief Johann zurück.
„Genau das macht euch gefährlich!“, rief Delacroix.
Der Anführer zeigt sein Gesicht und trat nun näher, langsam, wie ein Mann, der weiß, dass ihm niemand entkommen kann.
„Ihr kämpft gut, Keller“, sagte er. „Aber ihr kämpft für die falsche Seite.“
„Ich kämpfe für mein Tal“, sagte Johann.
„Euer Tal gehört denen, die es führen können“, sagte der Mann. „Nicht denen, die darin geboren wurden.“
Er hob die Hand — und zog die Kapuze zurück.
Johann erstarrte.
Anna keuchte.
Delacroix fluchte leise.
Denn das Gesicht, das nun im Fackelschein erschien, war kein fremdes.
Es war vertraut.
Zu vertraut.
Es war der reiche Händler und Ratsherr Friedrich Schneider.
Ein Mann, den jeder im Schussental kannte. Ein Mann, der als Wohltäter galt. Ein Mann, der in Ravensburg einflussreicher war als viele Adlige.
„Ihr?“, flüsterte Johann. „Warum?“
Schneider lächelte. „Weil dieses Tal mehr verdient als Bauern, Zimmerleute, Schreiberlinge und naive Träumer. Es verdient Ordnung. Stärke. Führung.“
Er deutete auf Delacroix.
„Und nicht die Herrschaft eines fremden Kaisers.“
„Ihr arbeitet mit Banditen“, sagte Delacroix. „Mit Mördern.“
„Ich arbeite mit Männern, die tun, was getan werden muss“, sagte Schneider. „So wie ihr, Capitaine. Nur dass ihr für den falschen Herrscher kämpft.“
Er wandte sich wieder Johann zu.
„Kommt mit mir. Ich mache euch reich. Ich mache euch mächtig. Ihr könnt dieses Tal führen — an meiner Seite.“
Johann schüttelte den Kopf. „Ich will keine Macht.“
„Doch“, sagte Schneider. „Ihr wollt Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit braucht Stärke.“
„Ich werde euch nie folgen“, sagte Johann.
Schneiders Blick wurde kalt.
„Dann werdet ihr sterben müssen.“
Bevor Schneider den Befehl geben konnte, ertönte ein Schrei.
„Vater!“
Johann fuhr herum.
Anna stand da, bleich, zitternd — und mit Tränen in den Augen.
„Anna?“, flüsterte Johann. „Was…?“
Schneider lächelte. „Ich wollte es euch später sagen, Keller. Aber ja — Anna ist meine Tochter.“
Johann fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
"Aber Anna, ich dachte du heißt mit Familiennamen ..."
Anna trat einen Schritt vor und unterbrach ihn. „Ich wollte es euch sagen… aber ich wusste nicht, wie.“
„Ihr habt mich belogen“, sagte Johann.
„Nein!“, rief Anna. „Ich habe euch nie belogen. Ich habe euch nur nicht alles gesagt.“
„Das ist dasselbe“, sagte Johann.
Anna schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich bin nicht wie er. Ich schwöre es.“
Schneider trat zwischen sie. „Sie gehört zu mir, Keller. Und sie wird bei mir bleiben.“
„Nein!“, rief Anna. „Ich gehe nicht mit euch!“
Schneiders Gesicht verhärtete sich. „Du wirst tun, was ich sage.“
„Ich werde tun, was richtig ist“, sagte Anna.
Ihr Vater hob die Hand — und zwei seiner Männer packten sie.
„Lasst sie!“, rief Johann.
„Ihr habt eure Wahl getroffen“, sagte Schneider. „Und sie hat die ihre getroffen.“
Er wandte sich ab.
„Tötet den Franzosen. Bringt mir Keller lebend.“
Die Angreifer stürmten erneut vor. Delacroix kämpfte wie ein Mann, der wusste, dass dies sein letzter Kampf sein könnte. Johann stellte sich neben ihn, obwohl seine Kräfte schwanden.
„Ihr hättet gehen sollen“, schrie Delacroix.
„Ich gehe nicht.“
„Dann sterben wir zusammen“, sagte Delacroix.
„Vielleicht“, sagte Johann. „Aber nicht heute.“
Er schlug einen Angreifer nieder, dann einen zweiten. Delacroix parierte einen Hieb, stieß seinen Gegner zurück, doch ein dritter traf ihn an der Schulter. Delacroix wankte.
„Capitaine!“, rief Johann.
„Ich bin… in Ordnung“, keuchte Delacroix.
Doch er blutete.
Schwer.
Die Angreifer drängten sie zurück, Schritt für Schritt, bis sie an der Mauer standen.
„Es ist vorbei“, sagte Schneider.
„Nein“, sagte Johann.
Er packte Delacroix, zog ihn zur Seite — und stieß den brennenden Fackelständer um.
Die Flammen breiteten sich rasend schnell aus, erfassten die Angreifer, die zurückwichen, stolperten, schrien.
„Rückzug!“, brüllte Schneider.
Die Männer flohen.
Auch Schneider wich zurück, sein Blick voller Hass.
„Das ist nicht vorbei, Keller!“, rief er. „Ihr habt keine Ahnung, was ihr entfesselt habt!“
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Die Sonne ging über Ravensburg auf, als Johann und Delacroix erschöpft auf der Mauer der Veitsburg saßen. Die Angreifer waren verschwunden. Anna war verschwunden. Ihr angeblicher Vater war verschwunden.
„Ihr habt mein Leben gerettet“, sagte Delacroix.
„Ihr habt meines gerettet“, sagte Johann.
Delacroix nickte. „Wir sind jetzt Verbündete.“
Johann sah ins Tal. „Und der Feinde haben wir genug.“
Delacroix folgte seinem Blick.
„Schneider wird zurückkommen“, sagte er. „Mit mehr Männern. Mit mehr Macht.“
„Und Anna?“, fragte Johann leise.
Delacroix schwieg einen Moment.
"Ich glaube nicht, dass sie auf der Seite von Schneider steht.“
Johann schloss die Augen.
„Ich werde sie finden“, sagte er.
„Und ich werde euch helfen“, sagte Delacroix.
Johann sah ihn an.
„Warum?“
Delacroix lächelte schwach.
„Weil dieses Tal zu wertvoll ist, als es von abgründigen Männern zerstören zu lassen.“
Er stand auf.
„Und weil ihr ein Mann seid, dem ich vertraue.“
Johann sah in die aufgehende Sonne.
Ein neuer Tag begann.
Ein Tag, an dem er wusste: Der Kampf um das Schussental hatte erst begonnen.
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Kapitel 3 folgt ...
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IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Der Morgen über dem "Schussental" war von jener Klarheit, die nur den ersten Stunden eines Sommertages vorbehalten ist, wenn die Welt noch unberührt scheint und die Natur frei ein- und ausatmen kann. Später, gegen Abend, würde ein grauer, schmutziger Schleier über den Wiesen, Wäldern, Straßen und Häusern liegen. Rauch aus Hunderten von Schloten und verschweltem Holz der Kohlenmeiler.
Jetzt in der Frühe war es ein feiner Hauch, der wie ein sanfter Schleier über den Wiesen zwischen Durlesbach und Mochenwangen, zwischen Ravensburg und Meckenbeuren lag - und die Schussen glitt lautlos durch das Tal, als wolle sie die Menschen nicht wecken, die in den umliegenden Städten, Dörfern und Weilern noch schliefen.
Doch einer war bereits unterwegs.
Johann Keller, Sohn eines Zimmermanns aus Berg, schritt mit kräftigen, gleichmäßigen Schritten über den schmalen Feldweg, der sich durch die Wiesen zog. Er war ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, mit breiten Schultern, dunklem Haar und einem Blick, der zugleich wachsam und neugierig war. Sein ledernes Werkzeugbündel hing über seiner Schulter, und an seinem Gürtel trug er ein kleines, aber scharfes Messer, wie es Zimmerleute jener Zeit stets bei sich führten.
Johann war auf dem Weg nach Ravensburg. Die freie Handelsstadt, stolz und reich an Geschichte, war ein Magnet für Handwerker, Händler und Abenteurer, leider auch für Taugenichtse und Tagdiebe. Auch der alte Bückler aus dem Taunus mit seinem Sohn und berüchtigte Schwarze Veere Hohenleiter aus Biberach, sollen schon in der Taverne zu den "Elf Räubern" gesehen worden sein.
Und Johann, der mehr suchte als nur Arbeit, fühlte, dass sein Weg ihn gerade heute dorthin nach Ravensburg führen musste.
Der Duft frisch gemähten Grases lag in der Luft, und aus den Erlen am Flussufer erklang das Singen der Vögel. Ein leichter Wind strich über die Felder und brachte die Halme zum Tanzen. Johann blieb stehen, atmete die noch frische Luft tief ein und schloss für einen Moment die Augen.
„Ein guter Tag“, murmelte er. „Ein Tag, an dem etwas beginnt.“
Er wusste nicht, wie recht er mit dem Letzten hatte.
Denn während er ahnungslos weiterging, bewegten sich im Süden, jenseits des Bodensees, die ersten Regimenter Napoleons. Man hatte sie in Lörrach gesehen, marschbereit, entschlossen, nach Ravensburg auch Biberach und Ulm einzunehmen. Die Menschen im Schussental spürten die Unruhe, auch wenn sie sie nicht aussprachen. Die Zeit war in Bewegung geraten, und niemand wusste, wohin sie führen würde.
Als Johann die Brücke über die Schussen erreichte, bemerkte er eine Gestalt am Ufer. Eine junge Frau kniete dort und schöpfte Wasser in einen Holzeimer. Ihr blondes Haar war zu einem festen Knoten gebunden, doch einige Strähnen hatten sich gelöst und glänzten im Morgenlicht. Ihr Kleid war schlicht, aber sauber, und ihre Bewegungen verrieten eine Mischung aus Anmut und Entschlossenheit.
Johann wollte weitergehen, doch etwas hielt ihn zurück. Vielleicht war es die Art, wie sie sich umsah — schnell, nervös, als erwarte sie etwas. Oder jemanden.
Da hörte er es: das Knacken von Ästen, das Rascheln von Schritten.
Drei Männer traten aus dem Gebüsch. Grob gekleidet, mit Messern an den Gürteln. Marodierende Landsknechte, wie man sie in diesen Zeiten immer häufiger sah. Männer ohne Herr, ohne Sold, ohne Moral.
„Guten Morgen, schöne Maid“, sagte der Vorderste mit einem schiefen Grinsen. „Ein wenig Gesellschaft gefällig?“
Die Frau wich zurück, der Eimer fiel ins Gras.
Johann handelte, bevor er dachte. Er trat vor, stellte sich zwischen die Frau und die Männer.
„Lasst sie in Ruhe“, sagte er ruhig.
Der Größte der drei lachte. „Und wer bist du? Ein Zimmermann auf der Walz?“
„Einer, der euch rät, weiterzugehen.“
„Oder was? Willst du uns mit deinem Hobel erschlagen?“
Johann nahm sein Bündel ab und ließ es fallen. Sein Körper und seine Hände waren frei.
„Wenn es sein muss.“
Die Männer zögerten. Etwas an ihm — vielleicht die Ruhe, vielleicht die Entschlossenheit — ließ sie unsicher werden. Doch der Größte schnaubte verächtlich.
„Komm, Bursche. Zeig, was du kannst.“
Er stürmte vor. Johann wich aus, packte den Arm des Angreifers und riss ihn herum. Der Mann stolperte, fiel ins Gras. Die beiden anderen zogen ihre Messer.
„Das reicht“, sagte Johann. „Geht.“
Die Männer sahen einander an. Dann zogen sie sich knurrend zurück und verschwanden wieder im Unterholz. Der dritte folgte ihnen fluchend.
Johann atmete aus. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hände zitterten.
Die junge Frau trat vor. „Ihr habt mir das Leben gerettet“, sagte sie leise. „Ich heiße Anna Riedmiller.“
„Johann Keller.“
Sie lächelte. „Ich kenne euren Namen. Eure Familie ist auch in Durlesbach bekannt. Mein Vater handelt dort mit Holz. Vielleicht habt ihr ihn schon getroffen.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte Johann und tat gleichgültig. „Geht es euch gut?“
„Ja. Dank euch."
Sie sah ihn an, und in diesem Blick lag etwas, das Johann nicht einordnen konnte. Dankbarkeit, gewiss. Aber auch etwas anderes — etwas, das ihn verunsicherte und zugleich anzog.
„Wohin seid ihr unterwegs?“, fragte sie.
„Nach Ravensburg.“
„Dann lasst mich bitte euch ein Stück begleiten. Ich muss nach Altdorf.“
Johann nickte. Und so gingen sie gemeinsam weiter, während die Sonne über dem Tal aufstieg.
Als sie die Siedlung erreichten, kam ihnen die hier vor einhundertzwanzig Jahren von Meister Beer erbaute mächtige Basilika wieder einmal gleich einem Fremdkörper inmitten der geduckten Häuser und wie ein steinerner Riese vor. Die Glocken läuteten, und einige wenige Pilger wandelten Gebete murmelnd durch die Straßen. Johann und Anna gingen weiter, vorbei an den Werkstätten der Schmiede, den Ständen der Müller, den Häusern der alten Familien wie Bachmann, Fensterle, Geiselhart, Sigg oder Volz.
„Ihr kennt viele Menschen hier“, sagte Johann.
„Ich bin hier einst aufgewachsen“, antwortete Anna. „Und ihr?“
„Ich kenne nur die Wälder und die Hölzer, Wege und die Wiesen.“
„Dann wird es Zeit, dass ihr die Stadt kennenlernt.“
Sie lächelte — und Johann spürte, wie etwas in ihm weich wurde.
Nachdem sie das welfische Altdorf durchwandert hatten, entschied sich Anna, den Johann doch weiter über die Stadtgrenze nach Ravensburg hinein zu begleiten. Sie sagte etwas von "Verwandte besuchen" und dass Altdorf heute nicht so wichtig sei. Johann nahm es mit einem stillen Lächeln, pochendem Herzen und wohl einordnend zur Kenntnis.
Doch als sie über den Sonnenbüchel, an der Gärtnerei und dem Hospital der Schwestern von Sankt Elisabeth vorbei die Ravensburger Stadtmauern erreichten, wich die Wärme aus seinem Innern.
Denn am Tor neben der Frauenkirche standen Soldaten.
Nicht Soldaten der Region.
Sondern fremde.
Ihre Uniformen trugen die Farben Frankreichs.
Die Soldaten standen reglos wie Statuen. Ihre Uniformen waren sauber, ihre Stiefel glänzten, und ihre Gesichter verrieten jene Mischung aus Müdigkeit und Härte, die nur Männer tragen, die zu lange marschiert sind und zu viel gesehen haben. Die Sonne spiegelte sich auf ihren Bajonetten, und die Luft schien für einen Moment still zu stehen.
Johann spürte, wie Anna neben ihm unwillkürlich langsamer wurde.
„Sie sind schon so weit im Land“, flüsterte sie.
„Sie marschieren schnell“, antwortete Johann. „Zu schnell. Und Lörrach ist nur 40 Meilen entfernt.“
Ein Offizier trat vor. Er war jung, vielleicht kaum älter als Johann, doch sein Blick war scharf und wachsam. Er musterte die beiden, als wollte er ihre Gedanken lesen.
„Zweck eures Besuchs?“, fragte er in stark französisch angehauchten und holprigen Dialekt.
„Ich suche Arbeit“, sagte Johann ruhig. „Ich bin Zimmermann, Menuisier.“ Johann unterstrich seine Worte mit einer Handbewegung.
Der Offizier nickte knapp. „Die Stadt ist offen für euch. Aber seid vorsichtig. Es gibt Unruhe.“
„Wegen der Franzosen?“, fragte Johann, ohne es provozierend zu meinen.
Der Offizier lächelte dünn. „Wegen des Krieges. Und der Menschen, die ihn fürchten.“
Er winkte sie durch.
Johann und Anna betraten die Stadt.
Ravensburg war sonst eine Stadt voller Leben, Handel und Stimmengewirr. Doch an diesem Tag lag eine seltsame Spannung über den Gassen. Händler packten ihre Waren schneller ein als sonst, Mütter zogen ihre Kinder von den Straßen, und die Bürger sprachen leiser, als fürchteten sie, jemand könnte zuhören.
Doch gleichzeitig war es auch die sogenannte Rutenfestzeit — und solch ein Fest ließ sich nicht so leicht verdrängen.
Trommler in weißen Leinen und roten Halstüchern marschierten durch die Straßen Richtung der Kuppelnau; Kinder liefen mit bunt geschmückten Weidenruten hinterher, und aus den Tavernen klangen Lachen, Gläserklirren und Musik. Es war, als kämpften zwei Welten miteinander: die des Krieges und die des Lebens.
„Es ist seltsam“, sagte Anna. „Alles wirkt wie immer — und doch ist alles anders.“
„So ist es oft, bevor etwas geschieht“, antwortete Johann.
Sie gingen weiter durch die Stadt, vorbei an den Werkstätten der Schneider, den Ständen der Holzschnitzer, Hutmacher, Kerzenzieher und Bäcker, vorbei an den Häusern der alten Familien mit Namensschildern. Bachmann, Fensterle, Geiselhart, Spohn, Gmeinder und Ziesel. Familien, die seit Generationen im Schussental verwurzelt waren.
Doch dann sah er ein Gesicht, das ihm weniger willkommen war.
Matthias Hönle!
Der Fuhrknecht stand an einer Ecke, sprach mit einem französischen Soldaten und gestikulierte heftig. Als er Johann bemerkte, erstarrte er — und wich einen Schritt zurück.
„Ihr kennt ihn?“, fragte Anna.
„Leider“, sagte Johann. „Und wenn er mit Soldaten spricht, bedeutet das eh nichts Gutes.“
Hönle wandte sich ab und verschwand in einer Seitengasse.
Johann folgte ihm.
Die Gasse war eng, feucht und dunkel. Der Lärm des Marktes verstummte hinter ihnen, und nur das Tropfen von Wasser aus der undichten Wasserleitung einer Hauswand war zu hören. Johann blieb stehen, lauschte.
Schritte. Ein Flüstern. Ein metallisches Klicken.
„Hönle!“, rief Johann.
Keine Antwort.
Doch dann trat jemand aus dem Schatten — nicht Hönle, sondern ein französischer Soldat, die Pistole erhoben.
„Ihr hättet nicht kommen sollen“, sagte eine Stimme hinter Johann.
Johann drehte sich langsam um. Hönle grinste, doch sein Blick war nervös.
„Du störst meine Geschäfte, Keller.“
„Welche Geschäfte? Verrat? Schmuggel? Intrigen?“
„Nenne es, wie du willst.“
Der Soldat spannte den Hahn.
Doch in diesem Augenblick ertönte eine Stimme vom Ende der Gasse.
„Arrêtez!“
Ein Offizier trat hervor — elegant, selbstbewusst, mit einem Gesicht, das eher an einen Pariser Salon als an ein Schlachtfeld erinnerte. Seine Uniform war makellos, sein Blick scharf.
Es war Capitaine Armand Delacroix.
Er musterte die Szene, dann Hönle, dann Johann.
„Was geht hier vor?“, fragte er ruhig.
Der Soldat salutierte. „Der Mann spioniert, mon capitaine.“
„Unsinn“, sagte Johann. „Ich folge nur einem Dieb.“
Delacroix trat näher, seine Augen funkelten.
„Ein braver Zimmermann, wie ich sehe. Und kein Feind.“
Er wandte sich an den Soldaten. „Senkt die Waffe.“
Der Soldat gehorchte ruckartig.
Hönle jedoch wich zurück. „Capitaine, er—“
„Schweig“, sagte Delacroix. „Ich kenne euresgleichen. Ihr würdet eure eigene Mutter verkaufen, wenn der Preis stimmt.“
Hönle verstummte.
Delacroix wandte sich wieder Johann zu. „Monsieur. Ich rate, euch aus Dingen herauszuhalten, die euch nichts angehen. In diesen Zeiten ist Vorsicht mehr wert als Mut.“
Er verließ die Gasse — und nahm den Soldaten mit.
Hönle blieb zurück, bleich, zitternd — und ging gebeugt davon.
Johann atmete tief durch.
„Johann!“
Anna stand am Eingang der Gasse, außer Atem.
„Ich habe euch überall gesucht! Was ist geschehen?“
„Nichts, was euch beunruhigen muss“, sagte Johann.
Doch Anna sah ihm an, dass es nicht stimmte.
Sie stiegen den steilen Weg zur Veitsburg hinauf. Der Wind wurde stärker, trug den Duft von Harz und feuchtem Laub mit sich. Unter ihnen lag Ravensburg wie ein lebendiges Gemälde: die Türme, die Gassen, der mit Kalk getünchte Mehlsack, der in der Sonne glänzte.
„Ich komme manchmal hierher“, sagte Anna. „Wenn ich nachdenken muss. Der Weg ohne Fuhrwerk ist lang.“
„Und worüber denkt ihr nach?“
„Über vieles. Über meinen Vater. Über die Zukunft. Über den Krieg.“
„Der Krieg wird vorübergehen."
„Aber was bleibt dann?“
Johann wusste keine Antwort.
Sie erreichten die Veitsburg. Von hier aus sah man fast das ganze Schussental und das Flüsschen. Die Schussen schlängelte sich wie ein silbernes Band durch die Wiesen. Rauch stieg aus den Schornsteinen der Dörfer. Und am Horizont Richtung des Bregenzer Sees, fern und doch bedrohlich nahe, sah man Staubwolken.
„Napoleons Nachschub?“, fragte Anna leise.
„Ja, die Soldaten kommen schneller, als man denkt.“
„Und was wird dann aus uns?“
Johann sah sie an. „Wir werden tun, was wir immer tun. Arbeiten. Leben. Kämpfen, wenn es sein muss.“
Sie blickte ihn lange an. „Ihr seid mutig, Johann Keller.“
„Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Nein“, sagte sie. „Ihr seid mehr.“
Als sie in die Stadt zurückkehrten, war das Rutenfest in vollem Gange. Spaßige junge Trommler, welche versuchten die echten zu imitieren, marschierten mit ernsten Gesichtern durch die Straßen; Kinder lachten; Händler priesen ihre Waren an. Der Duft von gebrannten Mandeln und frisch gebackenem Brot lag in der Luft.
Johann und Anna mischten sich unter die Menge.
„Kommt“, sagte Anna. „Ich zeige euch etwas.“
Sie führte ihn zu einem kleinen Stand, an dem ein alter Mann Weidenruten verkaufte. Jede war kunstvoll mit bunten Bändern und Federn geschmückt.
„Eine Rute für den jungen Herrn?“, fragte der Alte.
„Ja, für ihn“, sagte Anna.
Der Alte reichte Johann eine Rute mit einem geschnitzten Adler am oberen Ende.
„Ein Zeichen der Stärke“, sagte er.
Johann wollte den Alten gerade fragen, was er damit meinte — doch in diesem Moment ertönte ein Schrei.
„Feuer!“
Die Menge drehte sich um. Rauch stieg aus einem Haus am Rand des Marktes.
„Das ist das Haus der Familie Berger!“, rief jemand.
„D' Chind sind no drin!!“, schrie eine Frau. Es war die junge Mutter, eine Witwe, die erst vor einem Jahr von Zürich nach Württemberg eingewandert war und einen Einkaufskorb hielt.
Johann zögerte keine Sekunde.
„Bleibt hier“, sagte er zu Anna.
Dann rannte er los.
Das Feuer fraß sich mit gierigen Zungen durch das Holzgebälk des alten Hauses. Funken stoben in die Luft, Rauch quoll aus den Fenstern, und die Hitze war so stark, dass viele Menschen auf dem Marktplatz instinktiv zurückwichen. Doch Johann rannte weiter, ohne zu zögern, ohne zu überlegen.
Er stieß die Tür auf. Ein Schwall heißer Luft schlug ihm entgegen, als wollte das Feuer ihn hinausdrängen. Doch Johann drückte sich hinein, den Arm vor das Gesicht gehalten, die Augen zusammengekniffen.
„Hallo! Ist jemand hier?“, rief er.
Ein kaum hörbares Wimmern antwortete.
Er folgte dem Geräusch, tastete sich durch den dichten Rauch, der seine Lungen brennen ließ. Die Hitze war unerträglich, doch er kämpfte sich vorwärts, Schritt für Schritt, bis er zwei kleine Gestalten erkannte, die sich unter einem Tisch zusammengeduckt hatten.
„Kommt! Schnell!“, rief er.
Das ältere der beiden Kinder, ein Junge von vielleicht acht Jahren, zog das kleinere Mädchen an sich. Johann hob das Mädchen auf den Arm und nahm den Jungen an die Hand.
Ein Balken krachte herab, Funken sprühten. Johann duckte sich, spürte die Glut an seinem Rücken. Der Weg zurück war bereits halb versperrt.
„Wir halten durch!“, keuchte er ermutigend.
Johann rannte, stolperte, drängte sich samt den Kindern durch die Flammen, die nach ihnen griffen wie lebendige Wesen. Seine Augen tränten, seine Haut brannte, doch er erreichte die Tür — und stürzte ins Freie.
Die Menge brach in Jubel aus. Die Mutter der Kinder fiel weinend vor ihm auf die Knie.
„Ihr hends grettet!!“, schluchzte sie.
Johann wollte etwas sagen, doch seine Knie gaben nach. Anna war sofort bei ihm, stützte ihn und half ihm auf.
„Johann!“, rief sie. „Ihr seid verletzt!“
„Mir geht es gut“, keuchte er.
Er wusste, dass dies nicht stimmte. Sein Rücken schmerzte, seine Hände waren verbrannt, und sein Atem ging schwer. Doch schlimmer als die körperlichen Schmerzen war das Gefühl, dass dieses Feuer kein Zufall gewesen war.
Und er sollte recht behalten.
Noch während die Löscharbeiten liefen, drängte sich ein Mann durch die Menge. Er war klein, hager, mit einem Gesicht, das an einen hungrigen Fuchs erinnerte. Sein Name war Jakob Ziesel, ein Schreiberling, der für seine Neugier und seine scharfe Zunge bekannt war.
„Johann Keller!“, rief er. „Ich habe gesehen, wie ihr hineingerannt seid. Ein Held, sagt man!“
„Ich bin kein Held“, sagte Johann müde.
„Vielleicht nicht“, sagte Ziesel. „Aber ihr habt etwas gesehen, nicht wahr?“
Johann sah ihn an. „Was meint ihr?“
Ziesel beugte sich vor. „Das Feuer. Es hat zu schnell gebrannt. Zu heiß. Zu gezielt.“
Johann schwieg.
„Ich habe jemanden gesehen“, flüsterte Ziesel. „Jemanden, der kurz vor dem Brand das Haus verließ.“
„Wen?“
Ziesel sah sich um, als fürchte er, belauscht zu werden.
„Matthias Hönle.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.
„Seid ihr sicher?“
„So sicher, wie ein Mann sein kann, der sein Leben liebt“, sagte Ziesel. „Und ich rate euch: Passt auf euch auf. Hönle ist nicht allein.“
Er verschwand in der Menge.
Johann sah ihm nach. Sein Herz schlug schneller. Hönle hatte also nicht nur mit den Franzosen zu tun — er war auch bereit, seine eigenen Leute zu verraten.
Doch warum?
Als die Sonne unterging, lag eine seltsame Ruhe über Ravensburg. Das Feuer war gelöscht, die Kinder in Sicherheit, doch die Stadt war unruhig. Das Rutenfest war aus Anstand vor dem Feuer und dem gerade noch geretteten Menschenleben zu einer Pause des Mitleidens und der Dankbarkeit eingekehrt. Die Spaßtrommeln waren verstummt und es war ruhig in den Spelunken. Die französischen Soldaten patrouillierten, die Händler packten ihre Waren zusammen, und über allem lag eine zusätzliche Spannung, die man fast greifen konnte.
Johann und Anna saßen am Rand des Marktplatzes, etwas abseits vom Trubel. Anna hatte ihm kaltes Wasser gebracht und seine verbrannten Hände mit einem Tuch umwickelt.
„Ihr habt heute Leben gerettet“, sagte sie leise.
„A wah! Jeder hätte es getan.“
„Nein“, sagte sie. „Nicht jeder.“
Johann sah in die Ferne, dorthin, wo die nun unsichtbaren Staubwolken der französischen Armee aufstiegen.
„Ich weiß nicht, was kommt“, sagte er. „Aber ich weiß, dass ich nicht tatenlos zusehen werde.“
Anna legte ihre Hand auf seine.
„Dann werde ich an eurer Seite stehen.“
Johann sah sie an — und in diesem Moment wusste er, dass sein Weg durch das Schussental nicht nur von Krieg und Abenteuer geprägt sein würde, sondern auch von etwas anderem. Etwas, das stärker war als Angst.
Etwas, das ihn tragen würde.
Doch die Nacht brachte keine wirkliche Ruhe.
Es war spät, als Johann sich auf den Weg zu seiner Unterkunft machte — einer kleinen Kammer über der Werkstatt eines befreundeten Zimmermanns. Die Straßen waren dunkel, nur wenige Laternen brannten. Der Wind trug den Geruch von Rauch und feuchtem Stein mit sich.
Johann ging durch eine enge Gasse, als er Schritte hinter sich hörte.
Er blieb stehen.
„Wer da?“
Keine Antwort.
Dann bewegte sich etwas im Schatten.
Johann drehte sich — doch zu spät.
Ein Schlag traf ihn am Hinterkopf. Er stürzte zu Boden. Zwei Gestalten sprangen auf ihn, hielten ihn fest.
„Du hättest dich nicht einmischen sollen, Keller“, zischte eine Stimme.
Es war Hönle.
Johann versuchte sich zu wehren, doch seine Kräfte reichten nicht. Ein Messer blitzte im Dunkeln.
„Es ist nichts Persönliches“, sagte Hönle. „Nur Geschäfte.“
„Geschäfte mit wem?“, keuchte Johann.
„Mit denen, die zahlen.“
Das Messer senkte sich.
Doch bevor es Johann traf, ertönte ein Schrei.
„Haltet ein!“
Eine dritte Gestalt stürzte heran — und riss Hönle zur Seite.
Johann erkannte die Stimme.
Capitaine Delacroix.
Delacroix’ Stimme durchschnitt die Dunkelheit wie ein Peitschenhieb. Hönle fuhr herum, das Messer noch in der Hand, die Augen weit vor Schreck. Der französische Offizier stand am Eingang der Gasse, die Silhouette scharf gegen das fahle Licht einer flackernden Laterne.
„Lass die Waffe fallen“, sagte Delacroix ruhig.
Hönle zögerte. Ein Moment, kaum länger als ein Atemzug, doch lang genug, um zu zeigen, dass er überlegte, ob er fliehen oder kämpfen sollte. Dann ließ er das Messer klirrend auf das Pflaster fallen und hob die Hände.
„Capitaine… ich… ich wollte nur—“
„Schweigt“, sagte Delacroix. „Ich habe genug von euren Ausreden.“
Er trat näher, packte Hönle am Kragen und stieß ihn gegen die Wand. „Ihr habt versucht, einen Mann zu töten, der euch nichts getan hat. Und das in meiner Stadt.“
„Eure Stadt?“, keuchte Hönle.
Delacroix’ Augen verengten sich. „Solange meine Männer hier stehen, ist sie auch meine.“
Er ließ Hönle los. „Verschwindet. Und wenn ich euch noch einmal in einer dunklen Gasse sehe, werde ich nicht so gnädig sein.“
Hönle rannte davon - wieder einmal gedemütigt.
Delacroix wandte sich Johann zu, der sich mühsam aufrichtete.
„Ihr habt ein Talent dafür, Ärger anzuziehen, Monsieur.“
„Ich suche ihn nicht“, sagte Johann. „Er scheint mich finden zu wollen.“
Delacroix lächelte dünn. „Ja, das passiert manchen Männern. Die Welt scheint sie zu prüfen.“
Er reichte Johann die Hand und half ihm auf.
„Ihr solltet vorsichtiger sein“, sagte der Offizier. „Es gibt Menschen, die euch fürchten. Und Menschen, die euch benutzen wollen.“
„Und zu welcher Sorte gehört ihr?“, fragte Johann.
Delacroix’ Blick wurde für einen Moment undurchdringlich.
„Zu der Sorte, die weiß, dass dieser Krieg mehr ist als ein Kampf um Land. Und dass Männer wie ihr eine Rolle darin spielen werden — ob sie wollen oder nicht.“
Er wandte sich ab. „Kommt morgen zur Veitsburg. Ich möchte euch etwas zeigen.“
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Johann blieb zurück, verwirrt, erschöpft — und mit dem Gefühl, dass sich ein Netz um ihn spannte, dessen Fäden er noch nicht kannte.
Als Johann endlich seine Unterkunft erreichte, wartete jemand auf ihn.
Anna.
Sie stand im Schatten des Torbogens, die Hände vor sich verschränkt, das Gesicht angespannt.
„Johann!“, rief sie, als sie ihn sah. „Ich habe gehört, was geschehen ist. Seid ihr verletzt?“
„Nur ein paar Schrammen.“
Sie trat näher, berührte vorsichtig seinen Arm. „Ihr müsst vorsichtiger sein. Hönle ist gefährlich.“
„Ich weiß.“
„Und er ist nicht allein.“
Johann sah sie an. „Was wisst ihr?“
Anna zögerte. Ihr Blick glitt zur Seite, als kämpfte sie mit sich selbst.
„Mein Vater…“, begann sie. „Er handelt nicht nur mit Holz. Er hat Verbindungen. Zu Leuten, die Dinge wissen, die sie lieber nicht wissen sollten.“
„Welche Dinge?“
„Über die Franzosen. Über ihre Pläne. Über Männer wie Hönle. Über Machenschaften im Dunkel. Über Figuren im Schatten.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. „Warum sagt ihr mir das erst jetzt?“
„Weil ich euch nicht hineinziehen wollte“, sagte Anna leise. „Aber es ist zu spät. Ihr seid schon mittendrin.“
Sie sah ihn an, und in ihren Augen lag Angst — nicht um sich selbst, sondern um ihn.
„Delacroix ist nicht, was er scheint,“ flüsterte sie.
„Und was scheint er zu sein?“
„Ein Mann mit zwei Gesichtern.“
Johann wollte mehr wissen, doch Anna legte ihm die Hand auf den Mund.
„Nicht hier. Nicht jetzt. Die Wände haben Ohren.“
Sie wandte sich ab und verschwand in der Dunkelheit.
Johann blieb zurück — mit mehr Fragen als Antworten.
Am nächsten Morgen wurde Ravensburg vom Klang der Trommeln geweckt. Es waren aber keine Landsknechte oder andere Rutentrommler.
Das Franzosen-Regiment zog von der Kirche der Reformierten auf den Marienplatz. Infanterie, Kavallerie, Artillerie. Die Pferde schnaubten, die Kanonen rollten, die Soldaten sangen. Die Bürger standen an den Straßen, manche neugierig, manche verängstigt, manche wütend.
Johann stand beim Blaserturm, der wegen bevorstehender Renovationen mit Holzbalken eingerüstet war, und beobachtete den Zug. Delacroix ritt an der Spitze, stolz, aufrecht, mit einem Blick, der alles sah und nichts verriet.
Als er an Johann vorbeikam, nickte er ihm kaum merklich zu.
Johann erwiderte den Gruß nur zögerlich und mit schlechtem Gewissen.
Er dachte an Annas Worte.
Ein Mann mit zwei Gesichtern.
Doch welches war das wahre?
Trotz Annas Warnung aber ging Johann am Nachmittag zur Veitsburg. Er musste wissen, was Delacroix wollte. Er musste verstehen, warum ein französischer Offizier sich für einen einfachen Zimmermann interessierte.
Delacroix wartete bereits. Er stand an der Mauer, den Blick über das Tal gerichtet.
„Ihr seid gekommen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Ich will Antworten.“
„Und ich will euch welche geben.“
Er deutete auf das Tal in Richtung Norden. „Seht ihr die Staubwolken dort hinten?“
Johann nickte.
„Das ist nicht meine Armee“, sagte Delacroix. „Das sind Plünderer, Landsknechte, Deserteure. Männer ohne Herrn. Sie ziehen durch das Land, brennen, rauben, töten.“
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Delacroix wandte sich ihm zu. „Ihr habt Mut. Und ihr habt Einfluss. Die Menschen im Schussental hören auf euch — mehr, als ihr glaubt.“
„Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Nein“, sagte Delacroix. „Ihr seid ein Mann, der handelt, wenn andere zögern. Ein Mann, der Kinder aus einem brennenden Haus trägt. Ein Mann, der sich drei Männern entgegenstellt. Ein Mann, der bereit ist die Wahrheit beim Namen zu nennen, wenn's sein muss.“
Er trat näher. „Ich brauche Männer wie euch.“
„Wofür?“
„Um das Tal zu befreien und zu schützen.“
Johann lachte bitter. „Ihr? Ein französischer Offizier? Ihr wollt das Schussental befreien? Wovon denn? Ihr wollt es schützen? Wovor denn?“
Delacroix’ Blick wurde hart. „Ich will verhindern, dass es zerstört wird. Von den wirklichen Feinden dieses Tales.“
Johann wollte antworten — doch in diesem Moment ertönte ein Schrei.
Ein Bote rannte den Weg zur Veitsburg hinauf, völlig außer Atem.
„Überfall!“, rief er. „Bei Mochenwangen! Sie kommen!“
Delacroix’ Gesicht veränderte sich.
„Es beginnt“, sagte er.
Johann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Wer kommt?“, fragte er.
Der Bote keuchte: „Die Plünderer. Und… und Hönle ist bei ihnen.“
Johann erstarrte.
Delacroix legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ihr wolltet Antworten, Monsieur. Jetzt bekommt ihr sie.“
Er sah ins Tal.
„Und ihr müsst euch entscheiden.“
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Es folgt Kapitel 2 ...