Zum 100. Geburtstag des Holocaustüberlebenden LEON WEINTRAUB - "Das Wort HASS habe ich gestrichen, aber vergeben kann ich nicht."
Schussental-Medial
Leon Weintraub, der gestern, am 1. Januar 2026, seinen 100. Geburtstag feiern durfte, erlebte das Grauen der Konzentrationslager während der deutschen Naziherrschaft. 'Es gibt Bilder, die einen nicht loslassen', meinte er bei einem seiner vielen Veranstaltungen als mahnender Holocaustüberlebender. Das Wort "Hass" habe er aus seinem Wörterbuch gestrichen, doch vergeben, das könne er nie. Bilder, die ihn nicht loslassen würden, sind vor allem die aus dem Konzentrationslager Flossenbürg, wo er mit all den anderen unter Kälte und Hunger litt und dem Tod täglich ins Auge schauen musste. Er überlebte das alles. Doch in Polen holte in der dort wieder aufkeimende Antisemitsmus ein, so dass er wegen Berufsverbots als Arzt nach Norwegen immigrierte. Leon Weintraub kehrte 2008 an den Ort seines Leidens zurück. Er brauchte lange, um über die Zeit im nationalsozialistischen Lager sprechen zu können. Vor zwei Jahren erschien sein Buch "Die Versöhnung mit dem Bösen".-----------------------------------------
Als sich die Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg im April zum 80. Mal jährte, hielt Emilia Rotstein eine Gedenkrede. Sie ist die Tochter des Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub. Mit berührenden Worten erzählte sie von ihrem Vater, der unter den Gästen sass: Wie er im Februar 1945 als Gefangener mit der Häftlingsnummer 82707 nach Flossenbürg kam und erlebte, wie sich ein Haufen von Menschenkörpern in Häftlingsanzügen über den Appellplatz bewegt. Um die Eiseskälte des Lagers auszuhalten, klammerten sich die zitternden Gefangenen aneinander – wie an einen menschlichen Ofen. Bei der Schilderung kämpften Vater und Tochter mit den Tränen.
«Vergessen würde den Überlebenden abermals das Leben rauben», sagte seine Tochter. Weintraub sass aufrecht, im Anzug mit Fliege unter den rund tausend Gästen, ein Grandseigneur mit scharfem Verstand. Am 1. Januar wird Leon Weintraub 100 Jahre alt.
«Schlimmer als Auschwitz»Weintraub, der polnische Jude, 1926 in Lodz geboren, hat immer wieder über diese für ihn ikonische Szene berichtet, weil sie etwas mit ihm gemacht habe: «Ich betrete den Appellplatz und sofort kommen leichte Störungen und Vibrationen vom Boden über die Füsse an meinen Körper. Es sind die Erinnerungen an diesen Haufen von Menschenkörpern in der Gefangenenzeit», sagte Weintraub vor zwei Jahren im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der spätere Arzt emigrierte 1969 von Warschau nach Schweden.Bis heute gebe es diese Bilder von Flossenbürg in seinem Kopf, «obwohl ich zu dieser Zeit mehr tot als lebendig war», berichtete er. Das Übernachten unter engsten Bedingungen, die Kälte und der Hunger: «Das habe ich nicht einmal in Auschwitz so erlebt oder in den Aussenlagern von Groß-Rosen wie in diesem furchtbaren Flossenbürg.»
Werbung«Der Tod war etwas Gegebenes»In dem Oberpfälzer Konzentrationslager vegetierten die Gefangenen dahin, apathisch, ausgemergelt von den Arbeiten im Steinbruch und dem permanenten Hunger: «Der Tod war etwas Gegebenes. Es war keine Überraschung, dass man sterben sollte.»
Im August 1944 war er mit seiner Mutter und drei Schwestern ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Seine Mutter sah er auf der berüchtigten «Selektions-Rampe» zum letzten Mal. Nach einigen Wochen gelang es ihm, aus dem Lager zu entfliehen, indem er sich unbeobachtet vom Wachpersonal einem Transport zu einem Aussenlager des KZ Groß-Rosen anschloss.
Er wog noch 35 KilogrammIm Februar 1945 trieben die Nazis ihn und andere auf einen Todesmarsch in das KZ Flossenbürg. Dort angekommen, «wurden wir für die Quarantäne auf einer Pritsche zu viert untergebracht, morgens wachte ich auf mit einem kalten Fuss an der Wange: Ein Leidensgenosse war für immer eingeschlafen».
Bei der Evakuierung von Flossenbürg wurde er über verschiedene Stationen weiter in das Aussenlager Offenburg des KZ Natzweiler-Struthof deportiert. Die französische Armee befreite ihn schliesslich bei Donaueschingen. Weintraub wog nur noch 35 Kilogramm und musste wegen einer Typhusdiagnose mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden.
In Stockholm beginnt sein drittes LebenEr kämpfte sich zurück ins Leben. Aus seiner Lagererfahrung heraus habe er die Entscheidung gefällt, Arzt zu werden und in der Geburtshilfe tätig zu sein, sagte er einmal. Weil er miterlebt hat, wie Tausende Menschen ermordet werden, will er eine menschliche Welt schaffen, so interpretiert Jörg Skriebeleit das, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg. Weintraub praktizierte nach dem Medizinstudium in Göttingen als Arzt in Warschau. Doch 1969 emigrierte er nach einer antisemitischen Welle in Polen nach Stockholm und begann dort quasi sein «drittes» Leben.
Nach Flossenbürg, einen der Orte seiner Leiden, kehrte er 2008 zum ersten Mal zurück und empfand eine Art von souveräner «Genugtuung», wie er es ausdrückt. Für das Sprechen über seine Zeit in den nationalsozialistischen Lagern habe es Zeit gebraucht. Doch dann reiste er mit der kompletten Familie an, mit den drei Söhnen, seiner Tochter, den Enkeln und seiner Frau.
Kein Wort des HassesSkriebeleit, der das Verbindende der Gedenkstätte als «Generationenort» herausstellt, erinnert sich noch gut: «Es war gleich eine menschliche Wärme und Nähe da.» Bis heute suche man auch das Wort «Hass» in Weintraubs Wortschatz vergebens. Das mache ihn soaussergewöhnlich. «Er ist ein autonomer, reflektierter und herzenswarmer Mensch.» Und er mische sich bis heute politisch ein, appelliere an die junge Generation, das Geschehene nicht zu vergessen.
Nach Flossenbürg sei er jedes Jahr mit einem «positiven Gefühl» gefahren, weil er die anderen Überlebenden und das Gedenkstättenteam wiedergesehen habe, erzählte der Jubilar vor zwei Jahren. Gesundheitlich gehe es ihm trotz des hohen Alters gut. Wenn in Stockholm am 1. Januar in grossem Kreis gefeiert wird, ist auch der Gedenkstättenleiter vertreten. «In freundschaftlicher Verbundenheit», wie Skriebeleit sagt. Als Überraschung werde er ein Geschenk mitbringen, das mit Weintraubs musikalischem Herzensstück, Beethovens Violinkonzert in D-Dur, zu tun habe. Mehr wolle er vorab nicht verraten.