17. Jänner 2026: "Tag des Judentums" in österreichischen Kirchen - Aber nicht in den Kirchen Deutschlands ...
Stefan Weinert, Blogger
Verehrte Leserschaft,
haben Sie schon einmal von einem "Israelsonntag" gehört? Ehrlich gesagt: Ich bisher nicht. Erst aufgrund meiner Recherchen über den jährlich stattfindenden "Tag des Judentums" in den österreichischen christlichen Kirchen und Gemeinschaften habe ich davon gelesen. Noch heute wird er von der "Evangelischen Kirche Deutschlands" begangen. Früher, bis in die 1960er Jahre, wurde er "Judensonntag" genannt und davor im 19. Jahrhundert "Tag der Judenmission". Begangen wird er immer elf Sonntage nach dem Pfingstfest.
Doch habe ich bisher in meinen 74 Jahren nie von einem Aufruf der EKD gehört, besonders an diesem 11.ten Sonntag nach Pfingsten in die Kirche zu kommen, um den Gräuel auch deutscher Christen - und vor allem jenen aus dem evangelischen Lager - an den Juden in den Jahren 1933 bis 1945 (und in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor) zu gedenken. Gerade seit dem 7. Oktober 2023 - also 2024 und 2025 - wäre dieses wichtig gewesen. Vielleicht geschieht es ja im Spätsommer dieses Jahres?!
Stattdessen hatte die EKD ein zehnjähriges Frohlockjubiläum ihres Reformators und expliziten Judenhassers Martin Luther ausgelobt. Er hatte aus dem Anti-Judaismus, den es bereits in der damaligen alleinigen christlichen Kirche und in der "teutschen" Gesellschaft gab - den "Antisemitismus" entstehen lassen, auf den sich 400 Jahre später Adolf Hitler in seinem Buch "Mein Kampf" berief. Luther hatte aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft die "Rasse der Juden" gemacht. Für die Nazis und die "Deutschen Christen" (evangelisch), die Hitler in eine Reihe mit Jesus Christus und Martin Luther stellten, war damit klar: Auch ein christlich getaufter Jude bleibt immer ein zu vernichtender Jude.
Der Theologe Michael Schäfer sagte 2010 dazu: "Israelsonntag: Früher hieß er Judensonntag und war auch manchmal ein Tag der Agitation. Nie vergessen dürfen wir dabei den Anteil der christlichen Kirchen an Judenpogromen und dem Holocaust. Voller Scham müssen wir heute bekennen, dass ein wesentlicher Teil der Nazi-Ideologie nur deswegen gelang, weil die Kirchen bereitwillig halfen beim Ariernachweis - und es waren nur wenige Pfarrer, die bereit waren, Kirchenbücher zu ‚redigieren‘, um aus Viertelariern reine Arier zu machen.
Am Umgang der Kirche mit ihren jüdischen Schwestern und Brüdern zeigte sich damals schon, dass das Evangelium nicht immer auf fruchtbaren Boden fällt, sondern oft handfeste Eigeninteressen dagegenstehen. Und wenn wir ehrlich sind, ist das bis heute so geblieben. Wir unterliegen unseren Vorurteilen, vergessen schnell unsere Geschichte und unsere Überzeugung. Vielleicht müssen wir erst lernen, im Leben still zu halten und zu sehen, woher wir kommen und wohin wir wollen."
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Tag des Judentums
Christliche Kirchen in der Alpenrepublik Österreich begehen am 17. Jänner 2026 zum 27. Mal den Tag des Judentums und anschließend vom 18. bis 25. Jänner 2026 die Gebetswoche für die Einheit der Christen - in Deutschland genannt die "Allianz-Gebetswoche".
Am Tag vor Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen – am 17. Jänner 2026 – begehen die christlichen Kirchen in Österreich seit vielen Jahren den Tag des Judentums. Dieser wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) als liturgischer Gedenktag eingeführt. Er soll alle Christen an ihre Wurzeln im Judentum und an die bleibende Bedeutung des Judentums und seiner heiligen Schriften erinnern. Es geht dabei auch um das Gedenken an das von Christen an jüdische Menschen und ihren Glauben begangene Unrecht in der Geschichte.
In der Erklärung des ÖRKÖ zur Einführung des Tags des Judentums heißt es: "Das Motto für den „Tag des Judentums“ gibt der Apostel Paulus vor: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“, mahnt er im 11. Kapitel des Römerbriefs. Offensichtlich bestand schon in den ersten christlichen Gemeinden die Tendenz, sich über das Judentum erhaben zu fühlen. Später haben die Kirchen die Worte des Paulus vergessen. Anstatt ihre Wurzel, aus der sie leben und die sie trägt, zu pflegen, meinten sie, ohne sie auskommen zu können. Die theologische Verachtung des Judentums und infolge die gesellschaftliche Abwertung seiner Gläubigen schuf über Jahrhunderte hinweg jenen Nährboden, auf dem das rassistische Gedankengut des Antisemitismus wachsen konnte. Erst seit der Katastrophe der Schoah (des Holocausts) hat in allen Kirchen ein Umdenken gegenüber dem Judentum begonnen. Seither werden wir in Österreich uns der Schuld, die die Kirchen und ihre Vertreter auf sich geladen haben, immer deutlicher bewusst. Wir sind auf dem Weg, den spirituellen und theologischen Reichtum Israels als Fundament unseres eigenen Glaubens neu zu entdecken. Ein Beitrag dazu soll auch der „Tag des Judentums“ in unseren Kirchen sein, den wir in Zukunft jedes Jahr feiern wollen."
In Linz veranstaltet das Christlich-jüdische Komitee OÖ am 15. Jänner 2026 um 19 Uhr an der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz unter dem Titel „JUNG.engagiert.religiös. Glaubensidentitäten im Dialog“ einen Austausch mit jungen Vertreter/innen der Projekte Likrat und Dialog: Abraham. Im Rahmen des Dialogprogramms „Likrat – Lass uns reden“ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien werden jüdische Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren ausgebildet und besuchen dann Schulen und andere Bildungseinrichtungen, um mit gleichaltrigen nicht jüdischen Schüler/innen ein offenes Gespräch auf Augenhöhe über ihr persönliches Judentum zu führen, kritische Fragen zu beantworten und möglichen Vorurteilen entgegenzuwirken.
In der Initiative „Dialog: Abraham“ wirken Studierende und junge Erwachsene mit jüdischem, christlichem oder muslimischem Hintergrund. Im Fokus steht der Austausch über theologische und gesellschaftsrelevante Themen, aber auch ein Kennenlernen von religiösen Bräuchen und die Förderung des Dialogs durch Materialien, wie einen interreligiösen
Feiertagskalender oder ein interreligiöses Kartenspiel.
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Antijüdische Stereotype in Kirche überwinden
Zum Kern kirchlicher Identität gehöre der Gottesdienst, so Scheuer: „Wir müssen uns bewusst sein, wie wir uns dabei regelmäßig ganz innig auf das Judentum einlassen." Dies bewusst wahrzunehmen und darüber zu reflektieren, sei Voraussetzung, „um unseren eigenen Glauben verstehen, ja leben zu können". Gerade dazu solle der Tag des Judentums als Tag des Lernens ermutigen.
Diese Haltung der Dankbarkeit gegenüber dem Judentum bedeute auch, „alles zu unterlassen, was jüdischen Glauben und jüdische Praxis geringachtet und abwertet darstellt". Diese Gefahr könne etwa in den liturgischen Zeiten des Advents oder zu Ostern bestehen, wenn die Glaubensgeschichte Israels nur als unvollkommene Vorläuferin des christlichen Heilsgeschehens wahrgenommen wird.
Scheuer weist darauf hin, dass die liturgische Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Leseordnung Abschnitte des Ersten Testaments neu eingeführt hat: Die erste Schriftlesung und den Psalm. Die Lesung des Ersten Testaments - das mit dem Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, weitgehend identisch ist - helfe zu verstehen, „wie Jesu Botschaft, die Theologie des Paulus und die Erzählungen der Evangelisten im Glauben Israels verwurzelt sind". Freilich: Selbst im Dreijahreszyklus könne nur ein kleiner Teil des Schatzes der Thora, der Propheten und der Schriften berücksichtigt werden. Zusätzliches Bibelstudium sei daher angebracht, mahnt Scheuer: „Es weitet den Horizont und vertieft unseren Glauben."
Scheuer plädiert für ein solides Wissen über das Judentum und für eine sachgerechte und theologisch fundierte Predigt und Katechese. Dabei gehe es aber nicht nur um historische Fakten über die biblische Zeit. Denn: „Wir sind in Zeitgenossenschaft mit jüdischen Gemeinden in unserem Land und weltweit. Diese sind erste und lebendige Zeuginnen der Heiligen Thora, in der auch wir Christinnen und Christen durch Jesus unsere Quellen finden." Dazu sei auch die Geschichte kirchlicher Überheblichkeit und Gewalt gegenüber dem Judentum demütig in Betracht zu ziehen.
Scheuer weist weiters darauf hin, dass bereits durch ein paar neue Einsichten christliche Schriftinterpretation ihre bisweilen judenfeindliche Schlagseite und eingefahrene Stereotype ablegen und so ein Mehr an Wahrhaftigkeit gewinnen kann. Er benennt einige Beispiele: Auch Jüdinnen und Juden nennen Gott „Vater". - „Abba" sei demnach keine allein für Jesus spezifische Anrede Gottes. Oder: Die Heilige Tora - das sogenannte „Gesetz" - bedeute Glück und Freude im Judentum; sie werde vielfältig und lebensnah ausgelegt. Der Sabbat sei ein Vorgeschmack auf die Vollendung der Schöpfung, die Juden und Christen erwarten.
Zudem plädiert Scheuer für ein neues Bild der Pharisäer: „Die Pharisäer waren eine Bewegung, die sich - wie auch Jesus selbst - um Heiligung des Alltags bemühte, eine Gottesbeziehung, die nicht zuallererst über den Opferdienst im Tempel vermittelt wurde." Ein weiterer Punkt: Liebe - Selbstliebe, Nächstenliebe und Feindesliebe - sei natürlich auch schon eine Grundhaltung im Judentum. „Der Gott Israels und Vater Jesu ist immer schon barmherzig; er erbarmt sich des Sünders und ermöglicht einen Neuanfang nach schuldhaftem Verhalten", so der Bischof.