Kapitel 2 ▶ IN DEN SCHLUCHTEN DES SCHUSSENTALS ◀ - Ein Roman aus Oberschwaben ...
Ein oberschwäbischer Roman von Stefan H. Weinert © 2026
Erschienen im Eigenverlag (Burach-Verlag Ravensburg)
Das ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Oberschwaben - gelegen zwischen Biberach und Bodensee
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Das Kapitel 1 finden Sie hier ◀
Der Bote stand keuchend vor Johann und Delacroix, die Hände auf die Knie gestützt, als müsse er sich an der Erde festhalten, um nicht umzufallen. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, seine Kleidung zerrissen, und an seinem Arm klebte Blut — nicht viel, aber genug, um zu zeigen, dass er dem Tod nur knapp entkommen war.
„Sie kommen…“, keuchte er. „Eine ganze Bande… bestimmt an die Hundertzwanzig Mann… vielleicht mehr.“
„Wo?“, fragte Delacroix scharf.
„Zwischen Mochenwangen und Berg. Sie haben die Straße blockiert. Sie plündern jeden Wagen, jedes Haus, das sie finden.“
Johann spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Mochenwangen — das war kaum eine Stunde Fußmarsch entfernt. Dort lebten Menschen, die er kannte. Familien, die er seit seiner Kindheit gesehen hatte. Und Hönle war bei ihnen.
„Wie viele Bewaffnete habt ihr gesehen?“, fragte Delacroix.
„Dreißig, vielleicht vierzig. Der Rest…“ Der Bote schluckte. „Der Rest sind Kerle, die alles tun, was man ihnen sagt.“
Delacroix nickte langsam. „Deserteure. Banditen. Männer, die im Krieg ihre Seele verloren haben.“
Er wandte sich an Johann. „Ihr kennt das Gelände. Ihr kennt die Menschen. Ich brauche euch.“
Johann wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass er nur ein Zimmermann war, kein Soldat. Dass er keine Schlachten schlagen wollte. Doch er dachte an die Kinder im brennenden Haus. An Anna. An die Menschen in Mochenwangen.
„Was wollt ihr tun?“, fragte er.
Delacroix sah ins Tal. „Sie aufhalten. Oder zumindest verlangsamen. Bis Verstärkung kommt.“
„Und wenn keine kommt?“
Delacroix’ Blick wurde hart. „Dann kämpfen wir.“
Johann spürte, wie sich in ihm etwas regte — ein Gefühl, das er nicht kannte. Vielleicht war es Pflicht. Vielleicht Wut. Vielleicht etwas anderes, das er noch nicht benennen konnte.
„Ich gehe mit euch“, sagte er.
Delacroix nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Gut. Wir brechen sofort auf.“
Der Bote sah Johann dankbar an. „Ihr seid ein guter Mann, mein Herr.“
Johann schüttelte den Kopf. „Ich tue nur, was getan werden muss.“
Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Etwas zog ihn in diesen Kampf hinein — etwas, das größer war als er selbst.
Delacroix führte Johann durch die Stadt, die sich im Angesicht der Gefahr veränderte. Die französischen Soldaten, die am Morgen noch in geordneten Reihen einmarschiert waren, standen nun in kleinen Gruppen zusammen, überprüften ihre Waffen, sattelten ihre Pferde. Offiziere gaben Befehle, Boten rannten durch die Straßen.
Die Bürger beobachteten alles mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung. Manche sahen die Franzosen als Besatzer, andere als Schutz. Doch alle wussten: Wenn die Plünderer kamen, würde niemand verschont bleiben.
„Ihr habt Einfluss auf die Menschen hier“, sagte Delacroix, während sie durch die Gassen eilten. „Wenn ihr mit mir geht, werden andere folgen.“
„Ich bin kein Anführer“, sagte Johann.
„Das glaubt ihr“, antwortete Delacroix. „Aber die Menschen sehen euch anders.“
Johann dachte an das Feuer. An die Menge, die gejubelt hatte, als er die Kinder aus dem brennenden Haus getragen hatte. An die Blicke, die ihm gefolgt waren.
Vielleicht hatte Delacroix recht.
Sie erreichten den Marktplatz, als Anna aus der Menge trat. Ihr Gesicht war bleich, ihre Augen weit vor Sorge.
„Johann!“, rief sie. „Ich habe gehört, was geschehen ist. Ihr wollt doch nicht—“
„Ich muss“, sagte Johann.
„Nein“, sagte sie. „Ihr müsst gar nichts. Das ist nicht euer Kampf.“
„Doch“, sagte Johann. „Es ist mein Tal. Meine Leute.“
Anna packte seine Hand. „Ihr wisst nicht, was euch erwartet. Diese Männer… sie sind schlimmer als Soldaten. Sie haben nichts zu verlieren. Überlasse dies doch den Schultes.“
"Den Schultes?", fragte der verächtlich.
„Wir Bürger müssen ihnen etwas entgegensetzen.“
Anna sah Delacroix an, und in ihrem Blick lag Misstrauen. „Ihr benutzt ihn.“
„Ich brauche ihn“, sagte Delacroix ruhig. „So wie das Tal ihn braucht.“
„Und was bekommt er dafür?“, fragte Anna.
Delacroix antwortete nicht.
Johann legte seine Hand auf Annas Schulter. „Ich komme zurück.“
„Das habt ihr gestern auch gesagt“, flüsterte sie.
Er wollte etwas erwidern, doch Delacroix rief: „Wir müssen los!“
Johann wandte sich ab.
Anna sah ihm nach — und in ihren Augen lag ein Geheimnis, das sie noch nicht ausgesprochen hatte.
Delacroix hatte eine kleine Einheit zusammengestellt: sechsunddreißig französische Soldaten, gut bewaffnet, erfahren, entschlossen. Johann schloss sich ihnen an, obwohl er keine Uniform trug, keine Waffe außer seinem Messer, einem schweren Holzknüppel, den ihm ein Soldat gereicht hatte, und seine Werkzeugtasche.
„Besser als nichts“, hatte der Mann gesagt.
Sie verließen Ravensburg durch den Tunnel am Grünen Turm, dem Gefängnis der Stadt, ritten oder liefen den Weg hinunter nach Weingarten, dann weiter Richtung Berg. Die Sonne stand tief, warf lange Schatten über die Felder. Der Wind trug den Geruch von Rauch mit sich — Rauch, der nicht aus Ravensburg stammte.
„Sie brennen etwas nieder“, sagte Delacroix.
Johann spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Wie weit noch?“, fragte ein Soldat.
„Eine halbe Stunde“, sagte Johann. „Vielleicht weniger.“
Sie beschleunigten das Tempo.
Als sie die ersten Häuser von Mochenwangen erreichten, wussten sie, dass sie zu spät waren.
Ein Wagen lag umgestürzt am Straßenrand, die Pferde verschwunden. Ein Haus stand offen, die Tür eingetreten. Ein Hühnerstall war geplündert, Federn lagen überall. Und aus der Ferne hörte man Schreie.
„Sie sind noch da“, sagte Delacroix.
Johann griff fester um den Knüppel.
„Wir teilen uns auf“, sagte Delacroix. „Sechs nach links, sechs nach rechts. Monsieur, ihr bleibt mit den anderen bei mir.“
Johann nickte.
Sie gingen weiter, vorsichtig, geduckt, bereit.
Dann sahen sie die Plünderer.
Es waren mehr als fünfzig Männer. Einige trugen Uniformreste, andere Bauernkleidung, wieder andere nur Lumpen. Doch alle hatten irgendwelche Waffen: Wenn es keine Musketen waren, dann Äxte, Heugabeln und grobe Knüppel. Sie lachten, schrien, tranken aus gestohlenen Krügen.
Und mitten unter ihnen stand Hönle.
Er hielt eine brennende Fackel in der Hand — und vor ihm kniete ein alter Mann, die Hände gefesselt.
Johann erkannte ihn.
Meister Engler, der Müller von Mochenwangen.
„Hört auf!“, rief Johann, bevor er nachdenken konnte.
Die Bande wandte sich ihm ungläubig zu.
Hönle grinste.
„Keller“, sagte er. „Ich habe fast schon auf dich gewartet.“
Hönle stand da wie ein Mann, der endlich gefunden hatte, wonach er gesucht hatte: Macht. Die Fackel in seiner Hand warf flackernde Schatten über sein Gesicht, ließ seine Augen wie die eines Raubtiers wirken. Hinter ihm grölten die Plünderer, berauscht von Gewalt und Wein.
„Keller!“, rief Hönle. „Der Held von Ravensburg! Der Retter der Kinder!“
Er lachte, ein hässliches, schneidendes Lachen.
„Willst du jetzt auch den alten Engler retten?“
Der Müller kniete vor ihm, die Hände gefesselt, das Gesicht und die grauen Haare blutverschmiert. Er sah Johann an — nicht mit Hoffnung, sondern mit der resignierten Erkenntnis eines Mannes, der weiß, dass sein Leben am seidenen Faden hängt.
Johann trat vor. „Lass ihn gehen, Hönle.“
„Oder was?“, fragte Hönle. „Willst du mich mit deinem Knüppel erschlagen?“
Johann hob den Knüppel. „Wenn es sein muss.“
Die Bande lachte. Doch Delacroix trat nun neben Johann, und sein Blick war so kalt, dass selbst die Betrunkenen verstummten.
„Ihr seid umzingelt“, sagte Delacroix ruhig. „Gebt auf.“
Ein Raunen ging durch die Gruppe der Gauner. Einige sahen sich um, als erwarteten sie tatsächlich Soldaten im Rücken. Doch Hönle durchschaute den Bluff.
„Er lügt!“, rief er. „Er hat nur zwei oder drei Dutzend Männer! Wir sind dreimal so viele!“
Delacroix lächelte. „Zahlen bedeuten wenig, wenn man nicht weiß, wie man kämpft.“
Hönle schnaubte. „Dann zeig uns, wie du kämpfst, Franzmann!“
Er warf die Fackel in ein nahes Strohlager.
Die Flammen schossen sofort hoch.
„Jetzt gehört Mochenwangen uns!“, brüllte Hönle.
Und der Kampf begann.
Die wilde Truppe stürmten vor, ein chaotischer, brüllender Mob. Johann spürte, wie sein Herz raste, doch seine Hände waren ruhig. Er hob den Knüppel — und der erste Angreifer rannte direkt hinein.
Der Schlag traf den Mann an der Schläfe. Er fiel wie ein Sack zu Boden.
Ein zweiter kam, mit einer rostigen Axt. Johann wich aus, spürte den Luftzug der Klinge, und schlug dem Mann mit voller Wucht gegen den Unterarm. Die Axt fiel. Ein weiterer Schlag — und der Mann lag am Boden.
Delacroix kämpfte wie jemand, der sein Leben lang nichts anderes getan hatte. Seine Bewegungen waren präzise, schnell, tödlich. Er parierte einen Hieb, stieß seinen Gegner mit dem Kolben der Pistole nieder, drehte sich und schlug einem anderen mit dem Säbel die Waffe aus der Hand.
Die französischen Soldaten bildeten eine Linie, schossen kontrolliert, luden nach, schossen erneut. Jeder Schuss traf. Jeder Schuss zählte.
Doch die Plünderer waren viele.
Zu viele. Es war, als rückten immer mehr aus der Dunkelheit nach.
Johann sah, wie zwei Plünderer versuchten, Meister Engler wegzuzerren. Er rannte zu ihnen, sprang über einen Gefallenen, schlug den ersten nieder, packte den zweiten am Kragen und riss ihn herum.
„Lass ihn!“
Der Mann zog ein Messer. Johann wich zurück, doch der Plünderer war schnell. Die Klinge schnitt Johann über den Arm. Blut tropfte auf den Boden.
Der Schmerz war scharf — aber er machte Johann nur wütender.
Er packte den Mann am Handgelenk, drehte es, bis das Messer fiel, und schlug ihm mit dem Knüppel gegen die Brust. Der Mann brach zusammen.
„Johann!“, rief Engler. „Hinter euch!“
Johann drehte sich — zu spät.
Ein Plünderer mit einer Keule holte aus.
Doch bevor der Schlag traf, krachte ein Schuss.
Der Mann fiel.
Delacroix stand hinter Johann, die Pistole noch erhoben.
„Ihr solltet besser aufpassen“, schrie er.
Johann nickte. „Merci.“
„Noch nicht“, sagte Delacroix. „Es ist noch nicht vorbei.“
Auch wenn die Plünderer in der Überzahl waren, so begannen sie doch zu wanken. Einige flohen bereits, andere kämpften weiter, doch ohne Überzeugung. Die französischen Soldaten drängten sie zurück, Schritt für Schritt.
Hönle sah, dass die Schlacht verloren war.
„Zurück!“, brüllte er. „Alle zurück!“
Er rannte zum Waldrand, sprang über einen Zaun und verschwand zwischen den Bäumen.
„Hönle!“, rief Johann.
Er wollte ihm folgen, doch Delacroix hielt ihn zurück.
„Lasst ihn. Er kennt das Gelände. Ihr würdet in eine Falle laufen.“
Johann ballte die Fäuste. „Er wird wiederkommen.“
„Ja“, sagte Delacroix. „Und darauf müssen wir vorbereitet sein.“
Als der letzte Plünderer floh, kehrte Stille über Mochenwangen ein. Meister Engler war gerettet. Eine schwere, bedrückende Stille, die nur von den knisternden Flammen und dem Stöhnen der Verwundeten durchbrochen wurde.
Johann kniete neben Meister Engler.
„Geht es euch gut?“
Der alte Mann nickte schwach. „Dank euch, Johann. Und dank… dem Franzosen.“
Delacroix verneigte sich leicht. „Es war notwendig.“
Engler sah ihn an. „Ihr seid nicht wie die anderen.“
Delacroix’ Gesicht blieb unbewegt. „Ich bin Soldat. Kein Welscher.“
Johann half Engler auf. „Wir bringen euch nach Ravensburg. Dort seid ihr sicher.“
„Niemand ist sicher“, sagte Engler leise. „Nicht mehr.“
Als sie dennoch zurück nach Ravensburg gingen, war die Sonne bereits vollends untergegangen. Der Himmel glühte rot, als hätte er das Feuer von Mochenwangen aufgenommen. Die Soldaten waren erschöpft, Johann blutete aus mehreren Wunden, und Delacroix wirkte ernster als zuvor.
„Ihr habt gut gekämpft“, sagte der Offizier.
„Ich bin kein Soldat.“
„Vielleicht nicht“, sagte Delacroix. „Aber ihr seid ein Mann, der tut, was getan werden muss. Das ist selten.“
Johann schwieg.
„Hönle wird nicht aufgeben“, sagte Delacroix. „Er hat Verbündete. Und er hat einen Auftrag.“
„Von wem?“
Delacroix sah ihn an. „Das ist die Frage.“
Als sie die Stadt erreichten, wartete jemand am Tor.
Anna.
Sie rannte auf Johann zu, sah die Wunden, das Blut, die Müdigkeit in seinem Gesicht — und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ihr seid verletzt!“
„Es sieht schlimmer aus, als es ist“, sagte Johann.
„Ihr hättet sterben können!“
„Aber ich bin hier.“
Anna umarmte ihn — fest, verzweifelt, erleichtert.
Delacroix sah einen Moment zu, dann wandte er sich ab.
„Kommt morgen noch einmal zur Veitsburg“, sagte er. „Wir müssen reden.“
Johann nickte.
Die Nacht lag schwer über Ravensburg. Der Rauch des Kampfes hing noch in der Luft, und die Straßen waren ungewöhnlich still. Die Bürger hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, die Fensterläden geschlossen, als wollten sie die Welt aussperren. Nur die französischen Patrouillen zogen durch die Gassen, ihre Schritte hallten wie Mahnungen in der Dunkelheit. Aus der Schenke in der Burgstrasse drang noch ein fahles Licht.
Johann stand am Fenster seiner kleinen Kammer und sah hinaus. Sein Arm schmerzte, seine Rippen pochten, und seine Gedanken waren ein Wirrwarr aus Bildern: Hönles grinsendes Gesicht, die brennenden Häuser von Mochenwangen, Annas Tränen, Delacroix’ Blick.
„Geht nicht“, hatte Anna wiederholt gesagt.
Doch Delacroix hatte ihn zur Veitsburg bestellt.
Und Johann wusste: Er musste gehen.
Nicht, weil Delacroix es wollte — sondern weil er Antworten brauchte.
Der Weg hinauf zur Veitsburg war dunkel, nur der Mond beleuchtete die alten Steinstufen. Johann ging langsam, vorsichtig, den Knüppel in der Hand. Die Stadt lag unter ihm wie ein schlafender Riese.
Als er die Burg erreichte, sah er eine einzelne Laterne brennen. Delacroix stand daneben, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick über das Tal gerichtet.
„Ihr seid gekommen“, sagte er bedeutungsvoll - auch diesmal.
„Ich brauche Antworten“, sagte Johann.
„Und ich brauche Männer, die denken können.“
Delacroix wandte sich ihm zu. Sein Gesicht war ernst, aber nicht feindselig.
„Setzt euch.“
Johann setzte sich auf die niedrige Mauer. Delacroix blieb stehen.
„Ihr habt heute gesehen, was im Tal geschieht“, begann der Offizier. „Und das war nur ein Vorgeschmack.“
„Hönle arbeitet nicht allein“, sagte Johann.
„Nein“, antwortete Delacroix. „Er ist nur ein Werkzeug.“
„Für wen?“
Delacroix schwieg einen Moment, als müsse er abwägen, wie viel er sagen durfte.
„Es gibt Kräfte in diesem Landstrich“, sagte er schließlich, „die den Krieg nutzen wollen. Nicht für Napoleon. Nicht für den König und die Grafen. Sondern für sich selbst.“
„Banditen?“
„Schlimmer“, sagte Delacroix. „Männer mit Geld. Männer mit Einfluss. Männer, die im Schatten bleiben.“
Johann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten.
„Und was hat das mit mir zu tun?“
Delacroix trat näher. „Ihr seid ihnen im Weg.“
Johann runzelte die Stirn. „Warum ich? Ich bin nur ein Zimmermann.“
„Ihr seid ein Mann, der gesehen wird“, sagte Delacroix. „Ein Mann, der Menschen bewegt. Ein Mann, der nicht schweigt.“
„Ich habe nichts getan.“
„Ihr habt Hönle die Geschäfte verdorben“, sagte Delacroix. „Ihr habt Menschen gerettet, die sterben sollten. Ihr habt gezeigt, dass man sich wehren kann.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das ist Unsinn.“
„Nein“, sagte Delacroix. „Es ist gefährlich.“
Er sah Johann fest an.
„Habt ihr je von einem Mann namens Schneider gehört?“
Johann erstarrte. „Natürlich. Die Familie Schneider ist alt eingesessen. Reich. Einflussreich.“
„Und einer von ihnen“, sagte Delacroix, „zieht im Hintergrund die Fäden.“
Johann fühlte, wie ihm kalt wurde. „Welcher?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Delacroix. „Noch nicht. Aber Hönle arbeitet für ihn.“
Johann stand auf. „Dann müssen wir ihn finden.“
„Ja“, sagte Delacroix. „Aber nicht heute.“
Er sah in die Dunkelheit.
„Heute müsst ihr etwas anderes wissen.“
„Es geht um Anna“, sagte Delacroix.
Johanns Herz schlug schneller. „Was ist mit ihr?“
Delacroix sah ihn lange an, als wolle er prüfen, ob Johann bereit war.
„Ihr Vater“, sagte er schließlich, „ist nicht nur ein Holzhändler.“
„Das weiß ich“, sagte Johann. „Anna hat es mir gesagt.“
„Aber sie hat euch nicht alles gesagt.“
Johann spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. „Was meint ihr?“
„Ihr Vater“, sagte Delacroix, „arbeitet für beide Seiten.“
Johann blinzelte. „Für… beide?“
„Er liefert Informationen“, sagte Delacroix. „An die Franzosen. Und an die Männer im Schatten.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“
„Ihr müsst es nicht glauben“, sagte Delacroix. „Aber ihr müsst es wissen.“
Johann wollte widersprechen — doch in diesem Moment hörten sie Schritte.
Schnell. Hastig.
Anna trat aus der Dunkelheit.
Ihr Gesicht war bleich. Ihre Augen glänzten.
„Johann!“, rief sie. „Ihr dürft ihm nicht glauben!“
Delacroix seufzte. „Ich habe euch gesagt, die Wände haben Ohren.“
Anna stellte sich vor Johann. „Er lügt!“
„Ich lüge nicht“, sagte Delacroix ruhig. „Aber ich verstehe, warum ihr es nicht hören wollt.“
„Mein Vater ist kein Verräter!“, rief Anna.
„Vielleicht nicht“, sagte Delacroix. „Aber er ist ein Spieler. Und er spielt ein gefährliches Spiel.“
Anna schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Johann… bitte…“
Johann sah zwischen den beiden hin und her.
Delacroix. Anna. Zwei Menschen, denen er vertraute — und die sich widersprachen.
„Ich weiß nicht, wem ich glauben soll“, sagte Johann leise.
„Dann findet es heraus“, sagte Delacroix.
„Nein!“, rief Anna. „Kommt mit mir. Jetzt. Sofort.“
„Wohin?“, fragte Johann.
„Weg von hier“, sagte Anna. „Bevor es zu spät ist.“
„Zu spät wofür?“, fragte Delacroix.
Anna antwortete nicht.
Sie packte Johann am Arm.
„Bitte.“
Bevor Johann reagieren konnte, ertönte ein Geräusch, das die Nacht zerriss.
Ein Pfeil schlug gegen die Mauer neben Delacroix ein und zersplitterte.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter - beide, ohne zu treffen.
„Deckung!“, rief Delacroix.
Aus dem Wald unterhalb der Veitsburg stürmten Männer hervor — zehn, zwanzig, vielleicht mehr. Bewaffnet. Maskiert. Lautlos wie Schatten.
„Sie haben uns gefunden!“, rief Delacroix.
Anna schrie. Johann zog sie hinter die Mauer.
„Wer sind sie?“, rief Johann.
Delacroix zog seinen Säbel. „Die Männer im Schatten.“
„Wer führt sie?“
Delacroix’ Blick war hart.
„Der Mann, der Hönle geschickt hat.“
„Und wer ist das?“
Delacroix antwortete nicht.
Denn in diesem Moment trat jemand aus der Dunkelheit.
Eine Gestalt, groß, breit, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen.
Doch die Stimme war klar.
„Johann Keller“, sagte sie. „Endlich treffen wir uns.“
Johann erstarrte.
„Wer seid ihr?“
Die Gestalt lachte leise.
„Ein Mann, der viel in euch sieht.“
Er hob die Hand.
„Und der euch nicht gehen lassen wird.“
Der maskierte Anführer trat aus der Dunkelheit wie ein Schatten, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Die Fackeln der Angreifer warfen flackerndes Licht auf ihn, doch sein Gesicht blieb verborgen unter der tiefen Kapuze. Nur seine Stimme war klar — zu klar, zu ruhig für einen Mann, der mit bewaffneten Männern eine Burg stürmte.
„Johann Keller“, sagte er. „Ihr seid mutiger, als ich erwartet habe.“
Johann hob den Knüppel, obwohl seine Hände zitterten. „Wer seid ihr?“
Die Gestalt lachte leise. „Ein Mann, der viel in euch sieht. Ein Mann, der euch eine Zukunft bieten kann.“
Delacroix trat vor, den Säbel erhoben. „Ihr seid ein Feind Frankreichs. Und ein Feind dieses Tales.“
„Ich bin ein Feind der Schwachen“, sagte die Gestalt. „Und ein Freund derer, die bereit sind, zu handeln.“
Er hob die Hand.
„Tötet den Franzosen. Bringt mir den Zimmermann.“
Die Angreifer stürmten vor.
Delacroix reagierte schneller als jeder andere. Er stieß Johann zur Seite, zog seine Pistole und schoss den ersten Angreifer nieder. Dann zog er den Säbel und stellte sich zwischen Johann und die heranstürmenden Männer.
„Bleibt hinter mir!“, rief er.
Johann gehorchte — aber nur für einen Moment. Dann sprang ein Angreifer über die Mauer, direkt auf ihn zu. Johann hob den Knüppel, parierte den Schlag und rammte dem Mann den Ellbogen ins Gesicht. Der Angreifer fiel rückwärts über die Mauer und verschwand im Dunkel.
Anna schrie.
„Johann! Hinter euch!“
Ein zweiter Angreifer kam, schneller, entschlossener. Johann wich zurück, stolperte, fing sich wieder. Der Mann holte aus — doch Delacroix war da, parierte den Schlag und stieß den Angreifer mit einem gezielten Tritt zurück.
„Ihr seid kein Kämpfer“, rief Delacroix. „Also spielt nicht den Helden!“
„Ich tue, was ich muss!“, rief Johann zurück.
„Genau das macht euch gefährlich!“, rief Delacroix.
Der Anführer zeigt sein Gesicht und trat nun näher, langsam, wie ein Mann, der weiß, dass ihm niemand entkommen kann.
„Ihr kämpft gut, Keller“, sagte er. „Aber ihr kämpft für die falsche Seite.“
„Ich kämpfe für mein Tal“, sagte Johann.
„Euer Tal gehört denen, die es führen können“, sagte der Mann. „Nicht denen, die darin geboren wurden.“
Er hob die Hand — und zog die Kapuze zurück.
Johann erstarrte.
Anna keuchte.
Delacroix fluchte leise.
Denn das Gesicht, das nun im Fackelschein erschien, war kein fremdes.
Es war vertraut.
Zu vertraut.
Es war der reiche Händler und Ratsherr Friedrich Schneider.
Ein Mann, den jeder im Schussental kannte. Ein Mann, der als Wohltäter galt. Ein Mann, der in Ravensburg einflussreicher war als viele Adlige.
„Ihr?“, flüsterte Johann. „Warum?“
Schneider lächelte. „Weil dieses Tal mehr verdient als Bauern, Zimmerleute, Schreiberlinge und naive Träumer. Es verdient Ordnung. Stärke. Führung.“
Er deutete auf Delacroix.
„Und nicht die Herrschaft eines fremden Kaisers.“
„Ihr arbeitet mit Banditen“, sagte Delacroix. „Mit Mördern.“
„Ich arbeite mit Männern, die tun, was getan werden muss“, sagte Schneider. „So wie ihr, Capitaine. Nur dass ihr für den falschen Herrscher kämpft.“
Er wandte sich wieder Johann zu.
„Kommt mit mir. Ich mache euch reich. Ich mache euch mächtig. Ihr könnt dieses Tal führen — an meiner Seite.“
Johann schüttelte den Kopf. „Ich will keine Macht.“
„Doch“, sagte Schneider. „Ihr wollt Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit braucht Stärke.“
„Ich werde euch nie folgen“, sagte Johann.
Schneiders Blick wurde kalt.
„Dann werdet ihr sterben müssen.“
Bevor Schneider den Befehl geben konnte, ertönte ein Schrei.
„Vater!“
Johann fuhr herum.
Anna stand da, bleich, zitternd — und mit Tränen in den Augen.
„Anna?“, flüsterte Johann. „Was…?“
Schneider lächelte. „Ich wollte es euch später sagen, Keller. Aber ja — Anna ist meine Tochter.“
Johann fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
"Aber Anna, ich dachte du heißt mit Familiennamen ..."
Anna trat einen Schritt vor und unterbrach ihn. „Ich wollte es euch sagen… aber ich wusste nicht, wie.“
„Ihr habt mich belogen“, sagte Johann.
„Nein!“, rief Anna. „Ich habe euch nie belogen. Ich habe euch nur nicht alles gesagt.“
„Das ist dasselbe“, sagte Johann.
Anna schüttelte den Kopf, Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich bin nicht wie er. Ich schwöre es.“
Schneider trat zwischen sie. „Sie gehört zu mir, Keller. Und sie wird bei mir bleiben.“
„Nein!“, rief Anna. „Ich gehe nicht mit euch!“
Schneiders Gesicht verhärtete sich. „Du wirst tun, was ich sage.“
„Ich werde tun, was richtig ist“, sagte Anna.
Ihr Vater hob die Hand — und zwei seiner Männer packten sie.
„Lasst sie!“, rief Johann.
„Ihr habt eure Wahl getroffen“, sagte Schneider. „Und sie hat die ihre getroffen.“
Er wandte sich ab.
„Tötet den Franzosen. Bringt mir Keller lebend.“
Die Angreifer stürmten erneut vor. Delacroix kämpfte wie ein Mann, der wusste, dass dies sein letzter Kampf sein könnte. Johann stellte sich neben ihn, obwohl seine Kräfte schwanden.
„Ihr hättet gehen sollen“, schrie Delacroix.
„Ich gehe nicht.“
„Dann sterben wir zusammen“, sagte Delacroix.
„Vielleicht“, sagte Johann. „Aber nicht heute.“
Er schlug einen Angreifer nieder, dann einen zweiten. Delacroix parierte einen Hieb, stieß seinen Gegner zurück, doch ein dritter traf ihn an der Schulter. Delacroix wankte.
„Capitaine!“, rief Johann.
„Ich bin… in Ordnung“, keuchte Delacroix.
Doch er blutete.
Schwer.
Die Angreifer drängten sie zurück, Schritt für Schritt, bis sie an der Mauer standen.
„Es ist vorbei“, sagte Schneider.
„Nein“, sagte Johann.
Er packte Delacroix, zog ihn zur Seite — und stieß den brennenden Fackelständer um.
Die Flammen breiteten sich rasend schnell aus, erfassten die Angreifer, die zurückwichen, stolperten, schrien.
„Rückzug!“, brüllte Schneider.
Die Männer flohen.
Auch Schneider wich zurück, sein Blick voller Hass.
„Das ist nicht vorbei, Keller!“, rief er. „Ihr habt keine Ahnung, was ihr entfesselt habt!“
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Die Sonne ging über Ravensburg auf, als Johann und Delacroix erschöpft auf der Mauer der Veitsburg saßen. Die Angreifer waren verschwunden. Anna war verschwunden. Ihr angeblicher Vater war verschwunden.
„Ihr habt mein Leben gerettet“, sagte Delacroix.
„Ihr habt meines gerettet“, sagte Johann.
Delacroix nickte. „Wir sind jetzt Verbündete.“
Johann sah ins Tal. „Und der Feinde haben wir genug.“
Delacroix folgte seinem Blick.
„Schneider wird zurückkommen“, sagte er. „Mit mehr Männern. Mit mehr Macht.“
„Und Anna?“, fragte Johann leise.
Delacroix schwieg einen Moment.
"Ich glaube nicht, dass sie auf der Seite von Schneider steht.“
Johann schloss die Augen.
„Ich werde sie finden“, sagte er.
„Und ich werde euch helfen“, sagte Delacroix.
Johann sah ihn an.
„Warum?“
Delacroix lächelte schwach.
„Weil dieses Tal zu wertvoll ist, als es von abgründigen Männern zerstören zu lassen.“
Er stand auf.
„Und weil ihr ein Mann seid, dem ich vertraue.“
Johann sah in die aufgehende Sonne.
Ein neuer Tag begann.
Ein Tag, an dem er wusste: Der Kampf um das Schussental hatte erst begonnen.
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Kapitel 3 folgt ...