Terra X - Genesis - Evolution - Klima - Psychoanalyse ... und die Frage nach Gott.
Die Menschwerdung ist eine Geschichte in Zeiträumen, die unser Vorstellungsvermögen sprengen. 1,8 Millionen Jahre – das ist der Zeitraum, in dem sich aus frühen Vertretern der Gattung Homo jene Wesen entwickelten, die wir heute Menschen nennen. Diese Entwicklung verlief nicht linear, nicht zielgerichtet, nicht geplant im menschlichen Sinne. Sie war eingebettet in dramatische Klimaschwankungen, ökologische Krisen, Wanderbewegungen, genetische Engpässe und kulturelle Innovationen. Die Evolution des Menschen ist eine Klimageschichte, eine Überlebensgeschichte – und zugleich eine Geschichte der Selbstdeutung.
Denn parallel zu den biologischen Entwicklungen entstand etwas, das kein anderes Tier hervorgebracht hat: die Fähigkeit, nach dem Ursprung zu fragen. Woher kommen wir? Warum sind wir hier? Was bedeutet es, Mensch zu sein? Und gibt es eine Macht, die hinter allem steht?
Die biblische Schöpfungserzählung aus Genesis 1,1–3 ist eine der ältesten Antworten auf diese Fragen. Sie beginnt mit einem Satz, der zugleich poetisch und metaphysisch ist: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ Und sie beschreibt einen Zustand, der erstaunlich gut zu dem passt, was die moderne Kosmologie über die Frühzeit des Universums weiß: Dunkelheit, Chaos, Energie, Bewegung – und dann Licht.
Wie passt das zusammen? Die naturwissenschaftliche Evolution und die theologische Schöpfung? Der Mensch als Produkt des Klimas – und der Mensch als Geschöpf Gottes? Und was bedeutet das psychoanalytisch, wenn man – wie Eugen Drewermann – die biblischen Texte als seelische Tiefenbilder liest?
Dieser Aufsatz versucht, diese Ebenen miteinander ins Gespräch zu bringen.
1. Die Menschwerdung als Klimageschichte1.1 Klimadruck als Motor der Evolution
Die letzten 1,8 Millionen Jahre waren geprägt von extremen Klimaschwankungen: Eiszeiten, Warmzeiten, Trockenphasen, Vulkanausbrüche, Wanderbewegungen der Tierwelt. Die Paläoanthropologie ist sich heute weitgehend einig: Ohne diese Klimadynamik hätte es den modernen Menschen nicht gegeben.
Der aufrechte Gang entstand vermutlich als Anpassung an wechselnde Landschaften zwischen Wald und Savanne.
Das große Gehirn entwickelte sich unter dem Druck, flexibel auf unvorhersehbare Umweltbedingungen zu reagieren.
Werkzeuggebrauch, Kooperation und Sprache waren Überlebensvorteile in einer Welt, die ständig neue Herausforderungen stellte.
Evolution ist kein zielgerichteter Prozess, sondern ein Zusammenspiel aus Variation, Mutation und Selektion. Aber sie ist auch kein reiner Zufall. Sie folgt Gesetzmäßigkeiten, Mustern, Rahmenbedingungen. Das Klima war einer dieser Rahmen.
1.2 Der Mensch als „Klimawesen“Die Menschwerdung ist also nicht nur eine biologische, sondern eine ökologische Geschichte. Der Mensch ist ein Produkt der Erde – und zugleich ein Wesen, das die Erde verändert. Die letzten 200 Jahre zeigen das drastisch: Der Mensch ist vom Klimaprodukt zum Klimafaktor geworden.
Diese doppelte Rolle – Geschöpf und Gestalter – ist ein Schlüssel zum Verständnis der Frage nach Gott.
2. Genesis 1, 1–3: Eine theologische Tiefenstruktur2.1 Der Text als kosmologisches Gedicht
Genesis 1 ist kein naturwissenschaftlicher Bericht. Es ist ein poetischer Text, der in einer Welt entstand, in der Menschen noch keine Evolutionstheorie, keine Astrophysik und keine Geologie kannten. Und doch beginnt er mit einer erstaunlichen Nähe zu modernen Vorstellungen:
„Die Erde war wüst und leer“ – ein Bild für Chaos, Ungeformtheit, Energie.
„Finsternis über der Tiefe“ – Dunkelheit als Urzustand.
„Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“ – Bewegung, Dynamik, ein schöpferischer Impuls.
„Es werde Licht“ – der Beginn von Ordnung, Struktur, Zeit.
Der Text beschreibt nicht, wie die Welt entstand, sondern dass sie nicht aus sich selbst heraus ist. Er ist eine Antwort auf die Frage nach Sinn, nicht auf die Frage nach Mechanismen.
2.2 Elohim – der Gott der BeziehungenDas hebräische Wort Elohim ist grammatisch ein Plural. Es bedeutet nicht „Götter“ im polytheistischen Sinn, sondern „die Fülle Gottes“. Es ist ein Hinweis darauf, dass Gott nicht ein isoliertes Wesen ist, sondern Beziehung, Dynamik, schöpferische Kraft.
Damit ist der Text erstaunlich kompatibel mit einem evolutionären Weltbild: Gott wirkt nicht als Uhrmacher, der einmal eingreift und dann verschwindet, sondern als Grund der Möglichkeit, als schöpferische Energie, die Prozesse ermöglicht.
3. Evolution und Theologie: Widerspruch oder Ergänzung?3.1 Die theistische Evolution
Viele Theologen und Naturwissenschaftler vertreten heute die Position der theistischen Evolution: Gott wirkt nicht gegen die Naturgesetze, sondern durch sie. Evolution ist dann nicht das Gegenteil von Schöpfung, sondern ihre Form.
In diesem Verständnis:
ist Evolution kein Zufall, sondern ein offener Prozess innerhalb eines Rahmens,
ist der Mensch kein „Unfall“, sondern ein emergentes, also unerwartet neu auftretendes Phänomen,
ist Gott nicht ein Lückenbüßer, sondern der Grund, warum es überhaupt Naturgesetze gibt.
Der Begriff „missing link“ stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist wissenschaftlich überholt. Die Evolution ist kein linearer Stammbaum, sondern ein verzweigtes Buschwerk. Es gibt keine einzelne „fehlende“ Übergangsform, sondern viele. Und viele davon sind längst gefunden: Australopithecus afarensis, Homo habilis, Homo erectus, Homo heidelbergensis, Homo naledi, Homo floresiensis und viele mehr.
Die Lücken, die bleiben, sind normal – Fossilien entstehen nur unter extrem seltenen Bedingungen.
3.3 Präastronautik – ein kulturelles SymptomDie Idee, dass Außerirdische die Menschheit beeinflusst haben könnten, ist faszinierend, aber wissenschaftlich nicht haltbar. Sie ist weniger eine Theorie als ein Mythos der Moderne: ein Versuch, das Staunen über die Menschwerdung in ein narratives Muster zu bringen.
Interessant ist sie psychologisch: Sie zeigt, wie schwer es uns fällt, uns selbst als Produkt natürlicher Prozesse zu akzeptieren. Wir sehnen uns nach Herkunft, nach Sinn, nach einem „Du“, das uns gewollt hat.
Damit berührt die Präastronautik unbewusst dieselbe Frage wie die Theologie.
4. Psychoanalyse des Anfangs: Eugen Drewermann4.1 Der Mensch zwischen Tier und Bewusstsein
Drewermann liest die biblischen Texte nicht als historische Berichte, sondern als seelische Bilder. Für ihn beschreibt die Vertreibung aus dem Paradies den Moment, in dem der Mensch aus der Unschuld des Tieres heraustritt.
Das Tier lebt im Jetzt. Es kennt keine Schuld, keine Zukunftsangst, keine metaphysische Einsamkeit. Der Mensch dagegen weiß um Gut und Böse, um Tod und Verantwortung. Er ist ein Wesen, das sich selbst erkennt – und daran leidet.
Die Evolution erklärt, wie der Mensch entstand. Die Psychoanalyse erklärt, wie es sich anfühlt, Mensch zu sein.
4.2 Die Vertreibung als GeburtDrewermann deutet die Paradiesgeschichte auch als psychologisches Urbild der menschlichen Entwicklung:
Das Paradies ist die Geborgenheit im Mutterleib und an der Mutterbrust.
Die Vertreibung ist die notwendige Loslösung, um ein eigenständiges Wesen zu werden.
Die Schlange ist die Ambivalenz des Lebens: Verlockung und Gefahr zugleich.
Der Baum der Erkenntnis ist das Erwachen des Bewusstseins.
Damit verbindet Drewermann Biologie, Mythos und Psychologie zu einem Gesamtbild: Menschwerdung ist immer auch ein Verlust. Wir werden Menschen, indem wir die Unschuld verlieren.
5. Die Frage nach Gott im Licht der Evolution5.1 Ist alles Zufall?
Die Evolution enthält Zufall – Mutationen, genetische Variation, Umweltveränderungen. Aber sie enthält auch Gesetzmäßigkeit – Selektion, Anpassung, Emergenz. Die Frage, ob alles Zufall ist, ist letztlich eine metaphysische Frage.
Die Naturwissenschaft kann nur sagen: Es gibt keinen Hinweis auf eine zielgerichtete Steuerung. Sie kann aber nicht sagen: Es gibt keinen Gott.
Denn Gott ist keine naturwissenschaftliche Hypothese, sondern eine Deutungsebene.
5.2 Gott als Grund der MöglichkeitWenn man Gott nicht als Lückenbüßer versteht, sondern als Grund der Existenz, dann widerspricht Evolution der Schöpfung nicht. Dann ist Gott nicht derjenige, der eingreift, sondern derjenige, der ermöglicht.
In diesem Sinn ist Genesis 1 kein Konkurrenztext zur Evolution, sondern ein poetischer Ausdruck derselben Grundintuition: dass die Welt nicht aus sich selbst heraus ist.
5.3 Der Mensch als fragendes WesenDie Frage nach Gott entsteht nicht aus Unwissenheit, sondern aus Bewusstsein. Sie ist ein Produkt der Evolution – und zugleich ein Hinweis darauf, dass der Mensch mehr ist als ein biologisches Wesen.
Wir sind die einzigen Lebewesen, die wissen, dass sie sterben. Die Einzigen, die nach Sinn fragen. Die Einzigen, die Geschichten erzählen, Mythen schaffen, Kunst hervorbringen.
Vielleicht ist die Frage nach Gott selbst ein Teil der Schöpfung.
6. In summa: Die Einheit der ErzählungenDie Menschwerdung als Klimageschichte, die biblische Schöpfungserzählung und die psychoanalytische Deutung sind keine widersprüchlichen Welten. Sie sind drei Perspektiven auf dasselbe Geheimnis:
Die Wissenschaft beschreibt die Mechanismen.
Die Theologie beschreibt den Sinn.
Die Psychoanalyse beschreibt die innere Erfahrung.
Die Evolution erklärt, wie der Mensch wurde. Genesis erklärt, warum der Mensch fragt. Gelehrte wie Drewermann erklären, warum der Mensch leidet und hofft.
Vielleicht ist das Entscheidende nicht, ob Gott die Evolution „in Gang gesetzt“ hat oder ob es einen „missing link“ gibt. Vielleicht ist das Entscheidende, dass der Mensch ein Wesen ist, das sich selbst verstehen will – und dass er dabei Geschichten braucht, die tiefer reichen als Fakten.
Die biblische Erzählung beginnt mit einem Satz, der auch heute noch gilt: „Im Anfang…“ Denn der Anfang ist nicht vorbei. Er geschieht in jedem Menschen neu, der fragt, zweifelt, sucht und glaubt.