Der Versuch "DIE FRAGE NACH GOTT" interdisziplinär zu beantworten ... Die Vielfalt der Antworten ist kein Fehler, sondern Ausdruck der Tiefe ...
Wenn wir die Frage nach Gott, Göttern oder göttlichen Kräften interdisziplinär betrachten, beginnt alles erstaunlich unspektakulär: nämlich mit der Sprache. Das hebräische Elohim im biblischen Schöpfungsbericht ("Am Anfang schuf Gott ...) ist grammatisch im Plural und bedeutet "Götter", also eindeutig im Plural. Und eigentlich sollte da stehen: "Am Anfang schufen die Götter Himmel und Erde."
Diese Tatsache öffnet ein ganzes Panorama möglicher Deutungen. Die klassische jüdische und christliche Exegese versteht den Plural als „Plural der Majestät“ oder „Plural der Fülle“, also als Ausdruck von Größe, nicht von Vielheit.
Doch Sprachwissenschaft und Religionsgeschichte zeigen nüchtern, dass die ältesten Schichten des Alten Testaments Spuren eines echten Polytheismus (Vielgötterei) tragen. Die Bibel ist kein monolithisches Werk, sondern eine Bibliothek aus Jahrhunderten, und in ihren Tiefenschichten begegnen uns Göttersöhne, Himmelsräte, göttliche Versammlungen und Wesen, die in ihrer Funktion eher an die Götterwelten der Nachbarvölker erinnern als an den späteren, strengen Monotheismus.
Die Genesis, Kapitel 6, ist ein Paradebeispiel: Die „Söhne Gottes“ nehmen sich menschliche Frauen, und aus dieser Verbindung entstehen die „Helden der Vorzeit“. Religionshistorisch ist das kein isoliertes Phänomen. Die Griechen kannten Halbgötter wie Achilles oder Herakles, die aus der Verbindung eines Gottes mit einer Sterblichen hervorgehen. Die Ugariter erzählten von einem göttlichen Hofstaat um den Hochgott El, was an "Elohim" erinnert. Die Babylonier kannten göttliche Wesen, die mit Menschen interagieren.
Anthropologisch betrachtet ist die Vorstellung, dass das Göttliche sich mit dem Menschlichen mischt, eine universale Erzählstruktur. Sie erklärt Macht, Herkunft, Ausnahmestatus. Sie ist ein Versuch, das Außergewöhnliche in der Welt zu verorten.
Vor diesem Hintergrund wirkt es fast wie ein späterer theologischer Kraftakt, dass Israel aus dieser Vielfalt einen einzigen Gott herauslöst: Jahwe (Jehovah bei den "Zeugen"). Doch selbst hier ist die Sache nicht eindeutig. Archäologische Funde aus Kuntillet ʿAjrud erwähnen „Jahwe und seine Aschera“, was auf eine göttliche Partnerin hindeutet.
Die Bibel selbst kennt die Formel „Wer ist wie du unter den Göttern, Jahwe?“, was nur Sinn ergibt, wenn es andere Götter gab/gibt. Der Monotheismus Israels ist also nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis eines langen kulturellen und politischen Prozesses, der erst im Exil und danach seine endgültige Form annimmt.
Die Christen wiederum identifizieren Jahwe mit dem „Vater Jesu Christi“. Doch diese Gleichsetzung ist theologisch, nicht historisch. Das Neue Testament selbst ist ambivalent. Jesus spricht vom „Vater in den Himmeln“ — ein Plural, der im Griechischen tatsächlich steht und der eher an eine kosmische Sphäre erinnert als an den spezifischen Gott Israels. Paulus spricht vom „Gott dieser Welt“, der die Menschen verblendet. Die Gnosis unterscheidet radikal zwischen dem höchsten, transzendenten Gott und dem Demiurgen, dem Schöpfer dieser Welt, der weder gut noch allwissend sein muss. Diese gnostische Spannung ist nicht einfach eine exotische Randposition, sondern eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung mit dem Problem des Bösen:
Wenn die Welt voller Leid ist, wie kann ihr Schöpfer gut sein? Die Gnosis löst das, indem sie Schöpfer und höchsten Gott trennt. Viele moderne Menschen empfinden diese Lösung intuitiv als plausibler als die traditionelle Identität von Jahwe und dem „Vater“.
Die Evolutionsbiologie bringt eine weitere Perspektive ein. Sie zeigt, dass der Mensch ein Sinnsucher ist, ausgestattet mit einem Gehirn, das Muster erkennt — auch dort, wo keine sind. Diese Tendenz, Agency zu vermuten, also handelnde Wesen hinter Naturereignissen zu sehen, ist ein evolutionärer Vorteil. Ein Rascheln im Gebüsch könnte Wind sein — oder ein Raubtier. Wer vorsichtshalber ein Wesen annimmt, überlebt eher. Daraus entsteht ein „Hyperactive Agency Detection Device“, wie die Kognitionswissenschaft sagt.
Götter sind eine kulturelle Ausformung dieser biologischen Disposition. Doch das erklärt nicht alles. Es erklärt, warum Menschen an etwas glauben, aber nicht an wen oder warum gerade so. Die Vielfalt der Gottesbilder — von den olympischen Göttern über Jahwe bis zum gnostischen Vater — zeigt, dass Religion immer auch ein Spiegel sozialer Strukturen ist. Polytheistische Gesellschaften mit komplexen Hierarchien haben Götterfamilien. Monotheistische Gesellschaften mit zentralisierter Macht entwickeln einen einzigen Gott. Die Gnosis entsteht in einer Welt, die unter imperialer Herrschaft leidet und nach einer transzendenten Gerechtigkeit sucht.
Die Psychologie ergänzt, dass Gottesbilder oft Projektionen innerer Erfahrungen sind. Ein strenger, strafender Gott spiegelt häufig autoritäre Erziehung. Ein liebevoller Vatergott spiegelt Bindungssicherheit. Ein gnostischer, verborgener Gott spiegelt das Gefühl, dass die sichtbare Welt nicht das letzte Wort hat. In diesem Sinne ist die Frage, ob der „Vater“ Jesu und Jahwe identisch sind, nicht nur eine theologische, sondern eine psychologische. Viele Menschen empfinden die Gewaltgeschichten des Alten Testaments als unvereinbar mit dem Bild eines bedingungslos liebenden Gottes. Diese Spannung ist real und nicht einfach durch Dogmatik aufzulösen.
Die Religionswissenschaft schließlich zeigt, dass Identitätsbehauptungen — „Unser Gott ist der wahre“ — immer auch politische Funktionen haben. Sie schaffen Zusammenhalt, Abgrenzung, Loyalität. Dass das jüdische Volk die Identität von Jahwe und dem christlichen Vater ablehnt, ist historisch und theologisch konsequent. Dass Christen diese Identität behaupten, ist Teil ihrer eigenen Identitätsbildung. Dass viele moderne Menschen daran zweifeln, ist Ausdruck eines Zeitalters, in dem Autorität nicht mehr selbstverständlich ist und in dem individuelle Erfahrung stärker zählt als Tradition.
Am Ende bleibt die Antwort auf die "Frage nach Gott" offen — und vielleicht muss sie offen bleiben. Die Wissenschaften können erklären, wie Gottesvorstellungen entstehen, sich verändern und welche Funktionen sie erfüllen. Sie können zeigen, dass die Bibel Spuren eines echten Polytheismus enthält, dass Jahwe historisch nicht der einzige Gott war und dass Jesus möglicherweise ein anderes Gottesbild hatte als die spätere Kirche.
Doch sie können nicht entscheiden, welcher Gott „wirklich“ ist. Diese Entscheidung liegt im Raum zwischen Erfahrung, Intuition, Tradition und persönlicher Wahrheit. Vielleicht ist gerade diese Offenheit das eigentlich Menschliche: dass wir suchende Wesen sind, die in Mythen, Texten, Ritualen und Gedanken immer wieder neu versuchen, das Unendliche zu berühren — und dass die Vielfalt der Antworten kein Fehler ist, sondern Ausdruck der Tiefe der Frage.