Umweltschützer üben SCHARFE KRITIK AM 👉 Flächennutzungsplan 2040 des "Gemeindeverbands Mittleres Schussental" ...
21. August, 2026 um 23:24 Uhr,
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Schussental Medial
Verantwortlich für den folgenden Text sind die unter "Verfasser" genannten Organisationen *) und der Unterzeichner dieses Textes**). Der Blogger ist weder Mitglied bei den Scientists for Future noch gehört er der F4F-Bewegung an.
Stellungnahme der Scientists for Future Ravensburg
zum Vorentwurf des Flächennutzungsplans 2040 (FNP)
des Gemeindeverbands Mittleres Schussental
Datum: 20. August 2026
*) Verfasser: Scientists for Future – Regionalgruppe Ravensburg
Psychologists for Future – Regionalgruppe Ravensburg
Parents for Future – Regionalgruppe Ravensburg
Fridays for Future – Regionalgruppe Ravensburg
Präambel
Die Scientists for Future (S4F) sind ein Zusammenschluss von über 26.800
Wissenschaftler:innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die die Anliegen der
Fridays for Future-Bewegung mit wissenschaftlicher Evidenz untermauern. Als
Regionalgruppe Ravensburg sehen wir es als unsere Aufgabe, aktuelle Planungsvorhaben auf
Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bewerten, Zusammenhänge zu beleuchten und
Zielkonflikte zu benennen. Zusammen mit den anderen „for Future“-Gruppen in der Region
wollen wir den GMS auf eklatante Widersprüche im FNP und die Verfassungswidrigkeit des
FNP hinweisen und fordern entsprechende Korrekturen (siehe die Liste der Forderungen in
Kapitel VII).
Der vorliegende Vorentwurf zur Neuaufstellung des Flächennutzungsplans 2040 des
Gemeindeverbands Mittleres Schussental ist aus wissenschaftlicher Perspektive in seiner
jetzigen Form nicht akzeptabel. Er ignoriert systematisch die Erkenntnisse der
Klimaforschung, der Biodiversitätsforschung und des Konzepts der planetaren Grenzen. Er ist
ein Dokument ökologischer Verantwortungslosigkeit und ein Schlag ins Gesicht aller, die
sich für Klimagerechtigkeit und Generationengerechtigkeit engagieren.
I. Die Überschreitung planetarer Grenzen – eine existenzielle Bedrohung
Das Konzept der planetaren Grenzen (Planetary Boundaries) definiert den sicheren
Handlungsraum der Menschheit innerhalb der Belastungsgrenzen der Erde. Laut dem
aktuellen Bericht des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) in Zusammenarbeit
mit der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) vom Dezember 2024
sind sechs von neun planetaren Grenzen bereits überschritten – darunter die Grenze für
Landnutzungsänderungen.
Land ist zentral für sieben der neun planetaren Grenzen. Die Landdegradation –
vorangetrieben durch Urbanisierung, Abholzung und nicht nachhaltige Landwirtschaft –
destabilisiert Ökosysteme, beschleunigt Klimafolgen, gefährdet die Landwirtschaft, die
Ernährungssicherheit und die Lebensgrundlagen weltweit. Bereits mindestens 1,2 Milliarden
Menschen und eine Fläche von etwa 15 Millionen km² – mehr als der gesamte Kontinent
Antarktika – sind von Landdegradation betroffen. Die wirtschaftlichen Kosten der
Landdegradation werden jährlich auf 6,3 bis 10,6 Billionen US-Dollar geschätzt.
Nur noch 60 Prozent der ursprünglichen globalen Waldfläche sind erhalten – deutlich
unterhalb der sicheren Schwelle von 75 Prozent. Jede weitere Versiegelung von
Freiflächen, jeder weitere Hektar neuer Baufläche im Außenbereich ist ein aktiver Beitrag
zur Überschreitung dieser Grenze.
II. Der Bausektor – ein Klimakiller ersten Ranges
Der Bausektor ist weltweit für 37 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich und
verbraucht 28 Prozent der globalen Energie. Die Emissionen des Gebäudesektors stagnieren
und machen immer noch ein Drittel der weltweiten Gesamtemissionen aus. Baumaterialien
wie Zement und Stahl tragen 18 Prozent zu den weltweiten Emissionen bei.
Die Zementindustrie allein produziert bis zu acht Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Wäre der Zementsektor ein Land, würde sein CO₂-Fußabdruck hinter China
und den USA auf Platz drei liegen. Pro Tonne Zement entstehen 400 Kilogramm CO₂ –
wobei ein Großteil dieser Emissionen prozessbedingt und damit technisch unvermeidbar
ist.
Was bedeutet das für den FNP-Vorentwurf?
Die geplanten 181,81 Hektar neuer Bauflächen – zuzüglich der im Außenbereich
ausgewiesenen 188 Hektar – bedeuten:
Zehntausende Tonnen CO₂ allein für die Herstellung des benötigten Betons und
Stahls.
Dauerhafte Versiegelung von wertvollstem Boden – für Generationen
unwiederbringlich verloren.
Zerstörung von Lebensräumen für unzählige Tier- und Pflanzenarten.
Verschärfung des Klimawandels durch die Bau-Emissionen selbst.
Der Bausektor verlangsamt seine Dekarbonisierung, wie die UN warnen. Jede Woche wird
weltweit die Fläche der gesamten Stadt Paris neu bebaut. Der GMS leistet mit diesem FNP
seinen aktiven Beitrag zu dieser globalen Katastrophe.
III. Bodenversiegelung – die stumme Katastrophe vor unserer Haustür. In Deutschland werden täglich 52 Hektar unbebauter Boden für Gebäude und Straßen
asphaltiert und bebaut. Das entspricht der Fläche von 72 Fußballfeldern – jeden Tag. Die
Siedlungs- und Verkehrsfläche ist in den Jahren 2020 bis 2023 um durchschnittlich 51
Hektar pro Tag angewachsen.
Etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland gelten als
versiegelt – das entspricht etwa 6,6 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands.
Die Folgen der Versiegelung sind wissenschaftlich glasklar dokumentiert:
1. Wasserhaushalt: Regenwasser kann nicht mehr versickern – das Grundwasser wird
nicht mehr aufgefüllt. Bei Starkregen steigt das Risiko von Überschwemmungen
massiv.
2. Kleinklima: Versiegelte Böden heizen sich im Sommer extrem auf und verschärfen
urbane Hitzeinseln – ein Klimawandel-Beschleuniger.
3. Bodenfruchtbarkeit: Die Bodenfauna geht zugrunde – die natürliche
Bodenfruchtbarkeit wird irreversibel zerstört.
4. Kohlenstoffspeicher: Böden können keinen Kohlenstoff mehr speichern – die
Klimaschutzfunktion des Bodens geht verloren.
Versiegelung ist irreversibel. Einmal versiegelter Boden bleibt für Generationen verloren.
Der FNP-Vorentwurf des GMS trägt mit 181,81 Hektar neuer Bauflächen aktiv dazu bei.
IV. Die Doughnut-Ökonomie – ein Kompass für eine zukunftsfähige Planung. Die britische Ökonomin Kate Raworth hat mit der Doughnut-Ökonomie ein Modell
entwickelt, das den sicheren und gerechten Raum für menschliches Wirtschaften definiert –
zwischen der sozialen Untergrenze (menschenwürdiges Leben für alle) und der
ökologischen Obergrenze (den planetaren Grenzen).
Der FNP-Vorentwurf des GMS bewegt sich nicht im Donut – er fährt mit Vollgas gegen
die ökologische Wand.
Er ignoriert die planetaren Grenzen,
er ignoriert die Klimakrise,
er
ignoriert die Biodiversitätskrise.
Er ist das Gegenteil einer zukunftsfähigen Planung.
Raworths Modell zeigt: Wirtschaftliches Wachstum um jeden Preis ist nicht nachhaltig.
Die Flächenausweisungen im FNP sind Ausdruck eines veralteten Wachstumsparadigmas,
das die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Ein FNP, der die Generationengerechtigkeit
ernst nimmt, müsste die Innenentwicklung priorisieren, die Bodenversiegelung auf null
reduzieren und die Flächeninanspruchnahme auf das absolut notwendige Maß
beschränken.
V. Die Verfassungswidrigkeit des FNP – ein Verstoß gegen Art. 20a GG
Artikel 20a des Grundgesetzes verpflichtet den Staat, „auch in Verantwortung für die
künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen" zu schützen. Das
Bundesverfassungsgericht hat in seinem Klimaurteil von 2021 klargestellt: Diese
Staatszielbestimmung verpflichtet den Staat zum Klimaschutz.
Die Bauleitplanung muss den Klimaschutzbelang in seinem Gewicht berücksichtigen. Ein
FNP, der 181,81 Hektar neue Bauflächen im Außenbereich ausweist und dabei die
Klimafolgen – die CO₂-Emissionen durch Beton und Stahl, die Versiegelung von Böden, die
Zerstörung von Biodiversität – ignoriert, verstößt gegen die verfassungsrechtliche
Schutzpflicht aus Art. 20a GG.
Der FNP ist nicht nur planerisch falsch – er ist verfassungswidrig.
VI. Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig – der FNP scheitert an seinem eigenen
Leitbild.
Die Wissenschaft ist sich einig:
Die planetaren Grenzen sind überschritten – wir müssen die Landnutzung radikal
ändern.
Der Bausektor ist einer der größten Klimakiller – wir müssen die Bauwende
einleiten.
Die Bodenversiegelung muss auf null sinken – wir dürfen keinen Hektar mehr
versiegeln.
Die Innenentwicklung hat Vorrang vor der Außenentwicklung – das ist Gesetz (§
1a Abs. 2 BauGB).
Die Sanierung ist dem Neubau vorzuziehen – das gebietet die Klimaschutzpflicht.
Der FNP-Vorentwurf des GMS ignoriert all diese wissenschaftlichen und rechtlichen
Vorgaben und die Planungen zeigen eindeutig, dass sein anfangs aufgelistetes, hehres
Leitbild nur vergängliche, schön schillernde Seifenblasen sind.
VII. Unsere Forderungen – klar und wissenschaftlich geboten
Als Scientists for Future fordern wir:
1. Rücknahme der Außenbereichs-Ausweisungen: Streichung der geplanten
Bauflächen im Außenbereich – 188 Hektar, insb. in HQ100-Flächen. Die Nutzung
von Freiflächen für Siedlungszwecke ist nämlich auf das unbedingt notwendige Maß
zu beschränken.
2. Reduzierung des Wohnbauflächenbedarfs auf maximal 50 Hektar: Der
tatsächliche Bedarf ist durch die vollständige Anrechnung der
Innenentwicklungspotenziale, der bereits bestehenden Bebauungspläne und der
tatsächlichen Einwohnerzahlen (Zensus 2022) neu zu berechnen. Bei korrekter
Berechnung decken die Innenentwicklungspotentiale und moderner
Mehrgeschoss-Bauweise vollständig den tatsächlichen Bedarf bis 2040.
3. Verbot der weiteren Bodenversiegelung: Die Flächenversiegelung im GMS ist
sofort auf null zu reduzieren. Kein weiterer Hektar wertvollen Bodens darf für
immer zerstört werden, Stichwort „Netto Null“.
4. Priorisierung der Innenentwicklung: Grundsätzlich ist die Innenentwicklung
vollständig auszuschöpfen, bevor auch nur ein Quadratmeter im Außenbereich in
Anspruch genommen wird. Die pauschale 25%-Aktivierungsquote ist wissenschaftlich
unhaltbar und rechtlich unzulässig, ebenso die Berechnung von nur 50% für das
Wohnen bei Mischbauflächen. Die reale Bauweise widerlegt diese falschen
Annahmen.
5. Verzicht auf Beton-Neubau: Neue Bauprojekte sind klimapositiv und
kreislauf-fähig zu konzipieren – mit Holz statt Beton, mit Sanierung statt Neubau.
Die derzeitige Zementindustrie ist ein Klimaschädling ersten Ranges – wir müssen
aus ihr aussteigen und klimaneutral umgestalten.
6. Klimaschutz als zentrales Abwägungsziel: Der Klimaschutzbelang ist in seinem
vollen verfassungsrechtlichen Gewicht in die Abwägung einzustellen. Der FNP
muss nachweisen, dass er mit den Zielen des Pariser Abkommens und der
Klimaneutralität bis 2040 vereinbar ist.
7. Einhaltung der planetaren Grenzen: Die Planung muss sich am Konzept der
planetaren Grenzen orientieren und nachweisen, dass sie für das Gebiet des GMS
innerhalb des sicheren Handlungsraums der Erde verbleibt. Die
Landnutzungsänderung darf nicht weiter vorangetrieben werden. Erhaltung von
landwirtschaftlicher Fläche zur biologischen Nahrungserzeugung muss ebenfalls
Priorität erhalten.
8. Transparente und nachvollziehbare Datenbasis: Die Bedarfsberechnung ist auf die
rechtsverbindlichen Zensus-Daten des Statistischen Landesamtes umzustellen. Die
Meldeamtsdaten sind wissenschaftlich ungeeignet und führen zu systematischen
Verzerrungen.
Fazit: Dieser FNP ist ein klimapolitischer Offenbarungseid. Der Vorentwurf des Flächennutzungsplans 2040 des Gemeindeverbands Mittleres Schussental
ist aus wissenschaftlicher Perspektive inakzeptabel. Er ignoriert die Erkenntnisse der
Klimaforschung, der Biodiversitätsforschung und des Konzepts der planetaren Grenzen. Er
verstößt gegen Art. 20a GG, gegen § 1a Abs. 2 BauGB und gegen die grundlegenden
Prinzipien der Nachhaltigkeit.
Dieser Vorentwurf des FNP ist kein Zukunftsplan – er ist ein Dokument ökologischer
Verantwortungslosigkeit.
Er ist ein Raubzug auf Kosten der Zukunft.
Er ist ein Angriff auf die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel.
Die Scientists for Future, Psychologists for Future, Parents for Future und Fridays for Future
Ravensburg werden sich gegen diesen FNP mit allen wissenschaftlichen und rechtlichen
Mitteln engagieren. Wir werden die Öffentlichkeit informieren, wir werden die Politik zur
Verantwortung ziehen, und wir werden eine Klage vor Gericht unterstützen, wenn es sein
muss.
Die Wissenschaft ist auf der Seite des Klimaschutzes. Der Klimaschutz ist auf der Seite
der Zukunft.
Für die Scientists for Future – Regionalgruppe Ravensburg, Psychologists for Future –
Regionalgruppe Ravensburg, Parents for Future – Regionalgruppe Ravensburg,
Fridays for Future – Regionalgruppe Ravensburg
**) Prof. Dr. Wolfgang Ertel
Ravensburg, den 20. August 2026