ANARCHIE MENSCHLICHER WERTE - Die Mächtigen nehmen sich, was sie wollen ...
Im folgenden Artikel versuche ich einen weiteren Text des evangelischen Pastors Dietrich Bonhoeffer aus dem Jahr 1943 (der Text ist in seinem Buch "Widerstand und Ergebung“ und ebenso im Anhang zu finden, Seite 19f) auf heute zu übertragen. Wir leben zwar in einer Demokratie (im Gegensatz zu Bonhoeffer damals). Aber der menschliche Grundsatz (auch in der BRD) "Die Mächtigen nehmen sich, was sie wollen" und die Freud'sche Masse (Pöbel) gibt es auch 83 Jahre später immer noch.
Es gehört zu den stillen Katastrophen unserer Zeit, dass wir das Gespür für menschliche Distanzen verlieren. Nicht die soziale Nähe ist bedroht, sondern die innere Haltung, die Bonhoeffer meinte: die Fähigkeit, Maß zu halten, Grenzen zu achten, Qualität zu erkennen, den Andersmeinenden und sich nicht gemein zu machen mit dem Lärm der Lauten.
Deutschland erlebt heute eine neue Form der Verpöbelung, die nicht mehr von der Straße allein kommt, sondern aus digitalen Räumen, politischen Apparaten, ökonomischen Interessen und kulturzerstörenden Schnellschüssen. Die Frechheit hat sich modernisiert. Sie tritt nicht mehr nur „zu nahe“; sie dringt in jede Sphäre ein: in Debatten, in Behörden, in Medien, in Nachbarschaften. Und sie wird geduldet — aus Bequemlichkeit, aus Müdigkeit, aus dem Wunsch, „nicht anzuecken“.
Wer aber duldet, dass die Frechheit sich breitmacht, hat den Damm bereits geöffnet. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem schleichenden Verlust des eigenen Maßstabes.
Der Pöbel unserer Zeit ist kein soziales Milieu, sondern ein Habitus:
die Missachtung jeder Grenze,
das Buhlen um Aufmerksamkeit,
das Feilschen um Zustimmung,
das reflexhafte Verdächtigen und Denunzieren,
das Kopfnicken mit dem Lautesten und Obigen, nur um nicht allein zu stehen.
Es ist die innere Unsicherheit einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr zutraut, Qualität zu unterscheiden. Wo alles "Meinung" ist, verliert das Urteil seine Kraft. Wo alles gleich gelten soll, verliert das Wertvolle seinen Schutz. Wo jede Kritik als "Stänkerei" und "Meckern" diffamiert wird, triumphiert die Vermassung.
Bonhoeffer hätte gesagt: Wir stehen mitten im Prozess der Verpöbelung aller Schichten. Heute gilt das erneut — nur subtiler, schneller, digitaler.
Gleichzeitig wächst eine neue Haltung, die nicht aristokratisch im Stand, sondern aristokratisch im Charakter ist: Menschen, die Opfer bringen, Mut zeigen, Maß halten, sich selbst und anderen etwas schulden wollen. Menschen, die Distanz nicht als Abwertung, sondern als Achtung verstehen. Menschen, die nicht auf Positionen schielen, sondern auf Verantwortung.
Qualität entsteht dort, wo Menschen sich weigern, im Strom der Vermassung mitzuschwimmen. Sie entsteht in der Stille, im Lesen von Büchern, im Denken, im Gespräch, im Mut zur Klarheit. Sie entsteht im Nein, das man' spricht, wenn alle ein bequemes Ja erwarten.
Wir erleben eine Gesellschaft, die sich zwischen zwei Polen bewegt:
Auf der einen Seite: die Beschleunigung, die Empörung, die Dauererregung, die Jagd nach Sichtbarkeit, die politische Kurzfristigkeit, die ökonomische Maßlosigkeit.
Auf der anderen Seite: eine wachsende Sehnsucht nach Ordnung, nach Qualität, nach Verlässlichkeit, nach Menschen, die nicht schreien, sondern stehen.
Die Frage ist nicht, ob wir „modern“ genug sind. Die Frage ist, ob wir noch wissen, was wir uns selbst schuldig sind.
Und so manche Kommune in der BRD mag im Kleinen zeigen, was Deutschland im Großen erlebt: Menschen halten den Mund, nicht aus Zustimmung, sondern aus Angst. Viele Menschen wagen öffentlich kein Wort der Kritik, weil sie wirtschaftliche Nachteile fürchten müssen. Ob er/sie nun einfacher Bürger oder Gemeinderat ist.
Diese Angst ist bereits ein Teil der Anarchie menschlicher Werte. Denn wo Menschen aus Furcht vor Konsequenzen schweigen, dort gewinnt die Frechheit Raum. Dort wird Nähe zur Macht zur Bedrohung, und Distanz — jene innere Klarheit — zur Gefahr.
Ich meine sagen zu können, dass auch "meine" Gemeinde vor Ort nicht mehr Lautstärke braucht, sondern mehr Mut zum Maß: Menschen, die sprechen, obwohl es unbequem ist. Menschen, die nicht aus Angst schweigen, sondern aus Verantwortung reden, anstatt alles nur "im Küchentischparlament" zu verhandeln.
Die Anarchie menschlicher Werte beginnt nicht mit Gewalt, sondern mit Nachlässigkeit. Mit dem Verlust des inneren Maßstabes. Mit dem Schweigen derer, die es besser wissen.
Bonhoeffer schrieb im Gefängnis über eine Haltung, die nicht laut ist, sondern klar. Diese Haltung brauchen wir heute wieder — in Deutschland --- zwischen Flensburg und Freiburg
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Wenn man nicht mehr weiß, was man sich und anderen schuldig ist, wo das Gefühl für menschliche Qualität und die Kraft, Distanz zu halten, erlischt, dort ist das Chaos vor der Tür. Wo man um materieller Bequemlichkeiten willen duldet, daß die Frechheit einem zu nahe tritt, dort hat man sich bereits selbst aufgegeben, dort hat man die Flut des Chaos an der Stelle des Dammes, an die man gestellt war, durchbrechen lassen und sich schuldig gemacht am Ganzen.
In anderen Zeiten mag es die Sache des Christentums gewesen sein, von der Gleichheit der Menschen Zeugnis zu geben; heute wird gerade das Christentum für die Achtung menschlicher Distanzen und menschlicher Qualität leidenschaftlich einzutreten haben. Die Missdeutung, als handele man in eigener Sache, die billige Verdächtigung unsozialer Gesinnung, müssen entschlossen in Kauf genommen werden. Sie sind die bleibenden Vorwürfe des Pöbels gegen die Ordnung. Wer hier weich und unsicher wird, begreift nicht, worum es geht, ja, vermutlich treffen ihn die Vorwürfe sogar mit Recht.
Wir stehen mitten im Prozess der Verpöbelung in allen Gesellschaftsschichten und zugleich in der Geburtsstunde einer neuen adligen Haltung, die einen Kreis von Menschen aus allen bisherigen Gesellschaftsschichten verbindet. Adel entsteht und besteht durch Opfer, durch Mut und durch ein klares Wissen um das, was man sich selbst und was man andern schuldig ist, durch die selbstverständliche Forderung der Achtung, die einem zukommt, wie durch ein ebenso selbstverständliches Wahren der Achtung nach oben wie nach unten.
Es geht auf der ganzen Linie um das Wiederfinden verschütteter Qualitätserlebnisse, um eine Ordnung auf Grund von Qualität. Qualität ist der stärkste Feind jeder Art von Vermassung. Gesellschaftlich bedeutet das den Verzicht auf die Jagd nach Positionen, den Bruch mit allem Starkult, den freien Blick nach oben und nach unten, besonders was die Wahl des engeren Freundeskreises angeht, die Freude am verborgenen Leben wie den Mut zum öffentlichen Leben. Kulturell bedeutet das Qualitätserlebnis die Rückkehr von Zeitung und Radio zum Buch, von der Hast zur Muße und Stille, von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sensation zur Besinnung, vom Virtuosenideal zur Kunst, vom Snobismus zur Bescheidenheit, von der Maßlosigkeit zum Maß. Quantitäten machen einander den Raum streitig, Qualitäten ergänzen einander.