AN DIE BÜRGER ▶ Freiheit durch Rückgewinnung der Selbstständigkeit - "Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen."
PROLOG
Der folgende Text "Von der Dummheit" *) könnte in einem der vergangenen 15 Monate oder gar heute in der sogenannten freiheitlichen demokratischen Bundesrepublik entstanden sein. Irgendwo zwischen Weserbergland, Thüringer Wald, Ruhrgebiet und Oberschwaben. Allerdings stammt er aus dem Jahr 1943 und wurde von einem Mann geschrieben, der zu diesem Zeitpunkt wegen seiner Glaubens- und Freiheitsüberzeugungen im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel inhaftiert war und letztlich wegen seiner Haltung wenige Tage vor dem Selbstmord Adolf Hitlers am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde: DIETRICH BONHOEFFER.
Als ich den 83 Jahre "alten" Text las, der aus Bonhoeffers Buch "Widerstand und Ergebung" stammt, war mir unmittelbar klar, dass sich seitdem in Deutschland hinsichtlich dieses Themas nichts geändert hat. Im Gegenteil.
Deswegen mögen Dietrich Bonhoeffers Gedanken uns heute nicht nur zu einer Mahnung, sondern auch zu einer klugen Vorgehensweise gegen die Dummheit unserer Tage werden.

Denn der Text wirkt wie eine Diagnose unserer Gegenwart. Dietrich Bonhoeffer beschreibt die Dummheit nicht als intellektuelles Versagen, sondern als Verlust der inneren Selbständigkeit des Menschen als Bürger eines Staates – als Zustand, in dem Menschen sich von Gesten der Macht, Politikern, Parolen, Funktionären und gruppendynamischer Erregung so überwältigen lassen, dass sie ihre eigene Urteilskraft aufgeben. Die Muster sind sofort zu erkennen: die gereizte Selbstgewissheit, die Abwehr von Fakten, die bockige Verstocktheit, die sich hinter Schlagworten verschanzt.
Bonhoeffer zeigt, warum Dummheit gefährlicher ist als Bosheit. Der Böse weiß, was er tut – der Dumme nicht. Der Böse trägt den Keim der Selbstzersetzung in sich – der Dumme nicht. Der Dumme ist zufrieden mit sich, leicht reizbar, bereit zum Angriff, und vollkommen überzeugt von den Parolen, die durch ihn sprechen. Deshalb sind wir der Dummheit gegenüber wehrlos: Argumente prallen ab, Tatsachen werden ignoriert oder als „Einzelfälle“ abgetan, und jeder Versuch der Aufklärung verschärft nur die Abwehr.
Gerade darin liegt die beklemmende Aktualität des Textes. Wenn Bonhoeffer beschreibt, wie Menschen „dumm gemacht“ werden – durch äußere Machtentfaltung, durch soziale Dynamiken, durch politische oder religiöse Verführer –, dann liest sich das wie ein Kommentar unserer Zeit in Bund, Land und Kommunen: zu populistischen Erregungswellen, zu Verschwörungsnarrativen, zu lokalen wie nationalen politischen Mechanismen, die Menschen nicht stärken, sondern abhängig machen. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen – dieser Satz trifft auch heute mit brutaler Klarheit.
Bonhoeffer bietet aber auch einen Ausweg: Dummheit lässt sich nicht durch Belehrung überwinden, sondern nur durch Befreiung. Erst wenn Menschen ihre innere Selbständigkeit zurückgewinnen – ihren Mut, ihre Verantwortung, ihre Freiheit –, können sie wieder selbst denken. Das ist die eigentliche Mahnung seines Textes: dass Demokratie nicht nur Institutionen braucht, sondern Menschen, die sich nicht hypnotisieren lassen.
So steht auch das heutige Ravensburg 2026 in jener stillen Spannung zwischen Freiheit und selbst gewählter Versklavung, zwischen dem Mut zur Wahrheit und der Bequemlichkeit des Wegsehens. Die Straßen sind belebt, die Plätze freundlich, doch unter der Oberfläche liegt ein feines Zittern: die Frage, ob wir Bürger und Bürgerinnen die Verantwortung für das Gemeinsame noch tragen wollen oder ob wir sie – müde geworden durch die permanente Ignoranz der Demokratieträger – den Lauten, den Schnellen, den Berechnenden überlassen. Es ist ein Ort, der uns mahnt, dass Freiheit niemals nur ein Zustand ist, sondern eine tägliche Entscheidung und dass die Würde des Menschen nicht im Lärm der Schlagzeilen verteidigt wird, sondern im stillen Beharren auf das, was recht bleibt, auch wenn es niemand hören will.
So zeigt sich die Oberschwabenmetropole als ein Ort, an dem die Freiheit nicht laut, sondern leise geprüft wird. Die Stadt wirkt geordnet, freundlich, beinahe selbstzufrieden – und doch liegt über ihr ein kaum hörbares Raunen, als frage sie sich selbst, ob sie noch den Mut besitzt, das Eigene zu denken und das Gemeinsame zu schützen. Denn die Gefährdung der Freiheit beginnt selten mit Gewalt; sie beginnt mit jener stillen Bereitschaft, Verantwortung abzugeben, sich zu fügen, sich einzurichten – einer freiwilligen Hörigkeit, die sich nicht als Unterwerfung versteht, sondern als vermeintliche Erleichterung. Man/frau gewöhnt sich an das Bequeme, an das Ungeprüfte, an das, was „schon irgendwie passt“. Und so wird die Freiheit nicht durch äußere Mächte bedroht, sondern durch die Müdigkeit des inneren Menschen, der das Fragen verlernt und das Schweigen zur Tugend erhebt. Doch gerade hier, mitten im Alltag einer oberschwäbischen Stadt, entscheidet sich, ob wir die Würde des Menschen als lebendige Aufgabe begreifen – oder als dekoratives Wort, das man nur noch aus Gewohnheit ausspricht.
Alte Rechtschreibung
Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als die Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.
Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.
Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.
Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.
