🎬🎞🎞 PALÄSTINA '36 - Filmkritik und -Rezension (Start in Deutschland: 14.5.2026)
Stefan Weinert, Blogger aus Ravensburg
Am 14. Mai 2026 feiert der Staat ISRAEL das 78-Jährige Bestehen seiner Unabhängigkeit. Am 14. Mai 1948 rief David Ben Gurion diese von der UN bestätigte Selbstständigkeit aus. Der neue Staat ging aus einem Teil des britischen Mandatsgebiets Palästina hervor. Die arabischen Staaten Ägypten, Transjordanien, Syrien, Libanon und der Irak griffen Israel noch am gleichen Tag an. Bis heute stellen einige Staaten und Organisationen Israels Existenz infrage.
Und ausgerechnet an diesem israelischen Unabhängigkeitstag im Jahre 2026 startet in Deutschland (dem Land der Täter) der Film "Palästina '36". In ihm erzählt Annemarie Jacirs Spielfilm - so die Kritik und Rezension - einseitig vom Arabischen Aufstand 1936. Ein politisches Lehrstück im Deckmantel eines historischen Epos. Ganz bewusst ein Narrativ aus allein palästinensischer Sicht.
Zur expliziten Erinnerung:
Die Wurzeln der Idee zur Gründung eines modernen jüdischen Staates reichen bis in das späte 19. Jahrhundert zurück. Angesichts des wachsenden Antisemitismus in Europa wuchs insbesondere unter jüdischen Intellektuellen der Zuspruch für die Idee einer eigenen „Heimstätte“ für Jüdinnen und Juden. Als Begründer des politischen Zionismus (ein ursprünglich neutraler Begriff, der heute beabsichtigt negativ besetzt wird) gilt der in 1860 Budapest geborene Publizist Theodor Herzl.
Er hatte die zunehmend judenfeindliche Stimmung in Österreich während der 1880er-Jahre selbst erlebt. Als Korrespondent für die Wiener Zeitung "Neue Freie Presse" berichtete er Ende 1894 aus Frankreich über die Dreyfus-Affäre, in deren Folge ein französischer Offizier jüdischen Glaubens rechtswidrig wegen Landesverrat verurteilt wurde.
Die Affäre führte zu einem Erstarken des Antisemitismus in Teilen der Bevölkerung und zu einer tiefen politischen Spaltung in Frankreich. Herzl bekannte später, dass ihn erst der Dreyfus-Prozess zu einem Zionisten gemacht habe. Er habe erkannt, dass die bisherigen Emanzipations- und Integrationsversuche der jüdischen Bevölkerung in Europa vergeblich gewesen seien. Ein künftiges Zusammenleben auf der Basis "gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Duldung" sah er als unmöglich an. Damit sollte er leider Recht behalten.
Übersetzung ins moderne Hebräisch (Ivrit)
ב-14 במאי 2026, מדינת ישראל חוגגת 78 שנה לעצמאותה. ב-14 במאי 1948, הכריז דוד בן גוריון על עצמאות זו, אשר אושרה על ידי האו"ם. המדינה החדשה קמה מחלק משטח המנדט הבריטי בארץ ישראל. באותו יום ממש, תקפו המדינות הערביות מצרים, עבר הירדן, סוריה, לבנון ועיראק את ישראל. עד היום, מדינות וארגונים מסוימים ממשיכים לערער על זכות קיומה של ישראל.
ודווקא ביום העצמאות הישראלי הזה בשנת 2026, הסרט *פלסטין '36* מוקרן בבכורה בגרמניה (ארץ העבריינים). בו - לדברי מבקרים וסוקרים - סרטה העלילתי של אנמרי ג'סיר מציג תיאור חד-צדדי של המרד הערבי של 1936. זהו יצירה דידקטית פוליטית במסווה של אפוס היסטורי - נרטיב שנוצר במכוון מנקודת מבט פלסטינית בלעדית.
כתזכורת מפורשת:
שורשי הרעיון להקים מדינה יהודית מודרנית נעוצים בסוף המאה ה-19. לנוכח האנטישמיות הגוברת באירופה, גברה התמיכה ברעיון של "מולדת" ייעודית לעם היהודי - במיוחד בקרב אינטלקטואלים יהודים. תאודור הרצל - פובליציסט שנולד בבודפשט בשנת 1860 - נחשב למייסד הציונות הפוליטית (מונח שבמקור ניטרלי במשמעותו, אם כי כיום לעתים קרובות חדור במכוון קונוטציות שליליות).
הוא היה עד באופן אישי לאווירה האנטי-יהודית העוינת הגוברת באוסטריה במהלך שנות ה-80 של המאה ה-19. בסוף 1894, בעת ששירת ככתב בצרפת עבור העיתון הווינאי *Neue Freie Presse*, הוא דיווח על פרשת דרייפוס - אירוע בו הורשע שלא בצדק קצין צבא צרפתי בעל דת יהודית בבגידה.
הפרשה הציתה התעוררות מחודשת של אנטישמיות בקרב חלקים מהאוכלוסייה וגרמה לקרע פוליטי עמוק בתוך צרפת. הרצל הודה מאוחר יותר כי משפט דרייפוס הוא שהפך אותו לציוני. הוא הבין שניסיונות קודמים של שחרור ואינטגרציה מצד האוכלוסייה היהודית באירופה היו לשווא. הוא ראה כל דו-קיום עתידי המבוסס על "הבנה הדדית וסובלנות הדדית" כבלתי אפשרי. למרבה הצער, הוא התגלה כצדק.
Original-Titel: Palestine 36
Filmstart in Deutschland: 14.05.2026Ein Mann mit angeklebtem Bart tritt vor ein Mikrofon, sagt ein paar Worte, dann verschwindet er wieder im Hintergrund. Es ist einer der seltenen Momente, in denen in »Palestine 36« überhaupt ein jüdischer Charakter zu sehen ist. Mehr Stimme wird ihm nicht zugestanden.
Der Film der palästinensisch-amerikanischen Regisseurin Annemarie Jacir führt ins Jahr 1936, in die Anfangsphase des Arabischen Aufstands gegen die britische Mandatsmacht. Im Zentrum stehen mehrere Figuren, deren Wege sich lose kreuzen. Ein junger Mann schließt sich bewaffneten Gruppen an, die Anschläge auf britische Infrastruktur verüben. Ein Dorf gerät unter Druck, als Streik und Repression den Alltag lähmen. Kinder bewegen sich zwischen Neugier und Angst durch eine zunehmend militarisierte Umgebung. Parallel dazu agieren britische Offiziere, die Proteste überwachen, Razzien anordnen und mit wachsender Härte reagieren. Wiederkehrende Szenen zeigen Straßensperren, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und kollektive Bestrafungen. Einzelne Episoden verdichten sich zu Momenten eskalierender Gewalt, etwa wenn Dorfbewohner öffentlich gedemütigt oder ganze Gemeinschaften unter Generalverdacht gestellt werden.
Das Problem liegt weniger in dem, was gezeigt wird, als in dem, was fehlt. Der Aufstand richtete sich historisch auch gegen die jüdische Bevölkerung. Im Film bleibt sie nahezu unsichtbar. Zwei Auftritte, kein nennenswerter Dialog. Diese Leerstelle ist nicht bloß Entscheidung für eine Perspektive, sondern eine bewusste Ausblendung.
Auch die politische Zeichnung folgt klaren Linien. Britische Figuren verkörpern Macht und Härte, arabische Figuren Widerstand und Leid. Komplexere Dynamiken bleiben unterbelichtet. Landkäufe erscheinen als administrative Akte von oben, nicht als Ergebnis vielfältiger Interessen. Führungsfiguren der damaligen arabischen Politik tauchen kaum greifbar auf.
Dabei zeigt der Film handwerklich durchaus Potenzial. Das restaurierte Archivmaterial fügt sich erstaunlich organisch ein, die Kamera findet eindrucksvolle Bilder, einige Darsteller geben ihren Rollen Gewicht. Ein kurzer humorvoller Moment, ein Junge nennt den Familienesel Balfour, deutet an, welches erzählerische Spektrum möglich gewesen wäre.
So aber wirkt das Ganze wie eine historische Folie für gegenwärtige Debatten. Begriffe, Bilder und Auslassungen bieten sich geradezu an oder nehmen es zumindest in Kauf, sich mühelos in heutige Konflikte übersetzen zu lassen. In einem Klima, in dem propalästinensische Proteste stark auf historische Narrative zurückgreifen, liefert der Film eingängige Bilder und klare Zuordnungen. Differenz würde da nur stören.
Als künstlerische Position mag das legitim sein. Als Annäherung an Geschichte ist es ärgerlich. Der dezente Hinweis auf Fiktion im Abspann ändert daran wenig. Wer hier historische Reflexion und Einordnung sucht, findet vor allem ein politisch motiviertes Framing.
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„Palästina 36“ im Kino: Man hätte gerne etwas über den Nahostkonflikt gelerntDas Drama „Palästina 36“ erinnert an den Arabischen Aufstand von 1936, verzerrt aber die Fakten. Regisseurin Annemarie Jacir versucht gar nicht erst, die Gegenwart aus der Vergangenheit heraus zu erklären.
Eine Mutter und ihre Tochter beobachten eine Gruppe Menschen, die auf einer Anhöhe auf einer eingezäunten Baustelle mit Wachturm arbeiten. Zwischen den Erwachsenen spielen Kinder. Hier soll eine neue Siedlung entstehen. „Warum sind sie hierher gekommen?“, fragt die Tochter ihre Mutter. „Ihre Länder wollen sie nicht mehr.“ – „Aber warum?“, insistiert das Kind. „Ich weiß es auch nicht“, entgegnet die Mutter. Sie gehen zurück in ihr Dorf.
Dieser kurze Dialog am Anfang von Annemarie Jacirs historischem Drama „Palästina 36“ spiegelt auf frappierende Weise den Kenntnisstand des gesamten Films wider. Der erinnert an den Arabischen Aufstand in Palästina zwischen 1936 und 1939, bedient sich der wahren Begebenheiten aber nur so weit, als er ein paar Talking Points illustriert, die in gegenwärtigen Debatten über den Nahostkonflikt immer wieder bemüht werden. In „Palästina 36“ sind die jüdischen Neuankömmlinge die „Fremden“, als hätte nie zuvor ein Jude in der Region gelebt.
„Die Geschichte beginnt nicht am 7. Oktober“ gehört zu den Allgemeinplätzen, die nach den Anschlägen der Hamas im Oktober 2023 von Kritikern des Staates Israel immer wieder bemüht worden waren. Für Annemarie Jacir beginnt die Geschichte über das Verhältnis der jüdischen und der arabischen Bevölkerung im damaligen Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1936.
Mitte der Dreißigerjahre hatte sich die Zahl der jüdischen Emigranten innerhalb weniger Jahre vervielfacht, und die britische Mandatsmacht machte den Neuankömmlingen zum Start in ihr neues Leben ökonomische Zugeständnisse. Das führte bald zu Spannungen und schließlich zu gewaltsamen Konflikten mit der verarmten arabischen Landbevölkerung.
Der komplizierte Nahostkonflikt wird fahrlässig vereinfachtDas Problem mit dieser willkürlichen Form der Geschichtsschreibung beschreibt der Dialog zwischen Mutter und Tochter sehr treffend, denn er umkreist die große Leerstelle in „Palästina 36“. Der Grund dafür, dass „ihre Länder sie nicht mehr wollen“, war natürlich der zunehmende Antisemitismus in Europa Anfang der 1930er Jahre, über den im Film aber niemand spricht.
Auch nicht darüber, dass es schon in den 1920er Jahren, also lange vor der großen Migrationswelle aus Europa, in Palästina zu antisemitischen Pogromen gekommen war. Oder dass der Auslöser des Arabischen Aufstands 1936 nicht etwa die Ermordung eines arabischen Bauern (wie im Film), sondern der gewaltsame Tod von zwei Juden gewesen war.
Die jüdische „Irgun“-Miliz begann erst im Sommer 1938 mit gezielten Aktionen. „Palästina 36“ deutet hingegen an, dass die Bewaffnung der jüdischen Siedler bereits zwei Jahre zuvor begonnen hatte. Im Hafen von Jaffa wird eine große Waffenlieferung aus Belgien entdeckt, die an einen jüdischen Geschäftsmann adressiert war. Tatsächlich ereignete sich dieser Vorfall bereits im Herbst 1935, zu einem Zeitpunkt, als sich die jüdische Bevölkerung noch im Selbstverteidigungsmodus befand. Jacir verändert die Chronologie der Ereignisse immer wieder mal da, wo es in ihre Version der Geschichte passt.
Der FilmPalästina 36 (Filasṭīn 36) Palästina, UK, Frankreich, Katar, Saudi-Arabien 2025. Regie und Buch: Annemarie Jacir. Mit: Yasmine Al Massri, Karim Daoud Anaya, Hiam Abbass, Robert Aramayo, Jeremy Irons, Billy Howle, Dhaffer L’Abidine. 121 Minuten. Kinostart: 14. Mai
Diese Details sind im größeren Kontext des historischen Unrechts, das der arabischen Bevölkerung von den 1930er Jahren bis in die Gegenwart angetan wurde und wird, jedoch alles andere als Marginalien. Die Fakten bewusst auszublenden oder zu verdrehen, wirft ein fragwürdiges Licht auf einen Film, der eigentlich dabei helfen könnte, ein wichtiges Kapitel in diesem unendlich komplizierten Konflikt besser zu verstehen.
Es war nicht zuletzt der jüdisch-amerikanische und dezidiert israelkritische Journalist Oren Kessler, Autor des Standardwerks „Palästina 1936: Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts“ (auf Deutsch erschienen im Hanser Verlag), der eine Fundamentalkritik daran äußerte, wie sich Jacirs Film zugunsten einer einseitigen Interpretation der Geschichte über die Faktenlage hinwegsetzt.
Jüdische Sprechrollen kommen im Film nicht vorDass die Konfliktlinien, die im „Großen Aufstand“ zutage traten, auch innerhalb der arabischen Community verliefen, spart „Palästina 36“ zumindest nicht ganz aus. Am Anfang kommt der Bauernsohn Yusuf (Karim Daoud Anaya) mit dem Zug in Jerusalem an, um einen Job bei dem wohlhabenden Verleger Amir (Dhaffer L’Abidine) anzutreten.
In seinem Dorf begegnet man Yusufs Ausflügen „in die Stadt“ mit Misstrauen. Amir führt den Jungen in den Muslimrat ein, wo er den arabischen Honoratioren die Sichtweise der Landbevölkerung nahebringen soll. Der Rat steht den Plänen eines Generalstreiks der Arbeiter, der die politische Stimmung und die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung weiter verschlechtern würde, kritisch gegenüber.
Das Komitee ist auch das Bindeglied zu den britischen Verwaltern, in Person des Hochkommissars Arthur Wauchope (Jeremy Irons) und des Diplomaten Thomas Hopkins (Billy Howle), einem Vertrauten der Journalistin Khuloud (Yasmine Al Massri). Sie ist die Ehefrau des Verlegers Amir und eine eloquente Verfechterin der arabischen Unabhängigkeit – darf aber nur unter einem Männernamen schreiben.
Es gibt in „Palästina 36“ also die guten und die bösen Briten, die aufrechten Araber, die sich für die Freiheit einsetzen, und die, die ihr eigenes Volk verraten. Nur Juden kommen im Film gar nicht vor, buchstäblich. Ihre Interessen werden vertreten von den Briten, der grausam auftretenden Miliz der Special Night Squad unter dem Befehl des rassistischen Captain Wingate (Robert Aramayo). Die Briten sind es auch, die im Film per Dekret bestimmen, dass den Arabern ihr Land weggenommen und an die Juden abgegeben wird.
Tatsächlich haben in den 1930er Jahren – ganz im Gegensatz zu 1948 – einige arabische Großgrundbesitzer durch Landverkäufe an Juden gutes Geld verdient. In Anbetracht der Vielzahl von Figuren und Perspektiven auf die Wurzeln des Nahostkonflikts in „Palästina 36“ sind diese Auslassungen schon bemerkenswert.
Eine gewagte antisemitische VerschwörungstheorieDie Erfindung des (halb-fiktiven) Muslimrats ist besonders bezeichnend für das Geschichtsverständnis von „Palästina 36“. Vorbild ist das Arabische Hohe Komitee, das 1936 von Muhammad Amin al-Husayni, besser bekannt als der „Mufti von Jerusalem“, gegründet worden war. Al-Husayni vertrat eine radikale Position gegen die Einwanderung der jüdischen Migranten und pflegte schon 1933 enge Kontakte zur NS-Elite in Deutschland. In den 1940er Jahren war er das wichtigste Sprachrohr der Nazis im arabischen Raum.
Bei Jacir ist der Muslimrat eine Marionette der Zionist Commission for Palestine, die die arabischen Eliten dafür bezahlt, projüdische Propaganda zu verbreiten. Khuloud findet im Schreibtisch ihres Mannes Quittungen für dessen Dienste. Eine gewagte antisemitische Verschwörungstheorie, die kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte.
Immer wieder versucht Jacir in „Palästina 36“, den Gegensatz von Arabern und Juden über die Landschaft herzuleiten. „Es ist die Beziehung zwischen uns und unserem Land. Das Werk von jahrtausenderlanger Arbeit“, heißt es einmal aus dem Off. Im Stil eines Prestige-Historiendramas verschwindet die harte Realpolitik hinter den schwelgerischen Landschaftsimpressionen der französischen Kamerafrau Hélène Louvart: Baumwollfelder im Sonnenlicht, die kargen Berge, in denen sich die Rebellen verstecken, prächtige Orchideenhaine.
Doch es gab eine Zeit vor 1936, in der Araber und Juden die Orangenplantagen im „gelobten Land“ noch Seite an Seite kultiviert haben. Die Zerstörung dieser Industrie erzählt der Dokumentarfilmer Eyal Sivan in „Jaffa, the Orange’s Clockwork“ von 2009. Vor 15 Jahren war es schon schwer genug, von der gemeinsamen Geschichte von Juden und Arabern zu erzählen. Inzwischen scheint es nahezu unmöglich geworden zu sein.