"Nie war sie so schlecht und unappetitlich wie heute!" - Kommentar zur "schwäbischen" Karikatur am aktuellen Wochenende ...
Die durch die Schwäbische Zeitung (SZ) am aktuellen Wochenende veröffentlichte Karikatur zum Streit um den Weingartner Blutaltar zeigt vor allem eines: wie sehr diese Zeitung inzwischen bereit ist, jede Grenze des Geschmacks zu überschreiten, wenn sich damit ein lokaler Dauerbrenner weiter anheizen und die Auflage zumindest punktuell erhöhen lässt. Und das ist auch nicht das erste Mal.
Dass der auf der Karikatur abgebildete "Man in black" der in Weingarten lebende Katholik MdB Axel Müller sein soll, "erkennt" wohl niemand, sondern ist nur zu erahnen. Es könnte jeder x-beliebige hochgewachsene Anzugträger aus Weingarten sein, vielleicht sogar einer der über 3.000 meist anonymen Blutreiter. Davon abgesehen: Ein Mediator, als der Müller fungiert, ist der Allparteilichkeit verpflichtet, auf Versöhnung aus und als Vermittler tätig. Der auf den Altar und den sowieso bereits Gekreuzigten niedergehende Hammer zeichnet - trotz aller versuchten Satire - ein "Basta" statt Befriedung und symbolisiert die fehlende Sensibilität des "Künstlers".
Die eigentliche Zumutung dieser Zeichnung liegt woanders: Die innenliegende Reliquie des Altars in der Weingartner Basilika enthält einen Tropfen Blut des gekreuzigten Jesus. Das glaubt jedenfalls das gläubige katholische Volk. Ob es sich tatsächlich so verhält, sei einmal dahingestellt. Doch für die genannten Katholiken aus Weingarten, Oberschwaben und darüber hinaus ist es ein Faktum und die Reliquie ein Gegenstand allerhöchster Verehrung. Eine Karikatur im Stil, den der Zeichner ihr verpasst, die diesen Kontext ignoriert und ins Lächerliche zieht, ist nicht nur deplatziert, sondern auch respektlos. Es ist für die Gläubigen ein Sakrileg (Tempelraub, Gotteslästerung) im ursprünglichen Sinne. Und das übrigens für Unterzeichner/innen der Petition zum "Erhalt des Alten" und Zehntausender Nichtunterzeichner/innen!
Ich war selbst von 1951 bis 1979 gläubiges Mitglied der römischen Kirche und weiß, wie tief solche Symbole in der religiösen katholischen Seele verankert sind. Auch wenn ich heute bezüglich eines solchen "corpus delicti" anders denke, versuche ich doch empathisch mit Befürwortern und Gegnern der geplanten Veränderung umzugehen. Gerade deshalb empfinde ich diese „Karikatur“ als Fehlgriff. Und das gleich im doppelten Sinne. Denn die SZ hat den Altarstreit inzwischen zu einem publizistischen Marathon gemacht: Artikel, "unzählige" Leserbriefe, ständige Petitionserwähnungen - und nun auch dieses Bild. Aus den beiden ursprünglich zwei (2) Gegnern eines neuen Altars wurden durch diese "Werbekampagne" über 5.000 Gegnerinnen und Gegner auf der Protestskala – eine Art säkulare Brotvermehrung, die sich mancher Bürger für ein durch ihn vertretenes politisches Anliegen wünschen würde.
Seit Wochen frage ich mich, wie leer die Seiten der SZ wohl wären, wenn sie diese klerikale Angelegenheit nicht mit solcher Inbrunst medial verweltlicht und damit versilbert hätte. Das ist die eigentliche traurige Pointe: Nicht nur die deplatzierte Karikatur ist das Problem, sondern auch die mediale Maschine dahinter, die sie selbstverständlich rechtfertigt und gegen jeden Missbrauch verteidigt.
