🎬 "JUMANJI - Willkommen im Kanzleramt"
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Es ist einer dieser Berliner Vormittage, an denen die Luft im Kanzleramt so schwer hängt, als hätte jemand die politische Großwetterlage in den Teppich geklopft. Die Flure rochen nach Kaffee, der zu lange stand, und nach Entscheidungen, die zu lange liegen geblieben waren. Zwischen zwei Türen, die beide „Konferenzraum“ heißen, steht ein Karton. Unscheinbar, braun, mit einer Handschrift darauf, die aussieht, als hätte ein gelangweilter Verwaltungsangestellter sie im Halbschlaf gekritzelt:

„Für die, die glauben, sie könnten regieren.“
Niemand wusste, wer ihn abgestellt hatte. Vielleicht ein Praktikant. Vielleicht ein Lobbyist. Vielleicht das Schicksal, das in Berlin gelegentlich seine eigenen Witze macht.
Vier Politiker*innen betreten den Raum fast gleichzeitig, was allein schon ein statistisches Wunder ist. Friedrich Merz, der eigentlich nur kurz „ein Machtwort sprechen“ wollte. Hendrik Wüst, der zufällig vorbeikam, weil irgendwo eine Kamera stand. Heidi Reichinnek, die auf dem Weg zu einem Gespräch über soziale Gerechtigkeit war. Und Alice Weidel, die behauptet, sie sei nur hier, um „die Wahrheit ans Licht zu bringen“.
Der Karton aber steht da wie ein stiller Vorwurf. Oder wie eine Einladung.
Drinnen liegt eine alte Spielkonsole, vergilbt wie ein Wahlversprechen nach zwei Legislaturen. Das Modul trägt goldene Buchstaben:
„Jumanji – Willkommen im Kanzleramt.“
Kanzler Merz runzelte die Stirn, als müsse er gleich eine Bilanz prüfen. MP Wüst lächelte höflich, wie jemand, der sich angewöhnt hat, immer kameratauglich zu wirken. Frau Reichinnek hebt eine Augenbraue, die mehr sagt als drei Talkshows. Und Alice Weidel murmelt etwas von Inszenierung.
Und doch drĂĽckten sie alle vier gemeinsam auf "Start".
Ein Sog erfasst sie, ein Strudel aus Faxgeräten, Haushaltslöchern und ungeklärten Zuständigkeiten. Für einen Moment sieht es aus, als würde sie der Lobbystrom persönlich verschlucken. Dann ist es still. Unheimlich still.
Sie stehen im Kanzleramt. Oder besser gesagt, einer anderen Version davon, die aussieht, als hätte jemand die deutsche Politik durch einen Traumfilter gejagt. Die Flure sind noch länger, die Türen noch zahlreicher, die Aktenordner noch lebendiger. Über ihren Köpfen schweben holografische Charakterkarten, als hätte ein algorithmischer Satiriker sie neu erfunden.
Merz hält ein PowerPoint‑Schwert in seinen Händen, das alles in Diagramme verwandelte. Wüst kann sich in jede Kamera teleportieren, die im Raum auftaucht. Reichinnek schleudert moralische Feuerbälle, die erstaunlich präzise treffen. Weidel erzeugt Empörungsblitze, die grell sind, aber selten etwas treffen.
Eine Stimme erklingt, tief und unbarmherzig wie ein Bundestagsprotokoll:
„Um das Spiel zu beenden, müsst ihr den Schlüssel der Regierungsfähigkeit finden.“
Natürlich war das leichter gesagt als getan. Das Kanzleramt verwandelt sich in ein Labyrinth aus Haushaltszahlen, Koalitionsmorästen und Bürgerdialog‑Drachen, die nur schrumpfen, wenn man/frau ihnen zuhört — eine Fähigkeit, die im politischen Betrieb eigentlich als exotisch gilt.
Sie kämpfen sich durch Tabellen, die sich wehren, durch Schlagzeilen, die wie Laserstrahlen auf sie niederprasseln, und durch Räume, in denen jede Aussage sofort im Boden versinkt, wenn sie nicht konsistent ist. Weidel blieb mehrfach stecken. Merz versucht, sie herauszuziehen, verliert aber selbst den Halt, weil seine Positionen im Tagesrhythmus wechseln. Wüst lächelt sich durch die Wände. Reichinnek ist die Einzige, die geradeaus geht.
Zwischendurch – so ist zu erkennen – in einem dieser surrealen Flure hängt ein Bild, das aussieht wie die Oberschwabenhalle, in der Kanzler Merz jüngst auftrat – allerdings in einer Version, die so wirkt, als hätte das Spiel sie aus einem Zeitungsartikel über „Umwidmung“ und „Sanierungsstau“ rekonstruiert. Merz bleibt kurz stehen, betrachtet das Bild und murmelte: „Sieht aus wie ein Projekt, das man besser nicht anfasst.“ Wüst nickt. Reichinnek seufzt. Weidel sagt, das sei Symbolpolitik.
Dann geht es weiter.
Am Ende stehen die vier Protagonist/innen in einem leeren Raum. In der Mitte liegt glänzend ein goldener Schlüssel. Darüber schwebt ein Satz, der in Deutschland seit Jahren als Running Gag gilt:
„Nur wer Verantwortung wirklich will, darf den Schlüssel nehmen.“
Sie sehen sich an. Niemand rĂĽhrt sich.
Es ist ein Moment, der an jene Situationen erinnert, in denen in Ravensburg jemand fragt, woher die 40 Millionen Euro für die neue "Kuppelnauschule" kommen sollen — und plötzlich alle sehr beschäftigt wirken.
Dann öffnet sich eine Tür. Ein Mann tritt ein. Der Hausmeister des Kanzleramts, der seit drei Jahrzehnten die Kaffeemaschinen repariert und vermutlich mehr über die Republik weiß als die meisten Kabinettsmitglieder.
Er sieht die vier an, seufzt und sagt: „Wenn ihr nicht wollt, mach ich’s.“
Und prompt nimmt der den Schlüssel. Das Gebäude bebt. Die vier Politiker/innen werden zurückgesogen, zurück in die Realität, als hätte das Spiel genug von ihnen.
Wieder im echten Kanzleramt stehen sie da, etwas blasser, etwas stiller, etwas verwirrter. Die Konsole aber ist verschwunden. Nur ein Zettel liegt auf dem Tisch:
„Jumanji endet nie. Aber ihr könntet anfangen.“
Merz räuspert sich. Wüst lächelt. Reichinnek schüttelt den Kopf. Weidel behauptet, das sei alles inszeniert gewesen.
Und irgendwo tief im Keller des Kanzleramts — dort, wo die alten Faxgeräte schlafen — hört man ein leises, unheilvolles: „Level 2 wird geladen…“