Vom Zeitalter der "Romantik" bis zu den Baumhäusern im "Altdorfer Wald" – eine notwendige Linie❗
In diesem Aufsatz versuche ich eine historische Tiefenperspektive zu eröffnen, die vielen Zeitgenossen - und darunter auch das Gros der Politiker/innen - in der aktuellen Debatte um den "Klimaschutz" fehlt. Dabei schlage ich die Brücke von den Romantikern des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts in deutschen Landen bis zu den heutigen Umweltorganisationen und aktiven Klimaaktivisten, auch und gerade in Oberschwaben und Ravensburg. Beide Epochen - vor 250 Jahren und seit den 1960er Jahren - sind Ausdrucksformen derselben menschlichen Grundbewegung: dem Drang und Wunsch, die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu heilen.

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Es gibt in der Tat Epochen, die wie ferne Spiegel wirken. Man/frau blickt hinein und erkennt plötzlich Züge der eigenen Zeit, obwohl Jahrhunderte dazwischenliegen. Die Romantik – jene kulturelle Strömung, die vom späten 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Europa erfasste – ist eine solche. Sie entstand in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche, als Industrialisierung, Rationalismus und Fortschrittsglaube die Welt in ein neues Zeitalter stießen. Und sie brachte Menschen hervor, die sich weigerten, die Natur plötzlich nur noch als Rohstofflager, Maschine oder mathematische Gleichung zu betrachten.
Heute, im 21. Jahrhundert, stehen wir erneut an einer Schwelle. Wieder verändert sich die Welt rasant. Wieder wird die Natur übernutzt, ausgebeutet und funktionalisiert. Und wieder gibt es Menschen, die sich dem entgegenstellen – nicht mit Gedichten und Gemälden, sondern mit Protestcamps, Baumhäusern und zivilem Ungehorsam. Auch hier bei uns, im Schussental, im "Altdorfer Wald", wo junge Aktivisten wie Samuel Bosch versuchen, das zu bewahren, was andere längst als verhandelbare Ressource betrachten.
Diese Kolumne soll, wie gesagt, eine Brücke zwischen beiden Bewegungen schlagen. Nicht, um sie gleichzusetzen, sondern um sichtbar zu machen, dass sie aus derselben menschlichen Grundsehnsucht entstehen: der Sehnsucht nach einer heilen Beziehung zwischen uns und dem, aus dem wir homo sapiens hervorgegangen sind. Und um zu zeigen, dass wir beide brauchen – die "Träumer" von damals und die Unbequemen von heute.
Die Romantik war keine harmlose Schwärmerei, wie sie heute oft dargestellt wird. Sie war eine Gegenbewegung. Ein kultureller Aufstand gegen die Entfremdung, die die frühe Industrialisierung mit sich brachte. Während Fabriken rauchten, Maschinen stampften und Städte wuchsen, spürten viele Menschen, dass etwas verloren geht: die innere Verbindung zur Natur, die Erfahrung des Staunens, die Ahnung eines größeren Zusammenhangs.
Die Romantiker reagierten darauf nicht mit politischen Programmen, sondern mit einer geistigen Revolte. Sie erklärten die Natur zum Spiegel der Seele. Sie sahen in ihr nicht nur Bäume, Flüsse, Berge, sondern lebendige Wesen, die mit dem Menschen in Resonanz stehen. Für sie war die Natur ein Gegenüber, kein Objekt.
Man denke an Caspar David Friedrich, dessen Figuren auf Felsen stehen und in nebelverhangene Landschaften blicken – nicht als Besitzer, sondern als Fragende. Oder an Novalis, der schrieb: „Die Welt muss romantisiert werden.“ Gemeint war: Die Welt muss wieder beseelt werden, damit der Mensch sich selbst darin erkennt.
Diese Haltung war radikal. Sie stellte sich gegen den Zeitgeist, gegen die Reduktion der Natur auf Nutzen und Profit. Und sie war notwendig, um überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Natur mehr ist als Material.

Im "Altdorfer Wald" - Samuel Bosch
Parallel zur Romantik entstand etwas, das man als ihre wissenschaftliche Schwester bezeichnen könnte: die frühe Ökologie. Alexander von Humboldt, Justus von Liebig, Charles Darwin – sie alle trugen dazu bei, die Natur nicht nur emotional, sondern auch strukturell zu verstehen.
Humboldt erkannte ökologische Zusammenhänge, lange bevor der Begriff „Ökosystem“ existierte. Er beschrieb, wie Klima, Vegetation, Tiere und Menschen miteinander verflochten sind. Liebig erforschte Stoffkreisläufe. Darwin zeigte, wie alles Leben miteinander verwandt ist.
Die Romantik gab der Natur eine Seele. Die Ökologie gab ihr eine Struktur.
Beides zusammen bildete die Grundlage für das moderne Umweltbewusstsein. Ohne die Romantik hätten wir keine emotionale Sprache für die Natur. Ohne die Ökologie hätten wir keine wissenschaftliche.
Doch wechseln wir ins Heute. In eine Region, die wir alle mehr oder weniger kennen: das Schussental, den Altdorfer Wald, die Region Oberschwaben. Landschaften, die seit Jahrhunderten genutzt, geformt und verändert wurden, in der Wälder einst für Öfen, Maschinen und Häuser abgeholzt wurden – und in der heute neue Konflikte entstehen.
Im Altdorfer Wald leben junge Menschen in Baumhäusern, um auf die drohende Zerstörung eines der letzten großen Waldgebiete der Region aufmerksam zu machen. Einer von ihnen ist Samuel Bosch, der von manchen als „Baumromantiker“ verspottet wird – ein Wort, das in Ravensburg inzwischen fast schon zum politischen Kampfbegriff geworden ist. Andere nennen ihn „Ökoterrorist“, weil er bis an die Grenzen des zivilen Ungehorsams gegangen ist und dafür eine Geldstrafe erhielt.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Diese jungen Menschen tun nichts anderes als das, was die Romantiker vor 200 Jahren taten. Sie stellen sich gegen einen Zeitgeist, der Natur vor allem als Fläche, Ressource oder Standortfaktor betrachtet. Sie erinnern daran, dass Natur nicht nur wirtschaftlich, sondern existenziell ist.
Und sie tun es mit einer Entschlossenheit, die man ihnen hoch anrechnen sollte – selbst wenn man nicht jede ihrer Methoden teilt oder infrage stellt.
Es ist ein historisches Muster: Menschen, die auf Missstände hinweisen, werden zunächst belächelt, dann bekämpft, dann – viel später – als Pioniere gefeiert.
Die Romantiker wurden als Träumer, Spinner, Weltfremde abgetan. Heute gelten sie als Wegbereiter eines neuen Naturverständnisses.
Die frühen Ökologen wurden als Sonderlinge betrachtet. Heute sind ihre Erkenntnisse Grundlage jeder Umweltpolitik.
Die Aktivisten im Altdorfer Wald werden (siehe oben) als „Baumromantiker“ verspottet. Vielleicht wird man in 50 Jahren sagen: Sie waren die Ersten, die verstanden haben, was auf dem Spiel steht.
Das Belächeln ist ein Abwehrmechanismus. Es schützt die Bequemlichkeit. Es verhindert, dass man sich mit unbequemen Wahrheiten auseinandersetzen muss. Und es ist ein Zeichen dafür, dass die Aktivisten einen wunden Punkt treffen.
Die Verbindung zwischen Romantik und Klimaaktivismus ist nicht nur metaphorisch. Sie ist strukturell. Das möchte ich in der folgenden Tabelle aufzeigen:
| Romantik | Klimaaktivismus |
|---|---|
| Protest gegen Entfremdung | Protest gegen Übernutzung |
| Natur als Spiegel der Seele | Natur als Lebensgrundlage |
| Sehnsucht nach Ganzheit | Kampf um ökologische Stabilität |
| Künstlerische Ausdrucksformen | Ziviler Ungehorsam |
| Warnung vor geistiger Verarmung | Warnung vor ökologischer Katastrophe |
Beide Bewegungen entstanden/entstehen aus einem Gefühl der Dringlichkeit. Beide werden missverstanden. Beide sind unbequem. Beide sind aber notwendig (= die Not wenden).
Oberschwaben ist kein Randgebiet. Es ist ein Mikrokosmos. Hier verdichten sich die großen Fragen unserer Zeit:
Wie viel Natur darf man opfern, um wirtschaftlich zu wachsen?
Wie viel Protest darf eine Demokratie aushalten?
Wie viel Zukunft sind wir bereit zu riskieren, um die Gegenwart nicht zu verändern?
Der Altdorfer Wald ist nicht nur ein Wald; die Felder, Wiesen, Gehölze und das "Schwarzwäldle" in und um Ravensburg - sie sind Symbole für das, was wir verlieren könnten. Und für das, was wir gewinnen könnten, wenn wir mutig genug wären, umzudenken.
Die Romantiker wollten die Seele der Natur retten. Die Aktivisten wollen den Körper der Natur retten.
Beides gehört zusammen. Beides ist notwendig.
Denn eine Gesellschaft, die die Natur nur wissenschaftlich versteht, aber nicht liebt, wird sie nicht schützen. Und eine Gesellschaft, die die Natur nur liebt, aber nicht versteht, wird sie nicht retten können.
Wir brauchen die emotionale Tiefe der Romantik. Wir brauchen die wissenschaftliche Klarheit der Ökologie. Wir brauchen die politische Entschlossenheit der Aktivisten.
Nur gemeinsam ergeben sie eine Bewegung, die stark genug ist, die Zukunft zu verändern.
Vielleicht wird man eines Tages sagen, dass im Schussental, in einem unscheinbaren Waldstück bei Ravensburg und in jener Stadt selbst, eine neue Phase des Naturbewusstseins begann. Vielleicht wird man die Baumhäuser im Altdorfer Wald so betrachten wie die Gedichte der Romantiker: als Ausdruck einer Zeit, in der Menschen spürten, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten war – und nicht länger schweigen wollten.
Die Romantiker haben uns gelehrt, die Natur zu fühlen. Die Aktivisten lehren uns, sie zu verteidigen.
Beide sind Teil derselben Geschichte. Und wir sind gut beraten, ihnen zuzuhören.