Eiszeiten und Warmzeiten
Zyklus: In den letzten etwa Jahren wechselten sich mehrere Kaltzeiten und Warmzeiten ab, gesteuert vor allem durch Veränderungen der Erdbahnparameter (Milanković-Zyklen: Exzentrizität, Neigung, Präzession).
Letzte große Kaltzeit: Höhepunkt vor ca. Jahren, dann langsame Erwärmung bis zum Beginn des Holozäns vor rund Jahren.
Amplitude: Globale Mitteltemperatur schwankte typischerweise um etwa zwischen Eiszeit und Warmzeit, aber über Jahrtausende, nicht Jahrzehnte.
Abrupte Sprünge – aber anders als heute
Am Ende der letzten Eiszeit gab es abrupte Klimaereignisse (z.B. Jüngere Dryas), ausgelöst u.a. durch massive Süßwassereinträge in den Nordatlantik (Eisberg-Armadas, veränderte Flussläufe), die die Ozeanzirkulation störten.
Diese Sprünge waren regional extrem, aber eingebettet in einen natürlichen, orbital gesteuerten Erwärmungstrend.
Stabile Warmzeit als Zivilisationsfenster
Das Holozän (seit ca. 11.700 Jahren) ist eine ungewöhnlich stabile Warmzeit mit relativ kleinen Temperaturschwankungen.
Diese Stabilität war die Bühne für Ackerbau, Sesshaftigkeit, Städte, Hochkulturen—also für alles, was wir „Geschichte“ nennen.
Schwankungen im Holozän
Es gab kühle Phasen (z.B. „Kleine Eiszeit“ ca. 14.–19. Jh.) und wärmere Episoden (z.B. Mittelalterliche Warmzeit), aber die globale Mitteltemperatur blieb im Bereich von grob ± um ein relativ stabiles Niveau.
Rekonstruktionen basieren auf Proxydaten (Eisbohrkerne, Pollen, Baumringe, Sedimente) und Klimamodellen, die zusammen ein recht konsistentes Bild liefern.
Geschwindigkeit
Der aktuelle Temperaturanstieg seit Beginn der Industrialisierung (ca. 1850) liegt bei etwa global—und das in gut 150 Jahren.
Im Vergleich: Der Übergang von der letzten Eiszeit ins Holozän brachte etwa Erwärmung, aber über rund 8.000–10.000 Jahre. Heute komprimieren wir einen ähnlichen Sprung potenziell in wenige Jahrhunderte. Das ist mindestens eine Größenordnung schneller als natürliche Großtrends.
Ursachen
Früher: Klimaänderungen wurden primär durch astronomische Faktoren (Erdbahn), Änderungen der Eisschilde, Vegetation und natürliche Treibhausgas-Schwankungen gesteuert.
Heute: Der dominante Treiber ist der menschliche Ausstoß von Treibhausgasen (CO₂, Methan, Lachgas) durch Verbrennung fossiler Energieträger, Landnutzungsänderungen, Industrieprozesse.
Die CO₂-Konzentration ist von ca. 280 ppm (vorindustriell) auf über 420 ppm gestiegen—ein Niveau, das in Eisbohrkernen der letzten 800.000 Jahre nicht vorkommt.
Systemische Überlagerung
Wir verändern nicht nur die Temperatur, sondern gleichzeitig:
Ozeanchemie (Versauerung)
Hydrologie (Niederschlagsmuster, Extremregen, Dürren)
Kryosphäre (Gletscherschwund, Eisschilde)
Biosphäre (Massenaussterben, Verschiebung von Vegetationszonen)
Das ist ein multidimensionaler Schock für ein System, das zwar robust, aber nicht unendlich elastisch ist.
„Die Natur schlägt zurück“ – Was sagt die Wissenschaft dazu?
Resilienz der Natur vs. Verletzlichkeit des Menschen
Leben an sich ist extrem robust: Es gibt Organismen in Tiefsee-Schloten, in Permafrost, in kochend heißen Quellen, in ewiger Dunkelheit.
Nach großen Krisen (z.B. dem Kreide-Paläogen-Aussterben vor 66 Mio. Jahren) hat sich die Biosphäre immer wieder erholt—aber mit völlig veränderter Artenzusammensetzung.
Der Homo sapiens ist dagegen an ein relativ enges Klimafenster gebunden: stabile Küstenlinien, verlässliche Niederschläge, moderate Hitze. Dieses Fenster ist das Produkt des Holozäns.
Was „Zurückschlagen“ konkret bedeutet
Kein bewusster Gegenschlag, sondern:
Mehr Extremereignisse: Hitzewellen, Starkregen, Dürren, Waldbrände.
Meeresspiegelanstieg: Über Jahrhunderte bis Jahrtausende, mit massiver Küstenumgestaltung.
Verschiebung von Klimazonen: Landwirtschaftliche Kernregionen geraten unter Druck, neue Konfliktlinien entstehen.
Die Natur „gewinnt“ nicht, sie reorganisiert sich - und wir Menschen sind möglicherweise nicht mehr die dominante Spezies in der Form, wie wir uns heute kennen.
Spanne der Zukunftsszenarien
Bei konsequenter Emissionsminderung (Paris-Ziele) könnte die Erwärmung bei etwa stabilisiert werden.
Bei weiter hohen Emissionen sind bis 2100 oder mehr möglich, mit langfristig noch höheren Werten, weil Ozeane und Eisschilde träge reagieren.
Kipppunkte (z.B. Grönland-Eisschild, Westantarktis, Amazonas, Permafrost) könnten Prozesse anstoßen, die sich kaum oder gar nicht rückgängig machen lassen.
Zeitskalen
Selbst wenn wir morgen auf Null-Emissionen gingen, bliebe ein Teil der Erwärmung bestehen; Meeresspiegelanstieg und Ökosystemverschiebungen laufen über Jahrhunderte nach.
Für die nächsten Jahrhunderte ist die Frage nicht mehr, ob sich die Erde verändert, sondern wie stark und unter welchen sozialen Bedingungen wir diese Veränderungen erleben.
Welche Botschaft für heute?
Nicht die Erde ist in Gefahr, sondern unser Platz auf ihr. Die Klimageschichte der letzten 500.000 Jahre zeigt: Das Erdsystem ist wandlungsfähig, das Leben zäh. Neu ist, dass eine einzige Spezies in wenigen Generationen eine Erwärmung auslöst, die sonst Jahrtausende bräuchte. Wir sind nicht mächtiger als die Natur - wir sind abhängig von einem außergewöhnlich milden, kurzen Fenster namens Holozän. Wenn wir dieses Fenster zuschlagen, wird die Natur weiterexistieren. Aber die Zivilisation, wie wir sie kennen, könnte zur geologischen Episode werden.