Das verlorene und wiedergefundene Paradies – Ein Essay über die Insel Praslin (Seychellen) und die "Frucht der Verführung" ...
Es gibt eine Insel in den Weiten des Indischen Ozeans, so berichte ich es im Folgenden, die nicht einfach nur eine von Wasser umspülte Landschaft ist, sondern ein Spiegel, in dem der Mensch nicht nur die Natur, sondern auch ich selbst erkennen kann – seine Sehnsüchte, seine Ängste, seine Urbilder. Das ist Praslin, die zweitgrößte Insel der Inneren Seychellen.
Ein Ort, an dem die Welt so wirkt, als sei sie nicht über Äonen geformt, sondern genauso geboren worden. Den diese Insel steht und besteht nicht auf und aus Vulkanstein, sondern aus und auf Granit. Und Granit ist älter als Vulkangestein, der an vielen Stellen als glatter und gleich weiblichen Rundungen an die Oberfläche tritt.
Praslin ist ein Ort, an dem der Mensch erkennen kann, dass das Paradies nicht verloren, sondern nur verborgen ist – hinter Palmen, Legenden und der Macht einer Frucht, die seit Jahrhunderten die Phantasie vor allem der Männer beherrscht.

https://www.seyvillas.com/guide/at-a-glance/geographic-location
Die Strände der Orte Anse Georgette und Anse Lazio liegen da wie hingestreute Schleier – von Palmen gesäumt und von eben jenen großen Granitfelsen gehalten, als wären sie die Hüften einer uralten Göttin, die sich im Meer badet. Schon die Topografie wirkt wie ein Körper: weich, rund, geschützt, einladend.
Doch das wahre Herz der Insel schlägt im Inneren, im Vallée de Mai, einem Wald, der so alt und so unberührt ist, dass er sich jeder linearen Zeit entzieht. Dafür sprechen auch die vielen endemischen paradiesisch erscheinenden Tierarten. Dort standen noch vor einigen Jahrzehnten über 5.000 besondere Palmen - heute sind es nur noch 1.500 und dennoch ist es immer noch die größte Population der Seychellenpalme weltweit. Ihre Kronen berühren einander wie Hände, die ein Geheimnis bewahren.
Dieser Wald ist kein Ort, den der Mensch einfach nur betritt. Er ist ein Schoß, in den er zurückkehrt.
Und die Coco de Mer ist mehr als eine Frucht. Sie ist ein Mythos aus Fleisch und Holz. Ihre Form – rund, gespalten, schwer – erinnert so deutlich an den weiblichen Schoß, dass frühe Seefahrer glaubten, sie sei ein Geschenk der Meeresgöttinnen.
Die im Meer gefundenen Nüsse der Frucht „ähnelten dem zerstückelten unteren Teil des Körpers einer Frau, einschließlich des Gesäßes“. So wird es überliefert. Und dieser Satz scheint nicht nur eine Beschreibung, sondern ein Schlüssel. Er zeigt, wie tief die Projektion reicht: Der Mann sieht in der Natur die ihn reizenden Teile des Frauenkörpers.
Die alten Botaniker (Männer!) wussten, was sie taten, als sie die Pflanze Lodoicea callipyge „die mit dem schönen Rumpf“ nannten.
Die Coco de Mer ist die weibliche Verführung in pflanzlicher Form. Sie ist das Versprechen des Ursprungs. Sie ist das Tabu, das lockt. Für viele ist sie die Frucht, die Eva dem Adam reichte.
Nach der modernen Entdeckung der Seychellen im 19. Jahrhundert entstanden neue Mythen: In stürmischen Nächten, so heißt es, entwurzeln sich männliche Bäume und nähern sich den weiblichen, um sich in leidenschaftlicher Liebe zu vereinen. Und wer sie dabei sieht, muss sterben oder erblinden.
Das ist Psychoanalyse in Legendenform:
Die Natur als erotisches Drama.
Die Frau als Macht, die den Mann überwältigt.
Die Vereinigung als gefährliches Wissen.
Der Tod des Beobachters ist die mythische Konsequenz des verbotenen Blicks – ein Echo des biblischen „Baumes der Erkenntnis“ und von der Mahnung und Drohung "Wenn ihr von dieser Frucht esset, werdet ihr sterben".
Als General Charles George Gordon 1881 das Vallée de Mai betrat, sah er nicht nur Palmen. Er sah Eden. Er sah die Urmutter. Er sah die Versuchung. Er war gläubiger Christ und schrieb seinen Landsleuten, er habe das wahre biblische Paradies entdeckt. Er berechnete für sich (was aber von der Wissenschaft weder damals noch heute geteilt wurde und wird), dass die Seychellen im Urkontinent Pangäa (vor der Erdplattenverschiebung) ein Teil des heutigen Irak und der arabischen Halbinsel waren. Und durch den Irak fließen bekanntlich die Flüsse Euphrat und Tigris, zwei von den vier Flüssen aus den ersten Kapiteln der Genesis.
Für Gordon stellte die Coco de Mer den Bauch und die Oberschenkel, den wahren Sitz der fleischlichen Begierden dar. Er war ein Mann des viktorianischen Zeitalters – einer Epoche, die Sexualität verdrängte und zugleich von ihr besessen war. Seine Interpretation ist daher weniger botanisch als psychologisch und auch theologisch.
Er suchte im Paradies nicht die Unschuld, sondern die Erklärung für die Macht der weiblichen Verführung. Er suchte den Ursprung der Begierde. Und er fand ihn in einer Frucht, die schwerer ist als ein Neugeborenes und geformt wie das Tabu selbst.
Die Seychellen-Blautaube, deren Kopf silbergrau und deren Flügel dunkelblau sind, bewegt sich durch das Tal wie eine Botin aus einer anderen Schöpfung. Der Schwarzpapagei, die Flughunde, die Nektarvögel – sie alle wirken für den Briten wie Geschöpfe eines Gartens, der sich selbst genügt und den es bereits am Anfang der Äonen gab - vor dem Zeitalter der Dinosaurier.
Der Mensch und vor allem der dominante Mann sind hier Eindringling, Beobachter und Suchender.
Und vielleicht ist das die tiefste Wahrheit des Paradieses: Es existiert auch ohne den Menschen. Und gerade deshalb zieht es ihn an --- und er ist im Begriff es anschließend zu zerstören. In weiten Teilen der Welt hat homo sapiens es schon getan und wird nicht ruhen, bis ...
Das Paradies ist in diesem Sinne kein geografischer Ort, sondern ein psychischer Zustand:
der Wunsch nach Rückkehr in den Ursprung,
die Sehnsucht nach Verschmelzung,
die Angst vor der Macht des Weiblichen,
die Faszination des Verbotenen.
Eden ist nicht verloren. Es ist verdrängt. Und durch Praslin kehrt es zurück – in Form einer Frucht, die den Mann an das erinnert, was er vergessen wollte: dass er aus dem Körper einer Frau stammt. Dass er ihr verdankt, was er ist. Dass die Natur weiblich ist – und stärker als er.
Praslin zeigt, dass das Paradies nicht ein Ort der Unschuld ist, sondern ein Ort der Erkenntnis. Ein Ort, an dem der Mensch begreift, dass die Welt nicht ihm gehört, sondern dass er von ihr hervorgebracht wurde.