Friedrich von Arabien ▶ „Lieber keine Bündnispartner als falsche Bündnispartner.“ - Wenn Entscheidungen nicht aus Stärke, sondern aus Angst getroffen werden ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen politische Entscheidungen nicht aus Stärke, sondern aus Angst getroffen werden. Momente, in denen Regierungen nicht handeln, weil sie eine klare Vision haben, sondern weil sie befürchten, dass ihnen die Welt entgleitet. Europa befindet sich gerade in einem solchen Moment. Die EU und die Bundesrepublik Deutschland versuchen, einen außenpolitischen Paradigmenwechsel herbeizuführen, der weniger von strategischer Vernunft als von einer tief sitzenden Verunsicherung getragen wird. Und diese Verunsicherung hat einen Namen: Donald Trump.
Man kann über Trump vieles sagen, aber eines ist unbestreitbar: Er hat die europäische Politik aus ihrem bequemen transatlantischen Halbschlaf gerissen. Doch statt diese Erschütterung zu nutzen, um sich selbst zu stärken, reagiert Europa mit einer Mischung aus Panik, Überkompensation und geopolitischem Aktionismus. Es ist, als hätte man Angst, dass der Boden unter den Füßen wegbricht — und greift deshalb nach jedem Ast, der sich anbietet, selbst wenn er morsch ist. Genau das geschieht gerade: Die EU und die BRD suchen neue Partner, neue Allianzen, neue „strategische Freundschaften“. Und sie suchen sie teilweise auch ausgerechnet dort, wo die eigenen europäischen und deutschen Werte am konsequentesten verletzt werden.
Dass Friedrich Merz in die Golfstaaten reist, um über Waffenexporte zu sprechen, ist nur das sichtbarste Symptom dieser Entwicklung. Es ist ein Vorgang, der in seiner Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten ist: Während man in Berlin und Brüssel von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und „europäischen Werten“ spricht, verhandelt man hinter verschlossenen Türen mit Regimen, die Frauen entrechten, Oppositionelle foltern und Journalisten verschwinden lassen. Man könnte es Realpolitik nennen. Oder Zynismus. Oder schlicht Orientierungslosigkeit.
In Anlehnung an den einstigen FDP-Politiker Christian Lindner muss es aus Sicht der Vernunft, Vorausschau und der Humanität heißen: „Lieber keine Bündnispartner als falsche Bündnispartner.“ Dieser Satz ist mehr als eine moralische Position. Er ist ein strategischer Imperativ. Denn Bündnisse sind nicht nur Zweckgemeinschaften; sie sind politische Erzählungen. Sie prägen Identität, Glaubwürdigkeit und langfristige Handlungsfähigkeit. Wer sich an Regime bindet, die das Gegenteil dessen verkörpern, was man selbst zu vertreten vorgibt, verliert nicht nur seine moralische Stimme, sondern auch seine geopolitische Klarheit.
Doch genau das geschieht: Europa sucht aus Angst vor einem temporären politischen Klima in den USA nach dauerhaften Ersatzpartnern — und landet bei Diktaturen, die keinerlei demokratische Legitimation besitzen. Es ist, als würde man aus Angst vor einem Sturm in ein Haus flüchten, das bereits in Flammen steht. Kurzfristig wirkt es wie Schutz. Langfristig ist es Selbstzerstörung.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Europa, das sich gern als moralische Instanz inszeniert, handelt zunehmend aus Angst. Angst vor dem Bedeutungsverlust. Angst vor der eigenen militärischen Schwäche. Angst vor einer multipolaren Welt, in der man nicht mehr automatisch im Zentrum steht. Angst vor einem US‑Präsidenten, der die transatlantische Partnerschaft anders interpretiert, als man es gewohnt war. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber — besonders in der Außenpolitik.
Die EU und die BRD behandeln die aktuelle US‑Politik, geprägt durch Donald Trump, als wäre sie die neue Identität der Vereinigten Staaten. Als wäre sie ein irreversibler Bruch. Als wäre die amerikanische Demokratie auf eine Person geschrumpft. Dabei ist Trumps Präsidentschaft — wie jede Präsidentschaft — zeitlich begrenzt. In drei Jahren kann die politische Landschaft in Washington völlig anders aussehen. Und selbst wenn nicht: Die USA sind ein komplexes Gefüge aus Institutionen, gesellschaftlichen Kräften und wirtschaftlichen Interessen. Sie sind nicht auf eine Person reduzierbar. Europa aber reagiert, als sei der transatlantische Raum bereits verloren.
Eine weitere Überreaktion, welche zeitlich gesehen noch vor der ersten liegt und bis in die Gegenwart führt, ist die ebenso problematische Entwicklung Richtung Osten : die totale Abkehr von Russland. Auch hier wird ein einzelner Mann — Wladimir Putin — mit einem ganzen Land gleichgesetzt. Als wäre seine Herrschaft ein Naturgesetz. Als wäre Russland identisch mit dem Kreml. Als gäbe es keine russische Gesellschaft, keine kulturelle Tiefe, keine historischen Kontinuitäten, die über Putin hinausreichen. Doch Putin wird nicht ewig Präsident sein. Russland ist größer als sein derzeitiger Machthaber. Und die geopolitische Realität Europas wird sich nicht in Luft auflösen.
Was passiert also, wenn sich die politische Lage in Russland verändert? Wenn ein Nach‑Putin‑Russland entsteht, das — wie so oft in der russischen Geschichte — eine neue Phase einleitet. Soll dann aus einer fast hasserfüllten Anti‑Russland‑Haltung plötzlich ein „Freude‑Friede‑Eierkuchen“ werden? Wie glaubwürdig wäre das? Wie stabil? Wie verantwortungsvoll? Außenpolitik, die auf Emotionen basiert, ist nicht nachhaltig. Und Außenpolitik, die auf Feindbildern basiert, ist gefährlich.
Europa muss lernen, zwischen Regimen und Gesellschaften zu unterscheiden. Es muss lernen, dass Kritik an einem Machthaber nicht gleichbedeutend ist mit der Ablehnung eines ganzen Volkes. Und es muss lernen, dass langfristige Stabilität nicht aus kurzfristigen Reflexen entsteht, sondern aus strategischer Geduld, Prinzipientreue und der Fähigkeit, auch einmal auszuhalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt.
Die psychologische Dimension dieser Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Politik ist nicht nur Kalkül; sie ist auch Projektion, Angstbewältigung und Identitätssuche. Die Angst vor dem Verlust eines verlässlichen Partners führt zu einem reflexhaften Suchen nach Ersatz. Dieses Suchen ist oft weniger rational als emotional. Es ist die Suche nach einem Anker in einer Welt, die sich schneller verändert, als die politischen Institutionen reagieren können. Doch Anker, die auf moralisch fragwürdigen Grundlagen ruhen, sind trügerisch. Sie geben kurzfristig Halt, aber sie sind nicht tragfähig.
Ein weiterer psychologischer Mechanismus ist die Projektion: Man projiziert die Fehler des einen Partners auf das gesamte System und sucht dann die Schuld außerhalb. Wenn die USA sich verändern, wird nicht differenziert zwischen temporären politischen Strömungen und langfristigen institutionellen Kontinuitäten. Stattdessen wird die gesamte transatlantische Ordnung in Frage gestellt. Das ist eine Form der kognitiven Vereinfachung, die in Krisenzeiten verführerisch ist, aber strategisch dumm ist. Komplexität erfordert differenzierte Antworten, nicht pauschale Abkehr.
Die historische Dimension verstärkt diese Problematik. Europa hat in der Vergangenheit immer wieder Fehler gemacht, wenn es kurzfristige Opportunität über langfristige Prinzipien gestellt hat. Die Appeasement‑Politik der 1930er Jahre ist das plakativste Beispiel: das Streben nach kurzfristiger Stabilität um den Preis der moralischen Kapitulation. Natürlich ist die heutige Situation nicht eins zu eins mit "damals" vergleichbar. Aber die strukturelle Logik ist ähnlich: Man versucht, Konflikte zu entschärfen, indem man sich an Regime anpasst, die grundlegende Werte verletzen. Doch wer glaubt, dass Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen durch wirtschaftliche Kooperation verschwinden, irrt. Sie verschwinden nicht. Sie werden legitimiert.
Europa darf nicht den Fehler machen, aus Angst vor einem temporären Partnerwechsel seine Prinzipien zu verraten. Denn Prinzipien sind nicht nur moralische Kategorien; sie sind strategische Ressourcen. Glaubwürdigkeit ist die Währung, mit der man Einfluss kauft. Wer sie verspielt, zahlt später einen hohen Preis — nicht nur in diplomatischen Beziehungen, sondern in der Fähigkeit, Konflikte zu deeskalieren, Werte zu verteidigen und langfristige Partnerschaften aufzubauen.
Die Frage, die sich stellt, ist einfach und zugleich schwer: Was will Europa? Will es kurzfristige Stabilität oder langfristige Handlungsfähigkeit? Will es moralische Klarheit oder geopolitische Opportunität? Will es Prinzipientreue oder Anpassung an die jeweils stärksten Kräfte? Diese Fragen sind nicht abstrakt; sie sind konkret. Sie betreffen die Zukunft des Kontinents.
Europa könnte eine eigenständige, wertebasierte und zugleich pragmatische Außenpolitik entwickeln. Eine Politik, die nicht aus Angst, sondern aus Stärke handelt. Eine Politik, die klare Kriterien für Partnerschaften formuliert und diese konsequent anwendet. Eine Politik, die die eigene Handlungsfähigkeit stärkt, ohne die moralische Integrität zu opfern. Eine Politik, die die Zivilgesellschaft einbezieht, statt sie zu ignorieren. Eine Politik, die langfristig denkt, statt kurzfristig zu reagieren.
Doch dazu braucht es Mut. Mut, auch einmal „Nein“ zu sagen. Mut, auch einmal auf kurzfristige Vorteile zu verzichten. Mut, auch einmal auszuhalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Mut, sich nicht von Angst treiben zu lassen, sondern von Vernunft leiten zu lassen. Mut, den Satz "Lieber keine Bündnispartner als falsche Bündnispartner" zur Realität werden zu lassen
Europa steht an einem Scheideweg. Es kann sich von kurzfristigen Ängsten treiben lassen und sich an Regime binden, die seine Werte verraten. Oder es kann eine Politik der Prinzipientreue und strategischen Geduld wählen, die langfristig mehr Stabilität und Einfluss verspricht. Die Entscheidung ist nicht nur geopolitisch; sie ist moralisch. Sie betrifft die Frage, welches Europa wir sein wollen.
Wenn Trump in drei Jahren nicht mehr Präsident ist — und diese Möglichkeit ist real —, wird man sich fragen müssen: Was haben wir in dieser Zeit getan? Haben wir uns in Abhängigkeiten verstrickt, die wir später bereuen? Haben wir unsere Glaubwürdigkeit verspielt? Haben wir unsere Werte verraten? Oder haben wir die Chance genutzt, uns selbst zu stärken, unsere Prinzipien zu erneuern und eine Außenpolitik zu entwickeln, die nicht auf Angst, sondern auf Verantwortung basiert?
Die Antwort liegt nicht in Washington, nicht in Moskau, nicht in Riad. Sie liegt in Europa selbst. Und sie beginnt mit einem einfachen, aber entscheidenden Satz: Lieber keine Bündnispartner als falsche Bündnispartner.