Die eigentliche Aufgabe der schreibenden Zunft ist es, die Herrschenden zu entlarven ...
Liebe Leserschaft,
den folgenden Artikel schrieb ich schon einmal, nämlich vor genau 365 Tagen, am 31. Dezember 2024. Heute, an Silvester 2025, veröffentliche ich ihn aktualisiert noch einmal, weil er meiner Meinung nach an Aktualität - gleichwohl er zum großen Teil 100 Jahre zurückblickt - nicht verloren hat. Im Gegenteil.
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"Nun, da ihr wisst, wie alles enden kann - vergesst es nie, wie es begann!" - Die Aufgabe des Schreibenden ist die Entlarvung der Herrschenden ...
Diese beiden Sätze stammen von Walter Mehring (1896 - 1981), einem der von den Nazis "verbrannten Dichter". Walter Mehring war Jude, Sohn des Publizisten und Übersetzers Sigmar Mehring; seine Mutter war die Prager Opernsängerin Hedwig Löwenstein, die nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie am 9. August 1942 starb. Mehring besuchte das Königliche Wilhelms-Gymnasium, bis er wegen „unpatriotischen Verhaltens“ von der Schule verwiesen wurde (relegiert) und sein Abitur extern ablegen musste. In den Jahren 1914/15 studierte er zweieinhalb Semester Kunstgeschichte in Berlin und München.
Walter Mehring war nicht so bekannt wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Mascha Kaleko oder Bert Brecht. Er verließ Deutschland 1921 und ging - angeekelt von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen (Weimarer Republik) in seinem Heimatland - nach Paris. Aufgrund der furchtbaren Ereignisse des Krieges von 1914 bis 1918 war ihm bewusst, dass noch Schlimmeres möglich sein würde und auch kommen wird.
Unerlässlich hatte er immer wieder vor dem gewarnt, was dann 1933 und in den kommenden zwölf Jahren auch tatsächlich geschah. 1928 kehrte er nach Deutschland und nach Berlin zurück, wo er einst geboren wurde, und starb in Zürich (Schweiz).
1933 forderte Joseph Goebbels in seiner Zeitung "Der Angriff" den Galgen für Walter Mehring und wenige Stunden vor seiner Verhaftung, warnte ihn Mascha Kaleko und es gelang ihm, mit dem Abendzug nach Paris zu entkommen, wo er genüsslich Ossietzkys "Weltbühne" las, in der sein aktuelles Gedicht "Die Sage vom großen Krebs" abgedruckt war. Er hatte Carl von Ossietzky kurz zuvor ebenfalls gewarnt, da auch er auf der "Schwarzen Liste" der Nazis stand. Doch Ossietzky wollte Deutschland nicht verlassen und wurde tags darauf von der SS verhaftet.
Walter Mehring war ein Schreibender, ein Journalist, ein - so würden wir heute adaptiert und zeitgemäß sagen - ein Medium und - ganz modern - ein in den sozialen Netzwerken tätiger Publizist, ein Blogger.
Vor rund einhundert Jahren, in der Zeit der in Deutschland mehr und mehr heruntergekommenen Demokratie, die sich sukzessive zu einer regressiven wilhelminischen Staatsform entwickelte (Präsident Hindenburg als Kaiserersatz), hin zu einer - von ihm vorausgesagten - Diktatur, schrieb Mehring, was eigentlich im Jahre 80 (2025) nach WK II. noch gelten sollte:
Die geistige Entlarvung der Herrschenden, die mit der Würde der Nation ... ihre Zwecke tarnen: dies ist die Aufgabe des Schriftstellers ... Schriftsteller sein bedeutet: Anschauungen unbestechlich analysieren.
Bewusst schreibe ich diesen Artikel heute, am letzten Tag des Jahres 2024 und auch des Jahres 2025 und am Vorabend eines neuen Jahres 2026, wo sich die schreibende Zunft und die Medien überhaupt - print, digital, akustisch, optisch - von dieser Aufgabe weitestgehend verabschiedet haben. Deren Aufgabe und Pflicht ist es eigentlich, die Verkommenheit der deutschen Demokratie zu entlarven und a-korrumpiert zu analysieren, was da tatsächlich momentan "abgeht" - international aber vor allem auch innerhalb der eigenen nationalen Grenzen.
Mit Halbwahrheiten und verschwiegenen Fakten wird stattdessen eine Welt aufgebaut, die es in Wahrheit nicht gibt - und es fängt vor Ort, in den Kommunen und Landkreisen an, wo Fakten verdreht oder gar abgestritten werden, nur damit das Gesicht - verblasst im Mief der Büros - gewahrt bleibt und nicht enttarnt wird. Nicht enttarnt wird, worum es wirklich geht. Der eigentliche Verrat aber geht von jenen aus, die beide Seiten der Medaille nur zu gut kennen, aber nur die goldene (monetäre und opportunistische) Seite wählen, nicht aber die, die unsere Gesellschaft in den Abgrund führt. Denn wenn sie das täten, wären sie ihren "guten Ruf" und ihre Jobs los.
1928 - nach seiner Rückkehr in Berlin - schrieb Walter Mehring die folgenden Zeilen:
Ich schreib - und ich werde kein Atom verändern.
Mein Schreiben macht den Kohl und mich nicht fett!
Von Meetings, Bühnen, Radiosendern sind wir mit Weltverbesserungsideen komplett.
Man speist die Hungrigen mit fetten Lettern,
das heißt mal Volk, mal Vaterland, mal Gott.
Ach Gott! Errette uns vor unseren Rettern.
Die Welterlöser gründen ein Komplott.
"Angeekelt von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen", heißt es weiter oben in diesem Artikel. Irgendwie passt diese Formulierung auch auf die BRD, ein hundertundein Jahr nach Mehrings Empfinden über seine Zeit. Aber Deutschland 2024/25/26 deshalb verlassen? Es gibt tatsächlich Zeitgenossen die das tun. Und ein guter Freund von mir - erzürnt, verängstigt und angeekelt wegen des schlimmen deutschen Antisemitismus - überlegt allen Ernstes, dem Nach-Nachfolgestaat von Weimar den Rücken zu kehren.
Der auflodernde Antisemitismus von rechts und ultralinks - so schrieb ich vor einem Jahr und es ist in den zurückliegenden zwölf Monaten extrem schlimmer geworden, auch in Ravensburg -, die ideologische Nachfolgepartei der NSDAP (AfD) wieder im Gebäude des "Deutschen Reichstages", der unausgesprochene aber doch gültige Slogan "Kapital statt Klima", die Forderung der einstigen "Turnschuhe" nach mehr Waffen für den Krieg gegen Russland und die des Verteidigungsministers nach "unserer Kriegstauglichkeit", die bevorstehenden Landtagswahlen ohne wirkliche Wahlmöglichkeiten, die Einmischung der USA in deutsche Politik ... das alles kann nichts Gutes verheißen. Denn ...
man speist die Hungrigen mit fetten Lettern,
das heißt mal Volk, mal Vaterland, mal Gott.
Ach Gott! Errette uns vor unseren Rettern.
Die Welterlöser gründen ein Komplott.