đ„ "Kriege, Krisen, Konflikte" und Ravensburg mittendrin - Die Untoten der Stadt: Ein Blick hinter Ravensburgs glĂ€nzende OberflĂ€che ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Unbestritten leben wir im Zeitalter der drei âKâsâ â Kanzler, Kapital, Korrumpierung. Doch diese Triade ist hier nicht gemeint. Vielmehr geht es mir um âKriege, Krisen, Konflikteâ. Am und durch das zurĂŒckliegende Wochenende ist uns das noch bewusster geworden. Deshalb â so meine ich â sollten wir all unsere Errungenschaften der vergangenen Dekaden und jene, die wir fĂŒr die kommende Zeit planen und womöglich schon in Angriff genommen haben, unter dieser verhĂ€ngnisvollen PrĂ€misse sehen.
Gerade in Ravensburg, wo man sich gern auf die ârobuste Wirtschaftâ, die âstabile Mitteâ und die âheile Altstadtâ beruft, wirkt diese PrĂ€misse wie ein Störimpuls. Doch sie ist notwendig, denn die Stadt ist lĂ€ngst Teil globaler und innergesellschaftlicher Spannungen, die sich in Verwaltung, Gemeinderat und BĂŒrgerschaft widerspiegeln.
Stellen wir uns vor, es kĂ€me zu einem weltweiten Krieg, und auch die Stadt Ravensburg wĂ€re von ihm betroffen. Alle mit "zig" Millionen Euro errichteten oder sanierten GebĂ€ude liegen in TrĂŒmmern. Gibt es Ăberlebende, wĂŒrden diese jene einstigen Vorzeigeobjekte innerhalb von drei bis fĂŒnf Jahren wieder aufbauen â originalgetreu oder Ă€hnlich oder in ganz neuem Stil.
Doch die getöteten Menschen sind nicht âwiederaufbarâ, sie können nicht wieder auferstehen von den Toten. Die Vorstellung wirkt abstrakt â bis man sich erinnert, dass Ravensburg im Zweiten Weltkrieg wie durch ein historisches Wunder nahezu unzerstört blieb. Dieses âGlĂŒckâ hat in der Region eine gefĂ€hrliche Selbstgewissheit erzeugt: dass Katastrophen immer woanders stattfinden. Doch die Gegenwart zeigt, dass Verwundbarkeit lĂ€ngst auch hier angekommen ist.
Aber es muss erst gar nicht zu solch einem verheerenden Krieg kommen. Schon jetzt gibt es in Deutschland, in Baden-WĂŒrttemberg, in Oberschwaben und auch in der Stadt Ravensburg (also unter uns) genug getötete Menschen, gleichwohl sie âlebenâ. Menschen, von denen niemand etwas wissen will; Menschen, die durch böse Propaganda und Diffamierungen zum gesellschaftlichen Tod verurteilt werden; Menschen, die auf ein negatives Schlagwort reduziert werden; Menschen, die durch Schweigen der anderen und durch DrohgebĂ€rden (Gerichtsverfahren etc.) mundtot (!) gemacht werden.
Auch in Ravensburg existieren diese âsozialen Todeszonenâ. Sie zeigen sich in der Art, wie ĂŒber Menschen gesprochen wird, die nicht ins Bild der âfunktionierenden Stadtâ passen: Obdachlose, psychisch Erkrankte, Migranten, politisch Unbequeme, Aktivisten. Die FĂ€lle, die in den vergangenen Jahren öffentlich wurden â etwa verweigerte Hilfe fĂŒr einen Obdachlosen bei Minusgraden oder die institutionelle KĂ€lte gegenĂŒber engagierten BĂŒrgern â sind Beispiele fĂŒr diese stille Form des gesellschaftlichen Tötens.
Eine Krise wie die Pandemie 2020/22 zeigt uns, dass das menschliche Leben fragil ist und trotz Stahlbetons um uns herum und âMarmorsâ unter den FĂŒĂen auf unsicheren Beinen steht. Vermutlich war die Corona-Krise sogar menschengemacht. So wie auch die des Klimas, von der wir alle geschĂŒttelt sind. Wobei einige Zeitgenossen zugunsten des âWeiter soâ und des Baus des âbabylonischen Turmesâ versuchen, diese Krise mit viel Geld abzuschĂŒtteln.
Dennoch ist die RealitĂ€t eine Wirklichkeit, die ĂŒbrigens alle GebĂ€ude (anorganisch) verschont, aber Fauna, Flora und Homo sapiens zerstört und letzten Endes töten wird. Da kĂ€me dann zu den drei âKâsâ noch das vierte hinzu: Katastrophe (griech.: âeine sich nach unten drehende Spiraleâ).
In Ravensburg zeigt sich diese Spirale lĂ€ngst konkret: Die Sommer werden heiĂer, die Schussen fĂŒhrt hĂ€ufiger Niedrigwasser oder tritt bei Starkregen ĂŒber die Ufer, die alten BĂ€ume am Marienplatz stehen unter Stress, und der Altdorfer Wald â die grĂŒne Lunge der Region â ist seit Jahren ein Brennpunkt ökologischer und politischer Konflikte. Die Stadtverwaltung spricht in ihren eigenen Dokumenten von âzunehmenden klimatischen Belastungenâ, doch im Alltag wird das verdrĂ€ngt, solange die Feste stattfinden und der Konsum lĂ€uft.
Es sei denn, wir hörten einmal nachhaltig zu, was uns jene versuchen zu sagen, um dieses âTötenâ durch KĂ€lte gegenĂŒber dem Anderen, durch KlimasĂŒnden am âlaufenden Bandâ, zu beenden. Ja, sie belassen es nicht nur beim Reden und beim Verbalismus, sondern sie gehen mit gutem Beispiel voran. âGutâ? â âA wahâ, sagen viele. Das ist Spinnerei. Das sind TrĂ€umer, das sind Verbrecher. Die sind nicht ernst zu nehmen. âSehr gut!â, sagen andere und werden als UnterstĂŒtzer/innen mit SĂ€tzen wie, âdie uns nur unnötig viel Geld kostenâ, die ânichts gelernt habenâ, die âendlich mal arbeiten sollenâ, die âFremdeâ und die âzu jung sindâ, konfrontiert.
Genau diese Spaltung zeigt sich in Ravensburg besonders deutlich rund um die "Klimakommission", die Proteste im Altdorfer Wald, die Diskussionen um den Schussenpark oder die WĂ€rmewende. Die einen sehen darin notwendige Schritte, die anderen âIdeologieâ. Die Polarisierung ist so stark, dass selbst sachliche VorschlĂ€ge â etwa zur Verkehrsberuhigung oder zur Baumschutzsatzung â reflexartig bekĂ€mpft werden.
âWer das Schwert zieht, wird auch durch das Schwert umkommen.â â Das ist eines der berĂŒhmtesten Zitate der vergangenen 20 Jahrhunderte. Und eigentlich gehört es zum Erbe des christlichen Abendlandes, zu dem sich auch die TurmstĂ€tte an der âSchussenâ zĂ€hlt. Es gibt Schwerter aus Eisen und Stahl. Die aber sind hier nicht gemeint. Es ist das âSchwert des Wortesâ, das nicht nur zweischneidig, sondern schĂ€rfer als jedes Skalpell ist. Es kann â negativ gebraucht â unter UmstĂ€nden einen Menschen sogar physisch töten (Selbstmord aufgrund von Mobbing); auf jeden Fall aber ist es in der Lage, Menschen psychisch âtot zu machenâ.
In einer Stadt, die sich gern als âStadt der TĂŒrme und Toreâ prĂ€sentiert, wird oft vergessen, dass Worte selbst zu Toren oder Mauern werden können. Die lokale Presse, die Kommentarspalten, die politischen Lager â ĂŒberall entstehen Narrative, die Menschen entweder einladen oder ausschlieĂen. Und weil Ravensburg ĂŒberschaubar ist, wirken diese Worte besonders tief.
Welchâ ein dĂŒsteres Bild, lieber (?) Blogger, zeichnen Sie denn hier? Das ist nicht Ravensburg; Ravensburg mit seinen fröhlichen Festen, mit der lĂ€ngsten Theke Oberschwabens, mit den tollen Gymnasien, mit dem fein restaurierten Rathaus und Lederhaus, mit der neuen Musikschule, mit dem glĂ€nzenden âChristkindlesmarktâ, mit dem hochfrequentierten Marienplatz, mit dem tollen âGespinstmarktâ, mit der in Deutschland einzigartigen âKlimakommissionâ und der kommenden Sanierung des alten ehrwĂŒrdigen âKornhausesâ.
All das stimmt â und doch ist es nur die Vorderseite. Hinter der Kulisse stehen steigende Mieten, zunehmende Vereinsamung, ĂŒberlastete Beratungsstellen, eine Verwaltung, die Konflikte eher verwaltet als löst, und eine BĂŒrgerschaft, die sich zunehmend in Lager aufspaltet. Die vergangenen Jahre haben das sichtbar gemacht: vom Eschersteg ĂŒber das Kornhaus bis zur OBâWahl.
"Dieses Ihr (Blogger) dĂŒsteres Bild wollen wir nicht." â Dass es die RealitĂ€t sein könnte und aufgrund meiner persönlichen â wenn auch nicht reprĂ€sentativen â Umfrage unter Bekannten auch RealitĂ€t ist, will kaum jemand wissen.
Bis - ja bis noch kaum jemand ĂŒber den Marienplatz flaniert, bis die BĂ€ume bereits im Sommer die BlĂ€tter verlieren und bis es in Ravensburg mehr âUntoteâ als vitale Menschen gibt. Vielleicht ist genau jetzt der Moment, an dem die Stadt entscheiden muss, ob sie weiter an der glĂ€nzenden OberflĂ€che poliert â oder ob sie den Mut findet, die Schattenseiten anzusehen, bevor sie zur neuen NormalitĂ€t werden.
