Die Vermessung der Stadt Ravensburg - oder: Wie man die Welt mit "ein paar Dutzend" erklärt ...
Manchmal - und in den vergangenen Wochen leider fast immer - muss ich mich fragen, ob die Realität gerade einen Scherz mit mir und vielen anderen treibt. Nicht den großen, bitteren Scherz, der uns an der Menschheit zweifeln lässt, sondern den subtilen.
Ein solcher Moment ereignet sich, wenn die Zeitung – jene, die sich selbst gern als Stimme der Region versteht (ich meine hier explizit die "SchwäZ" mit ihrer Ravensburger Redaktion) – eine Straßenumfrage veröffentlicht, die mit der Gravität eines Orakels daherkommt, aber mit dem Anspruch höchster empirischer Substanz. „Fast alle Befragten wünschen sich…“ – so steht es jüngst knallig als Headline in der Zeitung und man/frau spürt sofort: Hier wird nicht berichtet, hier wird gestimmt. Nicht im Sinne einer Wahl, sondern im Sinne eines Orchesters, das sich auf die Tonart D-Dur des Amtsinhabers eingespielt hat.
Denn die Headline geht so weiter: "... eine weitere Amtszeit für den amtierenden OB." Und das ist Dr. Daniel Rapp von der CDU.
Man/frau könnte sagen: Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht richtig. Es ist dieses Dazwischen, das so gefährlich ist – der Raum, in dem Journalismus sich in Werbung verwandelt, aber so tut, als sei er vom Statistischen Bundesamt.
„Einige Dutzend Befragte“ – das ist eine Formulierung, die in ihrer Unschärfe fast poetisch wirkt. Sie erinnert an jene Märchen, in denen der Held „viele Tage und Nächte“ unterwegs war, ohne dass jemand nachzählte. Nur dass wir hier nicht im Märchen sind, sondern in einer Demokratie, in der Zahlen eine gewisse Bedeutung haben sollten.Einige Dutzend – das können 24 sein oder 36 oder 59 oder vielleicht auch 17, wenn man/frau großzügig rundet. Es ist eine Zahl, die alles und nichts bedeutet. Sie ist wie ein Schattenriss: Du erkennst die Konturen, aber nicht die Person.
Und doch wird aus dieser amorphen Menge ein Stimmungsbild abgeleitet, das sich liest, als hätte man/frau die gesamte Stadt Ravensburg befragt, inklusive der Tauben auf dem Marienplatz. Die Überschrift suggeriert eine Mehrheit, die es so nicht gibt – nicht geben kann und auch nicht geben wird. Denn eine Straßenumfrage ist keine Wahl, und eine zufällige Auswahl von Passanten ist kein Spiegel der Bevölkerung.
Aber vielleicht ist das der Trick: Wenn man/frau die Unschärfe groß genug macht, verschwinden die Zweifel im Nebel.
Besonders bemerkenswert ist die Behauptung, „selbst Bekannte der Gegenkandidaten hadern im Gespräch mit unserer Redaktion“ und hätten sich aus bestimmten Gründen - die werden im Artikel auch genannt - nicht äußern wollen. Das Wort "hadern" klingt jedoch dramatisch, fast konspirativ und wie "sich gegen ein Schicksal wehren". Und in der Tat hat es die Bedeutung von "unzufrieden sein und sich deshalb beklagen" oder "aufbegehren gegen etwas". Das aber geben die Gründe dafür, dass sie sich nicht äußern wollten, keinesfalls her.
Aber der Tonalität des Artikels zufolge, sieht man/frau sie förmlich vor sich: Menschen, die sich verstohlen umblicken, als stünde hinter der nächsten Ecke ein politischer Geheimdienst, bereit, jeden zu notieren, der etwas Falsches sagt.
Doch was bedeutet dieses Aus-Schweigen vielleicht wirklich?
Psychoanalytisch betrachtet ist Schweigen oft ein Zeichen von Überforderung – oder von Langeweile. Vielleicht wollten diese Menschen einfach nicht vor einer Kamera sprechen. Vielleicht hatten sie keine Lust, ihre Meinung in ein Mikrofon zu hauchen, das ihnen plötzlich unter die Nase gehalten wurde. Vielleicht wollten sie einfach nur ihren Einkauf erledigen.
Aber im Artikel wird das Schweigen zu einem Beweis umgedeutet: Wer nicht spricht, stimmt zu. Das ist eine Logik, die man sonst nur aus autoritären Systemen kennt – oder aus Familienfeiern, wenn der Onkel wieder über Politik redet und alle anderen schweigen, weil sie wissen, dass Widerspruch nur zu Bauchschmerzen führt.
Es gibt in dem Artikel eine Formulierung, die besonders ins Auge springt: der Spitzname „Super-Dani“. Als wäre es völlig normal, einen amtierenden Oberbürgermeister mit einem Kosenamen zu versehen, der klingt wie die Hauptfigur einer Kinderserie.
Du fragst dich: Wer spricht hier eigentlich? Die Redaktion? Die Passanten? Die PR-Abteilung?
In der Psychoanalyse nennt man/frau so etwas „Übertragung“: Die Gefühle, die man eigentlich für eine andere Person oder Situation hat, werden auf ein neues Objekt projiziert. Hier scheint die Zeitung ihre eigene Zuneigung zum Amtsinhaber auf die Bevölkerung zu übertragen – und verkauft diese Projektion dann als Realität.
Es ist, als würde man/frau sagen: „Alle lieben ihn, weil wir ihn lieben.“ Und das ist, gelinde gesagt, kein journalistisches Verfahren.
Manchmal ist das, was nicht gesagt wird, wichtiger als das, was gesagt wird. In diesem Fall fehlt der entscheidende Hinweis, dass die Umfrage nicht repräsentativ ist. Dass sie keine Aussage über die Gesamtbevölkerung zulässt. Dass sie ein Stimmungsbild ist – nicht mehr und nicht weniger.
Diese Auslassung ist kein Zufall. Sie ist ein rhetorisches Werkzeug. Wenn man sie weglässt, entsteht der Eindruck, die Ergebnisse seien belastbar. Wenn man sie hinzufügt, wird klar, dass es sich um eine Momentaufnahme handelt, die man nicht überbewerten sollte.
Die Auslassung ist also nicht nur ein Fehler, sondern eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die Wirkung erzeugt.
Es wäre zu einfach, den Artikel als schlechten Journalismus abzutun. Er ist mehr als das: Er ist ein Symptom. Ein Symptom für eine mediale Kultur, die Nähe mit Objektivität verwechselt, Loyalität mit Professionalität und Stimmung mit Wahrheit.
In kleinen Städten – und Ravensburg ist eine kleine Stadt, auch wenn sie sich manchmal größer fühlt – sind die Wege kurz. Man/frau kennt sich. Man begegnet sich. Man will niemanden verärgern. Und so entsteht eine Art psychologischer Filz: ein Netz aus Rücksichtnahmen, das irgendwann so dicht wird, dass kein kritischer Gedanke mehr hindurchpasst.
Die Zeitung wird zum Spiegel der Macht, nicht zu ihrem Gegenüber. Sie berichtet nicht über die Stadt, sondern über das Bild, das die Stadt von sich selbst sehen möchte.
Das ist menschlich. Aber es ist nicht journalistisch.
Der Blogger könnte all das mit Empörung kommentieren. Er könnte schimpfen, polemisieren, anklagen. Aber das wäre zu einfach – und es würde dem Problem auch nicht gerecht werden. Denn Empörung ist laut, aber nicht klug. Sie ist ein Schwert, das man/n zieht, wenn man/n keine anderen Werkzeuge mehr hat.Ein viel eleganterer Gegenentwurf ist wohl der folgende:
Wenn „einige Dutzend“ reichen, um die Stimmung der Stadt zu erfassen, dann könnte man/frau künftig die Wahl selbst auch auf dem Wochenmarkt offen an den Ständen stattfinden lassen
Wenn Schweigen Zustimmung bedeutet, dann ist die Mehrheit der Ravensburger Bevölkerung vermutlich auch für ein unabhängiges Bürgerparlament, für vegane Kantinen und für Gebühren- und Kostensenkungen (Abfall, Hunde, ÖPNV)
Wenn ein Kosename wie „Super-Dani“ journalistisch akzeptabel ist, dann darf man/frau sicher auch „Fahrrad-Maria“, "Hyper-Heike“ und „Turbo-Rolf“ in anderen Medien ungestraft schreiben.
Das würde die Absurdität des Ganzen zeigen, ohne sie zu benennen. Sie lässt die Leser selbst denken – und das ist die höchste Form der Aufklärung.
Am Ende bleibt die Frage: Was tun? Wie reagieren, ernsthaft reagieren, ohne selbst in die Falle zu tappen? Wie kritisieren, ohne zu verletzen? Wie aufklären, ohne zu belehren?
Die Antwort ist einfach: mit Präzision.
Wir könnten sagen:
dass die Umfrage nicht repräsentativ ist,
dass die Überschrift irreführend ist,
dass die Auswahl der Stimmen einseitig ist,
dass die Sprache Nähe suggeriert, wo Distanz nötig wäre,
dass journalistische Standards Transparenz verlangen.
Das wäre keine Attacke. Das wäre eine Feststellung. Eine, die man/frau mit ruhiger Stimme treffen kann – und sollte.
Denn Demokratie lebt nicht von Zustimmung, sondern von Klarheit. Nicht von Stimmungen, sondern von Informationen. Nicht von Kosenamen, sondern von Verantwortung.
Vielleicht liest ja jemand in der Redaktion der hiesigen Zeitung diese Zeilen - und zwar ohne die Überlegenheit einer professionellen Arroganz. Vielleicht erkennt er oder sie sich darin wieder. Vielleicht entsteht ein Moment der Selbstreflexion – jener seltene, kostbare Moment, in dem man/frau sich fragt: „Haben wir hier wirklich sauber gearbeitet? Oder haben wir uns wieder einmal verführen lassen?“
Und vielleicht, ganz vielleicht, führt dieser Moment zu einer Veränderung. Nicht zu einer Revolution, nicht zu einem großen Knall, sondern zu einem kleinen Schritt in Richtung wirklicher Professionalität.
Denn manchmal reicht ein kleiner Schritt der Redaktion, um eine große Wirkung für die Menschheit der Provinz zu erzielen.