OB-Wahl mit den Kreuzen der Nicht-Willigen: Wenn auch Ravensburg einer Umfrage auf den Leim geht
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Von Beginn an, das heißt: Von dem Tag an, wo der amtierende Oberbürgermeister von Ravensburg, Dr. Daniel Rapp, über die Presse mitteilen ließ, er werde wieder für dieses Amt kandidieren, war klar wie die klarste Kloßbrühe, dass es a) nicht angebracht sei, wenn es noch irgendeine/n Gegenkandidat/in gäbe und b) es nur eine Frage sei, mit wie viel Prozent "über 90" Daniel Rapp am 8. März 2026 wiedergewählt wird.
Eine Umfrage unter Ravensburger Bürgern hat das dann auch bestätigt. Nur dass diese "Umfrage" nicht von einem unabhängigen Institut, sondern von der Rapp-affinen "Schwäbischen Zeitung", Redaktion Ravensburg.
Die Redensart, auch Volksmund genannt, "jemandem auf den Leim gehen", stammt aus dem Mittelalter. Sie bedeutet so viel wie etwas zu glauben, was gesagt wurde, um jemanden zu täuschen. Im Mittelalter wurden Vögel unter anderem dadurch gefangen, indem sie sich auf präparierte und ausgelegte Leimruten niederlassen sollten, was auch funktionierte.
Genau diese "Leimruten" wurden seit Ende November bis dato in Ravensburg ausgelegt. Und viele wurden durch die Briefwahl sicher auch schon dadurch gefangen. Morgen am 8. März 2026 sollen nun weitere von den noch knapp 30.000 verbliebenen schwarzen, grünen, gelben, roten, dunkelroten und farblosen "Vögeln" auf diese Weise - in dem sie anderen auf den Leim gehen - gefangen werden.
Doch es gibt - Gott sei Dank - da auch noch die Koalition der "Nicht-Willigen", welche ihr Kreuz nicht in den "obersten Kreis", sondern in einen der drei noch folgenden setzen werden. Es gibt jene - und es werden nach meinem Eindruck immer mehr - die LEIM von SEIN (Täuschung von Realität) unterscheiden können.
Wie sehr Politiker anderen auf den Leim gehen können, zeigt das Beispiel des "Großen Bruders" in Stuttgart. Dort lag die CDU mit ihrem Spitzenmann Marion Hagel vor einem Jahr mit 20 Prozent vor der Konkurrenz und war im Begriff abzuheben. Vor wenigen Monaten waren es immerhin noch neun (9) Prozent. Doch heute – einen Tag vor der Landtagswahl – sind es 0,0 Prozentpunkte. Keine schwarze Null, sondern eindeutig eine grüne!
Ich will nicht sagen, dass es so in Ravensburg kommt. Doch man hat ja schon Pferde kotzen sehen. Aber die Antwort auf die überhebliche und arrogante Frage, wie viel "über 90 Prozent" es für Daniel Rapp geben wird, muss anders formuliert werden: Wie werden Rapp und seine Zeitung mit der erlittenen Schlappe umgehen? Mit "Schlappe" sind gemeint: Wie viel Prozent über gerade mal 70 oder gar nur 60 oder "unter 90" wird Dr. Daniel Rapp auf sich vereinigen können?
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Münchner Merkur
Umfrage-Hammer in Baden-Württemberg: Wieso die CDU einem großen Trugschluss auf den Leim ging
In Baden-Württemberg zeichnet sich für Sonntag ein regelrechter Wahlkrimi ab. Die Grünen sind im Höhenflug, die CDU strauchelt. Wie es dazu kam. Eine Analyse.
Er betonte stets, nicht überheblich zu werden, als er schon wie der nächste Ministerpräsident wirkte. Nun gibt es für Überheblichkeit auch keinen Grund mehr. Noch vor wenigen Wochen führten Manuel Hagel und seine CDU in Baden-Württemberg die Wahlumfragen mit deutlichem Abstand an. Jetzt – wenige Tage vor der enorm wichtigen Landtagswahl – wird es richtig knapp. Cem Özdemir und die Grünen holen auf. Hagel stolpert über gleich mehrere Hürden.
Lange schien Baden-Württemberg ein regelrechter Nicht-Wahlkampf zu werden. Die Grünen lagen in Umfragen Ende vergangenen Jahres mit 20 Prozent oder weniger weit hinter der mit plusminus 30 Prozent geführten CDU. Der Abgang des grünen Langzeit-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (seit 2011 im Amt) schmerzt die Partei empfindlich. Kretschmann ist (trotz seiner Parteizugehörigkeit) beliebt im Ländle, steht fast schon über den Dingen. Was dazu führte, dass sich Hagel und Özdemir im Wahlkampf beide als legitime Nachfolger des pragmatischen Landesvaters Kretschmann inszenieren wollen. Auch thematisch ähneln sich ihre Aussagen oft.
Doch die vermeintliche Gewissheit, die CDU habe die Wahl bereits gewonnen, fußte auf einem Trugschluss: der Aussagekraft von Umfragen, die mehrere Monate vor der Landtagswahl durchgeführt wurden. Die Ergebnisse sahen zwar die CDU weit in Front, jedoch wird ein Landtagswahlkampf meist erst wenige Tage oder Wochen vor dem Wahlsonntag wirklich heiß. Die Menschen beschäftigen sich davor kaum mit der Wahl, den Themen oder den Kandidaten. Umfragen spiegeln daher vor allem den Bundestrend wider – und der stellt den Grünen ein schlechteres Zeugnis als der Kanzlerpartei CDU aus.
Jetzt – die Landtagswahl rückt endgültig in den Fokus – ändern sich auch die Umfrageergebnisse plötzlich. Der deutlich bekanntere und beliebtere Özdemir, der in Personenfragen schon seit Monaten klar vor Hagel liegt, holt jetzt auch in Wahlumfragen auf. Özdemirs Grüne liegen je nach Umfrage nur noch zwei bis drei Prozentpunkte hinter Hagels CDU. Dazu kommt, dass die Wahlkampfstrategie Hagels und der CDU nun ins Wanken gerät. Die Idee war voller Fokus auf das Thema Wirtschaft und Arbeitsplätze in Baden-Württemberg. Kritiker beklagen nun, dass allein das zu wenig ist, um genug Menschen hinter ihren schwäbischen und badischen Öfen hervorzulocken. „Im Schlafwagen in die Staatskanzlei“, kritisierten manche aus der Bundesunion hinter vorgehaltener Hand den Hagel-Plan.
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