Ravensburg: Eine Stadt im Sicherheitsrausch – und im sozialen Tiefschlaf / Zwischen Videoturm und Weinglas / "Brennpunkt" Gemeinderat
Es gibt in Ravensburg zwei Arten von öffentlichem Fehlverhalten – das Geduldete und das Geächtete. Wer am Bahnhof eine Bierdose öffnet, wird Teil eines „Brennpunktes“. Wer am südlichen Marienplatz denselben Promille-Pegel erreicht, gilt als „Stadtbeleber“ und "Wirtschaftsförderer". Der Unterschied ist sowohl moralisch als auch politisch. Fehlverhalten wird nicht nach Verhalten bewertet, sondern nach Kulisse und sozialer Herkunft.
Die "Schwäbische Zeitung" mit ihren Informationen vom Stadtsprecher und den Bürgermeistern und von der Polizei liefert seit Jahren das passende Begleitfeuer. Die Bahnhofsszene wird regelmäßig als Sicherheitsproblem markiert, als Ort der Rohheitsdelikte und nächtlicher Polizeiketten. Die Stadt reagiert darauf mit Videotürmen – Mahnmalen einer verfehlten Sozialpolitik. Die halbierten Rohheitsdelikte gelten als Erfolg, doch dahinter steht eine Entscheidung: Man überwacht dort, wo man versäumt hat vorher zu investieren.
Gleichzeitig entfaltet sich die Partyszene der Innenstadt ungestört – größer, lauter, alkoholgesättigter. Die Stadt duldet sie, ja, sie fördert sie indirekt durch Platzsanierungen, Gastronomieausbau und das Rutenfest als kollektive Enthemmungszone. Dort, wo Honoratioren mit Wein anstoßen, errichtet niemand Videotürme. Lärm gilt als Folklore, Müll als Patina des Brauchtums. Die "Schwäbische" berichtet darüber in einem Ton zwischen Heimatliebe und mildem Kopfschütteln – nie jedoch mit jener Schärfe, die sie für den Bahnhof reserviert.
Das eigentliche Drama liegt anderswo: Ravensburg hat seine Jugendarbeit systematisch ausgedünnt. Das Jugendinformationszentrum AHA wurde 2020 nicht wegen der Schadstoffe im Kornhaus geschlossen, sondern wegen angeblicher Sparzwänge. Das so „erwirtschaftete“ Geld floss in die Sanierung des Gespinstmarkts – für noch mehr „Brot und WEIN“. Die Weststadt, seit Jahren als sozialer Brennpunkt etikettiert, wurde mehr oder weniger jugendpolitisch sich selbst überlassen. Wer keinen Ort bekommt, sucht sich einen. Wer keinen Ansprechpartner hat, wird zum Fall für die Polizei.
Die "Schwäbische" beschreibt das Bahnhofsumfeld seit Jahren als Zone der Eskalation, doch sie benennt selten, dass dieser Brennpunkt politisch erzeugt wurde – durch Unterlassung, Prioritäten und die Entscheidung, Geld in Plätze statt in Menschen zu investieren.
Parallel wächst die Liste der Großprojekte: Oberschwabenhalle, Frauentorkino, Konzerthaus – teuer, prestigeträchtig, politisch opportun. Die Frage, wer dafür bezahlt, bleibt im Hintergrund. Die Antwort ist einfach: Die Jugend zahlt. Die soziale Infrastruktur zahlt. Die Zukunft zahlt.
Während die Kameras am Bahnhof rot blinken, bleibt die Innenstadt ein Raum der geduldeten Enthemmung. Dort spricht man* von „Lebendigkeit“, „urbanem Flair“ und „Sommerabenden“. Kein Wort von Brennpunkten, kein Ruf nach Kameras. Die Stadtverwaltung schweigt – aus politischer Bequemlichkeit. Wer die Innenstadt problematisiert, gefährdet das eigene Narrativ der „lebenswerten Einkaufsstadt“.
Die Verdrängung ist längst sichtbar. Junge Menschen ohne Angebote tauchen dort auf, wo sie am wenigsten willkommen sind. Die Schließung des Jugendinformationszentrums war auch ein symbolischer Akt: Man* spart an der Zukunft, um die Gegenwart zu verschönern. Die "Schwäbische" dokumentiert zwar minutiös die Gewalt am Bahnhof – Schlägereien, Verletzte, nächtliche Einsätze –, doch sie erwähnt nicht, dass diese Eskalationen ein Produkt der städtischen Abschiebepolitik (AHA, Holzmarkt, Bushäuschen am "Grünen Turm", Weststadt, Veitsburggelände) sind. Statt Jugendarbeit gibt es Überwachung.
Die Videoüberwachung wird als Erfolg verkauft, doch selbst die Polizei räumt ein, dass die Daten schwer auszuwerten und die Zahlen nur bedingt aussagekräftig sind. So entsteht ein Stadtbild, das weniger von Realität als von politischer Optik geprägt ist. Der Bahnhof als Symbol des Scheiterns, die Innenstadt als Symbol des Gelingens. Beide Räume gehören jedoch zur selben Stadt und zeigen dieselben sozialen Dynamiken.
Am Ende bleibt die Frage, warum Ravensburg so hartnäckig an einem Bild festhält, das es selbst erschaffen hat. Warum es Überwachung dort installiert, wo es jahrelang wegsah – und warum es dort wegsieht, wo es längst hätte handeln müssen. Die Antwort liegt nicht in Kriminalität, Alkohol oder Lärm, sondern in politischer Bequemlichkeit.
Die Stadt bekämpft Symptome, weil sie die Ursachen nicht sehen will. Sie installiert Kameras, wo sie Beziehungen bräuchte. Sie baut Plätze, wo sie Räume bräuchte. Sie feiert Traditionen, wo sie Verantwortung bräuchte. Und sie wundert sich, dass die Probleme nicht verschwinden, sondern nur den Ort wechseln.
Und ehrlich und offen von mir persönlich gesagt und gemeint:
DER EIGENTLICHE BRENNPUNKT DER STADT RAVENSBURG LIEGT MITTEN IM RATHAUS AM MARIENPLATZ - DORT, WO SICH DER GEMEINDERAT AM OVAL-TABLE TRIFFT, UM ABZUSEGNEN, WAS KEINEN SEGEN VERDIENT.