Das Leben im PYROZÄN - "World on Fire" und die Kommunen in ihrer Verantwortung ...
Wir Menschen des 21. Jahrhunderts leben längst im Pyrozän. Dem Zeitalter des Feuers, als Auswirkung oder auch Teil des Anthropozäns. Nicht als Idee, nicht als Prognose, nicht als theoretische Zukunft, sondern als Gegenwart, die uns längst umstellt. Die Ökologen haben es beschrieben, der WWF hat es belegt, und die Brände des Jahres 2026 haben es endgültig sichtbar gemacht: Feuer ist nicht mehr ein Naturereignis, sondern ein planetarer Prozess, der sich verselbstständigt hat. Die Welt brennt nicht punktuell, sondern strukturell.
Von Kanada bis Indonesien, von Kalifornien bis Griechenland, von der Türkei bis Portugal – und wohl bald auch wieder in Deutschland, wo Brandenburg und Sachsen Feuerwetterwarnungen ausgeben und auch Oberschwaben unter ausgedörrten Böden und Niedrigwasser leidet. Die Erde hat eine neue Phase erreicht, in der Feuer nicht nur zerstört, sondern auch das Klima selbst antreibt. 26 Millionen Hektar Wald zum Beispiel verbrannten 2023, wodurch 8,8 Milliarden Tonnen CO₂ freigesetzt wurden – mehr als das Fünfzehnfache der jährlichen Emissionen Deutschlands .
Doch die eigentliche Katastrophe sind nicht die Wald- und Steppenbrände selbst, sondern unsere Blindheit gegenüber ihrer neuen Bedeutung. Wir leben kulturell noch im Zeitalter der Feuerromantik: Feuer als Wärme, als Fest, als Ritual, wie zum Beispiel die Funken, als Gemeinschaft. Das Pyrozän aber verlangt eine neue Kultur des Feuers – eine, die Feuer nicht mehr als Symbol begreift, sondern als Risiko. Die Menschheit hat sich über Jahrtausende an Feuer gewöhnt; jetzt muss sie lernen, sich an seine Abwesenheit zu gewöhnen. Feuervermeidung statt Feuerbekämpfung, Wiedervernässung statt Ausdünnung, naturnahe Wälder statt Monokulturen, politische Entscheidungen, die sich an Feuerrealitäten orientieren statt an Traditionen. Die WWF-Studie fordert genau das: den Fokus von der Brandbekämpfung auf die Brandvermeidung zu verlagern, weil die heutigen Brände zu extrem sind, um sie noch zu löschen .
In diesem neuen Zeitalter kommt den Kommunen eine besondere Rolle zu, die sie teilweise und vor allem in Oberschwaben selbst noch nicht begriffen haben. Sie sind die ersten Klimaschlüsselakteure – nicht Berlin, nicht Brüssel, sondern die Rathäuser, die Landratsämter, die Gemeinderäte. Denn das Pyrozän ist lokal. Es beginnt nicht in den internationalen Konferenzen, sondern im Wald hinter dem Ortsschild, im ausgetrockneten Bachbett, im Hitzestau der Innenstadt, im fehlenden Schatten auf dem Marktplatz. Kommunen entscheiden über Flächennutzung, über Waldpflege, über Wasserhaushalt, über Bebauungspläne, über Hitzeaktionspläne, über die Genehmigung von Festen mit Feuerwerken, über die Frage, ob man Feuer in Zeiten globaler Feuerextreme noch als kulturelle Selbstverständlichkeit behandeln darf. Sie entscheiden darüber, ob das Pyrozän als abstrakte Weltlage wahrgenommen wird – oder als konkrete Verantwortung.
Und genau hier zeigt sich die Tragik: Während Europa brennt, während Südeuropa evakuiert, während Rettungskräfte kollabieren, während der Bodensee sichtbar austrocknet, während die Klimakrise längst auch Oberschwaben erreicht hat, zündet eine Stadt wie Ravensburg ein Feuer(pyro)werk. Nicht nur aus kultureller Trägheit, sondern schon fast aus Trotz. Mir der Gewissheit über die Signalwirkung und der Angst vor Stimmenverlust bei den nächsten Wahlen.
Wir tun so, als lebten wir noch im Pleistozän, während wir längst im Pyrozän stehen. Feuerwerke, Funken und "ausufernde Lagerfeuer" sind nicht das Problem – sie sind der Spiegel. Sie zeigen, wie tief die Verdrängung sitzt und wie sehr wir an Ritualen festhalten, die in einer Welt der Feuerextreme keinen Platz mehr haben. Sie zeigen, dass Kommunen ihre Rolle als Klimaschlüsselakteure noch nicht angenommen haben.
Das Pyrozän erfordert eine neue Kultur des Feuers, und diese beginnt lokal. Sie beginnt damit, dass Kommunen Feuer nicht mehr als harmloses Ritual behandeln, sondern als politisches Verhalten. Sie beginnt damit, dass Traditionen nicht mehr als unantastbar gelten, sondern als überprüfbar. Sie beginnt damit, dass Feste nicht mehr nur nach Stimmung bewertet werden, sondern nach Klimaresilienz. Sie beginnt damit, dass die Frage „Dürfen wir das noch?“ ersetzt wird durch die Frage: „Was sagt es über uns aus, wenn wir es trotzdem tun?“ Das Pyrozän ist das Ende der Feuerromantik. Es ist das Zeitalter, in dem Feuer nicht mehr wärmt, sondern warnt.
Wir leben im neuen FEUERZEITALTER. Und die Welt brennt nicht nur in den Nachrichten, sondern in unseren Gewohnheiten. Die größte Aufgabe besteht nicht darin, das Feuer zu löschen, sondern darin, die kulturellen Muster zu löschen, die es legitimieren. Kommunen sind die ersten Orte, an denen dieser Wandel sichtbar werden muss. Sie sind die Orte, an denen das Pyrozän politisch wird. Und sie sind die Orte, an denen sich entscheidet, ob wir das Zeitalter des Feuers überleben – oder ob wir es weiter romantisieren, bis es uns verschlingt.