INNEHALTEN - oder: "Weiter so!" - Die CHANCE, die niemand sehen und ergreifen will ...
Wir leben in einer Zeit, in der unsere Zukunft beginnt zu verbrennen. Während das Klima ganz offensichtlich den Kipppunkt überschritten hat, während Extremwetter nicht mehr Ausnahmen, sondern Struktur sind, während die politischen Reaktionen zwischen Symbolpolitik und hektischen Aktionismus pendeln, liegt eine historische Möglichkeit direkt vor uns:
Die Chance, unser Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell so zu verändern, dass es uns nicht länger zerstört.
Doch wir greifen nicht zu. Wir reden über Wachstum, als wäre es ein dauerndes Geschenk des Himmels. Wir reden über Klimaschutz, als wäre er ein lästiger Kostenfaktor. Und wir übersehen, dass genau jetzt der Moment wäre, in dem wir uns befreien könnten – von einem System, das uns überfordert, erschöpft und letztlich existenziell bedroht. Diese Kolumne soll ein Plädoyer dafür sein, die Chance dazu zu erkennen, bevor sie endgültig verloren ist.
Abgesehen davon, dass diese Re-Aktionen hinsichtlich der Klimaerwärmung als durchaus "schizophren" bezeichnet werden könnten: Niemandem - weder im Bund, noch im Land, noch in den Kommunen - kommt der Gedanke, dass dies die große Chance ist, dem "Wirtschaftswahnsinn auf Kosten des Klimas" ein Ende zu setzen und ein wenig Bescheidenheit bezüglich des verwöhnten Lebensstils zu zeigen. Fauna und Flora schreien um Hilfe, doch homo sapiens verschließt die Ohren. Wir werden nicht verhungern, wenn die Schiffe auf dem Rhein nur zu einem Fünftel beladen sind oder für ein paar Tage gar nicht fahren. Wir werden deshalb auch nicht verdursten - es sei denn, wir betreiben weiter wie bisher Raubbau an der Natur. Auch Hähnchenschenkel und Pizzen nicht. Doch die große Chance wird verpasst ...
Wir leben in einer Realität, in der „höher, schneller, weiter und weiter so“ nicht mehr funktioniert, weil die planetaren Grenzen längst überschritten sind. Eine Realität, in der die Beschleunigung des Lebens nicht zu mehr Wohlstand führt, sondern zu Überforderung, Ausgrenzung und dem Gefühl, dass wir uns selbst ausbrennen. Und eine Realität, in der die ökologischen Lebensgrundlagen – Böden, Wasser, Artenvielfalt, Klima – nicht mehr still im Hintergrund funktionieren, sondern sichtbar kollabieren.
Wir stehen an einem historischen Punkt. Die Klimakrise ist kein Zukunftsszenario, sie ist Gegenwart. Die politischen Strukturen sind überfordert. Die Gesellschaft ist erschöpft. Und gleichzeitig liegt eine Idee auf dem Tisch, die uns herausführen könnte – wenn wir sie ernst nehmen würden. Die Chance ist da. Aber sie ist nicht geduldig. Vielleicht ist das die eigentliche Tragik unserer Zeit: dass wir die Möglichkeit hätten, die Katastrophe zu verhindern – und sie trotzdem geschehen lassen.
Hier kommt das sogenannte "Postwachstum" ins Spiel. Eine eigentlich schon vor vielen Dekaden bereits propagierte Lebensform, die wir heute als die neue politische Philosophie des Zusammenlebens bezeichnen könnten. Sie ist keine akademische Fingerübung. Sie ist der Versuch, die Realität ernst zu nehmen. Eine Realität, in der „höher, schneller, weiter ...“ nicht mehr funktioniert, weil die planetaren Grenzen längst überschritten sind. Eine Realität, in der die Beschleunigung des Lebens nicht zu mehr Wohlstand führt, sondern zu Überforderung, Ausgrenzung und dem Gefühl, dass wir uns selbst ausbrennen. Und eine Realität, in der die ökologischen Lebensgrundlagen – Böden, Wasser, Artenvielfalt, Klima – nicht mehr still im Hintergrund funktionieren, sondern sichtbar kollabieren.
Man/frau könnte dieses Postwachstum auch mit dem englischen Begriff "Degrowth" (wörtlich: Entwachstum) bezeichnen. Er bedeutet nicht Verzicht, sondern Befreiung. Ent-wachstum heißt, das Primat des Ökonomischen zu brechen und die Frage zu stellen, wie ein gutes Leben für alle aussehen kann. Es bedeutet, Achtsamkeit, Solidarität, Kooperation und Respekt nicht als moralische Appelle zu formulieren, sondern als politische Leitplanken. Hildegard von Bingen wusste es schon vor 900 Jahren: Alles hängt mit allem zusammen. Und doch tun wir heute so, als könnten wir Wachstum von Ressourcenverbrauch entkoppeln, als könnten wir Effizienzsteigerung gegen physikalische Gesetze ausspielen, als könnten wir mit technologischen Innovationen die strukturellen Ursachen unserer Krise umgehen. Die These der absoluten Entkopplung ist historisch widerlegt – und trotzdem wird sie weiter als Beruhigungspille verabreicht.
- Unter Degrowth oder Postwachstum versteht man eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform, die das Wohlergehen aller zum Ziel hat und die ökologischen Lebensgrundlagen erhält. Dafür ist eine grundlegende Veränderung unserer Lebenswelt und ein umfassender kultureller Wandel notwendig. Das aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Leitprinzip lautet jedoch ganz gegenteilig: „höher, schneller, weiter“ – es bedingt und befördert eine Konkurrenz zwischen allen Menschen. Dies führt zum einen zu Beschleunigung, Überforderung und Ausgrenzung. Zum anderen zerstört die Wirtschaftsweise unsere natürlichen Lebensgrundlagen sowie die Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Die gemeinsamen Werte einer Postwachstumsgesellschaft sollten dagegen Achtsamkeit, Solidarität, Respekt und Kooperation sein. Die Menschheit muss sich als Teil des planetarischen Ökosystems begreifen. Nur so kann ein selbstbestimmtes Leben in Würde für alle ermöglicht werden. Hildegard von Bingen (1098 bis 1171) meinte schon damals, was heute noch Gültigkeit hat: "Alles hängt mit allem zusammen." Eine Orientierung am guten Leben für alle, bedeutet auch Konvivialität. Konvivialismus besagt das Ausloten von Möglichkeiten, wie jenseits der Wachstumsgesellschaft ein Zusammenleben möglich sein kann, wie Sozialität, Konflikt und Individualität aufeinander bezogen werden und wie ökologisch und sozial nachhaltige Formen demokratischen Lebens ausschauen können.
Die Frage ist nicht, ob wir verzichten müssen. Die Frage ist, ob wir gestalten wollen. Ob wir den Mut haben, ein System zu hinterfragen, das uns zwar Wohlstand gebracht hat, aber nun seine zerstörerische Seite zeigt. Ob wir bereit sind, die kulturelle Transformation zu beginnen, die notwendig ist, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Und ob wir erkennen, dass Degrowth nicht das Ende von Wohlstand bedeutet, sondern das Ende eines Wohlstandsbegriffs, der uns in die Sackgasse geführt hat.
Wir stehen an einem historischen Punkt. Die Klimakrise ist kein Zukunftsszenario, sie ist Gegenwart. Die politischen Strukturen sind überfordert. Die Gesellschaft ist erschöpft. Und gleichzeitig liegt eine Idee auf dem Tisch, die uns herausführen könnte – wenn wir sie ernst nehmen würden. Die Chance ist da. Aber sie ist nicht geduldig.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik unserer Zeit: dass wir die Möglichkeit hätten, die Katastrophe zu verhindern – und sie trotzdem geschehen lassen.