Mythen, Macht und Missstände: Ein Essay über Strukturen, die niemand sehen soll ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Die großen Erzählungen von Kontrolle, Neutralität und Professionalität, die Verwaltungen stabilisieren sollen, geraten ins Wanken, sobald jemand den Mut hat, ihre Bruchstellen sichtbar zu machen. Genau hier berührt der Fall Göcken (siehe den Blogartikel) die Theorie: Ein einzelner Mitarbeiter benennt strukturelle Überlastung – und trifft auf ein System, das Kritik nicht als Chance, sondern als Bedrohung seiner eigenen Selbsterzählung versteht.
Der Konflikt zeigt, wie dünn die Schicht zwischen institutioneller Fassade und gelebter Realität geworden ist. Wo Mythen die Funktion übernehmen, die Wirklichkeit zu ordnen, wird jede abweichende Stimme zum Risiko.
Der folgende Essay fragt deshalb nicht, ob ein einzelner Fall „stimmt“, sondern was es über unseren Sozialstaat verrät, wenn Wahrheit und Loyalität gegeneinander ausgespielt werden – und warum dieses Muster weit über einen Ort, eine Behörde oder eine Person hinausreicht.
- Lesen Sie dazu bitte auch:
- Der Fall Göcken: Das Schweigen der Ämter – und das Reden derer, die es wagen
12. Jun. 2026
Es gibt Texte, die man/frau liest wie durch ein Brennglas: Sie zeigen nicht nur, was ist, sondern auch, was wir kollektiv nicht sehen wollen. Eine umfangreiche wissenschaftliche Analyse über „produktive Mythen“ in Organisationen (auf die ich mich in den folgenden Unterpunkten beziehe) gehört zu diesen Texten. Sie beschreibt, wie Institutionen – gerade öffentliche – sich selbst durch Erzählungen stabilisieren, die weniger der Realität dienen als der Aufrechterhaltung ihrer Funktionsfähigkeit. Mythen, die Ordnung versprechen, wo Chaos herrscht. Mythen, die Professionalität behaupten, wo Überlastung regiert. Mythen, die Kontrolle suggerieren, wo längst niemand mehr kontrolliert.
Und genau an dieser Stelle trifft die Theorie auf die Wirklichkeit – so im Fall Fred Göcken. Noch einmal zum "Mitschreiben": Ein langjähriger Jobcenter-Mitarbeiter, der öffentlich über strukturelle Missstände spricht, wird fristlos entlassen. Die Behörde bestreitet seine Aussagen, andere Beschäftigte bestätigen sie anonym, und die Öffentlichkeit bleibt zurück mit einer Frage, die größer ist als der konkrete Fall: Wie viel Wahrheit verträgt eine Verwaltung, die sich selbst über Mythen stabilisiert?
1. Der produktive Mythos der KontrolleInnerhalb der deutschen Behörden gibt es ein Phänomen, das in der Verwaltungsforschung seit Jahren bekannt ist: Organisationen erzeugen „produktive Mythen“, um Unsicherheiten zu überdecken. Einer der stärksten Mythen lautet: „Wir haben die Lage im Griff.“
Doch die Realität – Überlastung, Personalmangel, komplexe Fallstrukturen, kaum vorhandene Außendienste – widerspricht diesem Mythos fundamental. Genau das zeigt auch der Fall Göcken: Die Behörde muss seine Aussagen zurückweisen, weil jede Anerkennung struktureller Probleme den Mythos der Kontrolle gefährden würde.
Der Mythos ist also nicht nur Selbsttäuschung – er ist Überlebensstrategie.
2. Der produktive Mythos der NeutralitätEin weiterer Mythos lautet: „Die Verwaltung handelt neutral, objektiv, regelgeleitet.“
Neutralität ist oft ein Ideal, das im Alltag durch Zeitdruck, Fallzahlen, politische Erwartungen und institutionelle Routinen unterlaufen wird. Der Fall aus Bremen macht sichtbar, wie schnell Neutralität zur Fassade wird, wenn jemand die internen Widersprüche benennt. Die Reaktion der Behörde – fristlose Kündigung – ist weniger ein arbeitsrechtlicher Akt als ein symbolischer: Die Organisation verteidigt ihren Mythos, indem sie den Störer entfernt.
3. Das Schweigen als institutionelle PraxisBehörden und auch Organisationen bis hin zur kleinsten Partei oder Gruppe benötigen ein „kommunikatives Gleichgewicht“. Zu viel Wahrheit destabilisiert, zu viel Schweigen erzeugt Zynismus.
Im aktuellen Fall zeigt sich dieses Gleichgewicht als brüchig.
- Diejenigen, die Missstände kennen, schweigen aus Angst.
- Diejenigen, die sprechen, verlieren ihren Job.
- Diejenigen, die Verantwortung tragen, verweisen auf fehlende Daten.
Das Schweigen ist also kein Zufall – es ist Teil der Funktionslogik.
4. Der produktive Mythos der Loyalität
Organisationen erwarten nicht nur Loyalität, sondern sie fordern sie emotional ein. Wer spricht, gilt als illoyal – nicht, weil er Unwahrheiten sagt, sondern weil er die Mythen gefährdet, die das System zusammenhalten. Göcken hat diesen Loyalitätsmythos verletzt. Er hat nicht nur Missstände benannt, sondern die symbolische Ordnung infrage gestellt.
6. Was bleibt? Ein Sozialstaat im Spannungsfeld zwischen Mythos und RealitätUnser Sozialstaat lebt von zwei Voraussetzungen – Vertrauen und Kontrolle. Beides ist brüchig geworden.
Wenn Kontrolle nur noch behauptet wird, aber faktisch kaum möglich ist, entsteht ein Mythos. Wenn Vertrauen nur noch eingefordert wird, aber nicht verdient wird, entsteht Zynismus. Wenn Beschäftigte schweigen müssen, damit das System stabil bleibt, entsteht ein Klima der Angst.
Der Fall aus Norddeutschland ist deshalb kein Einzelfall. Er ist ein Symptom.
7. Schluss: Die Aufgabe der ÖffentlichkeitMythen bleiben nur dann produktiv, wenn sie reflektiert werden. Dieser Artikel soll zeigen, was passiert, wenn sie nicht reflektiert werden.
Deshalb braucht es Öffentlichkeit – nicht als Skandalmaschine, sondern als demokratische Kontrollinstanz. Nicht - um Behörden zu diskreditieren, sondern um sie zu entlasten. Nicht, um Beschäftigte zu verunsichern, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, Missstände anzusprechen, ohne ihre Existenz zu riskieren.
Ein Sozialstaat, der Kritik bestraft, verliert seine Legitimität. Ein Sozialstaat, der Kritik zulässt, gewinnt seine Zukunft.