Aktualisiert: Vier Tage nach der Katastrophe – und die hiesige Presse feiert Gletscherromantik ...
Vier Tage nach einem der schwersten Gletscherabstürze der modernen Zeitrechnung veröffentlicht die lokale Presse einen Wohlfühlartikel über noble und hervorragende Wanderwege in Gebieten der Region, die einst von Gletschern geformt wurden. Während in Nepal und Tibet über 900 Menschen der Katastrophe zum Opfer gefallen sind und noch Tausende (über 4.200) von Menschen in den Schlammlawinen vermisst werden, wird in dem Zeitungsartikel das Wort "Gletscher" 17‑mal in eine romantische Kulisse eingebettet. Kein einziges Mal fällt ein Hinweis auf die Tragödie, die sich zeitgleich ereignet hat. Nicht das Thema ist das Problem – sondern der Zeitpunkt, der alles ins Absurde kippt.
Während im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet ein Gletscher in 1200 Metern Tiefe stürzte, Dörfer ausgelöscht wurden und die Welt auf erschütternde Satellitenbilder blickt, erscheint hierzulande ein Artikel, der Gletscher im Zusammenhang mit gemütlicher Wanderkulisse feiert. Der zeitliche Abstand zwischen Katastrophe und Veröffentlichung beträgt gerade einmal vier Tage. Und genau dieser Zeitpunkt ist es, der den gesamten Text der Zeitung in ein Licht rückt, das man kaum anders als taktlos nennen kann.
Es geht nicht darum, dass das Landratsamt Ravensburg seine Wanderwege pflegt. Es geht nicht darum, dass die Region ihre geologische Geschichte erzählt. Es geht darum, dass die Tonalität des Artikels – weich, romantisch, unbeschwert – in einem Moment erscheint, in dem die globale Realität brutal das Gegenteil zeigt. Während Menschen sterben, während Rettungsteams im Schutt arbeiten, während die internationale Presse über die Folgen des Klimawandels berichtet, wird hier ein Artikel veröffentlicht, der Gletscher als Werkzeug für eine nostalgische Erlebniswelt inszeniert.
Dieser Gegensatz ist nicht nur unglücklich. Er ist symptomatisch für eine Kommunikationskultur, die sich an die Vergangenheit klammert, um die Gegenwart nicht benennen zu müssen. Die Verwaltung spricht von „Ruhe“, „Erholung“, „Genuss“, als sei die Welt noch so stabil wie vor Jahrzehnten. Die Presse übernimmt diese Tonalität, als sei es ihre Aufgabe, die Bevölkerung in einer vertrauten Kulisse zu halten, während die physikalische Realität längst eskaliert.
Dass der Artikel ausgerechnet jetzt erscheint, obwohl das Wanderwege-Projekt seit vier Jahren vorbereitet wird, zeigt eine Form der Verdrängung, die man nicht mehr übersehen kann. Man/frau veröffentlicht, was sich gut liest, nicht was sich richtig anfühlt. Die Natur verliert ihre Stabilität, Permafrost schmilzt, Hänge rutschen – und wir reden über Wanderlust. Die Zukunft ist längst da, aber die öffentliche Kommunikation tut so, als ließe sie sich durch eine romantisierte Landschaft aufhalten.
Ein Freund aus Kiel erzählte mir vor drei Tagen von seinem Besuch mit seinem Enkelkind auf der Zugspitze: „Gletscher? Keine Spur davon. Alles weg.“ Vor dreißig Jahren war er – so erzählt er weiter mit seinen Kindern dort. Damals waren die Gletscher zwar schon etwas "matschig", aber sie waren da. Heute sind sie verschwunden. Und während die Welt das registriert, veröffentlicht die hiesige Presse einen Artikel, der Gletscher als "Vorreiter" für eine idyllische Kulisse feiert.