Verwaltung und Presse im taktlosen WohlfĂŒhlmodus đ©Gletscher im RĂŒckspiegel der Romantik und die RealitĂ€t im freien Fall ...
WĂ€hrend im Gebiet zwischen Nepal und Tibet durch einen gewaltigen Gletscher- und Felsabbruch viele Menschen getötet wurden, noch mehr vermisst werden und sĂ€mtliche StraĂen und Wanderwege zugeschĂŒttet wurden [am 26. August 2026 brach ein groĂer Teil eines HĂ€ngegletschers am Langtang Lirung in Nepal/Tibet in etwa 5.200 Metern Höhe ab und stĂŒrzte rund 1.200 Meter ins Tal. Die Eismasse, geschĂ€tzt auf etwa 10 Millionen Kubikmeter, vermischte sich mit Geröll, Sedimenten und Wasser] bringt die hiesige Presse im Zusammenhang mit dem Thema "Gletscher" und durch sie gebildete/verĂ€nderte Landschaft nur vier Tage spĂ€ter einen - von mir so empfundenen - taktlosen "Heile-Welt-Artikel".
Es ist ein merkwĂŒrdiger Gleichklang der Themen, aber ein diametraler Gegensatz der Zeitrichtungen: WĂ€hrend in dem Blog-Artikel Die Eskalation der Berge die Gegenwart bereits von der Zukunft auch in unserer Region ĂŒberholt wird und die Gletscher- und FelsabbrĂŒche als Symptome einer eskalierenden Klimakrise sichtbar werden, ist quasi zeitgleich andernorts sinngemÀà zu lesen und zu hören, die regionale Landschaft sei aufgrund einstiger GletscherabgĂ€nge erholsam, wanderbar (Wanderslust) und die Naturereignisse seien Teil einer schönen Gegenwart. Die Kreisverwaltung (Landratsamt Ravensburg) spricht von Wegen, die man/frau/kind genieĂen könne (Wege von hoher QualitĂ€t, nobel und exzellent), als sei die Welt noch so stabil wie vor 60 Jahren. EinschlĂ€gige und seriöse Quellen belegen jedoch, dass die Berge und HĂŒgel lĂ€ngst nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Sie verlieren ihre StabilitĂ€t, ihre Temperatur, ihre innere Ordnung. Sie verlieren ihre Zeit.
Die hiesige Zeitung berichtet heute (!) ohne Bezug auf HEUTE (Himalaya) darĂŒber, wobei der Zeitpunkt als vermutliche RestfĂŒllung des Sommerloches dennoch einen immens schlechten Zeitpunkt gewĂ€hlt hat. Immerhin ist die Causa "Wanderwege" schon seit vier Jahren im GesprĂ€ch.
Die Diskrepanz ist nicht zufĂ€llig. Sie ist Ausdruck einer tiefen politischen und psychologischen VerdrĂ€ngung. WĂ€hrend die physikalische RealitĂ€t sich beschleunigt, versuchen die Verwaltung und die "monopolistische" Presse, die Zeit anzuhalten. Sie beschreiben eine Gegenwart, die es so nicht mehr gibt, und eine heile Natur, die jedoch real lĂ€ngst in einem Zustand der Ăberforderung ist. Die rĂŒckwĂ€rtsgewandte Absicht ist klar: Wer die Zukunft nicht benennt, muss sie nicht gestalten. Wer die Risiken nicht ausspricht, muss keine Verantwortung ĂŒbernehmen. Wer die Landschaft romantisiert, kann die Kosten der Anpassung verschweigen. Und wer die Gegenwart verklĂ€rt, kann die Zukunft aus dem Bild schieben, als sei sie nur ein theoretisches Konstrukt und nicht bereits in den Fels geritzt.
Denn wÀhrend woanders WindrÀder die WÀlder (Altdorfer Wald) und Landschaften dem Wanderer die Lust vermiesen/vermiesen wollen - was aber öffentlich nicht benannt wird - werden hier andere Gegenden romantisiert. Man* könnte das auch VerdrÀngung nennen.
Es war zu lesen, dass die Region âeinlĂ€dtâ und dass sie âRuhe schenktâ und dass man* âNatur erlebenâ könne. Doch diese harmlos erscheinende ErzĂ€hlung ist es nicht. Sie ist eine Form der Selbstberuhigung, die den Menschen ein GefĂŒhl von Sicherheit vermittelt, das/die es aber real nicht mehr gibt. Die hinterlassenen Spuren von Gletscher- und FelsabbrĂŒchen von vor 12.000 Jahren werden heute als spektakulĂ€re Kulisse dargestellt, nicht als Warnsignal im "Heute" fĂŒr unsere bedrohte Zukunft. Die Berichterstattung der hiesigen Presse ĂŒbernimmt damit die Rolle eines Schutzwalls: Sie hĂ€lt die Bevölkerung in einer Vergangenheit fest, die vertraut ist, weil die Zukunft Angst macht. Vielleicht nicht bewusst - aber dennoch!
Die Kreisverwaltung wiederum folgt einer Logik der Entlastung. Wer die Gegenwart als rosig beschreibt, muss nicht erklĂ€ren, warum man/frau auf die Zukunft nicht vorbereitet ist. Wer die Risiken als ânatĂŒrlichâ darstellt, muss keine unbequemen Entscheidungen treffen. Wer die Landschaft als âheilendâ inszeniert, muss nicht ĂŒber EvakuierungsplĂ€ne, Sperrungen oder Klimaanpassungsstrategien sprechen. Die rĂŒckwĂ€rtsgewandte Kommunikation ist damit nicht nur ein Ă€sthetisches Problem, sondern ein politisches. Sie verhindert, dass die Gesellschaft erkennt, was wirklich geschieht.
Denn die Wahrheit ist: Die Zukunft ist lĂ€ngst da. Sie bricht nicht irgendwann ĂŒber uns herein, sie bricht bereits ab â in Form von GletscherabbrĂŒchen, FelsstĂŒrzen, instabilen HĂ€ngen, ĂŒberhitzten Böden. NatĂŒrlich leben wir in Oberschwaben nicht inmitten von durch Permafrost zusammengehaltenen HĂŒgeln. Aber der aufmerksame Leser weiĂ ja, worum es mir hier geht. Auch die HĂŒgel und kleinen Berge sind nicht mehr Kulisse, sie sind Akteure. Sie spielen nicht mehr die Rolle der ewigen StabilitĂ€t, sondern die Rolle der Warnenden. Und wĂ€hrend die Verwaltung noch versucht, die Kamera auf die Idylle zu richten, hat die Natur lĂ€ngst den Plot geĂ€ndert.
Die Diskrepanz zwischen der öffentlichen ErzĂ€hlung und Inszenierung und der physikalischen RealitĂ€t ist deshalb mehr als ein MissverstĂ€ndnis. Sie ist ein Symptom einer Gesellschaft, die sich an die Vergangenheit klammert, weil die Zukunft zu groĂ geworden ist. Doch wer heute GletscherabbrĂŒche romantisiert, verweigert die Verantwortung fĂŒr das Morgen. Wer die Gegenwart verklĂ€rt, verliert die FĂ€higkeit, die Zukunft zu gestalten. Und wer die Risiken verschweigt, gefĂ€hrdet jene, die glauben sollen, dass alles noch so ist wie frĂŒher.
Die Berge eskalieren. Die Zukunft drĂ€ngt. Die Gegenwart bricht. Und es war zu lesen, dass man/frau/kind wandern gehen könne. Das ist die eigentliche Tragik: Nicht, dass die Natur sich verĂ€ndert, sondern dass wir uns weigern, es zu sehen. Die Demokratie wird nicht gestĂŒrzt. Sie wird umgeschrieben â durch die Art, wie wir ĂŒber die Welt sprechen, die uns trĂ€gt.
Die Diskrepanz zwischen dem erwĂ€hnten Blogartikel und der öffentlichen Kommunikation der Kreisverwaltung sowie der lokalen Berichterstattung ist vermutlich doch kein Zufall. Sie ist Ausdruck zweier völlig unterschiedlicher Zeitrichtungen: Der Text des Blogs schaut nach vorn â in eine Zukunft, die bereits begonnen hat und deren Risiken sich tĂ€glich materialisieren. Verwaltung und Berichterstattung der Zeitung hingegen schauen zurĂŒck â in eine Vergangenheit, die sie zur Gegenwart verklĂ€ren, um die Zumutungen der RealitĂ€t nicht benennen zu mĂŒssen. Genau darin liegt die politische Bedeutung.
Manchem Leser/Leserin mag das an den Mammuthaaren herbeigezogen erscheinen. Aber das Thema "Gletscher - gestern, heute und morgen" schrie regelrecht danach. Zumal mir ein alter Freund aus Kiel berichtete, er sei vor zwei Wochen mit seinem Enkel auf der Zugspitze gewesen. "Gletscher? - keine Spur davon. Alles weg!", berichtete er mir am Telefon und fĂŒgte hinzu. "Vor 30 Jahren waren wir mit unseren Kindern dort. Da waren die Gletscher zwar schon matschig, doch sie waren noch da." - Das ist die RealitĂ€t.
1. Zwei Zeitrichtungen â zwei "Wahrheiten"In dem Blogartikel
versuche ich, eine Gegenwart zu beschreiben, die bereits von der Zukunft ĂŒberholt wurde:
GletscherabbrĂŒche, FelsstĂŒrze, Sturzfluten
physikalische Kipppunkte
globale ZusammenhÀnge
menschliche Verwundbarkeit
politische Verantwortung
Ich wollte aufzeigen: Die Berge sind nicht mehr stabil. Die Welt ist nicht mehr stabil. Die Zukunft ist nicht âirgendwannâ, sie ist jetzt.
Die PlÀne der Kreisverwaltung und die öffentliche Kommunikation hingegen prÀsentieren:
Wanderidylle
Erholung
Naturromantik
âSchöne Gegenwartâ
Ereignisse als âNaturprozesseâ
GletscherabbrĂŒche werden dort nicht als Warnsignal verstanden, sondern als kulissenhafte Naturereignisse, die man/frau bestaunen kann, wĂ€hrend man* weiterwandert.
2. Die rĂŒckwĂ€rtsgewandte Absicht der KreisverwaltungDie Kreisverwaltung (so jedenfalls kommt es mir vor) verfolgt â bewusst oder unbewusst â eine politische Strategie der EntschĂ€rfung:
Risikovermeidung: Wer die Klimakrise als Naturkulisse darstellt, muss keine unbequemen Entscheidungen treffen (Raumplanung, Sperrungen, Investitionen, Konflikte mit Tourismus und Wirtschaft).
Imagepflege: Eine Region, die sich als âerholsamâ und âwanderbarâ inszeniert, verkauft sich besser als eine Region, die ĂŒber instabile Berge, bröckelnde Felsflanken und Klimarisiken spricht.
Verwaltungslogik: Zukunftsrisiken sind komplex, teuer und politisch heikel. Vergangenheitsbilder sind einfach, vertraut und konfliktarm.
Politische Selbstentlastung: Wer die Gegenwart als ârosigâ beschreibt, muss nicht erklĂ€ren, warum man auf die Zukunft nicht vorbereitet ist.
Die Absicht ist also: Die Zukunft aus dem Bild zu schieben, um die Gegenwart stabil erscheinen zu lassen.
3. Die âverherrlichendeâ BerichterstattungDie Berichterstattung ĂŒbernimmt diese Logik und verstĂ€rkt sie:
Sie romantisiert Landschaften, die physikalisch lÀngst instabil sind.
Sie erzÀhlt von Erholung, wo eigentlich Risiko- und Anpassungsplanung nötig wÀre.
Sie beschreibt GletscherabbrĂŒche als âbeeindruckende Naturereignisseâ, nicht als Symptome einer globalen Krise.
Sie erzeugt ein GefĂŒhl von Sicherheit, wo Unsicherheit herrscht.
Damit entsteht eine mediale Parallelwelt, die die Bevölkerung beruhigt, statt sie aufzuklÀren.
4. Was das im Lichte des erwĂ€hnten Blogartikels bedeutetDer Artikel zeigt die physikalische und menschliche RealitĂ€t: Die Berge geraten ins Rutschen. Die Zukunft drĂŒckt in die Gegenwart.
Die öffentliche Kommunikation zeigt die psychologische RealitÀt: Man will es nicht sehen. Man will es nicht hören. Man will es nicht wissen.
Die Bedeutung dieser Diskrepanz ist tiefgreifend:
A) Politische VerdrĂ€ngungDie Verwaltung schĂŒtzt nicht die Menschen vor den Risiken, sondern sich selbst vor den Konsequenzen.
B) Mediale BeschwichtigungDie Berichterstattung hilft, die Illusion einer stabilen Welt aufrechtzuerhalten.
C) Gesellschaftliche SelbstberuhigungMan hÀlt an der Vergangenheit fest, weil die Zukunft Angst macht.
D) Verlust von VertrauenWenn die RealitĂ€t der Menschen (Hitze, Extremwetter, instabile Berge) nicht mit der öffentlichen ErzĂ€hlung ĂŒbereinstimmt, entsteht ein Vertrauensbruch.
E) Moralische BlindheitWer GletscherabbrĂŒche der Vergangenheit als âschöne Naturbilderâ darstellt, ignoriert die Trauer der Menschen, deren Dörfer heute verschwinden.
5. Der Kern: Die Verwaltung und die Berichterstattung sprechen nicht ĂŒber die Zukunft â weil sie keine Antwort darauf habenDoch: Die Zukunft ist nicht mehr vermeidbar.
Die Verwaltung und die Berichterstattung versuchen, die Zukunft unsichtbar zu machen.
Das ist die eigentliche politische Aussage.
6. In summaWĂ€hrend die Berge ins Rutschen geraten, spricht die Verwaltung von Erholung und die Berichterstattung von Wanderidylle. Die Zukunft bricht ĂŒber uns herein, doch öffentlich wird so getan, als sei sie noch weit entfernt. Diese rĂŒckwĂ€rtsgewandte ErzĂ€hlung ist kein Zufall â sie ist ein Schutzschild gegen die unbequeme Wahrheit, dass die Gegenwart lĂ€ngst nicht mehr stabil ist. Wer heute GletscherabbrĂŒche romantisiert, verweigert die Verantwortung fĂŒr das Morgen.