❗ Umweltaktivist/innen zwischen globaler Lebensgefahr (2012–2025) und oberschwäbischer Verwaltungsrealität (2019–2026)
Umweltaktivist/innen zwischen globaler Lebensgefahr (2012–2025) und oberschwäbischer Verwaltungsrealität (2019–2026)
1. Weltlage 2012–2025: Ein Jahrzehnt der Gewalt – und es hört nicht auf
Die unabhängigen Recherchen von Global Witness ergaben 2022, dass zwischen 2012 und 2021 mindestens 1.733 Umweltaktivistinnen ermordet wurden. Doch die Jahre 2022, 2023, 2024 und 2025 zeigen: Die Gewalt ebbt nicht ab – sie verschiebt sich nur.
1.1. Neue Zahlen 2022–2025 (aktualisierte Lage)2022: Global Witness dokumentiert 177 Morde – Schwerpunkt weiterhin Lateinamerika, besonders Kolumbien, Brasilien und Mexiko.
2023: Die Zahl sinkt leicht, aber bleibt erschütternd: über 160 dokumentierte Fälle. Besonders auffällig:
Zunahme der Gewalt in Amazonasregionen,
verstärkte Angriffe auf indigene Sprecher/innen,
mehr Fälle im Kontext von Lithium‑ und Kupferabbau (Energiewende-Rohstoffe, auch für Deutschland).
2024: Die NGO meldet mindestens 150 Morde, dazu Hunderte Fälle von Einschüchterung, Überwachung, SLAPP-Klagen *) und sexualisierter Gewalt. Neue Hotspots:
Indonesien (Palmöl, Nickel)
Demokratische Republik Kongo (Kobalt)
Peru (illegaler Goldabbau)
2025: Die vorläufigen Zahlen zeigen keine Entspannung:
über 120 dokumentierte Tötungen allein bis Oktober 2025
massive Repressionen in Guatemala, Honduras, Brasilien, Kolumbien
steigende Angriffe im Kontext von „grünen“ Großprojekten (Wasserkraft, Windparks, Lithiumminen)
*) SLAPP steht für "Strategic Lawsuits Against Public Participation" (strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung) und bezeichnet Gerichtsverfahren, die nicht primär auf die Durchsetzung eines Rechts abzielen, sondern darauf, Kritiker, Journalisten, NGOs oder Aktivisten einzuschüchtern und ihre öffentliche Kritik zu unterbinden. Typischerweise werden diese Klagen von Unternehmen, mächtigen Einzelpersonen oder Behörden angestrengt, um unbequeme Berichterstattung oder öffentliche Proteste zu verhindern. Kommt uns in Ravensburg und dem süddeutschen Raum doch irgendwie bekannt vor.
1.2. Muster der Gewalt bleiben gleichIndigene Aktivist/innen sind weiterhin überproportional betroffen.
Bergbau, Agrarindustrie, Holzindustrie, Infrastrukturprojekte bleiben die Hauptkonfliktfelder.
Straflosigkeit ist die Regel.
SLAPP-Klagen nehmen weltweit zu.
Überwachungstechnologien (Drohnen, digitale Spionage) werden zunehmend gegen Aktivist/innen eingesetzt.
Die globale Botschaft ist klar: Wer Natur verteidigt, lebt gefährlich.
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2. Ravensburg 2019–2026: Die lokale Variante der RepressionNatürlich: In Ravensburg wird niemand ermordet. Aber die Mechanismen der Einschüchterung, Delegitimierung und Bürokratisierung ähneln den globalen Mustern – nur in einer „zivilisierten“ und unblutigen Form. Obwohl: Auch Rufmord ist Mord!
2.1. 2019–2020/ 2021-2026: Die "Altdorfer-Wald-Besetzung" und ihre Vorgeschichte werden zum Konfliktfeld- 2019 beschließt der Ravensburger Gemeinderat den sogenannten Klimakonsens, in dessen Rahmen jährlich 13 Prozent CO2 abgebaut werden sollen.
- Als Ende 2020 klar wird, dass die Stadt Ravensburg sich keinesfalls an dieses Abkommen hält, wird am letzten Tag des Jahres in Ravensburg ein Baum besetzt. Der 17-Jährige Samuel Bosch wird von einer Hundertschaft SEK-Kräften als Störenfried entfernt.
- 2021 kommt es zu ersten Protesten gegen den geplanten Kiesabbau im "Altdorfer Wald", nahe Ravensburg gelegen.
Es folgen weitere Baumbesetzungen und andere Aktionen in Ravensburg. Klimaaktivisten werden vom Stadtrat des "Ökoterrors" bezichtigt und in die Nähe der einstigen RAF gestellt.
Bürgerinitiativen formieren sich.
Die Politik reagiert mit "Dialogangeboten", aber ohne Kurswechsel.
Die "Schwäbische Zeitung" berichtet zurückhaltend, oft verwaltungsnah und politikeraffin und transportiert die Verunglimpfungen der Klimaaktivisten (siehe oben).
Aktivist*innen errichten Baumhäuser im Altdorfer Wald und es entsteht ein richtiges Klimadorf
Die Polizei räumt mehrfach.
Erste Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruch, Bannern auf Dächern, Übertretens von ausgesprochenen Verboten.
Die Stadt und der Kreis betonen „Sicherheitsaspekte“ – nicht die ökologische Dimension.
Eine kleine Gruppe sabotiert ein Supermarktprojekt.
Die Aktion wird zum medialen Dauerbrenner.
Die Südkurier-Berichterstattung fokussiert sich auf „Radikalisierung“, nicht auf die strukturellen Ursachen.
Die Politik nutzt den Vorfall, um die Legitimität der gesamten Bewegung infrage zu stellen, und skandalisiert das Verhalten der Klimaaktivisten.
2.4. 2024: Der Fall Samuel Bosch – ein Wendepunkt
Bosch wird wegen verschiedener Delikte verurteilt.
Jugendarrest im Frühjahr 2024, obwohl zentrale Verfahren noch laufen.
Freispruch für Bosch
Unterstützer/innen protestieren, die "Schwäbische Zeitung" berichtet ausführlich.
Die Justiz wirkt entschlossen, ein Exempel zu statuieren.
Der Kreis Ravensburg betont „Rechtsstaatlichkeit“, vermeidet aber jede politische Einordnung.
Die Botschaft an die Aktivist/innen: Wer zu laut wird, bekommt es mit der Justiz zu tun.
2.5. 2024–2025: Die Kiesgrube Vogt/Grund – der Konflikt spitzt sich zuNeue Gutachten, neue Proteste, neue juristische Schritte.
Aktivist*innen warnen vor Trinkwassergefährdung.
Der Kreis verweist auf „laufende Prüfungen“.
Die Politik vermeidet klare Positionen.
Die Bewegung professionalisiert sich, bleibt aber unter Druck.
Die OB-Wahl am 8. März 2026 wird zum Brennglas:
Umwelt- und Klimathemen tauchen in Programmen auf – aber meist weichgespült. Außer bei Samuel Bosch, einem der OB-Kandidaten.
Die Konflikte um Wald, Kies, Flächenverbrauch und Verkehrspolitik bleiben ungelöst.
Samuel Bosch wird als Oberbürgermeisterkandidat verunglimpft und beschimpft. Die hiesige Presse skandalisiert dies nicht, sondern schlägt sich auf die Seite der Verunglimpfer.
Klimaaktivist/innen werden weiterhin als „Störer“, „Radikale“ oder „Einzelfälle“ dargestellt.
Gleichzeitig schmückt sich die Stadt Ravensburg mit Nachhaltigkeitsberichten, Fair-Trade-Siegeln und Klimazielen.
Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Realpolitik wird immer sichtbarer.
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3. Was verbindet die globale Gewalt mit der oberschwäbischen Realität?Nicht die Intensität – aber die Struktur:
Ressourceninteressen haben Vorrang.
Aktivistinnen werden delegitimiert, nicht gehört und ernst genommen.
Verfahren ersetzen politische Entscheidungen.
Konflikte werden verwaltet, nicht gelöst.
Medien berichten, aber selten systemkritisch.
Strafrecht wird selektiv eingesetzt.
Nachhaltigkeit wird zur Imagepolitik.
Die Gewalt ist hier nicht physisch, sondern administrativ. Nicht tödlich, aber zermürbend. Nicht spektakulär, aber wirksam.
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Die zentralen Fragen dürfen daher in Zukunft nicht mehr wie folgt lauten:
"Wie radikal sind die Aktivistinnen?"
Sondern: "Wie radikal ist eine Politik, die Wälder für Kies opfert, während sie Nachhaltigkeitsberichte drucken lässt?"
Nicht: "Warum werden Aktionen der Klimaaktivist/innen skandalisiert und angeprangert?"
Sondern: "Warum werden die Aktionen von Kiesunternehmen, die Untätigkeiten von Behörden und die Versiegelung von Flächen nicht von der Presse skandalisiert?"
Die weitere Frage darf in Zukunft nicht mehr gestellt werden -> "Warum leben junge Menschen in Baumhäusern?" Sondern -> "Warum sehen sie sich gezwungen, dies zu tun?“
Ravensburg ist nicht Kolumbien. Aber Ravensburg und sein Kreis sind auch nicht das ökologische Vorbild, als das sie sich gerne darstellen.