Wenn Bäume beschädigt und/oder abgesägt werden - Legitimation ersetzt keinen Baum ...
16. Juni, 2026 um 21:38 Uhr,
Keine Kommentare
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Es gibt in unserer Gesellschaft eine merkwürdige Logik: Wenn ein Unbekannter nachts einen Baum beschädigt, ist es eine Straftat, der die Polizei nachgehen muss. Wenn aber eine Kommune am helllichten Tag angeblich eine ganze Baumgruppe fällen muss, ist es eine Maßnahme.
Da wird sich über den oder die Vandalen, die einen jungen Baum abknicken, empört. Doch wird geschwiegen, wenn Verwaltungen Bäume entfernen, die weder krank noch gefährlich sind. Es wird von „Sachbeschädigung“ gesprochen, wenn es junge Leute oder auch ältere Bürger tun, aber von „alternativlos“, wenn es der Bauhof tut. Es wird nach der Polizei gerufen, wenn ein Ast bricht, aber verständnisvoll genickt, wenn eine Stadtverwaltung eine ganze Reihe fällt, weil es „einfacher“ ist.
Das ist der Widerspruch. Nicht nur die Tat – sondern vor allem die Bewertung.
- Lesen Sie auch hier zu "Heute erlebt"
- Geschoss auf zwei Rädern gefährdet 74-jährigen Rentner ... 'Drahtesel' war mal - heute sind es Titanrappen !!
17. Jun. 2026
Denn objektiv betrachtet ist der Unterschied minimal: Ein Baum ist in beiden Fällen weg bzw. kann in dem beschädigten Zustand nicht weiterwachsen. Ein Lebensraum ist weg. Ein Stück Zukunft ist weg.
Aber subjektiv betrachtet ist der Unterschied maximal: Der eine Tat ist strafbar, die andere nicht.
In Ravensburg, Weinbergstraße, wurden vor einigen Jahren Bäume gefällt, um ein neues Kirchengemeindehaus bauen zu können. Diese alten Lebensgefährten hätten nach Meinung vieler Bürger und Bürgerinnen nicht fallen müssen. Es war kein Vandale. Kein nächtlicher Täter. Kein Ermittlungsverfahren. Nur Routine. Nur Verwaltung. Nur „so macht man das halt“.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Wir haben uns daran gewöhnt, dass Bäume nur dann schützenswert sind, wenn der Falsche sie fällt.
Wenn der Richtige sie fällt, heißt es: „War notwendig.“ „War geplant.“ „War beschlossen.“ „War halt so.“ "Alternativlos!"
Die Natur wird nicht nach ihrem Wert beurteilt, sondern nach dem Absender der Motorsäge.
Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn wir die Kategorien tauschen würden: Nicht „Sachbeschädigung“ versus „Pflegemaßnahme“, sondern „notwendig“ versus „vermeidbar“. Und vieles, was heute unter „alterntivlos“ läuft, wäre plötzlich erklärungsbedürftig.
Denn die Wahrheit ist unbequem: Der Unterschied zwischen Vandalismus und Verwaltung ist oft nicht die Tat, sondern die Legitimation. Und Legitimation ersetzt keinen Baum.