ADVENT HEUTE - Die Zeit, um Türen für den Mitmenschen zu öffnen ...
Stefan Weinert
Der ADVENT ist auch die Zeit des "Türe-Öffnens". Und diese Zeit ist nun für dieses Jahr schon bald wieder vorbei. Denn das Fest der Geburt eines Kindes im Rinderstall steht unmittelbar bevor. Zwar glaube ich wie viele andere auch, dass die Geschichte mit dem "Stall" im Buch der Bücher rein symbolisch gemeint ist, während die Kirche daraus aber eine historische Wahrheit machte. Wie auch immer: Die Botschaft dürfte von Beginn an klar sein. Doch spätestens seit dem 4. Jahrhundert nach der Geburt Jeschua Ben Joseph, dem späteren einfachen Handwerker, verblasste diese Botschaft völlig und mutierte zu Macht, Gewalt, Ausbeutung und Tod im Glanz eines Kaiserreiches - samt Krone, kostbarem Gewand und goldener Monstranz.
Da passt die Erzählung über das tatsächlich so tausendfach Geschehene ganz gut in das Wochenende vor Weihnachten 2024. Vielleicht haben Sie diese Geschichte auch schon einmal gehört - oder gar erlebt, oder erleben diese jedes Jahr aufs Neue ...
Denn am ersten Adventsonntag war durch das Küchenfenster zu erkennen, dass am Adventskranz der alten Dame, alle vier Kerzen brannten. Mancher dachte, nun ja, da hat die Alte es in dem zugigen Häuschen vielleicht etwas wärmer.
Doch eine Woche später, am 2. Advent, waren dort nur drei Kerzen entzündet, und am 3. Advent gaben nur zwei Kerzen, die ihren Schein von sich gaben.
Und – wie sollte es nun anders sein – am 4. Adventssonntag entzündete die arme Frau nur eine Kerze.
Dann aber, an dem so genannten "Heiligen Abend" und auch an den beiden folgenden Weihnachtstagen, verbrachte die Frau die Zeit in ihrer stockfinsteren und kalten Stube.
Das alles hatte auch einer der vielen Stadträte dieses Ortes bei seinen abendlichen Spaziergängen am Sonntag schon über einige Jahre beobachtet. Doch in diesem Jahr fasste er sich eines Tages ein Herz und klopfte an die Türe der alten Hütte. Er hörte das Schlurfen von Pantoffeln und die besagte alte Dame öffnete ihm die Tür. Sie bat den Herrn Stadtrat, der sich nach einiger Zeit als solcher zu erkennen gab, auf eine Tasse Wachholdertee hinein und auf seine Frage, warum sie denn die Adventskerzen immer in genau der umgekehrten Reihenfolge entzünde, antworte die Frau wie folgt:
Wenn ich in der ersten Adventswoche durch die Gassen der Stadt und über den hell erleuchteten und lärmenden Christkindlesmarkt schlurfe, dann werde ich von allen Leuten gegrüßt und angelächelt, und so mancher Bürger drückt mir eine kleine Münze in die Hand.
In der zweiten Adventswoche werde ich in der Stadt zwar auch gegrüßt, aber das Lächeln in den Gesichtern fehlt und es gibt für mich kaum noch ein Geldstück.
In der dritten Adventswoche nicken mir nur noch einige wenige Menschen mit gehetztem Gesicht zu und dann, in der letzten Woche vor dem großen Fest, bin ich scheinbar für die geschäftigen Menschen nur noch Luft. Beachten tut mich keiner mehr, schenken tut mir keiner mehr irgendwas.
Ja, und am Heiligen Abend und den Feiertagen sitze ich einsam und allein, Jahr für Jahr, in meiner Stube. So wie es bei meinem Gang durch die hell erleuchtete Stadt dennoch von Woche zur Woche in Wirklichkeit für mich immer dunkler wird, so gehe ich auch mit dem Advent um in der Hoffnung, dass irgendwann irgendjemand diese Botschaft versteht.
Da stand der Herr Stadtrat betroffen auf und fragte die Frau. „Weißt du, wo mein Haus steht?“ – „Nein, das weiß ich nicht“, antwortete sie. So begann der Abgeordnete der Dame zu erklären, wo er mit seiner Familie wohne. Und als sie verstehend nickte, meinte er zur größten Überraschung des Mütterleins:
„Dann komme doch bitte am Heiligen Abend dorthin. Du bist dieses Jahr eingeladen, mit mir und meiner Familie das schönste Fest des Jahres mit vielen Lichtern und einem guten Essen in einer warmen Stube zu feiern.“ Und er fuhr fort: "Wenn du bei uns klingelst, werde ich dir persönlich die Türe öffnen." - Da fing’ die Frau an zu weinen und konnte es eigentlich gar nicht fassen.
Doch der Herr Stadtrat musste den ganzen Heimweg über weinen und schien vor Beschämung ganz klein. "Warum," so fragt er sich innerlich, "warum hatte ich diese besondere Adventbotschaft nie verstanden? Warum?"
Stefan Weinert (c), 2020, 21, 22, 23, 24 ...