Undav, Undav, Undav, Täterä . . . - "Herr Nagelsmann, ist das die neue deutsche Nationalhymne?" ...
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
„Undav, Undav, Täterä!“ – So sollte es eigentlich aus dem Mund der deutschen Fußballfans klingen. Ein Gesang, der eigentlich – in seiner Originalversion aus der Mainzer Fastnacht – stammt, und seit 1980 auch in den deutschen Fußballstadien ertönt. Während das Land noch darüber schmunzelt, dass Entwicklungshelfer in Afrika einst erklären mussten, dass "Humba Täterä" nicht die deutsche Nationalhymne sei , hat Deniz Undav längst seine eigene Version der Hymne komponiert: die des Stürmers, der trifft, obwohl er nicht soll, und der schweigt, obwohl er Grund zum Brüllen hätte.
Denn was sich zwischen Julian Nagelsmann und Undav abspielt, ist kein Missverständnis, sondern ein Muster. Der Stürmer liefert – und der Bundestrainer liefert nach. Nur eben nicht das, was man/frau/fan erwarten würde. Nach dem 2:1 gegen Ghana, das Undav mit seinem Tor rettete, stellte Nagelsmann sich vor die Kameras und kritisierte ausgerechnet den Mann, der ihn vor einer Blamage bewahrt hatte. Die Reaktionen der Fans waren eindeutig: „bodenlos“, „geht gar nicht“, „fehlendes Führungsverständnis“ – und das nicht in irgendwelchen Kommentarspalten, sondern unter dem offiziellen Video des Spiels .
Undav selbst bleibt erstaunlich klar. Auf Reddit sagt er, er habe „die beste Quote“, und fragt trocken: „Was ist denn ein Mittelstürmer? Doch der, der trifft.“ Dass sein Name „immer nur als falsche Neun fällt“, gehe ihm „auf den Zeiger“ . Man kann es ihm nicht verdenken. Wer in der Form seines Lebens ist, wer 29 Scorer in 33 Spielen liefert, wer in der Bundesliga nur zwölf Tore hinter Harry Kane liegt – und dann hören muss, er sei „nur ein Joker“, der darf genervt sein. Und zwar nicht leise.
Julian Nagelsmann wiederum wirkt, als habe er sich in seiner eigenen Erzählung verheddert. Erst predigt er das Leistungsprinzip, dann setzt er es außer Kraft. Erst fordert er Typen, dann straft er sie ab. Erst lobt er Mut, dann reagiert er dünnhäutig. Die Fans spüren das längst: „Wie bodenlos ist es bitte, wenn der Trainer den Siegtorschützen so runtermacht?“ – „Mit so einem Trainer wirst du kein Weltmeister.“ – „Er entscheidet nach Ego, nicht nach Leistung.“ Das sind keine Ausreißer, das ist der Tenor.
Und dann die Entschuldigung. Nagelsmann rudert zurück, erklärt, seine Frau habe ihm gespiegelt, dass seine Aussagen „nicht gut“ gewesen seien. Das ist menschlich sympathisch, aber sportpolitisch ein Offenbarungseid. Ein Bundestrainer, der erst öffentlich austeilt und dann privat zurückgepfiffen wird, wirkt nicht souverän, sondern steuerbar. Ran.de versucht das als Stärke zu verkaufen – „Selbstreflexion“, „guter Einfluss der Ehefrau“ –, aber die Realität ist: Wer öffentlich kritisiert, muss öffentlich Verantwortung übernehmen, nicht nur privat telefonieren. Und wer öffentlich Verantwortung übernimmt, sollte vorher überlegen, was er sagt.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Der DFB hat sich in eine Struktur manövriert, in der Loyalität wichtiger ist als Leistung, in der Erzählungen wichtiger sind als Ergebnisse, in der Hierarchien wichtiger sind als Form. Undav ist nur das sichtbarste Symptom. Er ist der Spieler, der zeigt, wie absurd es geworden ist: Der beste deutsche Stürmer muss sich rechtfertigen, warum er überhaupt spielen will. Der Bundestrainer muss erklären, warum er ihn trotz Toren nicht spielen lässt. Und das Land fragt sich, warum man überhaupt noch über Fußball diskutiert, wenn die Logik längst abhandengekommen ist.
Undavs Tore gegen die Elfenbeinküste in der WM-Vorrunde – die nächste Rettungstat des Jungen von der Straße, das nächste Argument, das nächste Kapitel – sind deshalb mehr als zwei Treffer. Sie sind ein Spiegel. Einer, in den Nagelsmann nicht gern schaut. Einer, der zeigt, dass Fußball manchmal ganz einfach ist: Wer trifft, hat recht. Wer rettet, verdient Respekt. Wer führt, sollte führen – und nicht nachtreten.
Vielleicht ist es also tatsächlich Zeit für eine neue Hymne. Nicht „Humba Täterä“, nicht „Einigkeit und Recht und Freiheit“, sondern eine, die zum Zustand des deutschen Fußballs passt: „Undav Täterä – der Mann, der trifft, während der Trainer und die Nation über ihn reden.“
