Das "Le Constellation“ im Schweizerischen Crans-Montana war schon vor der Brandkatastrophe eine psychische Belastung für die Mitarbeiter/innen ... Ein überlebender Barkeeper berichtet ...
Gaëtan. Das ist der Vorname eines jungen Mannes (28) aus Südfrankreich, der in der Nacht von Silvester 2025 auf Neujahr 2026 als Barkeeper im Erdgeschoss des Nachtlokal „Le Constellation“ im Schweizerischen Crans-Montana seiner Arbeit nachging. Als er bei dem mitternächtlichen Brand in den Keller der Bar stürmte, wurde er ohnmächtig und lag mit Brandverletzungen sechs Tage im Koma und weitere zwei Wochen im Krankenhaus
Nun beschreibt Gaëtan. einem Radiointerview des Schweizer Rundfunks die Nacht, die sein Leben zerriss. Die Sätze und die darin enthaltenen Worte, die er wählt, sprechen nicht mehr nur von Flammen, sondern von dem, was danach blieb: Angst, Schuldfragen, das Gefühl, dass Feuer jede Unschuld genommen hat.
Er arbeitete erst wenige Wochen im Nachtlokal „Le Constellation“, überlebte die Brandnacht und lebt heute wieder bei seinen Eltern im Süden Frankreichs; seine Erinnerungen an die entscheidenden Minuten sind bruchstückhaft, er erinnert sich an Schreie, Rauch, Panik und daran, wie er in der Menschenmenge zu Fall kam, bevor die Erinnerung abbricht. Seine Schilderungen sind nicht nur Zeugnis eines individuellen Traumas, sie sind auch Anklage gegen ein Arbeitsumfeld, das er schon vor der Katastrophe als problematisch empfand: hygienische Mängel, der Verkauf abgelaufener Getränke, Paninis aus lange eingefrorenem Brot, lax gehandhabte Alterskontrollen, wirtschaftlicher Druck, der offenbar Sicherheit und Sorgfalt untergrub.
All das hat ihn dazu gebracht, die Stelle zu kündigen, obwohl er den Monat noch beenden wollte. Seine Entscheidung, jetzt zu sprechen, begründet er damit, dass er wahrnehme, wie Verantwortung zunehmend auf Mitarbeitende abgeschoben werde, und er wolle mit seiner Aussage an die Opfer erinnern.
Diese persönliche Perspektive scheint mir wichtig, weil sie die Brücke schlägt zwischen dem, was technisch und juristisch untersucht wird, und dem, was Menschen tatsächlich erleben: Die unmittelbare Gewalt des Feuers und die lange, oft unsichtbare Gewalt der Folgen. Physisch sind die Folgen für Überlebende von Brandkatastrophen vielfältig und langwierig. Verbrennungen können oberflächlich oder tief sein, sie zerstören Haut und Gewebe, führen zu Narbenbildung, Kontrakturen, Funktionsverlusten und erfordern oft Hauttransplantationen, wiederholte Operationen und monatelange Rehabilitation.
Inhalation von Rauch und toxischen Gasen schädigt Atemwege und Lunge, kann zu chronischen Atemproblemen führen und erhöht das Risiko für Infektionen. Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und die Notwendigkeit wiederholter Eingriffe belasten Körper und Psyche gleichermaßen; viele Betroffene benötigen langfristige Schmerztherapie, physikalische Therapie und rehabilitative Maßnahmen, die Zeit, Geld und ein stabiles soziales Umfeld verlangen. Die medizinische Nachsorge ist teuer und komplex, und nicht alle Betroffenen haben Zugang zu den spezialisierten Zentren, die solche Verletzungen adäquat behandeln können.
Psychisch sind die Folgen mindestens ebenso tiefgreifend. Überlebende berichten von anhaltenden Angstzuständen, Schlafstörungen, wiederkehrenden Albträumen und Flashbacks, die das Gefühl hervorrufen, die Nacht sei jederzeit wieder gegenwärtig. Viele entwickeln Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS): Vermeidungsverhalten, Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit), emotionale Taubheit, unkontrollierte Erinnerungen. Schuldgefühle sind weit verbreitet — nicht nur die quälende Frage „Hätte ich etwas tun können?“, sondern auch das Gefühl, anderen gegenüber versagt zu haben, oder die Angst, für das Unglück verantwortlich gemacht zu werden.
Gaëtan spricht genau diese Mischung aus Angst und Empörung an, wenn er kritisiert, dass Betreiber sich aus der Verantwortung zurückziehen und Mitarbeitende zur Zielscheibe machen. Solche Schuldgefühle können in Depressionen, Substanzmissbrauch oder in soziale Isolation münden, wenn sie nicht frühzeitig und professionell begleitet werden.
Für die Hinterbliebenen der 41 Verstorbenen ist die Last anders, aber nicht weniger schwer: Trauer in dieser Dimension ist kollektiv und individuell zugleich. Es ist die rohe, unmittelbare Trauer um einen Menschen, die sich mit Fragen nach dem Warum und dem Wer mischt, mit dem Bedürfnis nach Verantwortungszuweisung und mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit. Wenn Untersuchungen, Gerichtsverfahren oder öffentliche Debatten die Schuldfrage in die Länge ziehen oder Verantwortlichkeiten verschleiern, kann das die Trauer verkomplizieren und verlängern.
Angehörige von zu Tode gekommenen Menschen müssen nicht nur Abschied nehmen, sie sehen sich oft mit bürokratischen Hürden, finanziellen Belastungen und der Notwendigkeit konfrontiert, in einem öffentlichen Raum zu trauern, in dem Medienberichte, Spekulationen und politische Debatten die private Trauer überlagern. Öffentliche Gedenkformen, transparente Ermittlungen und eine klare Kommunikation der Behörden sind deshalb nicht nur formale Schritte, sondern Teil eines Prozesses, der den Hinterbliebenen helfen kann, einen Platz für ihre Trauer zu finden.
Die Gemeinschaft als Ganzes trägt ebenfalls Narben: Freundeskreise, Kolleginnen und Kollegen, Einsatzkräfte und Zeugen erleben sekundäre Traumatisierungen. Menschen, die nicht direkt verletzt wurden, können dennoch von Schuldgefühlen, Ohnmachtsgefühlen und einem veränderten Sicherheitsgefühl betroffen sein.
Die Nachtleben‑Szene, die Gastronomiebranche und die Nachbarschaften, in denen solche Lokale verankert sind, erleben Vertrauensverluste und eine Debatte über Arbeitsbedingungen, Aufsicht und Verantwortung. Gaëtans Beobachtungen über wirtschaftlichen Druck und laxen Umgang mit Sicherheitsstandards fügen dieser Debatte eine konkrete, menschliche Ebene hinzu: Wenn Betreiber primär auf Umsatz schauen und Mitarbeitende unter Druck setzen, entstehen Lücken, die im schlimmsten Fall tödlich enden.
Vor diesem Hintergrund ist die Reaktion der Kommunen entscheidend. In Ravensburg hat die Stadt nach dem Unglück unangekündigte Kontrollen in Lokalitäten mit Kellerräumen durchgeführt; Mitarbeiter des Bauordnungs‑ und Ordnungsamts prüften sieben Lokalitäten, fanden in vier Betrieben kleinere, kurzfristig behebbare Mängel, in zwei Betrieben keine Beanstandungen, und ein Betrieb musste aufgrund unzureichender Fluchtwege vorübergehend geschlossen bleiben.
Die Ravensburger Verwaltung wertete die Überprüfung als erfolgreich und berichtete von konstruktivem Austausch mit den Betreibern; zugleich bleibt festzuhalten, dass sieben Kontrollen nur ein Anfang sind angesichts der Vielzahl von Kneipen, Cafés, Restaurants, Bars und Clubs (weit über 100?) in einer Region wie Ravensburg. Eine punktuelle Aktion kann Mängel aufdecken und kurzfristig Abhilfe schaffen, aber sie ersetzt nicht eine systematische, flächendeckende Risikoanalyse und regelmäßige, verbindliche Prüfintervalle.
Was also wäre nötig, um sowohl die technischen als auch die menschlichen Folgen solcher Katastrophen zu mindern?
Erstens: verbindliche, präventive Maßnahmen. Dazu gehören eine Priorisierung von Kontrollen für Räume mit erhöhtem Gefährdungspotenzial (Kellerräume, verwinkelte Locations) enge Fluchtwege, hohe Besucherzahlen), regelmäßige Prüfungen der Not‑ und Sicherheitsbeleuchtung, der Brandmelde‑ und Löschtechnik sowie klare Vorgaben zur Kennzeichnung und Freihaltung von Fluchtwegen. Betreiber müssen verpflichtet werden, Evakuierungspläne sichtbar auszuhängen, regelmäßige Evakuierungsübungen durchzuführen und Personal in Erster Hilfe und Evakuierung zu schulen. Die Einhaltung von Alterskontrollen und die Verhinderung von Überbelegung sind keine lästigen Formalien, sondern Schutzmaßnahmen, die Leben retten. Technische Normen und Prüffristen sollten nicht nur empfohlen, sondern durchgesetzt werden; Bußgelder und Betriebsschließungen müssen als letztes, aber wirksames Mittel zur Durchsetzung dienen.
Zweitens: Arbeitsbedingungen und Verantwortungsstrukturen. Die Aussagen von Gaëtan legen nahe, dass wirtschaftlicher Druck und eine Kultur des Wegschauens Sicherheitsrisiken erhöhen. Kommunen und Branchenverbände sollten gemeinsam Standards entwickeln, die nicht nur die bauliche Sicherheit, sondern auch die Arbeitsbedingungen berücksichtigen: transparente Dienstpläne, ausreichende Personalstärke, klare Verantwortlichkeiten für Sicherheit und ein Meldeweg für Mitarbeitende, die Mängel beobachten. Whistleblower‑Schutz und anonyme Meldestellen können helfen, Missstände frühzeitig zu erkennen, ohne dass Beschäftigte um ihren Job fürchten müssen.
All das klingt nach Maßnahmen, die Zeit und Geld kosten. Aber die Alternative ist, dass wir weiter auf punktuelle Kontrollen setzen, auf das gute Wort und die Hoffnung, dass schon nichts passieren werde. Die Aussagen von Gaëtan zeigen, wie schnell aus kleinen Lücken eine Katastrophe werden kann und wie lange die Folgen nachhallen — körperlich, seelisch, sozial.
Wenn Ravensburg und andere Kommunen aus diesem Unglück lernen wollen, dann geht es nicht nur um das Schließen von Brandschutztüren oder das Nachrüsten von Notbeleuchtung; es geht um eine Kultur des Schutzes, in der die Sicherheit von Menschen über kurzfristigen Profit gestellt wird, in der Mitarbeitende gehört werden, bevor sie schweigen, und in der Überlebende und Hinterbliebene nicht allein gelassen werden.