"Lebe HEUTE, HIER und JETZT!" - Aber ist dieser 'Spruch' zu WEIHNACHTEN und SILVESTER/NEUJAHR nicht unsensibel und unangebracht? ...
Zum Weihnachtsfest 2025

"Es gibt nur einen wichtigen Termin: HEUTE - HIER und JETZT." - Gut gesprochen, lieber Blogger. Aber sind nicht gerade die 72 Stunden – vom Heiligen Abend, dem ersten und zweiten Weihnachtstag – eine Zeit, in der viele Menschen, vor allem die Alleinstehenden, von der Vergangenheit eingeholt werden und dennoch gerne in ihr verweilen? Denn für die heute Erwachsenen und Alten war "Weihnachten" in der Kindheit und der frühen Jugend doch noch irgendwie anders, als es heute ist. Oder?
Da kommen Gefühle der Wehmut aber auch der Dankbarkeit aus dem schummrigen Dunkel damals brennender Echt-Kerzen an das heute megagrelle und flackernde Licht - bereits ab Ende Oktober! Vor allem wer - zusätzlich noch zum verstrichenen Jahr - allein ist (nach einer Scheidung oder Tod von Partner/in, nach unheilbarem Streit mit seinen "Lieben", oder aus ganz anderen Gründen) hat unter Umständen mit Depression und Tränen und Frust zu kämpfen.
Und dann - wenige Tage später - das Ganze noch einmal, wenn es darum geht, Rückblick auf 365/66 Tage zu halten --- und vor allem nach vorne zu schauen mit Vorsätzen, Hoffnungen und Plänen und dem Ungewissen!
Da ist es in der Tat mit dem "nur heute, hier und jetzt" nicht so einfach. Dennoch möchte ich hier ein paar Gedanken äußern und wiedergeben, die ich bereits vor einem Jahr auf diesem Blog veröffentlicht hatte. Allerdings ohne den gerade gelesenen Vorspann, der mir angesichts der Thematik sehr wichtig war, nachzuholen.
Carpe diem
Kaum eine Redewendung ist heute so abgedroschen, wie die des "Nutze den Tag", die der römische Dichter Horaz vor über 2.000 Jahren niederschrieb. CARPE DIEM heißt es im Lateinischen; jedoch treffen die heute geläufigen deutschen Übersetzungen „Nutze den Tag“ oder „Genieße den Tag“ nicht ganz das, was im Original gemeint war. Schon die englische Übersetzung "seize the day" macht dies deutlich: Ergreife den Tag. Denn im Kontext der horazischen Dichtung geht es genau darum. Der Mensch soll die Früchte und die Blumen des heutigen Tages - nicht die verwelkten von gestern, oder gar die ungewissen von Morgen - pflücken und sich an ihnen erfreuen respektive sie genießen. Es geht um das sinnliche Erleben des aus der Natur wurzelnden Augenblicks, gepaart mit der Einstellung einer einfachen, genügsamen, aufmerksamen, aber doch genuss- und lustvollen Lebensweise; wobei dies auch eine Anspielung auf die Lust der Sexualität ist.
Das Bewusstsein der Endlichkeit ist – kirchlich (!) verstanden – das Wissen um die größere Bedeutung des jenseitigen Lebens. Die Orientierung am Genuss, die im carpe diem liegt, birgt also aus kirchlicher Sicht die Gefahr, dieses jenseitige Leben zu verspielen. Wenn man/frau aber beim Lesen biblischer Texte genau hinschaut (hier vor allem die vier Evangelien), ist zu erkennen, dass der historische Jesus das "sowohl - als auch" betont.
Andererseits aber sagt jener selbige Jesus später auch: "Glücklich (makarios) jene, die um der Gerechtigkeit Willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Reich der Himmel." (Matthäus, Kapitel 5 ab Vers 1)
- "Frage nicht (denn eine Antwort ist unmöglich), welches Ende die Götter mir, welches sie dir,
- Leukonoe, zugedacht haben, und versuche dich nicht an den babylonischen [Wahrsagerinnen mit ihren] Berechnungen!
- Wie viel besser ist es doch, was immer kommen wird, zu ertragen!
- Ganz gleich, ob Jupiter dir noch weitere Winter zugeteilt hat oder ob dieser jetzt,
- der gerade das Tyrrhenische Meer an widrige Klippen branden lässt, dein letzter ist,
- sei nicht dumm, filtere den Wein und verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
- Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
- Genieße den Tag (carpe diem), und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!" - Carmen I,11
C A R P E D I E M !!