Der Tod eines Zugbegleiters und die schnelle Schuldzuweisung auf die "linke Szene" durch eine oberschwäbische Zeitung ...
Der Tod des Zugbegleiters bei Landstuhl hat unsere Gesellschaft und Medienlandschaft erschüttert. Es ist nicht nur die Wucht der Tat, sondern das zuvor Unvorstellbare, das zur Realität wurde. Ein solches Ereignis verlangt nach Antworten, nach Verantwortlichen, nach einem Sinn, der das Unfassbare einordnet.
Doch die Versuchung, schnell zu erklären, ist gefährlich. Wenn eine Leitkolumne reflexhaft Teile der „linken Szene“ oder die Partei die LINKE als Sündenböcke ins Visier nimmt, dann befriedigt das zwar das Bedürfnis nach Klarheit, es vernebelt aber die komplexe Wirklichkeit, in der Gewalt entsteht.
Genau das hat heute die "Schwäbische Zeitung" auf Seite 1 des Mantelteils getan! Schuldzuweisungen an politische Lager sind oft weniger Analyse als Projektion; sie verschieben die Debatte weg von den tieferen Ursachen und hin zu einfachen Narrativen, die polarisieren und spalten. Das hat sich wohl auch diese eher rechtsgerichtete Zeitung gedacht.
Gewalt ist selten monokausal. Sie ist das Ergebnis eines Geflechts aus Biografie, sozialer Lage, psychischer Verfassung, Substanzmissbrauch und kulturellen Einflüssen. In diesem Geflecht gibt es Knoten, die besonders belastbar sind: frühe Bindungserfahrungen, die Qualität der Erziehung in der frühen Kindheit und Jugend, die Präsenz oder Abwesenheit von Perspektiven, die Verfügbarkeit von Suchtmitteln, die Art und Weise, wie Medien Gewalt darstellen, und die institutionellen Rahmenbedingungen, in denen Menschen leben und arbeiten.
Wenn wir nur nach einem Schuldigen suchen — nach einer Szene, nach einer Partei, nach einem Feindbild —, dann übersehen wir, dass Gewalt oft das Endprodukt eines langen Prozesses ist, in dem viele kleine Versäumnisse sich addieren.
Besonders scharf sollte dabei auf die frühe Kindheit des Menschen geblickt werden. Die ersten Jahre sind kein bloßer Vorlauf zur „echten“ Lebenszeit; sie sind die Zeit, in der die Grundlagen für emotionale Regulation, Empathie und soziale Bindung und Respekt vor dem anderen gelegt werden. Kinder, die in Unsicherheit, Vernachlässigung oder Gewalt aufwachsen, lernen oft, die Welt als unzuverlässig und bedrohlich zu begreifen. Sie entwickeln Muster von Misstrauen, Impulsivität und Aggression, die sich später in Konflikten und manchmal in Gewalt entladen.
Das ist keine deterministische Aussage, sondern eine empirisch gestützte Einsicht: Frühe Förderung, verlässliche Bindungen und sichere Umgebungen wirken präventiv. Wenn wir also über Gewalt sprechen, müssen wir die Frage stellen, wie viel wir als Gesellschaft bereit sind, in die ersten Lebensjahre eines Menschen zu investieren. Sparen an Kitas, an Familienhilfe, an niedrigschwelligen Beratungsangeboten ist kurzsichtig; es ist eine Politik, die die Rechnung an späteren, teureren und tragischeren Stellen präsentiert.
Eng damit verwoben ist die Rolle von Medien und Kultur. Gewalt ist allgegenwärtig in Filmen, Serien, Spielen und im Netz und im Darknet. Die Wirkung dieser Bilder ist nicht eindimensional: Kontext, persönliche Vulnerabilität und soziale Rahmenbedingungen modulieren, wie Menschen darauf reagieren. Doch es wäre naiv, die Wirkung zu leugnen. Kinder und Jugendliche, die früh und ohne pädagogische Begleitung mit Gewaltbildern konfrontiert werden, laufen Gefahr, eine Desensibilisierung zu entwickeln oder Konfliktlösungen in aggressiven Mustern zu sehen.
Wenn diese mediale Exposition auf ein Umfeld trifft, das wenig emotionale Unterstützung bietet, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt als legitimes Mittel internalisiert wird. Deshalb ist Medienkompetenz kein Luxus, sondern ein Schutzfaktor; deshalb sind klare Altersfreigaben, pädagogische Begleitung und ein öffentlicher Diskurs über die Wirkung von Gewaltbildern Teil einer verantwortlichen Präventionspolitik.
Drogen und Alkohol sind ein weiterer, oft sichtbarer Faktor. Intoxikation senkt Hemmungen, verschlechtert die Impulskontrolle und kann latente Aggressionsneigungen in akute Gewalt verwandeln. Doch die Gleichung „Sucht = moralisches Versagen“ ist falsch und schädlich. Substanzmissbrauch ist häufig Ausdruck von Leid, Traumata und sozialer Ausgrenzung.
Effektive Suchtpolitik muss deshalb mehr sein als Strafverfolgung: Sie braucht niedrigschwellige Angebote, Zugang zu Behandlung, Nachsorge und eine Entstigmatisierung, die Menschen in die Lage versetzt, Hilfe anzunehmen, bevor aus Problemen Gewalt wird. Wenn wir Menschen kriminalisieren, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen, schaffen wir Räume, in denen Eskalation wahrscheinlicher wird.
Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Perspektivlosigkeit sind stille Treiber von Frustration. Wer das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden, keine Zukunft zu haben, wer tagtäglich die Erfahrung macht, dass die eigene Arbeit nichts zählt, der verliert nicht nur ökonomische Sicherheit; er verliert Würde und Hoffnung. Diese innere Leere kann sich in Aggressionen entladen.
Sozialpolitik muss deshalb auch Gewaltprävention sein: Bildung, Arbeitsmarktintegration, bezahlbarer Wohnraum und Teilhabe sind nicht nur ökonomische Ziele, sie sind Sicherheitsfragen. Eine Gesellschaft, die Chancen schafft, reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in destruktive Muster abrutschen.
Der konkrete Ort der Tat — ein Zug, ein Waggon, eine Ticketkontrolle — macht die Verletzlichkeit derjenigen sichtbar, die unseren Alltag am Laufen halten. Beschäftigte im öffentlichen Verkehr, im Einzelhandel, in Pflege und Dienstleistung sind täglich Situationen ausgesetzt, in denen Konflikte eskalieren können. Der Schutz dieser Menschen ist eine unmittelbare Aufgabe: Personalstärke, technische Hilfsmittel, klare Notfallketten, Deeskalationsschulungen und rechtliche Absicherungen sind kurzfristig umsetzbar und lebenswichtig.
Doch Schutz allein reicht nicht; er muss flankiert werden von einer Politik, die die Ursachen von Gewalt angeht. Es ist zynisch, Beschäftigte zu fordern, „ruhig zu bleiben“ oder „professionell zu handeln“, wenn die Institutionen, in denen sie arbeiten, sie allein lassen.
Die mediale Reaktion, die in Teilen reflexhaft nach politischen Schuldigen sucht, ist Teil des Problems. Wenn Zeitungen und Kommentatoren (siehe "Schwäbische Zeitung") schnell eine politische Szene anklagen, dann bedienen sie eine Logik der Polarisierung, die die Gesellschaft weiter entzweit. Solche Narrative sind bequem: Sie liefern klare Feindbilder, sie mobilisieren die eigene Leserschaft, sie schaffen Aufmerksamkeit. Sie manipulieren die Leserschaft in eine gewisse politische Richtung.
Aber sie sind analytisch arm und politisch kontraproduktiv. Gewalt ist kein Produkt einer einzelnen politischen Richtung; sie ist ein soziales Symptom. Wer jetzt nach Schuldigen in Parteien oder Subkulturen sucht, riskiert, die eigentlichen Baustellen zu übersehen: die Versäumnisse in Bildung, Gesundheit, Sozialpolitik und Arbeitsmarktintegration.
Das heißt nicht, dass politische Verantwortung nicht gefragt ist. Im Gegenteil: Politik muss liefern — nicht nur mit Worten, sondern mit Ressourcen und Strukturen. Es braucht Investitionen in frühkindliche Förderung, in die psychische Gesundheitsversorgung, in Suchtprävention und -behandlung, in Arbeitsmarktprogramme und in den Schutz von Beschäftigten. Es braucht eine Kultur der Prävention, die nicht nur reagiert, sondern vorausschauend handelt. Und es braucht eine Medienlandschaft, die differenziert berichtet, die Ursachen benennt und nicht reflexhaft instrumentalisierend agiert.
Gleichzeitig ist die Zivilgesellschaft gefordert. Nachbarschaften, Schulen, Vereine, Arbeitgeber — sie alle können Räume schaffen, in denen Menschen Halt finden. Mentorenprogramme, niedrigschwellige Beratungsangebote, Freizeitangebote für Jugendliche, Patenschaften für Familien in Not — all das sind kleine Interventionen, die in der Summe viel bewirken. Prävention ist kein Job für den Staat allein; sie ist eine kollektive Aufgabe. Aber der Staat muss die Rahmenbedingungen setzen und die Ressourcen bereitstellen, damit diese zivilgesellschaftlichen Initiativen nicht an fehlender Finanzierung scheitern.
Es gibt auch eine moralpsychologische Dimension, die wir nicht übersehen dürfen. Menschen suchen nach Erklärungen, nach Verantwortlichen, nach einem Sinn, der das Unfassbare ordnet. Das Bedürfnis nach klaren Narrativen ist menschlich. Doch wir müssen uns der Versuchung widersetzen, einfache Antworten zu akzeptieren, die nur dazu dienen, die eigene Position zu bestätigen. Empörung ist gerechtfertigt; sie darf aber nicht zur Instrumentalisierung werden. Wer jetzt politische Lager anklagt, ohne die tieferen Ursachen zu benennen, betreibt Stimmungsmache und versteckten Wahlkampf statt Prävention.
Der Tod des Zugbegleiters ist eine Mahnung. Er fordert uns heraus, nicht in Empörung zu verharren, sondern in Verantwortung zu treten. Er verlangt, dass wir die Komplexität anerkennen und uns der Arbeit stellen, die nötig ist, um die Bedingungen zu verändern, unter denen Menschen in Gewalt abrutschen. Das heißt: die frühen Jahre schützen, Medienkompetenz fördern, Sucht‑ und Traumaversorgung ausbauen, ökonomische Perspektiven schaffen und Beschäftigte besser schützen. Es heißt auch, dass wir uns der Versuchung widersetzen, einfache Erklärungen zu akzeptieren, die nur dazu dienen, die eigene Position zu bestätigen.
Am Ende geht es um eine Frage der Solidarität: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die reflexhaft nach Schuldigen sucht, oder in einer, die die Ursachen von Leid und Gewalt ernst nimmt und systematisch angeht? Die Antwort darauf bestimmt, ob der Tod eines Menschen nur ein weiterer tragischer Einzelfall bleibt — oder ein Wendepunkt, an dem wir beginnen, anders zu handeln.
Die Menschen, die täglich in Zügen, Bussen, Läden und Kliniken arbeiten, verdienen mehr als Empörung; sie verdienen Schutz, Respekt und eine Politik, die die Grundlagen für ein sicheres Zusammenleben legt. Wenn wir das ernst nehmen, dann ist die Aufgabe klar: nicht nur zu klagen, sondern zu investieren, zu reformieren und zu bauen — an einer Gesellschaft, die weniger verletzlich ist, weil sie die Schwächsten schützt und die Ursachen von Gewalt an der Wurzel packt.