Und dann ist da die bittere Pointe. Zu Weihnachten - wie oben schon angerissen -, wenn die Stadt ihre "Krippe" (Weihnachtsrummel) aufgestellt hat und die Engellichter leuchten, fehlt manchen Menschen ein warmes Zimmer. Hier trifft Symbolik auf bittere Wirklichkeit. Nach dem Motto: Wir Ravensburger bauen uns ein Denkmal, das man/frau fotografieren kann. Die moralische Bilanz ist verheerend. Ein glänzender "Turm zu Babel Ravensburg" einerseits, ein nicht existentes, aber notwendiges Bett andererseits.
Während Beton und Glas und Holzhütten in festlichem Glanz erstrahlen, frösteln Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Der Vergleich mit der Krippe für das Jesuskind von vor 2.030 Jahren ist nicht nur theatralisch, er ist auch schmerzhaft treffend. Selbst die biblische Erzählung kennt eine Notlösung mit Tieren, die Wärme für die Menschenspenden — in Ravensburg scheint die humane Wärmepolitik dagegen auf „Architektur statt Menschlichkeit“ programmiert zu sein. Es ist ein moralischer Kontostand, der nicht mit Zahlen, sondern mit einer gewissen Haltung zu erklären ist.
Und als wäre das alles nicht schon genug Theater, steht die Oberbürgermeisterwahl vor der Tür. Der amtierende OB will wiedergewählt werden. Offiziell hat er bisher keine/n Gegenkandidat/in. Doch wie in jedem guten Drama taucht da plötzlich eine Figur auf, die alles durcheinanderbringt. Zum Beispiel eine schöne Dame - charmant, eloquent, mit einem Lächeln, das selbst die nüchternsten Haushaltsplaner kurz vergessen lässt, wo sie die Sparlampe zuletzt gesehen haben. Betörend lässt sie ihr Handtuch in den Ring fallen. Die Legende will, dass der OB davon so geblendet ist, dass er SIE am Ende nicht überstimmen kann und will — nein, er wählt sie sogar. Nicht metaphorisch, sondern in jener Variante, in der Eitelkeit zur Wahlurne geht und sich selbst überstimmt.
Diese Episode ist mehr als eine Anekdote; sie ist ein Lehrstück in politischer Ablenkung. Und das, egal ob es diese Gegenkandidatin oder doch einen Gegenkandidaten geben wird. Wenn das Rampenlicht auf bereits anwesende und/oder neue, glänzende Figuren fällt, verschwinden die unangenehmen Fragen über Prioritäten und soziale Verantwortung wie Schnee in der Sonne. Plötzlich sprechen und schreiben alle nur noch über Äußerlichkeiten, sekundäre Schauplätze, hochgekrempelte Hemdsärmel, eine (!) glorreiche Tat von "Anno dunnemals", persönliche Hobbys und oder Vorlieben, Reden und Fototermine, während die Haushaltsdebatten in den Hinterzimmern weiterlaufen — und die warmen Betten ausbleiben.
Es passt zusammen wie ein schlecht gebautes Mosaik: Einzelne, glänzende Steine (Prestigeprojekte) werden sorgfältig poliert und ins Licht gerückt; die dunklen Zwischenräume (soziale Notlagen) bleiben unbeachtet. Die Logik ist simpel und zynisch zugleich: Investiere in Sichtbares, das sich feiern lässt; spare bei Unsichtbarem, dem niemand applaudiert. So entsteht ein Stadtbild, das von außen beeindruckt — innen aber Risse zeigt.
In Summa:Ravensburg braucht keine neuen Märchen, sondern eine andere Prioritätensetzung = Priorisierung. Wenn die Stadtverwaltung wirklich sparen will, könnte sie damit anfangen, die Reihenfolge zu ändern: Menschen vor Monumenten. Bis dahin bleibt uns nur, die Wunder zu beobachten, die sich wie von selbst materialisieren - und die Frage zu stellen, ob das nächste Wunder vielleicht ein warmes Bett für jemanden ist, der es dringend braucht.
Ein Wunder wäre es übrigens auch, wenn der amtierende Oberbürgermeister - würde er alle eventuellen Konkurrent/innen überstrahlen - bei seiner Wiederwahl der Stadtverwaltung das menschliche Gesicht zurückgeben würde.
Auch das wäre wünschenswert, denn im Grunde genommen - davon bin ich überzeugt - hat Dr. Daniel Rapp ein gutes Herz: Es müsste als solches nur lauter, öfter, überzeugter und intensiver schlagen dürfen!
Quelle: Ravensburger Bibel, Ausgabe 2010/26
