đź”´Aktualisiert: "Ich bin im Gemeinderat - holt mich hier 'raus!" - Im Ravensburger Dschungel ...
Aktualisiert um 15:15 Uhr heute
Fünf Protagonist/innen, ein überfüllter Ratssaal (über 40 Stadträte, drei Bürgermeister, zuschauende und zuhörende Bürger und Bürgerinnen), unzählige Kameras: Willkommen in der Ravensburger Lokalpolitik, wo mehr inszeniert als geregelt wird. Welcome in the "Schussental-Jungle"!
Zwischen Kornhausaffäre, Brücke für Einzelradler und Bauprojekten, die in der Regel immer mehr kosten als zuvor versprochen, gleicht die Stadtratsarbeit einem Reality‑Format — nur ohne Drehbuch, aber mit umso mehr Eitelkeiten. Hier nun folgt die Chronik eines kleinen Dschungels, in dem Prüfungen, Allianzen und Ekel‑Momente längst Alltag sind.
Die Protagonisten
Dr. Daniel Rapp — Oberbürgermeister
Der Mann, der gern auf Zeitungsfotos lächelt und allein durch seine Reden und Statements das Klima der Turmstadt rettet, während die Rechnungen für die Kornhaussanierung in astronomische Höhen klettern. Die offizielle Version lautet: „Die allgemeinen Baukosten sind um 9,1 Prozent gesunken.“ Die "Kurven" des Statistischen Bundesamtes zeigen da was ganz anderes. Die inoffizielle Version des OB lautet: „Wir haben unerwartete kreativ-giftige Nachträge.“
Dr. Daniel Rapp ist auch der Kandidat für die Ekelprüfung: Er nimmt jede PR‑Challenge an, posiert mit Solarpanelen, verteilt warme Worte an Bedürftige — und lässt die Umsetzung von Maßnahmen gern von anderen erledigen. In der Arena des Ravensburger Dschungels ist er derjenige, der bei jeder Prüfung zuerst nach der Kamera fragt.
Dr. Andreas Honikel‑Günther — Erster Bürgermeister
Der Mann mit dem ernsten Pflichtgesicht, der bei Einweihungen die Kerze hält und bei echten Problemen gern aus dem Bild tritt. Nicht nur der "Hirschgraben" (Straße) blieb für den Allgemeinverkehr zu; an Weihnachten 2025 fror auch ein Obdachloser, der keine Unterkunft fand.
Dr. Andreas Honikel-Günther ist der Kandidat für die Prüfung „Soziale Verantwortung“ — und er fiel durch. Er spricht von Lösungen, während die Praxis ausbleibt. Im Ravensburger Dschungelcamp ist er der, der bei der Lagerfeuer‑Debatte lange nickt und dann eine wohlformulierte, aber inhaltsleere Erklärung abgibt.
Dirk Bastin (ohne Dr.) — Baubürgermeister
Wenn ein Projekt einen Bauhelm braucht, ist Dirk Bastin nicht weit. Gymnasien, Rotes Rathaus, Bauhütte, neue Musikschule, alte Post — eine Parade von Projekten, die alle eines gemeinsam haben: sie wurden teuer, kompliziert und kamen oft ohne solide Vorbereitung daher. Dirk Bastin verteidigt jeden Plan mit der Leidenschaft eines Sammlers, der seine Modelle nie pünktlich fertigstellt. Seine Lieblingsphrase: „Das haben wir vorher nicht wissen können.“ Im Schussen-Dschungel ist er der Kandidat, der bei jeder Prüfung eine neue Taktik erfindet, nur um am Ende mehr Dschungel‑Budget zu verbrauchen.
Maria Weithmann — Gemeinderätin (Grüne)
Fahrradkorb, Wochenmarkt, Öko‑Selfie: Maria fährt gern mit dem Rad und hat das Image, das dazu passt. Das Gerücht, die Brücke über die "Wangener Straße" sei primär für ihren schnelleren Weg zu Sitzungen und dem samstäglichen Wochenmarkt gebaut worden, heftet wie ein Aufkleber am Rahmen ihres Rades.
Sie ist die Kandidatin für die Prüfung „Symbolpolitik“: viel Haltung, wenig greifbare Wirkung. Im Ravensburger Dschungel ist sie die, welche bei Ekelprüfungen tapfer lächelt, aber heimlich darauf achtet, dass das grüne Make‑up sitzt.
Rolf Engler — Stadtrat (CDU)
Wenn Rolf Engler einen "Pups" macht, steht es am nächsten Morgen in der Zeitung. Er liebt die Öffentlichkeit so sehr, dass er ihr immer wieder kleine Häppchen oder große Aufreger liefert — Statements, Fotos, Inszenierungen.
Rolf Engler ist der Kandidat für die Prüfung „Kameraaffinität“: Jede Aktion wird zur Schlagzeile, jede Kleinigkeit zur Story. Im Schussen-Dschungel ist er der, der freiwillig in die Kamera winkt, während andere noch überlegen, ob sie überhaupt teilnehmen.
Live-Szenen aus dem Ravensburger Ratssaal
Die Eröffnung
Der Ratssaal füllt sich, die Mikrofone summen und sind leicht übersteuert, die Kameras der Lokalredaktion sind unsichtbar, aber präsent. Daniel Rapp eröffnet mit einem Klima‑Statement, Andreas Honikel-Günther nickt brav, Dirk Bastin blättert in Plänen, Maria Weithmann schiebt ihr Fahrradhelm‑Visier zurecht, Rolf Engler winkt den Fotografen zu. Die Tagesordnung heute: Haushalt, Sanierungen, soziale Fragen.
Die Kornhausdebatte
Ein Bürger fragt - eigentlich unerlaubt - nach Transparenz. Daniel Rapp antwortet dennoch und ungewohnt mit Zahlen, die sich wie Seifenblasen auflösen, sobald man sie berührt. Dirk Bastin - auf einen Ordnungsruf dem frechen Bürger gegenüber verzichtend - erklärt, warum die Sanierung „unvermeidbare Anpassungen“ brauchte. Andreas Honikel-Günther verspricht eine Untersuchung, die in sechs Monaten Ergebnisse liefern wird. Rolf Engler plaudert dazu einen O‑Ton für die Zeitung: „Wir arbeiten intensiv an Lösungen.“ Maria Weithmann fordert nachhaltige Materialien — und wird von Dirk Bastin mit dem Hinweis auf „dringende Fristen“ abgebügelt. Ergebnis: Ein Beschluss, der mehr Fragen als Antworten liefert.
Die Brückenaffäre
Ein Foto der Wangener Brücke geht viral. Bürger murmeln laut fragend, ob die Brücke wirklich nötig war. Maria Weithmann lächelt und erklärt die Bedeutung der Brücke für den Radverkehr, und die Gerüchteküche brodelt zunehmend. Bastin verteidigt die Kosten als „Investition in Mobilität“. Engler nutzt die Gelegenheit für ein Statement: „Mobilität ist Lebensqualität.“ Der Erste Bürgermeister kündigt eine Prüfung an. Die Prüfung übrigens endet Wochen später - wie so oft - mit einem Pressefoto und keiner klaren Antwort.
Die soziale PrĂĽfung
Ein Antrag auf eine bessere Unterbringung von Obdachlosen wird diskutiert. Andreas Honikel-Günther spricht von „begrenzten Kapazitäten“, Daniel Rapp von „langfristigen Konzepten“, Dirk Bastin von „Baumaßnahmen“, Maria Weithmann von „sozialer Gerechtigkeit“, Rolf Engler von „Sofortmaßnahmen“. Der Rest schweigt. Am Ende bleibt ein Protokoll mit schönen Worten und einem Obdachlosen, der an Weihnachten fror. Die Kamera hat das Bild, die Politik hat die Worte.
PrĂĽfungen und Ekel
Im TV‑Dschungelcamp sind Prüfungen vorgesehen, um die Kandidaten zu quälen, das Millionenpublikum (auch in Ravensburg) zu unterhalten und zu zeigen, wer Nerven hat. Im Ravensburger Dschungel heißen die Prüfungen Haushaltsdebatten, Bürgeranfragen, Umgang mit den massenhaften Petitionen eines Bloggers und Bildung von Ausschüssen. Die Ekelprüfung ist hier die Konfrontation mit der Realität: Zahlen, Fakten, Menschen, die auf Hilfe warten. Manche bestehen, die meisten improvisieren.
Allianzen und Intrigen
Im TV-Dschngel-Camp bilden sich Allianzen, es wird geflüstert, es wird taktisch gevotet (abgestimmt). Im Ravensburger Gemeinderat bilden sich Koalitionen, es wird hinter verschlossenen Türen verhandelt, es wird taktisch abgestimmt. Rolf Engler sucht weiterhin die Kamera, Daniel Rapp sucht seine Rettung mittels der wohlwollenden Zeitung, Dirk Bastin sucht die Mehrheit, Maria Weithmann sucht die Prinzipien, Andreas Honikel-Günther sucht den Kompromiss. Alle suchen Aufmerksamkeit — und die Motive unterscheiden sich selten.
Kameras und Ă–ffentlichkeit
Das TV-Dschungelcamp lebt von der Kamera, die jede Regung einfängt. Die Lokalpolitik lebt von der Lokalzeitung, die jeden Pups dokumentiert. Jedenfalls jene, die aus dem Rathaus und dem Gemeinderat kommen. Rolf Engler ist der Kandidat, der Mikrofon und Kamera liebt; Daniel Rapp hat die Zeitung auf seiner Seite; Maria Weithmann hat die Social‑Media‑Community; Dirk Bastin hat die Baupläne; Andreas H.-G. hat die offiziellen Statements. Die Kamera entscheidet, was bleibt.
Ekelprüfungen als PR‑Chance
Im TV-Camp werden Ekelprüfungen oft als Chance genutzt: Wer tapfer ist, gewinnt Sympathien. In Ravensburg gilt: Wer medienwirksam handelt, gewinnt Stimmen. Daniel posiert, Maria lächelt, Rolf liefert O‑Töne, Dirk erklärt, Andreas verspricht. Die Sympathien sind flüchtig, die Schlagzeilen bleiben.
- Es folgt die Dschungelprüfung „Haushalt“: Dirk Bastin als Baubürgermeister muss vor laufender Kamera live erklären, warum die Baukosten regelmäßig und systemathisch und nachträglich steigen. Als Belohnung gibt es für ihn ein Modell des Roten Rathauses, das in Einzelteilen geliefert wird und von ihm noch zusammengeklebt werden muss.
- Nach der Gemeinderatssitzung treffen sich die Protagonisten vor dem Rathaus am abendlichen Lagerfeuer; es gibt warme Worte, Selfies und die obligatorische „Wir arbeiten zusammen“-Pose. Die Bürger sind zu dieser Runde unerwünscht.
- Die Ekelprüfung „Transparenz“: Ein Bürgerblogger veröffentlicht Rechnungen; die Reaktionen reichen von empörten Tweets bis zum beharrlichen Schweigen der Lokalzeitung. Rolf Engler aber hat bereits ein Statement vorbereitet, das später wohlwollende Veröffentlichung in der Zeitung findet.
In Summa:
Der Ravensburger Dschungel ist kein Fernsehformat, aber er hat alles, was ein gutes Reality‑Programm braucht: Prüfungen, Eitelkeiten, Allianzen und die ständige Suche nach Aufmerksamkeit. Doch in diesem Fall ist es nicht Aufgabe der Bürger und Bürgerinnen, sich zu amüsieren, sondern genau hinzusehen: Wer liefert Lösungen, wer liefert Schlagzeilen, wer liefert nur Posen?
Wenn die Politik zur Show wird, bleiben die Stadt mit ihrer Bevölkerung und das Klima auf der Strecke. Ein Appell an die Zuschauer: Schaltet nicht nur die Kamera ein, sondern auch euer Hirn — schaut hin, fragt nach, besteht auf Antworten. Denn am Ende sind es nicht die Prüfungen, die zählen, sondern die Menschen wie du und ich, die in ihnen bestehen müssen.
Der TV-Dschungel mag unterhaltsam, zerstreuend und für das Gros der Bevölkerung ablenkend sein und den demokratischen Gedanken für lange Zeit ausblenden und sukzessive auch abtöten — die Stadt Ravensburg jedoch darf keine Show sein und bleiben.