Kandidatenvorstellung zur OB-Wahl: Wenn die Realität im Konzert einer Zeitungsredaktion zum gefügigen Bericht umkomponiert wird ...
Es gibt Abende, die man/frau persönlich und auch kollektiv nicht vergisst bzw. nicht vergessen sollte. Der Abend mit der Kandidatenvorstellung zur Wahl eines neuen oder alten/neuen Oberbürgermeisters im Ravensburger Konzerthaus am vergangenen Freitag war ein solcher Moment. Gestern am frühen Morgen habe ich darüber geschrieben. Der Blogartikel ist hier noch einmal nachzulesen. Nur sieben Stunden später schrieb (online) die hiesige Zeitung ihren Bericht zu dieser Veranstaltung, der bis zum Sonntagmorgen nicht aktualisiert wurde.
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Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Der Abend war deshalb so bemerkenswert, weil sich im Saal etwas regte, das man/frau an der "Schussen" lange nicht mehr gespürt hat: ein Riss im Beton der Gewohnheit, ein Aufleuchten von Alternativen, ein Moment echter demokratischer Spannung.
Doch wer am Mittag des Folgetages den Bericht der „Schwäbische Zeitung“ über diesen Abend las, dem wurde gegenteilig eine Stadt vor Augen geführt, die sich selbst beruhigt. Eine Stadt, die ihre jungen Herausforderer zurechtgestutzt hat. Eine Stadt, die den Amtsinhaber auffallend hervorhebt und die erreichten Glanzpunkte des OB Dr. Daniel Rapp aus seiner eigenen Rede "ellenlang" nachbetet und gleich einer "Baustein-Kopie" in ihren Artikel setzt. Der Redakteur der Zeitung zeichnet eine Stadt, die sich selbst erzählt und dass alles so bleiben kann, wie es ist. Und das offensichtlich ganz im Duktus seines Chefs, der auch anwesend war.
Dass zwei Menschen dieselbe Veranstaltung besuchen und zwei verschiedene Texte darüber schreiben, ist normal. Dass aber ein unabhängiger Beobachter – der Blogger aus Ravensburg – und ein Redakteur der regionalen Monopolzeitung denselben Abend erleben und anschließend Texte veröffentlichen, die sich in ihrer Message und Wirkung wie Nord- und Südpol verhalten, ist auch bemerkenswert.
1. Der Abend im Konzerthaus – und die zwei Versionen seiner WirklichkeitDer Blogger aus Ravensburg beschreibt den Abend so, wie er ihn als Anwesender erlebt hat und wie er auch nach dem Empfinden anderer war: mit Atmosphäre, mit Brüchen, mit Ungleichheiten, mit Momenten, die man nicht erfinden kann. Er beschreibt den Amtsinhaber, der routiniert glänzt, aber wenig Neues sagt. Er beschreibt Umut Bulut, der den Saal emotional packt wie kein anderer. Er beschreibt Samuel Bosch, der überraschend strukturiert, überraschend politisch, überraschend erwachsen spricht. Er beschreibt die Moderatoren, deren Mimik während der Reden der Herausforderer Bände spricht. Er beschreibt den nicht sanktionierten Zwischenruf und den mehrfachen unerlaubten Zwischenbeifall, was die Ungleichbehandlung offenlegt. Er beschreibt die Stimmung, die kippt – nicht gegen jemanden, sondern für etwas: für Aufbruch, für Mut, für Menschlichkeit.
Der SZ‑Artikel hingegen – verfasst von einem Redakteur, der scheinbar den Duktus seines Chefs so verinnerlicht hat wie ein Schauspieler seine Rolle – liefert eine andere Dramaturgie. Schon der Titel ist ein Schlag ins Gesicht:
„Baumbesetzer, Döner‑Verkäufer und Amtsinhaber“
Das ist kein Journalismus. Das ist Etikettierung. Das ist Herabsetzung. Das ist Machttechnik. Worte haben Macht. Die Erwähnung der karnevalistischen "Milka" setzt einen negativen Punkt in Richtung der beiden jungen Mitkandidaten und spielt den Narzissmus von Herrn Dr. Rapp herunter.
Der eine junge Kandidat wird wieder gebetsmühlenartig auf seine Aktivistenvergangenheit reduziert. Der andere auf den Döner-Verkäufer. Nur der Amtsinhaber bekommt seine Funktion als Identität. Der Zwischenruf und der Zwischenbeifall bei der OB-Rede und der Bürgereinwand von der Empore werden nicht nur verschwiegen, sondern es wird suggeriert, dass die am Anfang vom Ersten Bürgermeister gesetzte Autorität der Moderationsleitung respektiert wurde. Wurde sie aber nicht.
Die Zeitung geht darüber hinweg und behauptet implizit das Gegenteil. Sie schreibt online: "... so Boschs Selbstbeschreibung, die im Publikum - neben Klatschen waren auch Zwischenbemerkungen verboten - für manchen Schmunzler sorgte." In der offensichtlich revidierten Printfassung einen Tag später heißt es dazu nur: "An der Stelle vermisste Rapp sichtlich den Applaus im Saal - der wurde aber zu Beginn von Bürgermeister Andreas Honikel-Günther verboten, damit die Kandidaten ihre volle Redezeit von 20 Minuten ausschöpfen können."
Es ist die alte Dreiteilung: der Exot, der Kleine, der Chef.
Und diese Rollenverteilung zieht sich durch den gesamten Text.
2. Der Ton der SZ – und die Absicht dahinterDer SZ‑Artikel arbeitet nicht mit Analyse, sondern mit subtiler Abwertung. Nicht mit Beobachtung, sondern mit Einordnung. Nicht mit journalistischer Distanz, sondern mit dramaturgischer Lenkung.
Über Samuel Bosch heißt es:
„Mit teils gesetzeswidrigen Aktionen […] Aufmerksamkeit für den Klimaschutz und seine Person“
Das ist kein neutraler Satz. Das ist ein Stempel.
Über Umut Bulut, der in Ravensburg wohnt:
„Er blieb programmatisch dünn“
Das ist kein Befund. Das ist ein Urteil.
Oder: "Er (Bulut) zeichnete ein düsteres Bild von der Stadtgesellschaft."
Das suggeriert und impliziert das Schlechtreden einer gerade von der Zeitung gut dargestellten Stadt; es suggeriert "Nestbeschmutzung".
Über Daniel Rapp:
„Die Erfolge der vergangenen Jahre lassen sich nicht von der Hand weisen“
Das ist kein Journalismus. Das ist Wahlkampfhilfe.
Und dann der Schlusssatz, der alles entlarvt:
„Zumindest hätte man den beiden (Bulut und Bosch) im Gegensatz zu einer eher aussichtslosen OB-Kandidatur hier nicht den Vorwurf der Effekthascherei machen können.“
Dieser Satz ist kein Kommentar. Er ist eine Waffe.
Er sagt: "Diese beiden jungen Männer sind nicht ernsthaft. Sie wollen nur Aufmerksamkeit."
Es ist der gleiche Vorwurf, den man/frau seit Jahren gegen Klimaaktivisten erhebt, gegen junge Menschen, gegen Dönerverkäufer und subtil gegen Migrantenkinder (?), gegen alle, die nicht in die vertraute Ordnung passen.
3. Was die SZ verschweigt – und warum das entscheidend istDer Blogger aus Ravensburg versucht zu beschreiben, was im Saal tatsächlich geschah. Die SZ verschweigt genau jene Momente, die ihr gezeichnetes Bild des Abends verändern würden.
Verschwiegen wird:(wie schon oben erwähnt) dass der Moderator den Zwischenruf und Applaus für Rapp zuließ, obwohl er ihn zuvor verboten hatte
dass ein Zuhörer dies öffentlich kritisierte und die Moderation ins Straucheln brachte
dass die Stimmung im Saal bei Bulut und Bosch emotionaler, intensiver, ehrlicher war als beim Amtsinhaber
dass die Moderatoren während der Reden der Herausforderer versteinert wirkten
dass die Beifallsverteilung ein politisches Signal war – und zwar ein deutliches in Richtung der beiden jungen Herausforderer
All das fehlt im SZ‑Artikel. Und das ist kein Zufall. Es ist eine Entscheidung.
Denn wer diese Momente erwähnt, muss zugeben, dass der Abend keine Bestätigung der Amtsführung war. Sondern ein Weckruf in die entgegengesetzte Richtung.
4. Die Mechanik der lokalen Presse – und ihre WirkungRavensburg ist keine Großstadt. Hier prägt eine Zeitung das politische Klima wie ein Thermostat die Raumtemperatur.
Die „Schwäbische Zeitung“ ist nicht irgendein Medium. Sie ist die regionale Informationsquelle. Sie ist Agenda‑Setter. Sie ist Meinungsfilter. Sie ist Machtfaktor.
Wenn die SZ jemanden lächerlich macht, wird er lächerlich. Wenn sie jemanden mobbt, ist er gesellschaftlich ausgegrenzt. Wenn sie jemanden ignoriert, verschwindet er. Wenn sie jemanden schützt, bleibt der Geschützte unangreifbar.
Der SZ‑Artikel folgt einem Muster, das man seit Jahren beobachten kann:
Der Amtsinhaber wird als Garant der Stabilität inszeniert.
Herausforderer werden als unerfahren, naiv oder exotisch markiert.
Kritik wird relativiert.
Stimmungen, die nicht ins Bild passen, werden ausgeblendet.
Narrative, die Macht sichern, werden verstärkt.
Das ist nicht nur schlechter Journalismus. Es ist demokratisch-politisch gefährlich.
5. Die demokratische Dimension: Wenn Berichterstattung zur Wahlkampfhilfe wirdEine Zeitung darf kritisieren. Sie darf auch hart urteilen. Aber sie darf nicht:
Kandidaten ungleich behandeln
Framing betreiben, das Menschen herabwürdigt
Tatsächliche Ereignisse verzerren
Stimmungen verschweigen, die politisch relevant sind
Narrative bedienen, die Macht stabilisieren statt Macht zu kontrollieren
Denn die Aufgabe der Presse ist nicht, die bestehende Ordnung zu schützen. Ihre Aufgabe ist, sie als "vierte Kraft im Staate" zu hinterfragen.
Wenn eine Zeitung aber zum Teil der politischen Inszenierung wird, verliert sie ihre demokratische Funktion.
Und genau das ist hier geschehen.
6. Warum öffentliche Gegenstimmen wichtig sindDer Blogger aus Ravensburg zum Beispiel schreibt nicht neutral im Sinne einer künstlichen Distanz. Er schreibt beobachtend, wertend, atmosphärisch – und er versucht ehrlich zu bleiben. Er beschreibt, was er sieht und was er hört oder was er liest. Er benennt oft, was andere verschweigen. Er will die Brüche aufzeigen, die Spannungen, die Ungleichheiten. Von diesen Stimmen müsste es in einer Demokratie eigentlich mehr geben - auch in Ravensburg.
Und der Blogger nimmt die jungen Kandidaten ernst.
Er reduziert sie nicht auf Klischees. Er macht sie nicht klein. Er spricht ihnen nicht die Legitimität ab. Seinen Beitrag will er nicht als Gegenartikel, sondern als Gegenentwurf verstanden wissen.
Der Blogger will einen Gegenentwurf zu einer Presse, die sich angewöhnt hat, Politik zu verwalten statt zu erklären. Ein Gegenentwurf zu einer Stadt, die im Begriff steht, sich selbst einzulullen. Ein Gegenentwurf zu einer Öffentlichkeit, die leider zu oft nur die halbe Wahrheit erfährt.
7. Die Frage, die bleibt: Wem gehört die Wahrheit?Am Ende geht es nicht um zwei Texte. Es geht um die Frage, wer in dieser Stadt bestimmt, was als Realität gilt.
Die Bürgerinnen und Bürger, die im Saal waren?
Die Kandidaten, die gesprochen haben?
Die unabhängigen Stimmen, die beobachten und schreiben?
Oder eine Redaktion, die ihre eigene Dramaturgie über die Wirklichkeit legt?
Die Deutungshoheit ist nicht gottgegeben. Sie kann herausgefordert werden. Sie kann geteilt werden. Sie kann demokratisiert werden.
Und genau das ist notwendig.
Denn eine Stadt, die nur eine Stimme hört, wird taub. Eine Demokratie, die nur eine Perspektive kennt, wird blind. Eine Öffentlichkeit, die nur eine Wahrheit akzeptiert, wird manipulierbar.
8. Schluss: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte – sie liegt im MutEs gibt Momente, in denen man/frau sich entscheiden muss: Will man/frau die bequeme Version der Realität hinnehmen und ohne zu kauen schlucken – oder ist man/frau bereit, sie zu prüfen, zu hinterfragen, auch öffentlich, und sich damit angreifbar zu machen. Ohne Frage: Dazu gehört ne Menge Mut. Doch ... "Ein einziger Grundsatz wird dir Mut geben, nämlich der, dass kein Übel ewig währt." (Epikur) - "Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?" (van Gogh)
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