(2) Queer-Pride in Ravensburg/Weingarten: Vielfalt gefeiert, Würde verletzt ... und die Zeitung schweigt ...
9. Juni, 2026 um 10:09 Uhr,
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Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Auf der Straße wehten Regenbogenfahnen, im Netz wehte ein anderer Wind. Während 600 Menschen Vielfalt feierten, entgleiste die Kommentarspalte der SZ ins Hässliche. Und die Redaktion? Schweigt. Eine Kolumne über Mut, Tonfall – und die Frage, wer in dieser Stadt eigentlich Haltung zeigt.
Es gibt Tage, an denen zwei Städte zeigen, wer sie sein könnten – und Tage, an denen Facebook zeigt, wer sie manchmal tatsächlich sind. Die Queer-Pride in Ravensburg und Weingarten war bunt, friedlich, freundlich. Rund 600 Menschen liefen durch die beiden Städte, um nichts weiter zu tun als sichtbar zu sein. Sichtbar als Menschen, die leben wollen, wie sie sind. Sichtbar als Bürgerinnen und Bürger, die niemandem etwas wegnehmen, sondern nur das zur Geltung bringen, was ihnen ohnehin per Grundgesetz zusteht: Respekt, Sicherheit, Gleichbehandlung.
Doch kaum war der Artikel der Schwäbischen Zeitung über diese Veranstaltung online, begann unter dem Beitrag das, was man höflich „Kommentarspalte“ nennt – und unhöflich „digitale Gosse“.
Natürlich: Es gab auch sachliche, faire, nachdenkliche Stimmen. Menschen, die argumentierten, erklärten, widersprachen, ohne zu verletzen. Menschen, die zeigten, dass Debatte möglich ist, ohne die Würde anderer anzutasten. Diese Stimmen verdienen Respekt – und sie zeigen, dass die Kommentarspalte nicht verloren ist. Noch nicht.
Aber dazwischen: ein Chor aus Gereiztheit, Abwertung und erstaunlicher Lust am Herabsehen.
Da schreibt ein P. V.: „Eine Bande von …“ – und lässt den Satz offen. Mut sieht anders aus. Wer eine Gruppe von Menschen pauschal abwerten will, sollte wenigstens den Mut haben, das eigene Urteil auszubuchstabieren. Aber nein: Andeutungen reichen, Hauptsache, man kann sich später herausreden.
Ein anderer, M. H., nennt die Teilnehmenden „linksgrünen Bodensatz“. Das ist der Moment, in dem man sich fragt: Wie kann ein Mensch, der selbst Teil dieser Gesellschaft ist, andere Menschen als „Bodensatz“ bezeichnen – und gleichzeitig erwarten, ernst genommen zu werden.
R. T. schreibt: „Die Welt verblödet immer mehr.“ Vielleicht ist es tatsächlich so – aber nicht aus dem Grund, den er/sie meint.
Und dann die Klassiker: „Faschingsumzug.“ „Junge Leute ohne Zukunftsperspektive.“ „Affen.“ „Sch… in Video übern Weg gelaufen.“
Es ist die immer gleiche Mischung aus Gereiztheit, Ahnungslosigkeit und einer erstaunlichen Bereitschaft, das eigene Unbehagen in Worte zu gießen, die man/frau im echten Leben niemals aussprechen würde. Facebook ist der Ort, an dem manche Menschen ihre Hemmungen verlieren – und damit auch ihre Würde.
Doch eine Frage drängt sich auf: Warum kommentiert die Schwäbische Zeitung diese Entgleisungen nicht? Warum lässt sie stehen, was offenkundig gegen die eigenen Netiquette-Regeln verstößt? Warum überlässt sie es den Leserinnen und Lesern, sich gegenseitig zu verteidigen, während die Redaktion schweigt?
Eine Zeitung, die täglich Demokratie beschwört, sollte nicht ausgerechnet dort stumm bleiben, wo demokratische Kultur konkret verteidigt werden müsste: im eigenen digitalen Hausflur.
Dabei geht es nicht darum, dass man Queer-Pride gut finden muss. Niemand muss das. Niemand muss Regenbogenfahnen mögen, niemand muss Paraden feiern, niemand muss die Anliegen der queeren Community teilen. Aber man/frau muss Menschen respektieren. Das ist der Mindeststandard einer zivilisierten Gesellschaft.
Und genau hier liegt das Problem: Nicht die Meinungsverschiedenheit ist das Gift – sondern der Ton. Nicht die Kritik ist das Problem – sondern die Verachtung. Nicht die Vielfalt spaltet – sondern die Lust, andere kleinzumachen.
Die Pride hat gezeigt, wie friedlich Vielfalt sein kann. Die Kommentarspalte hat gezeigt, wie laut Intoleranz sein will.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum solche Veranstaltungen notwendig sind (so auch eine FB-Userin): weil die Kommentare unter dem SZ-Post nicht nur zeigen, dass es Intoleranz gibt – sondern wie sie klingt. Und wie dringend wir ihr widersprechen müssen.
Nicht mit Hass. Nicht mit Gegenbeschimpfungen. Sondern mit Haltung. Mit Sprache. Mit Öffentlichkeit.
Denn wer Menschen herabwürdigt, weil sie anders leben, sagt am Ende mehr über sich selbst aus als über jene, die er angreift.