Das Weingartner Altardrama - "Lass den Altar in den vorchristlichen Zeiten."
In Weingarten und weit über die Grenzen der Ravensburger Nachbarstadt hinaus wird über den Altar in der Basilika gestritten. Im Volksmund heißt es, man solle doch "die Kirche im Dorf lassen". Mancher Leser wird mir Häresie und womöglich Blasphemie vorwerfen, wenn er das Folgende liest. Aber ...
... der Altar und das Ritual der Opferung, bis heute in der katholischen Kirche präsent, sind Relikte des Alten Testaments. In Weingarten spaltet ausgerechnet ein Altar das Volk – obwohl er, wenn er schon da ist, eigentlich versöhnen und verbinden sollte. Eine Petition fordert, dass alles so bleiben solle, wie es ist; die Kirchenverwalter hingegen wollen eine Veränderung. Die Schwäbische Zeitung berichtet gefühlt jede Woche darüber und veröffentlicht Leserbriefe, die sich unermüdlich zwischen Pro und Contra aufreiben. Und über allem schwebt die „Heilig-Blut-Reliquie“, das angebliche Blut Jesu. Wäre er nicht von den Toten auferstanden, würde Jesus sich aufgrund dieses Streits und dieser Art seiner Verehrung wohl beständig im Grab umdrehen.
Dabei müsste längst jedem klar sein, dass nicht nur der Streit um einen Altar, sondern Religion generell immer wieder Spaltungen, Unversöhnlichkeit und am Ende sogar Kriege hervorbringt. Jesus aber hat seinen Jüngern durch seine Worte und sein Handeln einen völlig anderen Gott gezeigt: den Vater im Himmel. Einen Gott, der keine täglichen oder sonntäglichen Opfer auf einem Altar braucht, um besänftigt zu werden. Er (Sie?) ist kein jähzorniger, eifersüchtiger, kriegstüchtiger Gott, sondern einer, der nur eines ist: Liebe.
Dieser Gott ist der Vater aller = das „ALL“ umfassend. Daher stammt auch das ihm zugeschriebene Attribut „ALLmächtig“. Nicht weil er Kriege gewinnt, sondern weil seine Liebe keine Grenzen kennt. Auch keine Grenze durch einen Altar, eine Reliquie und Priester (Vermittler).
Reliquien und ihre Verehrung sind Erfindungen der frühen Kirche. Evangelische Christen lehnen sie ab; manche Gemeinschaften sehen in ihrer Verehrung sogar Götzendienst. Doch das Heil der Menschheit hängt nicht von einem Altar ab, nicht von der Verehrung eines Überbleibsels (lat. = Reliquie), sondern von Liebe, Versöhnung und Frieden untereinander.
Auch der Altar ist in diesem Sinne ein "Überbleibsel". Deswegen könnte der moderne Volksmund sagen: "Lass den Altar in den vorchristlichen Zeiten."
Stefan Weinert, katholisch aufgewachsen und erzogen. Im Alter von 27 Jahren Wechsel ins evangelische Lager. Mit 50 Jahren bis dato konfessions- aber nicht gottlos. Theologe und ehemaliger Pastoralreferent.