Oberschwabenhalle: Ein Sportlehrer meldet sich zu Wort – und wird überhört / Warum die Debatte um die Oberschwabenhalle eine Frage demokratischer Kultur ist
Mir liegen der gesamte Schriftverkehr und die Erlaubnis zur Veröffentlichung seitens Herrn Schaal vor.
35 Jahre lang hat Herr Jürgen Schaal, Sportlehrer an einem der Ravensburger Gymnasien, Generationen von Jugendlichen unterrichtet. Er kennt die Sportstättenlage der Stadt wie kaum ein anderer. Und genau deshalb spricht er sich klar gegen die geplante Umwandlung der Oberschwabenhalle (OSH) in eine Sporthalle aus.
Seinen Standpunkt hat er früh und deutlich formuliert – unter anderem in einem Leserbrief an die Schwäbische Zeitung, der jedoch nie veröffentlicht wurde. In dem Leserbrief beschreibt Jürgen Schaal die Situation so:
- "Die Schulen brauchen keine turnierfähige Großsporthalle , sondern eine moderne Schulsporthalle und diese in Schulnähe. Auch wenn sie es bestreiten, hinter der Idee des OB stecken m.E. die üblichen verdächtigen Vereinslobbyisten. Sie meinen, die Mannschaftssportarten bräuchten eine Großsporthalle mit Zuschauerplätzen. („turnierfähige Turnhalle“ SZ 24.03.26) Man muss dazu wissen, dass Ravensburgs Ballmannschaften, die in der Halle spielen (Hand-,Volley- und Basketball) allesamt unterklassig spielen. Vielleicht sollte man erst mal ein paar Klassen höher spielen, bevor man die Forderung nach einer Großsporthalle aufstellt. Den Vorschlag des Umbaus der OSH ohne einen Kostenanschlag zu präsentieren, darauf muss man als OB erst mal kommen.
- Und was meint der Stadtrat dazu? Er habe „positiv auf die Idee der Stadtverwaltung reagiert“ und „sich einstimmig dafür ausgesprochen , diese Pläne zu prüfen“.(SZ 24.03.2026)
- Ich habe jahrzehntelang erlebt, wie Sportstätten funktionieren – und wie sie nicht funktionieren. Die OSH als Sporthalle ist weder pädagogisch sinnvoll noch sportfachlich notwendig.“
Dass dieser Leserbrief nicht erschien, empfindet er als symptomatisch für die Ravensburger Debattenkultur.
2. Schriftverkehr mit dem Gemeinderatsbüro – eine Erfahrung der FrustrationDer ehemalige Sportlehrer wandte sich anschließend direkt an das Büro des Ravensburger Gemeinderats. Von dort erhielt er eine zurückweisende Antwort. Man leite auf Wunsch des Gemeinderates keine externen E-Mails an ihn weiter. Er solle sich die E-Mail-Adressen selbst heraussuchen. Daraufhin antwortete Herr Schaal, dass es sehr mühsam sei, jede einzelne Adresse der Stadträte zu finden. Weiter schreibt er:
"Danke für die Bürgernähe. Zwei Klicks „Weiterleitung“ an Verteilergruppe „Fraktionsvorsitzende“ … max. 20 sec! Oder Antwort wenigstens am Eingangstag Donnerstag oder Freitag. Mit ihrer erst heute (Montag) eingegangenen Rückmeldung erreiche ich gar nix mehr! Toll!! MfG Jürgen Schaal"
Also schrieb der erfahrene Sportlehrer einige Stadträte direkt an. Hier der Text:- "Sehr geehrte Gemeinderatsmitglieder, das Thema „Schulsporthalle“ sorgt mal wieder für Wirbel. Der SZ-Redakteur T. Kern veröffentlichte am Sa. 04.07.26 dazu einen Artikel, der nicht unkommentiert bleiben kann. Unter dem Aspekt, dass am AEG und Spohngymnasium ein Ganztagesbetrieb ab dem Sj. 27/28 eingerichtet werden soll, ist es umso wichtiger, eine Schulsporthalle in Schulnähe zur Verfügung zu haben. Schon jetzt geht viel zu viel Zeit auf dem Wege zu Sportstätten verloren (Hallenbad, Kletterhalle, Rechenwies).Sind Sie schon mal mit einer Mittelstufen-Klasse gewandert? Vom Gymnasiumshügel und der Realschule dürften bei Wind und Wetter mindestens 15 Minuten (eher 20) für den Weg zur OSH und das Umkleiden anfallen. Die gleiche Zeit für das Umkleiden (das Duschen?) und den Rückweg. 2 mal 20 min., das entspricht nahezu einer Unterrichtsstunde für SchülerInnen und Lehrpersonen. Provokant könnte man sagen: da verzichten wir gleich auf die dritte Sportstunde und setzen das Unterrichtsdeputat anderweitig ein. Zum Zu- und Abgang vor der ersten und letzten Stunde gibt es keine Buslinie zur/von der Halle. Der Umbau zur Sporthalle auch für Großveranstaltungen wird sehr teuer werden. Kostenanschlag fehlt. Folgekosten sind nicht geklärt. Und Einnahmen wird die Halle der Stadt dann kaum bringen! Dagegen mehrtägige Unterrichtsausfälle vor und nach Veranstaltungen und mehrwöchige (!) durch das Rutenfest. Was meint das Regierungspräsidium Abt.7 zu den Plänen? Ist eine Auslagerung von Unterrichtsräumen nicht zumindest mitwirkungs-, wenn nicht gar mitbestimmungspflichtig? (schulische Personalräte/ÖPR). Meine Argumentation erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Mit freundlichen Grüßen, Jürgen Schaal, (ehemals 35 Jahre Sportlehrer Welfen)"
Die allgemeinen Antworten, die er erhielt, zusammengefasst, waren – so schildert er es – formal korrekt, aber inhaltlich ausweichend. Für Schaal wirkte das wie ein Abwimmeln, nicht wie ein ernsthaftes Interesse an fachlicher Expertise.
Antworten im Einzelnen:
3. Kontakt mit Stadträtin und Landtagsabgeordneter Anna Wiech (Grüne)
Auch Anna Wiech, Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Grünen, erhielt von ihm eine ausführliche Darstellung seiner Argumente. Die Antwort – höflich, aber knapp – sinngemäß zusammengefasst:
Man sehe den „hohen Bedarf an Sportflächen“.
Die OSH könne „eine Lösung“ sein.
Man wolle „alle Perspektiven einbeziehen“, könne aber „keine Einzelposition priorisieren“.
Für Schaal war diese Reaktion enttäuschend. Er hatte gehofft, dass eine grüne Abgeordnete die Bedeutung kultureller Räume und die demokratische Dimension der Petition stärker betonen würde.
4. Austausch mit Heike Engelhardt (SPD), Stadträtin und KreisvorsitzendeAuch Heike Engelhardt antwortete – ebenfalls freundlich, aber ohne konkrete Stellungnahme. Sinngemäß schrieb sie:
Die SPD sehe „den Druck im Bereich des Vereinssports“.
Man müsse „alle Interessen abwägen“.
Die Entscheidung liege „beim Gesamtgremium“.
Für Schaal klang das nach einer politischen Standardformel, nicht nach echter Auseinandersetzung mit seinen fachlichen Argumenten.
5. Ein Bürger, der sich einmischt – und eine Stadt, die nicht zuhörtSchaal ist kein Aktivist, kein Lautsprecher, kein politischer Gegner der Stadt. Er ist ein Bürger, der sich aus Fachkenntnis und Verantwortung einmischt. Und er ist einer von vielen, die die Petition gegen die Umwandlung der OSH unterstützen – eine Petition, die inzwischen zusätzlich auch beim Landtag Baden‑Württemberg offiziell bestätigt und veröffentlicht wurde.
6. Wie geht Ravensburg mit Bürgerstimmen um?
Der Fall Jürgen Schaal steht exemplarisch für ein Problem, das viele Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen:
Bestimmte Leserbriefe werden nicht veröffentlicht.
Fachliche Stimmen werden nicht einbezogen.
Petitionen werden ignoriert, bevor sie behandelt werden.
Politische Antworten bleiben vage und folgen der Parteirhetorik.
Die OSH‑Debatte ist damit mehr als eine Frage der Sportstättenplanung. Sie ist ein Testfall für demokratische Kultur in einer Stadt, die sich gerne bürgernah gibt – aber in diesem Fall Bürgernähe vermissen lässt.
7. Schlussbild: Ein Sportlehrer, der nicht schweigtJürgen Schaal hat sich entschieden, nicht zu resignieren. Er sagt:
„Ich habe mein Berufsleben der Jugend gewidmet. Ich kann nicht schweigen, wenn ich sehe, dass eine Fehlentscheidung getroffen wird.“
Seine Stimme ist klar, fachlich fundiert und demokratisch legitim. Die Frage ist nun: Wird Ravensburg sie endlich hören?