OSH und das RAVENSBURGER HOFFNUNGS-MANAGEMENT: Das Paradies und die Paradesporthalle
Am Sonntag, den 13. September 2026, verwandelt sich die Oberschwabenhalle (OSH) wieder in ein „Paradies für alle Näh- und Stoffbegeisterten“ – so kündigt es der Veranstalter des Stoffmarkts an. Ein Satz, der ab 2028 wie aus einer anderen Zeit klingen wird, einer Zeit, in der die OSH noch das war, was ihr Name verspricht: ein Ort für Oberschwaben. Ein Ort für Vielfalt, Begegnung, Konsum, Kultur, Handwerk, Märkte, Messen, Konzerte, Vereine, Religion, Hobby, Experiment und Gemeinschaft. Ein Ort, der nicht definierte, wer hineinpasst – sondern der sich öffnete für alle, die etwas gestalten wollten.
Und genau dieses Paradies soll nun verschwinden.
Die geplante Umwandlung der OSH in eine reine Sporthalle ist längst kein Randthema mehr. 675 Unterschriften unter der Petition sind nur die sichtbare Spitze eines viel größeren Eisbergs. Wer in Ravensburg mit Menschen spricht – quer durch Vereine, Kulturschaffende, Familien, Gewerbetreibende, Senioren und Jugendliche – spürt den Gegenwind deutlich.
Denn die Kommunikation der Stadt wirkt – freundlich formuliert – selektiv. Die Pro-Argumente werden breit gestreut, die Contra-Petition dagegen verschwindet in der öffentlichen Darstellung.
Aus einer internen Hintergrundkommunikation zwischen Bürger und Gemeinderat, welche dem Blogger vorliegt, stammt eine aufschlussreiche schriftliche Bemerkung von Frau Anna Wiech (Grüne), Stadträtin und Landtagsabgeordnete. Sinngemäß berichtet sie, dass zwei Ravensburger Sportvereine auf sie zugekommen seien, weil sie größere Sportveranstaltungen durchführen wollten. Weiterhin schreibt sie, die Sporthalle sei voraussichtlich bis 2030 fertig und sie davon ausgehe, "dass die Vereine es sich bis dahin überlegen werden.“
Ein Schrieb, der mehr offenbart als beabsichtigt.
Er zeigt erstens, dass die Initiative zur Umwidmung nicht aus einem breiten Bedarf der Stadtgesellschaft kommt, sondern (hier konkret) aus dem Wunsch zweier Vereine. Zweitens zeigt er, dass die Stadt bereit ist, eine Halle umzuwidmen, bevor überhaupt klar ist, ob die Vereine diese Halle später tatsächlich nutzen werden. Und drittens zeigt er, dass man offenbar hofft, die Vereine würden sich „bis dahin schon irgendetwas überlegen“.
Das ist keine Planung. Das ist ein Hoffnungsmanagement.
Eine Anfrage an einen der Vereine, ob und welche Veranstaltungen man sich dort in einer Sporthalle in Zukunft vorstellen kann, stammt vom 24. August 2026 und blieb bis heute unbeantwortet.
Wenn ein Verein, der angeblich einer der zentralen Treiber der Umwidmung ist, nicht einmal auf eine sachliche Nachfrage reagiert, dann zeigt das, wie dünn die Grundlage dieser ganzen Operation ist. Vielleicht liegt's aber auch an der Urlaubszeit. Wir werden sehen.
Die OSH ist kein Luxus. Sie ist Infrastruktur. Und zwar eine Infrastruktur, die in Oberschwaben einzigartig ist.
Zur Erinnerung.
a) Wenn die Oberschwabenhalle zur Sporthalle wird, verliert Ravensburg:
den Stoffmarkt,
die Oberschwabenschau,
die großen Flohmärkte,
die Eisenbahnfreunde,
die Haus- und Bau,
religiöse Großveranstaltungen,
Firmenmessen,
Hobbytage,
Kulturformate,
Konzerte,
Vereinsgroßveranstaltungen,
und alles, was man/frau heute noch gar nicht kennt, aber morgen vielleicht braucht.
Was bleibt? Sport. Und zwar nur Sport.
b) Für alles andere müssen Ravensburger künftig pendeln: nach Ulm, Friedrichshafen, in die Schweiz oder nach Österreich. Das ist nicht nur unökologisch, sondern auch unsozial. Wer kein Auto hat, wer wenig Geld hat, wer spontan etwas erleben möchte – der bleibt außen vor.
c) Die demokratische DimensionDie Petition wurde eingereicht, aber bis heute nicht behandelt. Gleichzeitig wurde (!) und wird im Gemeinderat Ende dieses Monats bereits über die Zukunft der Halle beraten. Das widerspricht nicht nur dem Geist der demokratischen Beteiligung, sondern auch der jahrzehntelang bewährten Stillhaltevereinbarung des Landes Baden-Württemberg, die besagt: Solange eine Petition behandelt wird, sollen keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden.
Die Stadt Ravensburg scheint diesen Grundsatz zu ignorieren.
Fazit: Ein Paradies verschwindet – und niemand sagt es lautd) Die OSH ist ein Ort, der Ravensburg geprägt hat. Ein Ort, der Menschen zusammenbringt, die sonst nie zusammenkämen. Ein Ort, der Kultur, Konsum, Kreativität und Gemeinschaft ermöglicht.
Wenn dieses Paradies verschwindet, wird es nicht ersetzt. Es wird ausgelagert.
Die Stadt verliert einen offenen Raum – und gewinnt eine geschlossene Halle.
Die Frage ist nicht, ob Sport wichtig ist. Natürlich ist er das. Die Frage ist, ob man dafür ein funktionierendes, vielfältiges, regional bedeutsames Kultur- und Veranstaltungszentrum opfert.
e) Die Antwort darauf sollte nicht hinter verschlossenen Türen fallen. Sie gehört in die Öffentlichkeit. Sie gehört in die Presse. Sie gehört in den Gemeinderat. Und sie gehört vor allem zu den Menschen, die diese Stadt tragen.
Ravensburg verdient eine ehrliche Debatte – und keine stille Umwidmung.