Wie die "SchwäZ" den Arbeitsmarkt im Kreis Ravensburg verkleinert - Wenn eine Zahlengruppe zur Kulisse wird ...
Ist es Zufall, oder ein klassisches Muster selektiver Rahmung („Framing“) in der Lokalberichterstattung der "Schwäbischen Zeitung" ("SchwäZ" oder SZ)? Kaum hatte ich gestern einen Artikel zur veränderten Medienlandschaft in der Region veröffentlicht, da schrieb am Abend (19 Uhr) desselben Tages die SZ einen Online-Artikel, der auf den ersten Blick sehr informativ schien – und mich auf den zweiten Blick in die Irre führen wollte
1. Die Headline verspricht ein Gesamtbild – liefert aber ein TeilbildDie Hauptüberschrift des Artikels lautet:
„Fast die Hälfte der Arbeitslosen hat keinen deutschen Pass“
Diese Formulierung suggeriert mir:
Wir bekommen hier eine breite Analyse aller Menschen ohne deutschen Pass im Landkreis Ravensburg.
Also: Syrer, Iraker, Afghanen, Kurden, Menschen aus dem Maghreb, aus Asien, aus Afrika – und natürlich auch Ukrainer.
Doch die Unterzeile schwenkt sofort auf die Ukraine:
„Hunderte Flüchtlinge aus der Ukraine sind 2026 in den Landkreis [Ravensburg] gekommen.“
Damit wird der Leser umgelenkt, bevor er überhaupt im Text ist.
Das ist ein von mir so empfundener rhetorischer Trick: Die Headline öffnet den Raum – die Unterzeile schließt ihn sofort wieder.
2. Der Artikel tut so, als ginge es um „Ausländer“, spricht aber fast ausschließlich über UkrainerIm Text werden folgende Zahlen genannt:
2.799 Arbeitslose insgesamt
1.370 ohne deutschen Pass (also alle Nationalitäten)
Ausländerquote: 49 %
Beschäftigte ohne deutschen Pass: 21.464 (also alle Nationalitäten)
Diese Zahlen beziehen sich nicht nur auf Ukrainer – sondern auf die gesamte Gruppe der Nicht‑Deutschen. So jedenfalls impliziert es eindeutig die Formulierung "ohne deutschen Pass"!
Doch der Artikel:
nennt keine einzige Zahl zu Syrern, Irakern, Afghanen, Kurden, Afrikanern, Südosteuropäern außerhalb der EU, usw.
liefert keine Aufschlüsselung nach Herkunftsländern
erklärt keine Unterschiede zwischen verschiedenen Flucht- und Migrationsgruppen
fokussiert ausschließlich auf Ukrainer – obwohl diese nur ein Teil der 1.370 Arbeitslosen ohne deutschen Pass sein können
Das ist mathematisch unpräzise, journalistisch unvollständig und kommunikativ lenkend.
Diese Frage habe ich mir allerdings zu Recht gestellt. Es gibt drei wahrscheinliche Gründe:
A) Ukrainische Geflüchtete sind politisch „unproblematisch“Über Ukrainer zu schreiben ist für unsere Lokalzeitung risikoarm:
keine Gefahr, als „ausländerfeindlich“ zu gelten
keine Gefahr, als „naiv“ zu gelten
keine Gefahr, Konflikte mit Integrationsinitiativen auszulösen
keine Gefahr, rechte Narrative zu bedienen
Kurz: Ukrainer sind die „sichere“ Gruppe, über die man schreiben kann. Wenngleich man als Journalist durchaus kritisch hinterfragen dürfte, warum Deutschland ungebremst Ukrainer/innen aufnimmt und sich dadurch noch mehr in den Konflikt/Krieg mit Russland hineinziehen lässt. Aber das wäre ja schon wieder angreifbar!
B) Andere Herkunftsgruppen sind politisch heikelWenn die SZ schreiben würde:
„Hohe Arbeitslosigkeit unter Syrern, Irakern, Afghanen…“
dann wäre die Redaktion sofort in einem Minenfeld:
AfD würde den Artikel instrumentalisieren
Integrationsverbände würden protestieren
Anzahl der Leserbriefe würden explodieren, aber nur 49 Prozent davon würden auch veröffentlicht
die Redaktion müsste sich rechtfertigen
Also wählt man die ungefährlichste Gruppe, obwohl sie nicht die größte unter den Arbeitslosen ohne deutschen Pass ist.
C) Der Artikel will ein Narrativ bedienenDas Narrativ lautet:
„Die Ukraine-Flüchtlinge brauchen lange, bis sie arbeiten.“
Dieses Narrativ ist politisch gewollt, weil es:
die Bürokratie kritisiert (Anerkennung, Sprachkurse)
die Kommunen entlastet („Wir tun ja alles“)
die Leser beruhigt („Es liegt nicht an uns, sondern an den Umständen“)
ODER (wieder kritisch): Die Ukrainer haben genug Vermögen (zu Hause oder mitgebracht, und denken gar nicht daran, hier zu arbeiten. Aber ... (siehe oben, dito)
Das alles hat nichts mit der Gesamtgruppe der 1.370 Arbeitslosen ohne deutschen Pass zu tun.
4. Warum ist die Darstellung irreführend?Weil der Artikel zwei Ebenen vermischt:
Ebene 1: Gesamtgruppe „ohne deutschen Pass“→ 1.370 Arbeitslose → 21.464 Beschäftigte → 49 % Arbeitslosenanteil → 16 % Beschäftigtenanteil
Ebene 2: Einzelgruppe „Ukrainer“→ 4.269 im Kreis → 942 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte → 386 Minijobs → 1.503 erwerbsfähig im Bürgergeld → 30 Monate Integrationszeit
Der Artikel tut so, als sei Ebene 2 die Erklärung für Ebene 1. Das ist falsch.
Denn:
Ukrainer sind nur ein Teil der 1.370 Arbeitslosen ohne deutschen Pass.
Die „Ausländerquote“ ist nicht die „Ukrainerquote“.
Die Beschäftigten ohne deutschen Pass sind nicht überwiegend Ukrainer.
Die Arbeitslosen ohne deutschen Pass sind nicht überwiegend Ukrainer.
Der Artikel erzeugt also eine optische Korrelation, die keine reale Kausalität hat.
5. Was bedeutet das im Licht der administrativen und medialen Gesamtlage?Es zeigt:
wie (Verwaltung und) Presse Gegenwart romantisieren,
wie sie Probleme verkleinern,
wie sie Komplexität reduzieren,
wie sie unangenehme Realitäten ausblende(n)t.
Genau das passiert hier:
Die SZ zeigt nicht die Realität des Arbeitsmarkts – sondern eine „wandernde und erholsame“ Erzählung über eine einzelne, politisch bequeme Gruppe.Während dieser Blog versucht
die beängstigende Gegenwart
und die bedrohliche Zukunft
des Klimas, der Migration und der sozialen Spannungen zu zeigen und zu analysieren.
Die SZ hingegen:
zeigt eine harmonische, vereinfachte Gegenwart,
die sich gut liest,
niemanden verärgert,
und keine Debatte auslöst.
Das ist die gleiche rückwärtsgewandte Haltung. Man/frau schaut lieber auf das romantische Wandern und nicht auf die realen tektonischen Verschiebungen.
6. Die Kernfrage aber ist: „Was will uns der Redakteur damit sagen?“Meine persönliche Antwort, die niemand teilen muss:
Er will uns sagen, dass die Arbeitslosigkeit unter Nichtdeutschen hoch ist – aber er will vermeiden, darüber zu sprechen, welche Gruppen diese Quote tatsächlich prägen. Deshalb fokussiert er sich auf Ukrainer, obwohl die Zahlen das nicht hergeben.
Das ist kein Zufall. Das ist kommunikative Risikovermeidung.
7. Und warum schreibt er nicht: „Die Hälfte der Arbeitslosen kommt aus der Ukraine“?Weil es falsch wäre.
Und weil die Redaktion weiß, dass es falsch wäre.
Also wählt man/frau eine Konstruktion, die:
formal korrekt,
inhaltlich irreführend,
politisch risikofrei,
emotional anschlussfähig
ist.
8. Mein Fazit: Ein irreführender Artikel – und ein Beispiel für selektive LokalberichterstattungDer Artikel ist:
statistisch unpräzise
kommunikativ verzerrend
politisch vorsichtig
journalistisch unvollständig
für den Leser irreführend
Er zeigt nicht die Realität – sondern eine gefilterte Version, die niemandem wehtut.
