Der "Verkaufsoffene Sonntag" und der "Matthäus-Effekt" / Ist auch die "TAFEL" am Sonntag verkaufsoffen?
Was wäre Ravensburg ohne die verkaufsoffenen Sonntage? Obwohl dies eine sogenannte Suggestivfrage zu sein scheint, finden Sie den Versuch einer Antwort am Schluss dieser Kolumne.
Am Ortseingang von Ravensburg, dort, wo die Stadt Weingarten wenige Meter zuvor endet, prangt ein riesengroßes Plakat mit der Fläche eines Zimmers, das sich so manche Menschen in Ravensburg für sich alleine wünschen, die aber diese 12 bis 15 Quadratmeter mit zwei oder sogar drei weiteren Personen teilen müssen.
Auf diesem Plakat - weitere dieser Art sind im Internet zu finden - sind zwei elegant gekleidete Ladies in hellen Kaschmir-Mänteln und strahlenden Gesichtern zu sehen, die offenbar unterwegs sind, ihr überschüssiges Geld unter die Kaufleute - vorrangig auf dem Marienplatz und in der Bachstraße - zu bringen. Die Herrenstraße wird vermutlich gemieden, respektive gibt es dort auf der "Todeszone" auch keines, das an jenem Tag geöffnet haben wird.
Denn mit dieser Mega-Outdoor-Broschüre (MOB) werben die Stadtverwaltung und das WiFo (Wirtschafts-Forum) Ravensburg für den am übernächsten Sonntag (8. November 2026) anstehenden "Verkaufsoffenen" –eingebettet in den traditionellen zweitägigen "Martini-Markt". Diese MOBs in ihrer speziellen Aufmachung sprechen für sich. Ob sich die Gestalter darüber wohl im Klaren sind?
Ganz offensichtlich sind die Adressat/innen des "Verkaufsoffenen Sonntags" die Immer-Fröhlichen, die Gutsituierten, deren Einkaufszettel ihr Scheckheft/Scheckkarte ist und deren Hände beim "ewigen Streicheln" der Lammfelle aufgrund überteuerter Cremes schwielenfrei sind.
Ganz im Gegensatz zu jenen, die nach einer Sechstagewoche nun auch noch am eigentlich freien "Sabbat" jene beraten und ihnen geduldig zuhören müssen, die danach zum größten Teil ohne Ware wieder gehen und zu Hause per Amazon-Klick den Mantel, die Schuhe und die Dessous für 30 Prozent billiger einkaufen. Und für die, die tatsächlich etwas kaufen ("Man gönnt sich ja sonst nichts") musst "du" dann auch noch an der Kasse stehen
Bei mir kommt die Frage auf, ob wohl auch die "TAFEL" an der oberen Herrenstraße an diesem Sonntag, den 8.11.2026, verkaufsoffen ist. Oder meinen die Verantwortlichen von Stadt & WiFo, dass sich diese Klientel unter die Ladies und Herrschaften mischt, um ihre dreimal umgedrehten Münzen dort auszugeben? Das wird wohl kaum der Fall sein - und überhaupt: "Das Einkaufen in der Tafel Ravensburg ist pro Kund/in einmal (1) pro Woche möglich. Der Einkaufstag wird in der Tafel festgelegt und dokumentiert." Warum also noch am Sonntag!?
Ach ja - auf der Website der Stadt Ravensburg heißt es schon fast süffisant und leicht diskriminierend: "Die "Tafel Ravensburg" ist ein Lebensmittelgeschäft, in dem sozial Bedürftige für wenig Geld qualitativ einwandfreie Lebensmittel kaufen können. Die Lebensmittel werden von Geschäften oder Herstellern gespendet, wenn sie dort im Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden können."
Und was wäre nun Ravensburg ohne den/die verkaufsoffenen Sonntag/e? Die Antwort fällt ein wenig länger aus und sie ist auch nicht schwarz oder weiß:
a) "Auch Befragungen über die Effekte vergangener verkaufsoffener Sonntage zeigten kaum Umsatzsteigerungen, heißt es bei Verdi. „Wenn die Läden sonntags geöffnet sind, sinkt meist der Umsatz in denselben Läden in der darauffolgenden Woche“, erklärt die Gewerkschaft. Der Handelsverband Deutschland (HDE) hingegen betont, verkaufsoffene Sonntage seien wichtig, „um unsere Innenstädte attraktiv und lebendig zu halten“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Im Eventcharakter der verkaufsoffenen Sonntage sieht auch Hottenrott eine Möglichkeit, denn es könnte [Konjunktiv] dadurch möglicherweise zu vermehrten Besuchen in Geschäften kommen. „Es wäre [dito] eine Chance, gegen den Onlinehandel konkurrenzfähig zu sein“, sagt die Forscherin." - Wirtschaftswoche
b) Der Matthäus-Effekt. Er leitet sich von einem biblischen Wort ab und wurde im Rahmen der Soziologie entwickelt. Im Matthäus-Evangelium heißt es: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Modern ausgedrückt könnte es heißen: „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist“ - oder: „Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu“. Mit anderen Worten und auf das Thema hier bezogen: Beim verkaufsoffenen Sonntag gibt es Profiteure (wenn auch nur im leichten Maße) wie Geschäftsleute und Kapital-Kunden, und es gibt Verlierer, wie Angestellte und deren Familien und Menschen die froh sind, wenn sie überhaupt einmal in der Woche einkaufen gehen könnten.
c) Ravensburg ohne den verkaufsoffenen Sonntag wäre auf jeden Fall ein sozialeres Ravensburg.
