Deutsche "TAFEL" mit Entenpastete aus Frankreich! - Das wär's doch Herr Stoch (SPD), oder sind Sie mit Brot von vorgestern und Käse vom "Penny" zufrieden?
Stefan Weinert, Blogger mit Aussicht
Ich lebe bekanntlich in Baden-Württemberg. In zweieinhalb Wochen wird hier der neue Landtag gewählt. Und wie jedes Mal vor einer Wahl flattern die Hochglanzversprechen ins Haus. Vor mir liegt der Werbeflyer eines im Ländle bestens bekannten SPD-Politikers. Des Spitzenpolitikers! Andreas Stoch! Groß, fett, mit Ausrufezeichen: „WEIL ES UM DICH GEHT!“
Das Duzen soll wohl besondere Nähe erzeugen – jene Art Nähe, die Politiker gern behaupten zu Bürgern zu haben, aber sie selten leben. Ich fühle mich jedenfalls nicht angesprochen. Und ich bin aus Überzeugung auch nicht mehr Teil des innerparteilichen „Du“-Zirkels, der seit 150 Jahren in der SPD gepflegt wird. Dieses „Du“ wirkt für mich (74) wie ein Griff in die Trickkiste der Werbepsychologie und ist zudem übergriffig: künstliche Vertraulichkeit, die man/n (Politiker) sich nicht erarbeitet hat.
Innen im Flyer dann die nächste Portion Wahlkampfpoesie: „Schluss mit Wirtschaftspolitik, die lieber Renditen als Existenzen rettet … Politik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.“
Das klingt gut – so gut, dass man/frau fast vergisst, wie gründlich die SPD in den zurückliegenden zwei Dekaden genau jene Menschen aus dem Mittelpunkt geschoben hat, die sie einst vertreten wollte: Arbeitnehmer, Arbeitslose, ökonomisch Schwache. Der Verrat kam nicht über Nacht, sondern scheibchenweise. Und jetzt, kurz vor der Wahl, wird wieder der große moralische Mantel ausgepackt, als hätte man/n ihn nicht selbst jahrelang im Keller gelagert.
Doch dann kommt eine Szene, die so entlarvend ist, dass man sie nicht erfinden könnte, ohne als Satiriker durchzugehen.
Die WELT berichtet jüngst über eben jenen SPD-Politiker Andreas Stoch Folgendes – und es ist keine Satire:
>>> SPD-Spitzenpolitiker besucht die Tafel und lässt danach Entenpastete einkaufen.
Ein SWR-Team begleitet den Spitzenkandidaten beim Besuch einer "Tafel" (hier werde Essensreste an Bedürftige abgegeben) in Bühl. Der Politiker zeigt Betroffenheit, Nähe, Bürgernähe – das volle Programm. Kaum ist er draußen, hört man ihn zum Fahrer sagen, er solle doch bitte im nahen Frankreich für ihn Entenpastete besorgen. „Eine schöne Entenpastete ist was Herrliches“, erklärt er später. Und die bekomme man hierzulande (also in der BRD) nicht in der Qualität und zu dem Preis.
Man/frau muss sich das einmal vorstellen und auf der Zunge bitter zergehen lassen: Drinnen in der "Tafel" stehen Menschen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind und mit dem Geld für die Kosten einer (1) französischen Entenpastete 14 Tage auskommen müssen. Draußen steht ein Politiker, der sich auf dem Rückweg Feinkost aus dem Nachbarland organisieren lässt. Das ist kein Fauxpas. Das ist ein Blick durchs Schlüsselloch in die politische Wirklichkeit.
Der Politiker bedauert die Szene inzwischen. Natürlich tut er das. Bedauern ist die Währung, die man einsetzt, wenn die Kamera zu spät ausgeschaltet wurde. Aber Bedauern ändert nichts am Kern: Die Szene zeigt, was Wahlkampfprosa niemals verrät. Und das es letztlich auch nicht zu dem Kauf kam (wahrscheinlich war keine Pastete gut genug), ändert auch nichts an der Einstellung des Politikers.
Das Theaterstück zeigt, wie dünn die Membran zwischen politischer Inszenierung und tatsächlicher Lebenswelt ist. Sie zeigt, wie schnell das „Wir“ des Flyers wieder zum „Ich“ wird, sobald der Ort des Elends und des gespielten Mitgefühls verlassen wurde. Sie zeigt, dass Nähe oft nur behauptet wird – und Distanz der eigentliche Standard ist. Sie zeigt, dass moralische Botschaften billig sind, aber moralische Konsequenz teuer.
Und sie zeigt vor allem eines: Politiker predigen abgestandenes Wasser – und trinken hinterher den besten Wein. Noch nicht einmal einen guten "Württemberger", sondern es muss ein nobler a la France sein.
Die Reaktionen im Netz sprechen eine klare Sprache: „Unfassbar“, schreibt ein Nutzer. Und man/frau fragt sich unwillkürlich: Wie viel politische Sensibilität darf man eigentlich noch erwarten – gerade von jemandem, der behauptet, es gehe um dich?
Und dann, ganz leise, schleicht sich bei mir ein Gedanke ein: Wäre es in Ravensburg wohl anders? Würde ein Politiker, eine Politikerin hier, zwischen Marienplatz und Mehlsack, nach einem Tafel-Besuch vielleicht keine Entenpastete ordern – sondern lieber ein Scheibe Brot von vorgestern mit Käse vom "Penny"? Oder würde er/sie, kaum dass die Kamera aus ist, seinem/ihrem Fahrer zuflüstern: „Hol mir schnell ein Stück vom guten Bergkäse und ein Holzofenbrot aus dem Allgäu – aber bitte nicht im Bild!“?
Man/frau weiß es nicht aber ahnt: Die Mechanik ist überall dieselbe. Und das quer durch alle Parteien. Nur die Feinkost variiert regional.