Vor dem Abgrund: Kanzler Merz mit einer Mischung aus Anadiplose, Pleonasmus, Tautologie, Trotz und dem Verbalismus "Verantwortung" ...
Es gibt Pressekonferenzen, die man/frau vergisst, sobald das Saalmikro abgeschaltet ist. Und dann gibt es jene seltenen Exemplare, die sich einbrennen wie ein schlecht gesetzter Tattoo-Schriftzug: „Wir sind zutiefst schockiert.“ Ein Satz, der gestern in Berlin nicht nur fiel, sondern sich wie ein Mantra durch die gesamte Befragung der Journalisten nach dem Kanzlerstatement zog – variiert, moduliert, neu verpackt, aber inhaltlich stets identisch.
Friedrich Merz, der Bundeskanzler, stand vor der Presse und sprach über Sachsen-Anhalt, über die AfD und über eine Art von dunkler Zeitenwende. Nur über eines sprach er nicht: über seine Defizite, sein Versagen und seine Verantwortung für das Debakel. Wobei – das Wort "Verantwortung" fiel schon, nur in einem völlig anderen Zusammenhang.
Merz sagte, er wolle „vor der Verantwortung nicht fliehen“. Ein Satz, der nach staatsmännischer Gravität klingt, aber bei näherem Hinsehen die Eleganz eines schlecht kaschierten Möbelklebers hat. Denn welche Verantwortung meint er?
Die Verantwortung für den Rentner, der nach 45 Arbeitsjahren nicht in die verdiente (!!) Rente gehen kann?
Die Verantwortung für die Pflegekraft, die nachts weint, weil sie tagsüber nicht mehr weiß, wen sie zuerst versorgen soll?
Die Verantwortung für die Kinder, die in Schulen sitzen, deren Fenster sich nur noch mit pädagogischer Gewalt öffnen lassen?
Die Verantwortung für die Menschen, die arbeiten, schuften, sich aufreiben – und trotzdem nicht durchkommen?
Oder meint er die Verantwortung für die politische Großwetterlage, die seine eigene Partei über Jahre mitgestaltet hat? Die Verantwortung für das Vakuum, das die CDU hinterließ, während sie sich selbst in internen Machtkämpfen verhedderte? Die Verantwortung für die Normalisierung der AfD durch eine Rhetorik, die immer wieder mit deren Themen flirtete?
Merz sprach viel. Aber keine dieser Fragen beantwortete er wirklich.
Wer die gestrige Pressekonferenz verfolgte, konnte ein seltenes linguistisches Schauspiel beobachten: Merz beherrscht die Kunst der Anadiplose, des Pleonasmus, der Tautologie – und zwar nicht als Stilmittel, sondern als Notwehr.
Auf jede Frage – egal ob Migration, Sozialpolitik, Ostdeutschland, CDU-Strategie – folgte eine Antwort, die sich anhörte wie eine andere Antwort, die er eine Minute zuvor gegeben hatte.
Die Journalisten fragten. Merz antwortete. Aber die Antworten waren wie jene Plastikschalen im Supermarkt: verschiedene Deckel, gleicher Inhalt.
Die Entrüstung über den AfD-Erfolg war groß, laut und moralisch aufgeladen. Doch Entrüstung ist kein politisches Konzept. Sie ist ein Gefühl – und ein bequemes dazu. Man/frau kann sich darin einrichten wie in einem warmen Bad, ohne je darüber nachzudenken, wer eigentlich den Boiler reparieren müsste.
Friedrich Merz präsentierte sich als derjenige, der „nicht flieht“. Doch hinter diesem "Nichtfliehen" - und das wusste jeder im Saal - stehen die trotzigen Aussagen: Ich werde nicht zurücktreten, ich bleibe Kanzler! Aber "wer nicht flieht", kann damit auch stehen bleiben. Und wer stehen bleibt, kann auch anderem im Weg stehen.
Es war eine PK, die eines klar zeigte: Merz hat keine neue Idee, keine neue Einsicht, keine neue Strategie. Er hat nur einen neuen Satzbau.
Was er aber hat – und das wurde gestern überdeutlich – ist ein bemerkenswert starkes Bindemittel zwischen ihm und dem Kanzlerstuhl. Ein Klebstoff, der selbst dann hält, wenn die politische Statik längst bröckelt.
Die Republik steht vor einer tektonischen Verschiebung. Die AfD triumphiert. Die angebliche "demokratische Mitte" (Linke und BSW gehören ganz gewiss nicht zur Mitte) erodiert. Und der Kanzler spricht, als sei er ein Kommentator, nicht der Hauptverantwortliche.
Die gestrige Pressekonferenz des Kanzlers vom 7. September 2026 war kein Führungsmoment. Sie war ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Friedrich Merz zwar über Verantwortung reden kann, aber nicht über die Verantwortung, die er selbst trägt.