US-Midterms ohne Trump und doch mit mehrheitlichen "Trump-Resisters" / Bemerkenswerte Parallelen zu den deutschen Landtagswahlen 2026 ...
Donald Trump stand bei den gestrigen US-Midterms nicht auf dem Wahlzettel.
Und doch haben ihn Millionen von Amerikanern gewählt.
Oder eben nicht. Denn die Millionen von Nicht-Trump-Wählern [Trump-Resisters] übersteigen die Erstgenannten. Oder soll ich sagen: Die Mehrheit der Wähler/innen zeigte dem noch amtierenden US-Präsidenten, wo der Hammer hängt, wo die Volksherrschaft [Demokratie im ursprünglichen Sinne] zu Hause ist. Nicht im "Weißen Haus", nicht im "Oval Office" -, sondern in den Wohnzimmer derer, die zurück zur Wahrheit wollen, und die "die Nase voll" [to be sick of] von Prahlerei, Lügen und Ein-Mann-Show" haben und denen die Unabhängigkeitserklärung von 1776 noch heilig ist.
Und: Donald Trump hat vielen Politiker/innen vor Ort die Wahl "versaut", anderen aber zum Wahlsieg verholfen!

Das ist der Punkt, den viele Kommentatoren derzeit umkreisen, ohne ihn wirklich zu benennen. Die Zwischenwahlen waren offiziell Midterms. Gewählt wurden Gouverneure, Senatoren, Kongressabgeordnete und lokale Mandatsträger. Donald Trump kandidierte nirgendwo.

Trotzdem lesen sich die Schlagzeilen weltweit wie Nachrufe auf eine politische Strategie.
Warum?
Weil Demokratien gelegentlich eine unsichtbare Zusatzfrage stellen.
Die offizielle Frage lautet: "Wen wählen Sie?"
Die eigentliche Frage lautet: "Wohin soll die Reise gehen?"
Zwischen beiden Fragen liegt der Unterschied zwischen Politik und Demokratie.
Politiker glauben oft, sie könnten den Inhalt einer Wahl festlegen. Parteien schreiben Programme. Strategen entwerfen Kampagnen. Berater testen Botschaften. Meinungsforscher produzieren Tabellenberge. Alles scheint kontrollierbar.
Bis die Wähler den Fragebogen umdrehen.
Dann beantworten sie plötzlich etwas ganz anderes.
Wer in den Vereinigten Staaten seine Stimme abgab, stimmte vielfach nicht einfach über Parteifarben ab. Viele Wähler entschieden darüber, ob sie weitere Jahre eines politischen Ausnahmezustands wünschen. Ob permanente Empörung tatsächlich noch attraktiv ist. Ob tägliche Kulturkämpfe die Stromrechnung und die Benzinpreise senken. Ob die Demokratie ein Kampfring oder eine Werkstatt sein soll.
Das Ergebnis fiel deutlich nüchterner aus als die Inszenierung.
Die politische Klasse liebt große Heldenfiguren und lebt von Inszenierungen. Die Wähler lieben dagegen oft etwas viel "Langweiligeres": Stabilität und die Möglichkeit, menschenwürdig zu (über)leben.
Das kennen wir auch aus Deutschland.
Als die CDU in Deutschland bei diesjährigen verschiedenen Landtagswahlen im Osten hinter den Erwartungen blieb, diskutierten Hauptstadtjournalisten bereits vor den Wahlen und vor allem am Wahlabend über Friedrich Merz. Obwohl sein Name als Bundeskanzler auf keinem Wahlzettel stand. Auch er - so sehen das sehr viele - hat Politikern vor Ort die Wahl "versaut" (aber so von wie!!) und anderen zum Sieg verholfen.
Die Vorgänge wirken zunächst irrational.
Tatsächlich sind sie hochlogisch.
Denn Wahlen funktionieren ähnlich wie Familienfeiern.
Offiziell feiert man/frau den Geburtstag der Tante.
In Wahrheit sprechen alle über den Onkel.
Politik hat dieselbe Dynamik.
Auf dem Wahlzettel steht oft das Thema A. Entschieden wird aber über Thema B. Und diskutiert wird anschließend das Thema C.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Die eigentliche Botschaft vieler jüngerer Wahlen lautet nämlich nicht "links" oder "rechts". Sie lautet auch nicht "Trump" oder "Anti-Trump". "Merz" oder "Gegen Merz".
Sie lautet: Genug mit dem Dauerdrama.
Der moderne Bürger lebt bereits in einer Welt voller Krisenmeldungen. Krieg. Inflation. Energiepreise. Migration. Wohnungsnot. Digitalisierung. Bürokratie. Klimawandel.
Er steht morgens nicht auf und denkt: "Heute wünsche ich mir noch etwas mehr politische Aufregung."
Er denkt: "Kann das bitte endlich jemand vernünftig organisieren?" - "Gibt es irgendwo noch Politiker/innen, die dem Herrschenden (USA, Israel, Deutschland ...) die Stirn bieten?
Genau an diesem Punkt wird Demokratie unerquicklich für Populisten aller Lager und aller Länder.
Denn Populismus lebt vom Alarmzustand.
Demokratie lebt von der Normalität.
Populisten versprechen Geschichte.
Demokraten versprechen "People first".
Erfundene oder aufgeblasene Narrative verkaufen sich besser.
Realitäten gewinnen die Wahl.
Das ist nicht besonders romantisch. Aber bemerkenswert stabil.
Vielleicht erklärt genau das die Nervosität vieler politischer Lager diesseits und jenseits des Atlantiks. Je größer die Inszenierung der Politik (auch in deutschen Kommunen wie Ravensburg), desto größer die Sehnsucht nach Menschen, die einfach ihren Job machen.
Am Ende könnte die wichtigste Botschaft dieser US-Midterms daher erstaunlich unspektakulär sein:
Die Bürger wollen keinen Erlöser.
Sie wollten einen funktionierenden demokratischen Staat.
Und manchmal ist das die radikalste Wahlentscheidung überhaupt.
