AUCH FAUNA UND FLORA HABEN EINE SEELE - Stell dir vor, es sind Wahlen, und wir pflanzen Bäume, Hecken und Sträucher, statt sinnlose Kreuze zu machen!
Stefan Weinert, Blogger und "Pro Klima"
Es gibt Momente, in denen die Welt stillzustehen scheint, nicht weil das Gros der Menschheit - leider auch in und um Ravensburg - schweigt, sondern weil die Natur auf eine Weise schreit, die wir nur hören können, wenn wir unsere gewohnten Kategorien von Nutzen, Eigentum und Planung beiseitelegen. Wenn Bäume fallen, verschwinden nicht nur Holz und Schatten; mit ihnen verschwindet ein Netzwerk von Beziehungen, ein Geflecht aus Nährstoffen, Mikroklima, Nistplätzen und Erinnerungen.
Wenn Hecken gerodet werden, verlieren nicht nur Vögel und Kleinsäuger ihren Unterschlupf; es verschwindet ein Stück kollektiver Geschichte, ein Ort, an dem Generationen von Insekten, Pilzen und Pflanzen miteinander verwebt waren. Solche Verluste sind nicht nur ökologisch messbar; sie sind seelisch spürbar — wenn man die Vorstellung zulässt, dass Fauna und Flora nicht bloß Objekte, sondern Subjekte eines gemeinsamen Lebens sind.
"Nester für ALLE" - so steht es auf dem Schild des traurigen Eichhörnchens . . .
Ein solcher Fall ereignete sich jüngst in diesen Tagen - praktisch vor meiner Haustüre und doch zu weit entfernt, als dass ich es hören oder sehen konnte - in einer nächtlichen Aktion - damit ja niemand von den Menschenwesen auf die Idee kommt, sich zwischen Motorsäge, Axt, Häcksler und Scheinwerfer zu stellen, um zu verhindern, was zu verhindern gewesen wäre.
Lesen Sie dazu bitte hier:
Die Vorstellung, dass Tiere und Pflanzen Gefühle haben, ist für viele Menschen intuitiv. Sie beruht nicht allein auf wissenschaftlichen Studien über Schmerzempfindung oder Stresshormone, sondern auf einer tieferen Wahrnehmung: dem Erkennen von Reaktionen, von Verhaltensänderungen, von Trauer und Anpassung. Eichhörnchen, Marder, Iltisse, Igel, Meisen, Bussarde und Milane — sie alle sind Teil eines Netzwerks, das durch Rodungen, Bebauung und fragmentierte Lebensräume verletzt wird. Wenn ein Eichhörnchen plötzlich ohne vertraute Bäume, Hecken und Sträucher dasteht, ist das nicht nur ein logistisches Problem; es ist ein Bruch in seiner Welt, eine Desorientierung, die mit Angst, Hunger und erhöhtem Risiko einhergeht.
Wenn ein Igel durch kreischende Sägen und Aufwühlen des Bodens aus dem Winterschlaf gerissen wird, sind das Eingriffe in einen tief verankerten biologischen Rhythmus, der sein Überleben bedroht. Diese Perspektive verlangt, dass wir unsere moralische Vorstellung erweitern: nicht nur Menschen haben Interessen, sondern auch die nicht menschlichen Mitbewohner unserer Landschaften.
Stell dir/ stellen Sie sich nun eine Landtagswahl oder OB-Wahl vor (8. März 2026), die anders abläuft als seit Jahrzehnten und wieder einmal trotz großer Versprechen nichts ändert: keine Stimmzettel, keine Kreuze in Kabinen, sondern eine kollektive Handlung, die sichtbar, sinnlich und nachhaltig ist — wir pflanzen Bäume, Hecken und Sträucher. Die Idee ist provokant, weil sie die Form des politischen Handelns verändert: von symbolischer Zustimmung zu materieller Gestaltung.
Ein Baum statt Urne (auch bekannt als Symbol einer Beerdigung) als Wahlakt ist zugleich Versprechen und Verpflichtung; er ist Stimme und Infrastruktur, Hoffnung und Verpflichtung zur Pflege. In einer solchen Metapher wird politisches Engagement nicht nur verbalisiert, sondern verkörpert. Es ist eine Politik der Hände, der Erde und der Zeit.
Psychologisch betrachtet spricht diese Vorstellung mehrere tiefe Bedürfnisse an.
Erstens das Bedürfnis nach Wirksamkeit: Menschen wollen sehen, dass ihr Handeln etwas bewirkt. Ein gepflanzter Baum ist ein sichtbares Ergebnis, das wächst, Schatten spendet und Lebensraum schafft.
Zweitens das Bedürfnis nach Zugehörigkeit: Gemeinsames Pflanzen verbindet Menschen miteinander und mit dem Ort.
Drittens das Bedürfnis nach Sinn: In einer Welt, in der viele politische Rituale leer erscheinen, bietet das Pflanzen eine sinnstiftende Handlung, die Generationen überdauern kann.
Diese drei psychologischen Grundmotive — Wirksamkeit, Zugehörigkeit, Sinn — sind mächtige Treiber für nachhaltiges Engagement.
Philosophisch lässt sich die Idee auf mehrere Traditionen stützen. Aus der Ethik der Fürsorge (care ethics) folgt, dass moralische Verpflichtungen nicht nur abstrakte Pflichten sind, sondern in konkreten Beziehungen entstehen. Wenn wir Bäume pflanzen, übernehmen wir Fürsorgepflichten gegenüber einem Ort und seinen Bewohnern. Aus der Tiefenökologie stammt die Einsicht, dass die Natur einen intrinsischen, also von Innen herkommenden, Wert besitzt, unabhängig von ihrem Nutzen für Menschen. Pflanzen und Tiere sind nicht bloß Mittel, sondern Mitwelt.
Aus phänomenologischer Perspektive fordert uns die Erfahrung der Natur dazu auf, die Welt nicht nur als Objekt, sondern als Feld von Bedeutungen zu begreifen — als eine Welt, in der Lebewesen Sinn stiften und empfangen.
Die psychologische Dimension lässt sich weiter vertiefen, wenn wir uns vorstellen, was in den Köpfen und Körpern der betroffenen Tiere vorgeht. Neurowissenschaftliche und verhaltensbiologische Studien zeigen, dass viele Wirbeltiere Schmerz empfinden und Stressreaktionen zeigen; sie haben Gedächtnis, Lernfähigkeit und soziale Bindungen. Auch Pflanzen reagieren auf Reize, kommunizieren über chemische Signale und passen ihr Wachstum an Umweltbedingungen an.
Diese Reaktionen sind nicht notwendigerweise „Bewusstsein“ im menschlichen Sinne, aber sie sind Ausdruck von Sensitivität und Anpassungsfähigkeit. Wenn wir also von „Seele“ sprechen, können wir das als poetische, aber auch als analytisch nützliche Metapher verstehen: ein Hinweis auf die Tatsache, dass Lebewesen in der Lage sind, Beziehungen einzugehen, zu leiden und zu reagieren.
Die Vorstellung einer „Demo der Tiere“ mit hochgehaltenen Schildern oder Schildern in Schnäbeln wäre eine kraftvolle Allegorie. Sie macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt: die Interessen der Nichtmenschen. In dieser Demo könnten Meisen Schilder tragen mit Aufschriften wie „Nistplatz erhalten“, Eichhörnchen könnten fordern „Nüsse für alle“, Igel könnten mahnen „Lasst uns schlafen“. Die Bilder sind bewusst anthropomorphisierend — sie verleihen Tieren menschliche Ausdrucksformen — doch gerade dadurch schaffen sie Empathie.
Empathie ist ein psychologischer Mechanismus, der moralische Kreise erweitert: Wer sich in das Erleben eines anderen hineinversetzen kann, ist eher bereit, dessen Interessen zu berücksichtigen. Anthropomorphismus ist nicht per se falsch; er kann ein Brückenbauer sein, solange er nicht die biologischen Realitäten verzerrt.
Es ist wichtig, die Grenzen dieser Metaphern zu erkennen. Tiere und Pflanzen haben keine politischen Rechte im menschlichen Sinne; sie können nicht an Wahlen teilnehmen. Aber sie sind Träger von Interessen, die in politischen Entscheidungen berücksichtigt werden müssen.
Die Idee, Bäume zu pflanzen statt Kreuze zu machen, ist daher nicht etwa nur ein symbolischer Appell, sondern auch wörtlich zu nehmen: Wählen wir nicht nur Parteien, sondern gestalten wir die Welt, in der wir leben. Politik wird so zu einer Praxis der Ökologie: Entscheidungen werden daran gemessen, wie sie die Lebensgrundlagen aller beeinflussen.
Die psychologische Wirkung einer solchen Praxis wäre tiefgreifend. Wenn Wahlbeteiligung mit konkreter ökologischer Handlung verknüpft würde, veränderte sich die Motivation: Nicht mehr kurzfristige Versprechen, sondern langfristige Pflege stünden im Vordergrund. Menschen würden lernen, Verantwortung über Wahltermine hinaus zu denken.
Die Pflege eines Baumes erfordert wiederkehrende Aufmerksamkeit: Pflegen, Schutz vor Öko-Vandalismus, Kontrolle gegen Krankheiten. Diese wiederkehrende Fürsorge schafft eine Kultur der Nachhaltigkeit. Aus Sicht der Sozialpsychologie würde ein solcher Wandel Normen etablieren: Wenn Nachbarschaften sehen, dass andere pflanzen und pflegen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst mitmachen. Soziale Normen sind mächtiger als Appelle an Vernunft allein.
Philosophisch eröffnet die Idee Fragen nach Gerechtigkeit und Generationenverantwortung. John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit fragt, wie wir faire Regeln für eine Gesellschaft entwerfen würden, wenn wir nicht wüssten, welche Position wir einnehmen. Übertragen auf die Umweltethik bedeutet das: Welche Regeln würden wir für die Nutzung von Landschaften festlegen, wenn wir (die Menschheit) nicht wüssten, ob wir in fünf, fünfzig oder fünfhundert Jahren noch leben? Ein Baum, eine Hecke, ein Strauch als Wahlakt ist ein Schritt in Richtung intergenerationaler Gerechtigkeit: Er ist ein Geschenk an die Zukunft, eine Verpflichtung, die über die Lebensspanne einzelner Politiker hinausreicht.
Es gibt auch eine politische Dimension, die nicht romantisch verklärt werden darf. Rodungen, Bebauungen und Flächenumwandlungen sind oft Resultat von Machtverhältnissen, wirtschaftlichen Interessen und bürokratischen Entscheidungen. Die wahre Begebenheit, die ich in dem gestrigen Blogartikel Ravensburg betreffend wiedergegeben habe — von nächtlichen Rodungen, von Entscheidungen, die ohne ausreichende Transparenz getroffen wurden, und von der Ohnmacht der Zivilgesellschaft — ist ein Beispiel dafür, wie lokale Politik und Verwaltung Lebensräume zerstören können.
Diese konkrete Situation zeigt, dass symbolische Gesten allein nicht ausreichen; es braucht institutionelle Mechanismen, Rechtsmittel und zivilgesellschaftliche Wachsamkeit, um solche Eingriffe zu verhindern.
Dennoch bleibt auch die Kraft der symbolischen Praxis nicht zu unterschätzen. Rituale formen Identitäten. Wenn eine Gemeinde gemeinsam Bäume, Hecken, Sträucher pflanzt, entsteht ein kollektives Gedächtnis: „Hier haben wir etwas für unsere Kinder gepflanzt.“ Rituale sind auch politische Werkzeuge, weil sie Zugehörigkeit und Verpflichtung erzeugen. In der politischen Anthropologie wird gezeigt, wie kollektive Handlungen Normen stabilisieren und politische Subjekte formen. Ein Baumsetzling, der in einer Wahlaktion gepflanzt wird, ist mehr als ein Pflänzchen; er ist ein Zeichen dafür, dass eine Gemeinschaft bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Psychologisch ist es wichtig, die Ambivalenz anzuerkennen: Menschen können gleichzeitig Mitgefühl für Tiere empfinden und ökonomische Interessen verfolgen. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn Handeln und Werte nicht übereinstimmen. Pflanzaktionen können helfen, diese Dissonanz zu reduzieren, indem sie Werte in Handlungen übersetzen. Doch sie können auch als Ventil dienen, das von strukturellen Problemen ablenkt. Deshalb muss jede symbolische Praxis mit institutionellen Reformen verbunden werden: bessere und überhaupt Baumschutzsatzungen, transparente Entscheidungsprozesse, verbindliche Ausgleichsmaßnahmen und echte Beteiligung der Zivilgesellschaft.
Die philosophische Frage nach der „Seele“ der Natur führt uns zu einer grundlegenden Umdeutung von Moral: Weg von einer Anthropozentrik, die nur Menschen als moralische Subjekte anerkennt, hin zu einer relationalen Ethik, die Beziehungen in den Mittelpunkt stellt.
In einer relationalen Ethik sind Rechte und Pflichten nicht nur Eigenschaften einzelner Subjekte, sondern entstehen in den Beziehungen zwischen ihnen. Ein Baum hat vielleicht kein Recht im juristischen Sinne, aber er ist Teil eines Netzwerks, das Rechte und Pflichten begründet: Rechte der Vögel auf Nistplätze, Pflichten der Menschen zur Erhaltung von Lebensräumen. Diese Perspektive ist kompatibel mit modernen Ansätzen wie dem Recht der Natur, das in einigen Ländern bereits juristische Anerkennung für Flüsse oder Wälder vorsieht.
Demokratie ist nicht nur Abstimmung; sie ist Gestaltung. Wenn wir politische Partizipation als rein repräsentatives Verfahren begreifen, verlieren wir die Möglichkeit, Politik als gemeinschaftliche Praxis zu erleben. Pflanzaktionen, Pflegepatenschaften, lokale Ökologieprojekte — all das sind Formen von „praktischer Demokratie“, in denen Bürgerinnen und Bürger nicht nur wählen, sondern mitgestalten.
Liebe Leserschaft! Stellen Sie sich eine Straße vor, an der Menschen stehen, nicht mit Wahlzetteln, sondern mit Schaufeln und Setzlingen. Kinder lernen, wie man/frau/kind einen Baum pflanzt; Alte erzählen Geschichten über die Eichen, die sie als Kinder kannten; Vögel kehren zurück, weil Nistplätze entstehen; Eichhörnchen finden wieder Nahrung und Unterschlupf.
Die Politik, die hier entsteht, ist langsam, unaufgeregt und beständig. Sie ist nicht die Politik der schnellen Schlagzeilen, sondern die Politik der Jahresringe. Und doch ist sie politisch: Sie verändert Machtverhältnisse, schafft neue Allianzen und macht sichtbar, wofür eine Gemeinschaft steht.