Islamismus: "Die "Linken" hatten immer ein Faible für autoritäre Ideologien ... und die "Grünen" haben den politischen Islam in Deutschland unterstützt" ... Interview mit einem deutsch-ägyptischen Schriftsteller ...
Politikwissenschafter Hamed Abdel-Samad: «Mit der Einwanderung und dem radikalen Islam kommt das Mittelalter nach Europa zurück»
Hamed Abdel-Samad war einst radikaler Muslim, heute gehört er zu den bekanntesten und meistgehassten Islamkritikern Deutschlands. Jetzt hat er ein neues Buch über den Islam geschrieben.
Allein ist Hamed Abdel-Samad nie unterwegs. Seit ein ägyptischer Geistlicher 2013 im Fernsehen dazu aufgerufen hat, ihn wegen seiner Kritik am Islam zu ermorden, wird er in Deutschland von sechs Personenschützern begleitet. Einen festen Wohnort hat er nicht mehr, seine Bücher schreibt er in Hotelzimmern. In seinem jüngsten Buch «Islam. Eine kritische Geschichte» vertieft er seine These, wonach Islam und Islamismus zusammenhängen: Die Eckpfeiler des Islamismus, die Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige, der Antisemitismus sowie die Vermischung von Religion und Staat seien tief im Islam verankert. Falls dies im Westen weiter ignoriert werde, drohe ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten. Am gleichen Abend, an dem Abdel-Samad mit der NZZ spricht, kommt es bei einer Lesung zu einem Zwischenfall.
Herr Abdel-Samad, als Sie Ihr Buch in Berlin vorgestellt haben, hat Sie ein junger Mann beschimpft, der Koransuren zitierte und dann mit etwa zwanzig weiteren jungen Männern zusammen den Raum verliess. Kommt das öfter vor?
Ich habe mich an solche Aktionen gewöhnt. Oft kommt eine Gruppe junger muslimischer Männer zu meinem Vortrag und verteilt sich im Saal, um den Eindruck zu erwecken, dass sie nicht zusammen sind. Entweder sie fangen an, laut zu schreien, oder einer von ihnen steht auf und beleidigt mich. Ein anderer filmt die Szene, und sie feiern sich später im Internet als Helden des Islam. Sie stellen keine Fragen, warten nicht auf Antworten. Sie wollen Macht demonstrieren. Der junge Mann hat mich als krank bezeichnet, das ist die typische Strategie der Islamisten, um die Tatsachen zu verdrehen. Eigentlich bin ich der Arzt, der die Krankheit des Islam beschreibt. Aber wenn dem Patienten meine Diagnose nicht gefällt, werde ich zum Kranken erklärt. Der Begriff «Islamophobie» ist ein Produkt dieser Strategie.
Die Strategie ist weltweit erfolgreich. Kürzlich hat eine amerikanische Universität die Zusammenarbeit mit einer Professorin beendet, weil sie Bilder Mohammeds aus dem 14. Jahrhundert gezeigt hat. Das, so klagten muslimische Aktivistinnen und Islamverbände, sei islamophob. Was läuft da schief?
Das ist ein klassischer Fall vorauseilenden Gehorsams. Die Einschüchterung funktioniert. Man darf keine Karikaturen des Propheten zeichnen, obwohl es in einer westlichen Demokratie gang und gäbe ist, dass man Jesus und andere Religionsstifter durch den Kakao zieht. Wenn es allerdings um Mohammed geht, kommt die Angst ins Spiel und die politische Korrektheit. Die Islamisten und die sogenannt Linksliberalen teilen sich die Arbeit: Die Islamisten drohen uns mit dem Tod, wenn wir den Propheten zeichnen oder kritisieren, und die Linksliberalen nennen es islamophob oder rassistisch.
Worauf führen Sie diese Ungleichbehandlung der Religionen zurück?
Der erste Grund sind die wirtschaftlichen Interessen des Westens in den islamischen Ländern. Man braucht Investitionen aus Katar und Saudiarabien. Man exportiert Panzer und Mercedes, jetzt braucht man Gas und Erdöl, um das auszugleichen, was aus Russland fehlt. Die Türkei spielt gerade die Rolle als Türsteher, damit keine Flüchtlinge zu uns kommen. Die andere Sache ist der Opportunismus: Jede deutsche Partei ausser der AfD wirbt um muslimische Wähler, man will sie nicht verärgern. Und dann kommt natürlich die Angst. Kein Mensch will, wie Hamed Abdel-Samad, 24 Stunden von der Polizei bewacht werden, nur weil er den Islam kritisiert hat. Kein Mensch will auf offener Strasse erschossen werden wie Theo van Gogh, kein Mensch will enden wie die Redakteure von «Charlie Hebdo». Die Angst funktioniert auch, weil es eine Arbeitsteilung gibt zwischen Islamisten und «woken» Identitätslinken.
Die «woken» Linken wollen eine diskriminierungsfreie Gesellschaft, die Islamisten sind gegen Frauenrechte, Juden und Homosexuelle. Das sind doch konträre Weltanschauungen.
Sie sind nicht so sehr voneinander entfernt, wenn man genauer hinschaut. Beide denken tribalistisch. Beide haben diese Sippenmentalität, beide sehen den Menschen nicht als Individuum an, sondern als Vertreter einer Gruppe, einer Ethnie, einer Religion oder einer politischen Richtung. Beide teilen die Welt in Gut und Böse ein, beide verfolgen eine Heilsideologie, eine Utopie, die die Welt retten sollte vom bösen Westen, vom Kapitalismus, von Israel und so weiter. Beide wollen eine Sprachpolizei, die bestimmt, was gesagt werden darf und was nicht. Einen Muslim darf man in den Augen der «Woken» nicht kritisieren, wenn er eine Frau unterdrückt, denn er ist nicht «weiss». Von einem Muslim wird erwartet, dass er den Islam verteidigt und den Westen kritisiert, dann ist er willkommen.
Gibt es auch ein generelles Bedürfnis in Deutschland und anderen westlichen Ländern, Religion wieder gut zu finden? Die Grüne Katrin Göring-Eckhardt sagte 2015, sie freue sich auf ein religiöseres Deutschland. Aussenministerin Annalena Baerbock behauptete kürzlich, die iranische Sittenpolizei habe nichts mit Religion zu tun.
Das ist ein Rückfall in vormoderne Zeiten. Die Linken haben früher persönliche Freiheiten propagiert, sexuelle Freiheit, Gleichberechtigung. Aber sie hatten immer ein Faible für autoritäre Ideologien und Diktatoren, von Stalin über Fidel Castro bis zu Ayatollah Khomeiny. Den haben anfänglich viele unterstützt, weil sie dachten, jetzt werde eine Utopie verwirklicht, die unterdrückten Völker stehen auf gegen den Westen. Gerade die Grünen haben, wie keine andere Partei, den politischen Islam in Deutschland unterstützt. Jetzt können sie nicht auf einmal kommen und sagen: «Wir haben uns geirrt, es ist die Religion, die in erster Linie für die Unterdrückung der Frauen verantwortlich ist.» Man will die Diktatur und die Religion auseinanderhalten, obwohl sie seit Jahrhunderten eine Einheit bilden.
Die iranische Gesellschaft gehört zu den fortschrittlichsten in der islamischen Welt. Es gibt freiheitshungrige junge Menschen, einen gebildeten Mittelstand. Wird es in Iran einen liberalen islamischen Staat geben?
Ich weiss nicht, ob es einen liberalen Islam gibt oder geben kann. Es gibt Muslime, die liberal denken in Iran, in anderen islamischen Ländern und in Europa. Aber der Islam an sich kann keine Liberalität fördern. Was bedeutet Liberalität? Das bedeutet, dass die Frau über den eigenen Körper verfügt. Es bedeutet, Religionskritik zu akzeptieren, offen zu sein für Demokratie und Meinungsfreiheit. All das lehnt der Islam ab. Wir sollten aufhören, aus dem Islam heraus die Veränderungen zu erhoffen. Aber Muslime können anders über die Religion denken. Sie können die Religion entmachten und eine liberale Demokratie zustande bringen, wenn der Islam aussen vor bleibt.
In Ihrem Buch warnen Sie davor, dass Europa wieder in das Mittelalter zurückfallen könnte. Ist das Ihr Ernst?
Man glaubt in Europa, das Mittelalter hinter sich gelassen zu haben. Keine Religionskriege mehr, keine Gewalt im Namen der Religion, keine Inquisition, keine Unterdrückung der Frauen. Aber man irrt sich. Das Mittelalter kommt mit der Einwanderung zurück, mit diesem radikalen Islam, der auch mit Muslimen nach Europa kommt. Ich sage nicht, dass alle Muslime radikal sind, aber es gibt unter ihnen eine grosse Minderheit, die diesen radikalen Islam vertritt und verbreitet. Der Terrorismus kam nach Europa, auch die Clankriminalität und das religiöse Mobbing an Schulen. Ereignisse wie in der Silvesternacht in Berlin und in Belgien und Frankreich, wo Jugendliche während der Fussball-WM die Innenstädte verwüstet haben. Das sind alles Phänomene, die nur die Spitze des Eisberges dessen sind, was auf uns zukommt.
Was haben die Ausschreitungen in Neukölln in der Silvesternacht mit Religion zu tun?
Ich gehe nicht davon aus, dass die Jugendlichen, die randaliert haben, streng religiös sind. Aber sie hatten zu Hause eine religiöse Erziehung. Diese Jugendlichen haben oft die Verschwörungstheorie verinnerlicht, dass der Westen den Islam zerstören wolle; sie sind geprägt von einem religiös begründeten Patriarchat, das von ihnen verlangt, die eigene Community zu verteidigen und die Sexualität zu unterdrücken. All das schafft diese Wut, die nach einem Ventil sucht. Vielleicht ist die Religion nicht direkt dafür verantwortlich, aber die Religion bestimmt diese Kultur, und aus dieser Kultur heraus kommen solche Phänomene wie Terrorismus, Clankriminalität und auch Jugendgewalt.
Wenn man Ihr Buch liest, erhält man den Eindruck, dass Sie Ihre Hoffnungen auf Fortschritt im Moment eher auf die islamischen Gesellschaften in den Golfstaaten richten als auf jene in Europa.
Es ist tatsächlich so, dass in der arabischen Welt gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet, zumindest unter Intellektuellen. Meine Islamkritik wird in der arabischen Welt mittlerweile besser aufgenommen als in Europa. Dort erkennt man, dass die Religion ihren Anteil hat an der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Misere. Im Westen dagegen verklären die hier lebenden Muslime und die Linksliberalen den Islam. Sie verherrlichen den Islam, und wenn man Mohammed kritisiert oder den Koran, dann ist man ein Rassist und islamophob. Da sehe ich tatsächlich mehr Fortschritt in der Debatte in der arabischen Welt als in Deutschland.
Fühlen Sie sich in arabischen Ländern sicherer als in Europa?
Wenn ich zu Vorträgen in Dubai, Beirut, Tunis oder in Casablanca eingeladen bin, dann werde ich von den Linksintellektuellen als Aufklärer zelebriert. Die Zeitungen schreiben positiv über meine Auftritte. Junge Menschen grüssen mich auf der Strasse, machen Selfies mit mir und bedanken sich für meine Arbeit. Aber wenn ich in Berlin oder Paris auf der Strasse laufe, werde ich trotz Polizeischutz bespuckt und angegriffen. Da ist etwas schiefgelaufen in Europa, und da schulden uns die Politiker die Antwort, warum es so ist.
Sie sind in Ägypten aufgewachsen, in einem streng religiösen Milieu. Ihr Vater war Imam, und Sie waren Aktivist der Muslimbruderschaft. Was haben Sie dort gelernt?
Dass ich kein Individuum bin, sondern Mitglied in einer Gemeinschaft – und dass ich alles für die Gemeinschaft tun sollte, alles für Gott, alles für den Propheten. Und dass ich keine Rechte als Individuum habe. Ich habe nur Rechte als Gläubiger, meine Religion überall auf der Welt zu praktizieren. Ich habe gelernt, dass die Frau nicht über den eigenen Körper verfügt, sondern die Gesellschaft. Ich habe gelernt, Angst zu haben, vor Gott, der Hölle, der Sünde. Deshalb lache ich immer wieder, wenn manche Leute sagen: Islam und Freiheit widersprechen sich nicht. Nein, sie widersprechen sich fast hundertprozentig. Nur wer auf gewisse Werte seiner Religion verzichtet, kann ein freier Mensch werden. Wer etwas anderes sagt, ist ein Heuchler und lügt sich in die eigene Tasche.
Die Muslimbruderschaft ist im Westen sehr aktiv, wird in der Politik und den Medien aber oft kaum zur Kenntnis genommen. Wie muss man sich das Innenleben dieser Organisation vorstellen?
Das ist wie bei jeder Sekte. Man sieht sich als eine erlesene Elite, als Vorhut der islamischen Revolution. Der Einzelne ist nicht mehr schwach, er ist nicht mehr unterdrückt, sondern ein Soldat Gottes. Gott, so glaubt man, braucht uns, um sein Projekt zu vollenden. Das ist eine ungeheure Macht für junge Menschen, die in der Gesellschaft nichts zu sagen haben. Man betet gemeinsam, es gibt Kampftraining, es gibt politische Diskussionen und geheime Strukturen. Die Muslimbruderschaft war ja in Ägypten immer halb verboten und halb erlaubt. Wir haben unsere Vorträge nicht öffentlich angekündigt, wir waren unter uns. Man ist bereit, für eine Idee zu sterben.
Offiziell streiten die islamischen Verbände und Moscheen in Europa jeglichen Bezug zu radikalen Ideologien wie jener der Muslimbruderschaft ab. Zu Recht?
Die absolute Mehrheit der Islamverbände in Europa sind verlängerte Arme ausländischer Regierungen wie jener der Türkei oder der Golfstaaten. Sie sind verlängerte Arme von Ideologien wie der Muslimbruderschaft oder dem Salafismus. Ich kenne kaum eine liberale oder offene Gemeinschaft, die einen anderen Islam oder einen europäischen Islam predigt, vielleicht zwei, die jeweils hundert Mitglieder haben. Der organisierte Islam in Europa importiert die gleichen Konflikte, die islamische Länder heruntergewirtschaftet und politisch verwüstet haben. Jetzt bringen sie das hierher und bekommen dafür sogar Fördergelder vom Staat. Dabei vertreten sie bestenfalls zwanzig Prozent der Muslime.
Sie sagten eben, man könne nicht hundert Prozent Muslim sein und hundert Prozent frei. Wollen Sie es den Leuten verbieten, ihre Religion auszuüben?
Was ich verlange, ist nicht, dass man aufhört zu beten oder zu fasten. Das hat damit nichts zu tun. Was ich verlange, ist, auf die Werte zu verzichten, die das Zusammenleben erschweren. Zum Beispiel die Haltung gegenüber Frauen, Religionskritik und Meinungsfreiheit. Man kann ein praktizierender Muslim sein und vernünftig auf Religionskritik reagieren, nicht mit Mordaufrufen oder Beleidigungen. Es geht um die Werte, auf denen das moderne Europa aufgebaut ist. Warum relativieren wir das, nur um Muslime zu integrieren? Diese Muslime, die das nicht akzeptieren, die brauchen wir auch nicht, die muss man nicht integrieren. Man muss nur schauen, dass sie keinen Schaden in der Gesellschaft anrichten.
Gegen Salman Rushdie wurde 1989 eine Fatwa ausgesprochen. 33 Jahre später wurde ein Anschlag auf ihn verübt. Sie selbst stehen seit zehn Jahren unter Polizeischutz. Verspüren Sie nach den vielen Jahren noch Angst, wenn Sie eine Bühne betreten?
Jedes Mal, wenn ich auf die Bühne gehe, ist mir bewusst, dass das meine letzte Lesung sein könnte. Und trotzdem versuche ich, mich zu disziplinieren und zu mir zu sagen: Ich kann diese Logik der Fundamentalisten nicht annehmen. Sie sprechen eine Morddrohung aus und erwarten, dass ich Angst habe und schweige. Wenn ich das tue, dann habe ich genau ihren Auftrag erfüllt, aber nicht meinen Auftrag als Schriftsteller. Es ist eine sehr schwierige Sache. Vor drei Jahren starb meine Mutter, und ich konnte sie nicht am Sterbebett besuchen. Ich konnte nicht zu ihrer Beerdigung gehen, weil die ägyptischen Behörden mir die Einreise wegen meiner Kritik am Islam verweigert haben. Das sind Momente, wo ich mich frage: Wie oft werde ich für meine Gedanken bestraft? In welcher Welt leben wir? Das ist echt scheisse.