Der 8. Mai – Deutschlands schwierigster Feiertag, den es als solchen noch gar nicht gibt
Stefan Weinert, Blogger aus Ravensburg
Der 8. Mai ist in Deutschland bis heute ein Tag, der nicht einfach erinnert, sondern entlarvt. Er zeigt, wie schwer dieses Land sich tut, nicht mit der Vergangenheit, sondern mit sich selbst. Denn der 8. Mai ist weniger ein historisches Datum als ein Spiegel, und Spiegel sind gefährlich für Gesellschaften, die gelernt haben, ihre Widersprüche zu übertünchen. Man/frau sieht das jedes Jahr aufs Neue.
Während die einen von Befreiung sprechen, reagieren andere mit einer Mischung aus Abwehr, Müdigkeit und dem Wunsch, dass das Thema endlich verschwinden möge wie ein hartnäckiger Geruch, der sich nicht auslüften lässt. Psychoanalytisch betrachtet ist der 8. Mai der Tag, an dem das kollektive Unbewusste Deutschlands am lautesten spricht – und am wenigsten gehört werden will.
Richard von Weizsäcker wusste das, als er 1985 sagte, der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung. Es war nicht nur ein politischer Satz, sondern ein therapeutischer. Er sprach zu einem Land, das sich jahrzehntelang in einer Art moralischem Zwischenreich eingerichtet hatte: nicht Täter, nicht Opfer, nicht schuld, nicht unschuldig, sondern etwas Drittes, Unbenanntes, das sich nur durch Schweigen stabilisieren ließ.
von Weizsäcker bot eine Deutung an, die das Schweigen brechen sollte, aber er wusste, dass jede Deutung, die zu tief geht, Widerstand erzeugt. Denn Befreiung bedeutet immer auch, dass man sich eingestehen muss, wovon man befreit wurde. Und genau das ist der Punkt, an dem Deutschland bis heute zögert.
Willy Brandt kniete 1970 in Warschau, und dieser Kniefall war weniger eine politische Geste als ein symbolischer Akt der Übertragung: Er nahm die Last auf sich, die andere nicht tragen wollten. Er kniete für ein Land, das sich selbst nicht knien sehen konnte. In psychoanalytischer Sprache war es ein Akt der stellvertretenden Trauerarbeit. Brandt zeigte, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst ins Zentrum zu stellen.
Und gerade deshalb war die Reaktion im eigenen Land so gespalten: Dankbarkeit auf der einen Seite, Irritation auf der anderen. Denn Brandt tat etwas, das Deutschland bis heute schwerfällt – er zeigte Schwäche als Stärke. Er zeigte, dass Reife nicht im Verdrängen liegt, sondern im Anerkennen.
Otl Aicher, der eine Schwester von Sophie Scholl geheiratet hatte - ein Sohn und Vater unserer Region - wiederum verstand, dass Erinnerung nicht nur in Worten stattfindet, sondern in Formen, in Räumen, in Symbolen. Für ihn war Gestaltung immer ein moralischer Akt. Er wusste, dass eine Gesellschaft, die ihre Vergangenheit nicht durchdringt, sie unbewusst reproduziert.
Aicher hätte den 8. Mai nicht als staatlichen Feiertag verstanden, sondern als kulturelle Aufgabe: Wie gestalten wir ein Gedächtnis, das nicht museal ist, sondern lebendig? Wie verhindern wir, dass die Ästhetik des Vergessens – die glatten Oberflächen, die neutralen Formulierungen, die ritualisierte Betroffenheit – die Oberhand gewinnt? Aicher hätte gesagt: Der 8. Mai ist kein Datum, sondern ein Designproblem. Und Designprobleme sind immer Fragen der Haltung.
Wenn man* all das zusammennimmt, ist zu verstehen, warum der 8. Mai 2026 in Deutschland wieder einmal zwischen Gedenken und Verdrängung hängt. Die politische Landschaft ist rauer geworden, die Sprache härter, die Ambivalenzen sichtbarer. Antisemitismus tritt nicht mehr verschämt auf, sondern selbstbewusst. Rechtsextreme Narrative haben sich in die Mitte geschoben, nicht weil sie überzeugender geworden sind, sondern weil die Abwehrkräfte schwächer geworden sind.
Die Demokratie wirkt erschöpft, nicht bedroht wie 1933, aber müde, reizbar, verletzlich. Und genau in dieser Müdigkeit liegt die Gefahr: Nicht der offene Angriff, sondern die schleichende Gleichgültigkeit.
In Ravensburg zeigt sich das auf eine fast symbolische Weise. Während am Wochenende „Hally-Gally“ gefeiert wird – Feste zur Stadterweiterung, Flohmarkt und Gottlobpreis, die niemandem schaden wollen, aber allen Ernst verdrängen –, bleibt der 8. Mai ein Tag, der im Kalender steht, aber nicht im Bewusstsein. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die irritiert.
Hier die fröhliche Selbstvergessenheit, dort die historische Selbstprüfung. Es ist, als würde die Stadt sagen: Wir wollen feiern, nicht erinnern. Und doch ist genau dieses Nebeneinander typisch deutsch. Die Psychoanalyse nennt das die Spaltung: zwei widersprüchliche Realitäten, die nebeneinander existieren, ohne sich zu berühren. Die eine Welt tanzt, die andere schweigt. Und beide tun so, als ginge das problemlos zusammen.
Aber der 8. Mai lässt sich nicht wegfeiern. Es ist der Tag, an dem die verdrängten Anteile der deutschen Geschichte an die Oberfläche drängen. Er ist der Tag, an dem die Frage gestellt wird, die Deutschland seit 1945 begleitet: Haben wir verstanden? Nicht gelernt, nicht erinnert, nicht ritualisiert – verstanden.
Verstehen heißt, die eigenen Abgründe anzuerkennen, ohne sich von ihnen definieren zu lassen. Verstehen heißt, die Vergangenheit nicht als Last zu empfinden, sondern als Verpflichtung. Verstehen heißt, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist, sondern täglich neu erarbeitet werden muss.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum der 8. Mai bis heute kein Feiertag ist: Ein Feiertag würde bedeuten, dass wir uns dieser Frage stellen müssen. Ein Feiertag würde bedeuten, dass wir uns nicht mehr hinter Routine und Ritual verstecken können. Ein Feiertag würde bedeuten, dass wir uns eingestehen müssen, dass Befreiung nicht nur ein historischer Akt war, sondern ein fortlaufender Prozess. Und Prozesse sind anstrengend. Sie verlangen, dass man hinschaut, wo man lieber wegschauen würde.
Der 8. Mai 2026 ist deshalb weniger ein Gedenktag als ein Diagnoseinstrument. Er zeigt, wie weit wir gekommen sind – und wie weit wir uns selbst noch belügen. Er zeigt, dass die Demokratie nicht an ihren Feinden scheitert, sondern an ihrer eigenen Bequemlichkeit. Er zeigt, dass Erinnerung nicht Vergangenheit ist, sondern Gegenwart. Und er zeigt, dass die Stimmen von Weizsäcker, Brandt und Aicher nicht historische Zitate sind, sondern unvollendete Aufgaben.