Ravensburg und sein "bezahlbarer" Wohnraum jenseits von Eden ...
Es gibt Geschichten, die beginnen mit einem Spatenstich. Und es gibt Geschichten, die beginnen mit einem Stich ins Herz der Vernunft. Der jüngste Artikel der Schwäbischen Zeitung über den Baubeginn der Volksbank Bodensee‑Oberschwaben gehört eindeutig zur zweiten Kategorie .
Denn was dort passiert, ist ein Paradebeispiel für die Ravensburger Wohnpolitik der letzten 10 bis 15 Jahre: Die Stadt Ravensburg baut nicht. Sie steuert nicht. Sie plant nicht wirklich. Aber ihr Baubürgermeister frohlockt, sobald andere es tun.
🧱 a) Es ist nicht die Stadt, die hier baut43 Wohnungen entstehen in Oberhofen. Nicht in der Nordstadt, der Weststadt oder der Südstadt, sondern in einem der Außenbezirke, der sogenannten Ortsteile. Sie entstehen nicht durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft (die es faktisch nicht mehr gibt). Nicht durch ein kommunales Konzept zur Bodenpolitik.
Nein — es ist eine Bank, die baut.
Eine Bank, deren Immobilientochter „Homies“ heißt. Man und frau können meinen, das sei Satire. Ist es aber nicht.
😄 b) Dennoch frohlockt der BaubürgermeisterBürgermeister Bastin erklärt das Projekt zum „wertvollen Baustein zur Entspannung des Immobilienmarktes“ (SZ). Ein Satz, der so klingt, als hätte ihn ein Pressesprecher der Zeitung im Halbschlaf zugespielt.
Dabei entspannt hier gar nichts. Außer vielleicht die Gesichtsmuskeln der Investoren.
Denn die Stadt Ravensburg hat seit Jahren ein Problem:
350–450 leerstehende Wohnungen
keine funktionierende Leerstandsstrategie
keine aktive kommunale Wohnbaupolitik
keine städtische Bautätigkeit
keine Bodenbevorratung
Aber sobald jemand anderes baut, steht die Stadtspitze daneben und lächelt verbal in die Kamera, als hätte sie gerade die Wohnungsfrage gelöst.
🏚️ c) Wieso bekommt die Stadt so etwas nicht hin?Weil Ravensburg seit Jahren eine Wohnpolitik der Delegation betreibt:
Delegation an Investoren
Delegation an Banken
Delegation an Bauträger
Delegation an „den Markt“ (der angeblich schuld ist)
Die Stadt selbst baut nicht. Sie moderiert. Sie begleitet. Sie begrüßt. Sie segnet ab.
Aber sie gestaltet nicht.
Dabei wäre genau das ihre Aufgabe — rechtlich, politisch und moralisch.
💸 d) 5.500 €/qm – und das soll „bezahlbar“ sein?Der Artikel der SZ nennt die Summe von 5.500 €/qm als Kostenpunkt, womit laut der Immobilientochter "Homies" bezahlbarer Wohnraum für Bürger und Bürgerinnen geschaffen werden soll. Bastin spricht von "Entspannung des Immobilienmarktes." Eine Wortwahl die doppelt aufhorchen lässt.
Denn die Realität - wenn wir ihr genau zuhören - dagegen nennt es anders.
Rechnung: Was kostet eine 90‑qm‑Wohnung bei 5.500 €/qm?
Der Artikel nennt 5.500 €/qm als „bezahlbaren Wohnraum“ (O‑Ton Volksbank) .
Kaufpreis:
Dazu kommen realistisch:
10–12 % Kaufnebenkosten (Grunderwerbsteuer, Notar, Grundbuch, Makler)
Also ca. 50.000–60.000 € zusätzlich
Gesamtkosten: rund 550.000 €
Wenn jemand das finanziert (Standardfall):
550.000 € Kredit
3,5 % Zins (konservativ)
2 % Tilgung
Das entspricht einer „Warmmiete“ von ca. 2.700–2.900 €, wenn man Rücklagen, Hausgeld, Instandhaltung berücksichtigt.
Bezahlbar? Ja — für Menschen, die 6.500 bis 8.500 € netto im Monat verdienen. Aber nicht bezahlbar bzw. leistbar für eine vierköpfige Familie mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 4.840 Euro.
Für wen ist das bezahlbar?
Für Pflegekräfte?
Für Erzieherinnen?
Für Polizisten?
Für Angestellte der Stadt?
Für junge Familien?
Nein.
Bezahlbar ist das für:
leitende Angestellte
Doppelverdiener mit 6.000–8.000 € netto
Vermögende
Kapitalanleger
Und genau diese Zielgruppe wird in Ravensburg seit Jahren hofiert. Siehe dazu auch das hochgelobte Bezner-Areal mit einem extra luxuriösen Brückenzubringer über die Wangener Straße. Und dann wundert man* sich, dass die Mieten steigen, die Menschen wegziehen und die Innenstadt verödet.
🧭 Was eine Stadt tun müsste – aber nicht tutEine ernsthafte Wohnpolitik würde bedeuten:
Kommunale Wohnungsbaugesellschaft reaktivieren
Boden ankaufen statt verkaufen
Erbbaurecht statt Investorenprojekte
Leerstand erfassen und sanktionieren
Sozialquoten durchsetzen, nicht verwässern
Mietpreisbindungen sichern, nicht verschenken
Doch Ravensburg tut das Gegenteil.
🎭 Fazit: Ein Spatenstich ersetzt keine WohnpolitikDer Spatenstich in Oberhofen ist kein Fortschritt. Er ist ein Symbol.
Ein Symbol dafür, dass die Stadt Ravensburg ihre wohnpolitische Verantwortung längst abgegeben hat — und sich dennoch gerne im Glanz fremder Projekte sonnt.
Die Bank baut. Die Stadt applaudiert. Die Bürger zahlen.
Und das nennt man dann „bezahlbaren Wohnraum“.