EU + BRD + Ravensburg: FORTSCHRITT ohne die vertikale Dimension ist ein IRRTUM
Fortschritt – das klingt zunächst nach "mehr von dem, was zuvor vorhanden war": mehr Umsatz, mehr Steuereinnahmen, mehr und bessere Maschinen, Gewinnoptimierung. Kurz, eine materiell klare Bewegung vom (oft so empfundenen) Minus ins Plus.
Doch wenn wir genauer hinsehen, ist das, was unsere Gegenwart „Fortschritt“ nennt, oft nur eine horizontale Ausdehnung: mehr vom Gleichen, schneller, größer, effizienter. Wir vermehren Waren, Daten, Straßen und Events, aber wir vertiefen kaum unser Sein (Paul Tillich, Erich Fromm). Die eigentliche Frage, die sich Europa, Deutschland und auch eine Stadt wie Ravensburg stellen müssten, lautet daher: Was wäre Fortschritt, wenn er nicht nur die Fläche, sondern auch die Höhe berührt? Nicht nur die Quantität, sondern die Qualität? Nicht nur das Haben, sondern auch das Sein? Nicht nur horizontaler Fortschritt (materielles Wachstum) sondern primär der transzendente.
Horizontales Wachstum ist leicht zu messen. Es lässt sich in Statistiken, Bilanzen, Nutzer- und Kennzahlen und Rankings darstellen. Mehr Bruttoinlandsprodukt, mehr Export, mehr Besucherzahlen, mehr Klicks, mehr Reichweite. Es ist die Logik der Oberfläche: Was zählt, ist das, was sichtbar ist.
Vertikaler Fortschritt hingegen entzieht sich dieser Logik. Er ist eine Bewegung nach innen und nach oben zugleich: eine Steigerung von Bewusstsein, Urteilskraft, Verantwortung, Mut, Kultur und Gerechtigkeit. Er ist nicht einfach „Fortschritt“, sondern eine Art Veredelung des Menschlichen. Paul Tillich würde sagen: Es ist der Mut zum Sein – der Mut, sich der eigenen Angst, Endlichkeit und Schuld zu stellen, statt sie mit Konsum, Technik und Verwaltung zu überdecken.
Europa ist historisch gesehen der Kontinent, der den Fortschrittsglauben erfunden und kultiviert hat. Die Aufklärung versprach eine stetige Verbesserung der menschlichen Verhältnisse durch Vernunft, Wissenschaft und Bildung. Der Mensch erschien als Wesen, das sich selbst und seine Welt immer weiter perfektionieren kann. Doch der Fortschrittsglaube hatte von Anfang an eine doppelte Richtung: eine horizontale, die auf technische, ökonomische und organisatorische Optimierung zielt, und eine vertikale, die auf moralische, geistige und kulturelle Reifung hofft. Heute scheint Europa vor allem in der horizontalen Dimension gefangen. Es verwaltet seine Errungenschaften, verteidigt seine Standards, reguliert seine Märkte, aber es verliert den inneren Kompass, der ihm einmal sagte, wozu all das dienen soll.
Deutschland ist ein besonders deutliches Beispiel für diese Schieflage. Es ist stolz auf seine Ingenieurskunst, seine Maschinen, seine Effizienz, seine Exportzahlen. Es perfektioniert Prozesse, optimiert Abläufe, schreibt Normen und Richtlinien. Doch die Frage, ob dieses Können in eine höhere Form des Menschseins mündet, bleibt oft unbeantwortet. Man* (man/frau; auch im Folgenden) spricht von „Transformation“, meint aber meist Digitalisierung, Energiewende, neue Technologien. Man spricht von „Bildung“, meint aber Kompetenzen, Abschlüsse, Rankings. Man spricht von „Werten“, meint aber häufig nur Leitbilder in Broschüren. Vertikaler Fortschritt würde bedeuten, dass Deutschland nicht nur fragt: „Wie können wir etwas besser machen?“, sondern: „Wozu machen wir es überhaupt? Und werden wir dadurch als Gesellschaft gerechter, reifer, menschlicher?“
Diese Spannung wird besonders sichtbar, wenn wir den Blick auf eine konkrete Stadt richten – etwa Ravensburg. Hier verdichtet sich das Allgemeine im Konkreten. Ravensburg ist keine Metropole, kein Symbol globaler Macht, sondern eine Stadt mit Geschichte, mit Mauern, Türmen, Plätzen, mit Handel, Tourismus, Kultur. Sie ist damit ein idealer Spiegel für die Frage, ob Fortschritt nur als horizontale Ausweitung verstanden wird oder ob es auch eine vertikale Bewegung geben kann. Man sieht neue Projekte, neue Flächen, neue Events, neue Infrastruktur. Man sieht, wie die Stadt sich bemüht, attraktiv zu bleiben, Besucher anzuziehen, sich zu modernisieren. Doch die Frage bleibt: Wächst hier wirklich etwas nach oben – oder nur zur Seite?
Das Bild von „Brot und Wein“ – ein Fest, das Ravensburg jedes Jahr feiert – hilft vielleicht, diese Differenz zu fassen. Brot steht - historisch und spirituell gesehen - für das Notwendige, das Funktionale, das Lebensnotwendige: Infrastruktur, Versorgung, Sicherheit, Verwaltung. Wein steht - dito - für das Erhebende, das Feierliche, das Sinnhafte: Geist, Tiefe, Gemeinschaft mit den Randgruppen, Transzendenz. Eine Stadt, die letztlich nur Brot bietet, ernährt ihre Menschen, aber sie erhebt sie nicht. Eine Stadt, die Wein nur bietet, um sich an ihm zu berauschen, vergisst die Grundlagen menschlichen Seins.
Vertikaler Fortschritt wäre die Kunst, Brot und Wein im übertragenen Sinne so anzubieten, dass das Geistige nicht erstickt wird, sondern trägt; das Funktionale so zu ordnen, dass es Raum schafft für Sinn, Verantwortung, ökonomische und ökologische Gerechtigkeit, Humanität, Transparenz, Augenhöhe, ethische Grundsätze und Bescheidenheit.
In Ravensburg und sicher auch in anderen Städten und Kommunen lässt sich beobachten, wie stark die horizontale Logik dominiert. Es gibt Projekte, die sichtbar sind, die sich gut präsentieren lassen, die in Broschüren und Pressemitteilungen glänzen. Es gibt mengenmäßige und sinnleere Veranstaltungen (z. B. Weihnachtsmärkte), bauliche Maßnahmen und touristische Angebote und verkaufsoffene Sonntage. All das ist nicht per se schlecht – es kann Ausdruck einer lebendigen Stadt sein. Doch wenn diese Maßnahmen nicht von einer vertikalen Idee getragen werden, bleiben sie flach. Sie werden zu Kulissen, hinter denen ungelöste Konflikte, verdrängte Probleme und fehlende Verantwortung weiterbestehen.
Eine Straße kann neu asphaltiert werden, ohne dass die Frage gestellt wird, warum sie überhaupt so lange vernachlässigt wurde. Ein Park kann gestaltet werden, ohne dass man sich fragt, ob er überhaupt notwendig war. Ein Event kann organisiert werden, ohne dass man bedenkt, ob es die Stadt wirklich verbindet oder nur kurzfristig bespielt.
Vertikaler Fortschritt würde hier anders ansetzen. Er würde nicht zuerst fragen: „Was können wir bauen?“, sondern: „Was müssen wir verstehen?“ Er würde nicht nur Projekte planen, sondern Beziehungen klären. Er würde nicht nur Flächen gestalten, sondern Haltungen. Eine Stadt, die vertikal wächst, ist eine Stadt, die sich ihrer eigenen Schatten bewusst wird: ihrer Konflikte, ihrer Versäumnisse, ihrer blinden Flecken. Sie ist bereit, sich selbst zu kritisieren, nicht aus Selbsthass, sondern aus dem Wunsch, gerechter und wahrhaftiger zu werden. Sie nimmt ihre Bürger nicht nur als Zielgruppe, sondern als Subjekte ernst – als Menschen, die mitdenken, mitfühlen, mitverantworten.
Der Fortschrittsglaube, wie er in vielen europäischen Diskursen noch mitschwingt, hat eine gefährliche Tendenz: Er suggeriert, dass jede Bewegung nach vorne automatisch eine Verbesserung sei. Doch eine Gesellschaft kann sich sehr wohl fortbewegen, ohne sich zu veredeln. Sie kann wachsen, ohne zu reifen. Sie kann sich modernisieren, ohne menschlicher zu werden. Sie kann ihre technischen Möglichkeiten erweitern und gleichzeitig ihre moralische Urteilskraft verlieren. In diesem Sinn ist der Fortschrittsglaube ohne vertikale Dimension eine Illusion. Er ist eine Erzählung, die beruhigt, aber nicht befreit.
Der Mut zum menschlichen Sein, sowohl im Kollektiv als auch als Individuum, ist in diesem Zusammenhang mehr als eine psychologische Kategorie. Er ist eine politische und kulturelle Kategorie. Eine Stadt, ein Land, ein Kontinent braucht Mut, um sich dem eigenen Sein zu stellen – mit all seiner Endlichkeit, Schuld, Angst und Ambivalenz. Mut zum Sein heißt: Wir fliehen nicht in Projekte, Zahlen, Events, um uns nicht mit den tieferen Fragen beschäftigen zu müssen. Wir nutzen Fortschritt nicht als Ablenkung, sondern als Gelegenheit zur Vertiefung. Wir akzeptieren, dass jede echte Veränderung Widerstand hervorruft, weil sie nicht nur Strukturen, sondern auch Selbstbilder berührt.
Horizontales Wachstum ist bequem, weil es selten an die Identität rührt. Man kann mehr bauen, mehr anbieten, mehr verwalten, ohne sich selbst zu verändern. Vertikaler Fortschritt hingegen ist unbequem, weil er immer auch eine Form der Selbstkritik verlangt. Er fragt: Wer sind wir als Stadt? Wer sind wir als Gesellschaft? Welche Geschichten erzählen wir uns über uns selbst – und welche verschweigen wir? Welche Konflikte decken wir zu, indem wir neue Projekte starten? Welche Stimmen hören wir nicht, weil sie nicht in unsere Fortschrittsnarrative passen?
In Ravensburg könnte vertikaler Fortschritt konkret bedeuten, dass man nicht nur über Flächen, Budgets und Maßnahmen spricht, sondern über Verantwortung, Gerechtigkeit und Kultur. Dass man nicht nur fragt, wie man die Stadt „attraktiv“ macht, sondern wie man sie gerecht, mutig und wahrhaftig macht. Dass man nicht nur die sichtbaren Probleme bearbeitet, sondern auch die unsichtbaren: die Angst vor Konflikt, die Neigung zur Verdrängung, die Bequemlichkeit des „Weiter so“. Eine Stadt, die sich traut, ihre eigenen Widersprüche zu benennen, beginnt bereits, vertikal zu wachsen.
Europa, Deutschland, Ravensburg – sie alle stehen vor der gleichen Grundfrage: Reicht es uns, eine gut organisierte Oberfläche zu haben, oder wollen wir eine vertiefte Wirklichkeit? Wollen wir nur funktionieren, oder wollen wir leben? Wollen wir nur verwalten, oder wollen wir gestalten? Wollen wir nur Fortschritt als Mehrproduktion oder wollen wir Fortschritt als Mehr-Sein? Die Antwort darauf ist keine technische Antwort, sondern eine philosophische. Sie betrifft unser Verständnis vom Menschen, von der Gesellschaft, von der Geschichte.
Philosophisch betrachtet ist Fortschritt ohne vertikale Dimension ein Missverständnis. Er verwechselt Bewegung mit Reifung, Veränderung mit Veredelung, Wachstum mit Sinn. Vertikaler Fortschritt ist nicht einfach ein „Add-on“ zur horizontalen Entwicklung, sondern ihr Korrektiv. Er fragt bei jeder Maßnahme: Dient sie dem Menschlichen? Erhöht sie unsere Fähigkeit zur Gerechtigkeit, zur Solidarität, zur Wahrheit? Oder ist sie nur eine weitere Schicht auf einer bereits überladenen Oberfläche?
Wenn wir von Ravensburg sprechen, sprechen wir nicht nur von einer Stadt, sondern von einem Symbol. Ein Ort mit Mauern und Türmen, mit Geschichte und Gegenwart, mit Brot und der Möglichkeit von Wein. Die philosophische Frage ist: Wird dieser Ort genutzt, um Menschen zu erheben – oder nur, um sie zu beschäftigen und die Kluft zwischen "ihr da oben, wir da unten (Mittelalter) - zu vergrößern? Wird Ravensburgs Geschichte ernst genommen – oder nur touristisch verwertet? Wird seine Gegenwart reflektiert – oder nur verwaltet? Vertikaler Fortschritt würde bedeuten, dass Ravensburg nicht nur ein Ort des Konsums, sondern ein Ort der Bildung im tiefen Sinn wird: ein Raum, in dem Menschen lernen, sich selbst und die Welt besser zu verstehen.
Am Ende läuft alles auf eine einfache, aber unbequeme Einsicht hinaus: Fortschritt ist kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung. Wir können uns entscheiden, Fortschritt als horizontale Ausweitung zu definieren – dann werden wir mehr haben, aber nicht unbedingt mehr sein. Oder wir können uns entscheiden, Fortschritt als vertikale Bewegung zu verstehen – dann werden wir vielleicht weniger spektakuläre Projekte haben, aber mehr Tiefe, mehr Gerechtigkeit, mehr Mut. Europa, Deutschland, Ravensburg stehen an diesem Scheideweg. Die Frage ist nicht, ob sie sich bewegen werden, sondern in welche Richtung.
Vielleicht beginnt vertikaler Fortschritt ganz unspektakulär: mit einem Satz, der ehrlich ist; mit einer Entscheidung, die nicht populär, aber notwendig ist; mit einem Gespräch, das nicht abbricht, wenn es unbequem wird. Vielleicht beginnt er damit, dass eine Stadt wie Ravensburg sich nicht nur fragt, wie sie aussieht, sondern wer sie ist. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Brot und Wein nicht nur Dekoration sind, sondern Ausdruck einer Stadt, die nicht nur wächst, sondern sich human, ethisch und vielleicht auch ein wenig christlicher erhebt.
